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Kein Weg ans andere Ufer
Kein Weg ans andere Ufer
Author: Blütenkönig

Kapitel 1

Author: Blütenkönig
Meine Frau Julia Goldstein lebte nach buddhistischen Regeln. Körperliche Begierde war für sie das größte Tabu.

Sex war nur am sechzehnten Tag jedes Monats erlaubt.

Zeitpunkt, Stellung, Tempo, sogar mein Gesichtsausdruck. Alles musste nach ihren Regeln laufen.

Sobald ich über die Stränge schlug, brach sie sofort ab und ging gleichgültig weg.

Fünf Jahre waren wir verheiratet. Auch wenn ich nicht ganz zufrieden war, gab ich immer wieder nach, weil ich sie liebte.

Ich dachte immer, auch wenn eine Heilige kein Herz zeigte, liebte sie mich wenigstens.

Erst als ich mit meinem Team zu einem Einsatz in ein brennendes Hotel gerufen wurde, begriff ich erst, wie sehr ich mich geirrt hatte.

Als ich sie fand, schmiegte sie sich gerade unordentlich gekleidet in die Arme eines anderen Mannes. Zwischen ihnen saß ein kleines Kind.

Ich hatte noch nie einen so sanften Gesichtsausdruck auf seinem Gesicht gesehen.

Sie drückte sich fest an diesen Mann und beruhigte das Kind mit leiser Stimme, trotzdem zitterte sie selbst vor Angst.

In diesem Moment blieb ich wie erstarrt stehen. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte.

Die Hitze um mich herum war furchtbar. Trotzdem zitterte ich am ganzen Körper vor Kälte. Der Schmerz in meiner Brust war wie ein Messerstich.

„Leon, bleib nicht stehen! Diese dreiköpfige Familie übernehme ich. Du gehst sofort ins nächste Zimmer!“

Die Stimme meines Einsatzleiters riss mich zurück. Er stürmte ohne Zögern hinein.

Julia sah mich ungläubig an.

Leon Fischer, ihr rechtmäßiger Ehemann.

Auch hinter der Feuerschutzmaske wusste ich, dass sie mich erkannt hatte.

Unsere Blicke trafen sich. Der Schmerz in meiner Brust wurde unerträglich.

Sie waren eine Familie zu dritt. Und was war ich dann?

Das Feuer ließ mir keine Zeit zum Nachdenken. Ich rannte weiter ins nächste Zimmer, um die Eingeschlossenen zu retten.

Das Feuer brannte ganze drei Stunden, bis es gelöscht war. Glücklicherweise gab es keine Verletzten oder Toten.

Doch als ich mit einem komischen Gefühl aus dem Feuer kam, waren Julia, dieser Mann und das Kind wie vom Erdboden verschluckt.

Sie machte sich nicht einmal die Mühe, mir etwas zu erklären.

Ich lachte leise über mich selbst.

Plötzlich kam mir diese Ehe, an der ich fünf Jahre festgehalten hatte, wie ein einziger Witz.

Als ich nach Hause kam, war Julia, die sonst immer bis tief in die Nacht Überstunden macht, tatsächlich zu Hause – wie auf mich wartete.

Ich dachte, sie wollte mir alles erklären.

Wenn sie mir klar sagte, warum sie in diesem Hotel gewesen war und warum sie mit einem anderen Mann wie eine Familie wirkte, konnte ich ihr vielleicht verzeihen.

Dieser stechende Schmerz war vor fünf Jahren Liebe vielleicht nicht stark genug.

Doch sie klappte nur ihren Laptop auf und startete eine Videokonferenz.

Über eine Stunde lang sah sie mich nicht ein einziges Mal an. Für sie war offenbar nichts passiert.

Erst nach der Videokonferenz sah sie mich kalt an und warf mir eine Mappe zu.

„Adoptionsnachweis?“

Die vier blutroten Zeichen auf dem Dokument stachen mir tief in die Nerven.

„Ja. Das ist das Kind, das du heute im Hotel gesehen hast. Von jetzt an adoptieren wir ihn.“

„Warum? Was hast du mit diesem Kind zu tun? In welcher Beziehung stehst du zu diesem Mann?“

„Er heißt Daniel Müller. Er ist Bens Vater. Wir arbeiten zusammen. Mehr geht dich nicht an. Frag nicht.“

Das nannte sie eine Erklärung?

Ich war zutiefst enttäuscht und lachte spöttisch auf.

Das war eher eine einseitige Mitteilung.

In ihrem Ton lag kein Raum für meine Ablehnung.

„Warum geht man bei einer Arbeitsbeziehung ins Hotel, und warum warst du unordentlich gekleidet, als ich dich gefunden habe?“

„Julia Goldstein, sag mir die Wahrheit. Ist dieses Kind mit dir blutsverwandt?“

Meine fast schon hysterische Frage wurde nur mit einem leichten Stirnrunzeln von Julia beantwortet.

„Du denkst zu viel. Wer den buddhistischen Weg geht, verrät keine Bindung. Ich verrate unsere Ehe nicht.“

Sie verriet unsere Ehe nicht?

Ich lachte noch spöttischer. „Du sagst doch selbst, dass körperliche Begierde dein größtes Tabu ist. Du lässt mich nur einmal im Monat in deine Nähe. Warum konntest du dich dann so leicht in die Arme dieses Mannes lehnen?“

Mehr als tausendachthundert Tage lang hatte ich Julia nie misstraut. Ich hatte ihren Glauben immer unterstützt.

