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99 Mal im Stich gelassen

99 Mal im Stich gelassen

By:  MooreCompleted
Language: Deutsch
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Als ich einen akuten Blinddarmdurchbruch hatte, waren meine Eltern, mein Bruder und sogar mein Verlobter nur damit beschäftigt, Maries Geburtstag zu feiern. Vor dem OP-Saal rief ich sie unzählige Male an, um jemanden für die Unterschrift unter die Einverständniserklärung zu erreichen. Doch sie lehnten alle brüsk ab. Mein Verlobter Lukas schickte mir nach dem Auflegen eine Nachricht: „Sophie, stell dich nicht so an. Heute ist Maries großer Tag. Alles andere regeln wir, wenn die Feier vorbei ist.“ Ich legte das Handy weg und unterschrieb ruhig selbst die Einverständniserklärung. Das war das neunundneunzigste Mal, dass sie mich wegen Marie im Stich gelassen hatten. Also würde ich sie auch nicht mehr brauchen. Ihre Bevorzugung machte mich nicht mehr traurig. Stattdessen erfüllte ich ihnen jeden Wunsch. Sie dachten alle, ich sei endlich vernünftig geworden. Aber sie ahnten nicht, dass ich für immer gehen würde

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Chapter 1

Kapitel 1

Drei Tage im Krankenhaus, und mein Handy blieb völlig still. Kein einziger Anruf.

Aber ich rief auch niemanden an. Anders als früher scrollte ich nicht mehr ständig durch ihre Instagram-Profile, um jedes Detail ihres Lebens mitzubekommen.

Ich lag einfach ruhig im Krankenhausbett und pflegte meine Wunden. Allein schleppte ich meinen geschwächten Körper zu den Untersuchungen und zur Kasse.

Selbst an dem Tag, als ich entlassen wurde, benachrichtigte ich niemanden. Ich packte Stück für Stück meine Sachen, ignorierte die Schmerzen in meinem Bauch und schleppte mich langsam nach Hause.

Als ich die Tür der Villa aufstieß, verstummten die fröhlichen Stimmen drinnen abrupt.

Die ganze Familie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sogar mein Verlobter Lukas saß neben Marie, seinen Arm vertraulich um ihre Schulter gelegt.

Als er mich sah, zog er hastig die Hand zurück. Verlegenheit huschte über sein Gesicht.

„Sophie, du bist zurück? Wo warst du die letzten Tage?“

Mein Bruder Jonas schnaubte verächtlich, seine Stimme voller Vorwurf:

„Wo schon? Sie wollte Maries Volljährigkeitsfeier einfach schwänzen, nur um uns zu ärgern – sie kann es nun mal nicht ertragen, wenn Marie glücklich ist!“

Schweigend ging ich in Richtung meines Zimmers. Keine Rechtfertigung, kein Wort.

Jonas wirkte überrascht, dass ich nicht zurückschrie.

Früher, wenn er mir vorwarf, ich sei unvernünftig, weinte ich immer und heulte, als hätte man mir das größte Unrecht angetan.

Warum ist sie jetzt plötzlich so still?

Mama nahm ein Glas von dem Tisch und eilte zu mir.

„Sophie, wir waren die letzten Tage mit Maries Feier beschäftigt und haben deine Anrufe nicht angenommen. Sei nicht böse auf Mama.“

Als Mama mir den Mangosaft in die Hand drückte, durchzuckte mein längst erloschenes Herz noch einmal ein stechender Schmerz.

Ich bin allergisch gegen Mango. Aber Marie liebt Mangos. Weil sie sie liebt, gibt es zu Hause immer Lebensmittel mit Mango. Egal wie oft ich es betone – niemand erinnert sich jemals daran, dass ich keine Mangos essen kann.

Ich drückte den Saft zurück in Mamas Hand und trat einen Schritt zurück.

„Ich bin nicht böse. Ich gehe erst mal in mein Zimmer.“

Kaum hatte ich mich umgedreht, dröhnte ein lauter Knall aus dem Wohnzimmer.

Papa sprang auf und schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Du ziehst seit dem Moment, wo du reingekommen bist, ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter! Wem willst du damit was zeigen? Mama hat sich schon entschuldigt und dir sogar dein Lieblingsgetränk persönlich gereicht, und das ist deine Reaktion? Wir haben dich wohl alle viel zu sehr verwöhnt!“

Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Der Kummer machte das Atmen schwer.

Tränen verschwammen meine Sicht, aber ich griff trotzdem zielsicher nach dem Mangosaft in Mamas Hand und trank ihn in einem Zug aus.

Ich stellte das leere Glas vorsichtig ab, wischte mir die Tränen weg und sah Papa ruhig an.

„Mango mag Marie. Ich bin allergisch dagegen. Aber egal, ich habe das Getränk getrunken. Darf ich jetzt in mein Zimmer gehen?“

Mama seufzte verärgert und klopfte mir auf den Rücken.

„Du dummes Mädchen, warum hast du nicht gleich gesagt, dass du allergisch bist? Hat dich jemand gezwungen zu trinken? Wirklich, warum bist du auch so stur?“

Auch Papa wirkte verlegen, aber er blieb hart.

„Hast du keinen Mund? Hättest du es nicht erklären können? Du warst schon als Kind so unsympathisch, nicht wie Marie, die weiß, wie man mit Menschen spricht.“

Aus dem Wohnzimmer kam Maries zuckersüße Stimme.

„Ach Papa, sag so etwas nicht über Sophie. Sie wird traurig sein.“

Ihre Worte klangen nach Fürsprache, aber der Triumph in ihren Augen war unübersehbar.

Marie liebt es, sich von meiner Unbeholfenheit abzuheben. Bei allem muss sie sich mit mir vergleichen. Erst wenn sie mich tief unter sich sieht, ist sie wirklich zufrieden.

Ich sollte traurig sein. Aber mein Herz war längst taub. Selbst angesichts dieser Demütigung regte sich in mir nichts mehr.

„Es tut mir leid. Es war mein Fehler. Das wird nicht wieder vorkommen.“

Als diese Entschuldigung über meine Lippen kam, starrten mich alle ungläubig an.
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