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Kapitel 4

Penulis: Blütenkönig
Zum ersten Mal sah ich Julia so panisch. Sie sah aus, als würde sie gleich weinen.

Und sie weinte wegen mir.

Für einen Moment war ich benommen. Fast kam es mir so vor, als liebte sie mich noch.

Doch im nächsten Augenblick hörte ich Ben weinen.

„Mama, Papa blutet auch. Ich habe Angst ...“

Julia drehte sich um und sah Daniel. Er hielt sich schmerzverzerrt den Arm, aus dem Blut lief.

Vorhin waren Glassplitter durch die Luft geflogen und hatten zwei kleine Schnitte an seinem Arm hinterlassen.

„Daniel, ich bringe dich ins Krankenhaus.“

Ohne jedes Zögern ließ Julia mich liegen, zog Daniel hoch und wollte gehen.

„Julia, nehmen wir Herrn Fischer mit. Seine Verletzung ist schlimmer.“

Daniels Worte mischten sich mit Bens Weinen.

„Nein, Papa! Ich habe Angst vor Blut. Er soll nicht mit!“

Ben sah mich an. In seinem Gesicht stand deutliche Ablehnung.

Daniel bestand nicht weiter darauf und sah zu Julia.

Innerhalb weniger Sekunden traf Julia ihre Entscheidung.

„Nein. Ben kann kein Blut sehen. Er darf nicht mit ihm zusammen fahren. Kümmert euch nicht um ihn. Leon ist Feuerwehrmann. Er kennt sich mit Erster Hilfe aus und kann auf sich selbst aufpassen.“

„Wir gehen!“

Julia nahm Ben auf den Arm, hielt Daniels Hand fest und ging, ohne sich noch einmal umzusehen.

Blut und Tränen liefen mir übers ganze Gesicht.

Am Ende ließ mich der Restaurantbesitzer von seinen Leuten in die Notaufnahme bringen.

Zum Glück war es nichts Ernstes. Nur ein paar oberflächliche Wunden. Nach dem Verbinden war alles erledigt.

Verglichen mit den Schmerzen am Körper war mein Herz längst so taub, dass ich nichts mehr fühlte.

Der Moment, in dem Julia mich im Restaurant ohne Zögern zurückließ, brannte sich tief in mein Herz. Zehntausend Nadeln stachen hinein, bis von meinem Herzen nur noch tauber Schmerz übrig war.

Ich lag reglos im Krankenzimmer. Von Julia erwartete ich nichts mehr. Ich dachte nur noch daran, dass meine Verletzung den Einsatz am nächsten Tag nicht behindern sollte.

Diese Nacht verbrachte ich zwischen dumpfem Schmerz und plötzlichem Aufschrecken.

Mein Handy blieb die ganze Nacht still.

Von Julia kam nicht einmal ein halbes Wort der Sorge.

Daniel und Ben waren offenbar ihre ganze Welt. Ich dagegen war nur ein Fremder, der nichts mit ihr zu tun hatte.

Am nächsten Morgen weckte mich der Anruf meines Einsatzleiters.

„Hallo, hier ist Leon.“

„Leon, bist du bereit?“

„Ja. Ich kann sofort zum Team zurück.“

Mein Kopf tat nicht mehr so weh wie am Abend zuvor.

Ich versuchte aufzustehen und mich zu bewegen. Es war nichts Ernstes.

Was Julia anging, sollte sie tun, was sie wollte.

Ich war nur ein gewöhnlicher Mensch.

Sie dagegen war eine Heilige, die unerreichbar hoch über mir stand.

„Gut. Du musst noch nicht sofort zurückkommen. Die Lage beim Waldbrand ist ernst. Das Team wartet noch auf eine Lieferung Löschgerät von oben. Sobald die Ausrüstung da ist, brechen wir auf.“

„Laut der Mitteilung ist es am Nachmittag. Die genaue Zeit gebe ich dir noch bekannt.“

Nach dem Auflegen blieb ich reglos stehen.

Nun hatte ich noch einen halben Tag mehr.

Aber ich hatte keinen Ort mehr, an den ich gehen konnte.

Nach Hause?

Lieber nicht.

Ich wollte mir in meiner letzten Zeit nicht auch noch selbst wehtun.

In diesem Moment rief Julia mich an.

„Leon, komm vorerst nicht nach Hause. Benni mag dich nicht. Er sagt, jedes Mal, wenn du auftauchst, ist sein Vater entweder schlecht gelaunt oder es passiert ein Unglück. Er ist noch klein. Gib ihm etwas Zeit, sich daran zu gewöhnen.“

„Ich habe dir ein Hotel gebucht. Dein Gepäck lasse ich dir vom Hausverwalter schicken. In dieser Zeit wird Daniel bei uns wohnen.“

„Aber er schläft in deinem Zimmer. Zwischen uns läuft nichts. Da kannst du beruhigt sein.“

Julia teilte mir wieder nur ihre Entscheidung mit.

„Das ist alles. Ich habe noch ein Meeting. Ich lege auf.“

Dann hörte ich nur noch das Besetztzeichen.

Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Brust.

Julia, du gehst immer weiter.

Erst entdeckte ich die ersten Hinweise. Dann adoptiertest du das Kind. Danach ließest du Daniel ganz selbstverständlich in die Villa einziehen. Und am Ende warfst du mich hinaus.

Es fehlte nur noch, dass du mir offen sagtest, was wirklich zwischen dir und Daniel lief.

Doch eine Heilige war zu erhaben. Sie hielt es nicht für nötig, einem gewöhnlichen Mann wie mir die Wahrheit zu sagen.

Na gut.

Dann waren diese fünf Jahre meiner Jugend eben für die Hunde.

Da ich bald an die vorderste Brandlinie musste, sah ich vieles plötzlich klarer. Ich will mich nicht länger in kleinliche Familiendinge und private Liebe verstricken.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ging ich ins Hotel und nahm meinen Koffer entgegen.

Doch damit habe ich nicht gerechnet, dass der Server auch Julias Laptop mitschickte.

Wahrscheinlich hielt er ihn für meinen.

Denn diesen Laptop schickte ich Julia zum Jahrestag.

Damals kaufte ich aus Versehen die schwarze Variante. Sie störte es nicht und benutzte sie bis dahin.

Es war ihr Arbeitslaptop.

Eigentlich wollte ich ihn nicht anfassen.

Doch dann dachte ich an die vielen Fotos und Videos von Julia und mir aus unserer gemeinsamen Zeit. Damals war sie noch nicht so besessen von ihrer buddhistischen Praxis. Damals waren wir auch einmal glücklich.

Als ich schon ging, wollte ich nichts zurücklassen, woran mein Herz hing.

Damit es mich später nicht ärgerte.

Ich öffnete ihren Laptop und wollte alle Spuren löschen.

Doch nach dem Start war sie automatisch in WhatsApp eingeloggt.

Der Mann, der oben im Chat angepinnt ist, ist so ein Stich ins Auge.

Daniel Müller.

Und ich?

Ich schrieb Julia jeden Tag Dutzende Nachrichten. Doch auf den ersten Blick fand ich keine Spur von mir.

Ein Schmerz zog durch meine Brust. Ich konnte nicht anders und scrollte weiter nach unten.

Daniel war der einzige private Kontakt, den sie besonders markiert hatte. Darunter kamen Gruppen aus der Firma, mehrere stellvertretende Direktoren und Kunden.

Noch weiter unten kamen Gruppen zur buddhistischen Praxis, Gleichgesinnte und der Kontakt des Tempelabts.

Erst ganz am Ende kam ich, weit unter den ersten hundert Kontakten.

Noch schmerzhafter war, dass sie nur bei mir die Benachrichtigungen stummgeschaltet hatte.

Kein Wunder, dass sie auf meine Dutzenden Nachrichten pro Tag nur alle paar Tage mit ein oder zwei Worten antwortete.

Diese Heilige hatte mich von Anfang bis Ende nie wirklich gesehen.

Das war also die Ehe, die ich für glücklich gehalten hatte.

Plötzlich kam mir alles unfassbar lächerlich vor.

Daniels Name wurde in meinen Augen zu einem Monster mit aufgerissenem Maul. Es sprang auf mich zu, riss mein Herz in Stücke und stieß es in die Tiefe des Meeres.

Der Schmerz ging bis ins Mark. Gleichzeitig war mir eiskalt.

Ich bekam kaum noch Luft.

Ich wollte nicht weitersehen.

Doch in diesem Moment klingelte Julias WhatsApp.

Eine Nachricht von Daniel.

Dann folgten mehr als zehn weitere.

Es waren Fotos von Julia und Daniel, die gemeinsam mit Ben in der Schule an einem Spaßwettbewerb teilnahmen.

Auf dem ersten Foto trugen Julia, Daniel und Ben Partnerkleidung. Sie hielten sich an den Händen und lächelten glücklich in die Kamera.

Auf dem zweiten Foto standen Julia und Daniel eng aneinander und hoben Ben gemeinsam hoch, damit er einen Ballon zerstechen konnte.

Auf dem dritten Foto hielt Ben einen kleinen Keks in der Hand. Julia und Daniel bissen gleichzeitig hinein. Zwischen ihren Lippen lagen höchstens zwei oder drei Zentimeter.

Jedes weitere Foto war noch vertrauter als das davor.

Mein Herz tat so weh, dass ich kaum atmen konnte.

Ich hatte diese kühle Heilige noch nie so ausgelassen gesehen.

Unten rechts auf den Fotos stand ein Zeitstempel.

Aufgenommen vor zehn Minuten.

Ich verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln.

Kein Wunder, dass du mich nicht nach Hause ließt.

Du hattest Angst, dass ich die Wahrheit entdeckte.

Julia, du hast mir doch gesagt, du wärst in einer Besprechung in der Firma.

Hast du nicht gesagt, wer den buddhistischen Weg geht, lügt nicht?

Warum war unsere Ehe dann von Anfang bis Ende voller Lügen?

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