Doch jetzt begann ich zu glauben, dass ihre buddhistischen Regeln nur ein Vorwand waren.

Julias runzelte noch tiefer die Stirn, und ihr Ton wurde kühler.

„Ich weiß, dass ich rein bin. Mir doch egal, was du denkst.“

„Wenn du glaubst, dass zwischen mir und einem anderen Mann etwas Schmutziges läuft, dann komm ab jetzt am sechzehnten jedes Monats einfach nicht mehr in mein Zimmer. Ein Kind haben wir jetzt ohnehin.“

„Ohne den Wunsch nach Nachwuchs hätte ich so etwas Langweiliges nie mit dir getan.“

Julias Worte schnitten mir ins Herz. Für einen Moment tat es so weh, dass ich kaum atmen konnte.

War diese eine Nacht im Monat mit mir für sie also wirklich so quälend?

Eine Heilige war herzlos, frei von weltlichem Verlangen und brach für einen gewöhnlichen Mann wie mich nie ihre Regeln.

Ihre Ausnahme war nie ich.

„Das war alles. Ruh dich früh aus.“

Julia klappte den Laptop zu und wollte gehen. Ich unterdrückte den stechenden Schmerz in meiner Brust und hielt sie auf.

„Ich kann akzeptieren, dass wir Ben adoptieren. Aber lass mich nicht noch einmal sehen, dass du mit Leuten zu tun hast, die dich nichts angehen. Respektiere mich als deinen Ehemann wenigstens ein bisschen.“

Julia hielt kurz inne.

„Das Kind kann im Moment nicht ohne seinen leiblichen Vater. Du hast einfach nur schmutzige Gedanken und erniedrigst dich selbst.“

Dann ging sie.

In dieser Nacht konnte ich vor Schmerz nicht schlafen. Ich wälzte mich hin und her. Irgendwann hörte ich sogar Stimmen und glaubte, aus ihrem Zimmer Julias und Daniel Müllers fröhliches Lachen zu hören.

Am nächsten Morgen war Ben bereits gebracht worden.

Das Gepäck des kleinen Jungen füllte das ganze Wohnzimmer. Julia räumte seine Sachen mit sichtbarer Freude ein.

Ich sah es und wusste nicht, was ich fühlen sollte.

Also konnte eine Heilige doch lächeln.

Ganz anders als an dem Tag, an dem sie nach unserer Hochzeit in unser neues Zuhause gezogen war. Damals war sie so gleichgültig gewesen. Sie sagte, wer den buddhistischen Weg ging, durfte sich nicht übermütig werden, und behielt ein ernstes Gesicht.

Erst jetzt verstand ich: Ich war es einfach nicht wert.

Nachdem alles eingeräumt war, nahm Julia Ben an der Hand und führte ihn ins Zimmer, um ihn zu baden.

Aus irgendeinem Grund hörte ich kurz darauf das Kind weinen. Auch das Rauschen der Dusche verstummte.

Ich machte mir Sorgen.

Julia war schließlich nie Mutter gewesen und hatte auch nie ein Kind betreut.

Ben war noch klein. Wenn er beim Baden stürzte oder sich irgendwo stieß, konnte es schnell problematisch werden.

Nach fünf Jahren Ehe sorgte ich mich längst ganz automatisch um Julia.

Wir hatten uns erst gestern Nacht heftig gestritten, aber ich hatte keinen Grund, meine Wut an einem Kind auszulassen.

Da Ben nun in diesem Haus war, konnte ich ihn nicht einfach ignorieren.

Ich stieß die Tür auf.

Doch das Erste, was ich sah, war eine Herrenjacke, die an der Tür hing.

Ich erstarrte.

Die Badezimmertür in ihrem Zimmer stand halb offen. Von meinem Platz aus sah ich sofort, was drinnen vor sich ging.

Ben hatte sich beim Zähneputzen das Zahnfleisch verletzt und weinte vor Schreck. Julia war gerade mit dem Duschen fertig. Sie trug nur ein Badetuch um den Körper und tröstete ihn mit sanften, leisen Worten.

Hinter ihr stand Daniel und föhnte ihr die Haare. Er lachte und sagte, dass Ben ein Angsthase war.

Was für eine warme, harmonische Familie zu dritt!

Das war eindeutig mein Zuhause. Julia war eindeutig meine Frau. Jetzt aber war ich wie ein Außenseiter.

Mein Gesicht wurde schlagartig blass. Mein Herz war in Stücke gerissen.

Der Anblick traf mich wie ein Donnerschlag. Ich verlor fast den Halt, stolperte ein paar Schritte zurück und stieß gegen die Wand.

Das Geräusch alarmierte Daniel. Er drehte sich um, sah mich und sein Gesicht war voller Ratlosigkeit.

„Herr Fischer, bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich habe Ben gestern Abend hergebracht. Er ist noch klein und will mich nicht gehen lassen. Deshalb bin ich eine Nacht geblieben.“

„Ich bin nur wegen des Kindes hier. Sonst ist da nichts ...“

Daniels Worte trafen mich so weh, dass ich es kaum fassen konnte. Erst jetzt begriff ich alles.

Also war er schon letzte Nacht hier gewesen.

Die Stimmen, die ich im Halbschlaf gehört hatte, waren keine Einbildung.

Daniel hatte die ganze Nacht in Julias Zimmer verbracht.

Dieses Vorrecht hatte nicht einmal ich je gehabt.

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