Mag-log inWir verehren das Geld, behandeln den physischen Träger dieses Wertes aber wie den letzten Dreck. Der „Heilige Schein“ ist am Ende des Tages nur ein Stück bedruckte Baumwolle mit einer posttraumatischen Belastungsstörung.
view moreIch bin eine 50-Euro-Note. Aber nennen Sie mich bitte nicht „Fuffi“. Das klingt nach einem billigen Handlanger, nach jemandem, den man achtlos für eine Packung Zigaretten und ein belegtes Brötchen beim Bäcker opfert. Ich bevorzuge „Friedrich“. Ich habe eine Seriennummer, die mit Z beginnt – ich bin also ein Belgier. Ein Europäer von Welt, gedruckt auf feinster Baumwolle, durchzogen von einem Smaragdzahl-Sicherheitsmerkmal, das schimmert wie die Hoffnung eines Start-up-Gründers vor dem ersten Burnout.
Momentan befinde ich mich in einer Art Zen-Zustand. Ich liege in Kassette 3, Schacht 4, eines Geldautomaten der Stadtsparkasse.
Stellen Sie sich einen Ort vor, der so sauber ist, dass selbst ein Operationssaal dagegen wie eine Bahnhofstoilette wirkt. Hier drin riecht es nach nichts. Absolut nichts. Es ist die Geruchslosigkeit des Vakuums. Ich liege auf meinen Brüdern und Schwestern – ein Stapel von 500 identischen Kopien meiner selbst. Wir sind wie eine Terrakotta-Armee des Kapitalismus, nur flacher und wesentlich flexibler.
Über uns herrscht das Gesetz der algorithmischen Auslese. Alle paar Minuten erzittert der Kasten. Ein mechanisches Surren, das wie das Schnurren einer Katze klingt, die gerade eine Goldmine verschluckt hat. Das ist der Moment, in dem die „Rollen“ aktiv werden. Ein kurzes Zisch-Klack. Jemand oben am Lichtschacht hat „200 Euro“ eingetippt. Vier von uns werden jetzt ausgewählt. Es ist wie eine biblische Entrückung, nur ohne Harfenmusik, dafür mit Gummiwalzen.
Komfort: 5 von 5 Sternen. (Keine Knicke, keine Feuchtigkeit, konstante 20 Grad).
Soziales Leben: 1 von 5 Sternen. (Meine Nachbarn sind so glattgebügelt, dass man mit ihnen kein vernünftiges Gespräch über Inflation führen kann).
Spannungsfaktor: 0 von 5 Sternen. (Man wartet darauf, dass die Welt einen konsumiert).
Wissen Sie, was das Problem am „Heiligen Schein“ ist? Wir haben keinen Wert an sich. Ich bin ein Versprechen. Ich bin ein bunt bedruckter Lappen, auf dem steht: „Ich bin 50 Euro wert, weil die Zentralbank das sagt.“ Wenn morgen alle beschließen, dass Muschelschalen die neue Währung sind, bin ich höchstens noch gut genug, um einen wackeligen Tisch in einer Kneipe zu stabilisieren.
In dieser Dunkelheit des Automaten wird man philosophisch. Man fragt sich: Wer wird mein neuer Besitzer? Wird es die rüstige Rentnerin sein, die mich vorsichtig in ein Lederportemonnaie legt, das nach Mottenkugeln und Enkel-Liebe riecht? Oder werde ich die Einstiegsdroge für einen Abend, der in der Ausnüchterungszelle endet?
Die Angst vor dem „Draußen“ ist groß. Wir Scheine tauschen Horrorgeschichten aus, die über die statische Aufladung weitergegeben werden. Geschichten von der „Waschmaschine des Grauens“ (60 Grad mit Weichspüler – der Tod jeder Faserstruktur) oder dem „Kaugummi-Schicksal“, bei dem man als Notbehelf benutzt wird, um klebrige Masse von einer Schuhsohle zu kratzen.
Plötzlich: Bewegung. Das Surren wird lauter. Ein Lichtstrahl dringt durch den schmalen Schlitz am Ende des Tunnels. Es ist kein göttliches Licht, es ist die Neonröhre der Bankfiliale, die durch den Ausgabeschacht blinzelt.
Ich spüre die Gummiwalze an meinem Rücken. Es kitzelt. Ein kurzes, brutales Saugen. Ich werde von meinem Stapel getrennt. „Adieu, Schacht 4!“, rufe ich meinen Kameraden zu, doch sie antworten nicht. Sie sind nur Papier. Ich hingegen... ich bin Schicksal.
Ich werde durch eine Reihe von Plastikführungen gejagt. Wusch. Wusch. Klack. Ich liege im Ausgabefach. Zusammen mit drei anderen 50ern, die so frisch riechen, dass es fast wehtut.
Dann öffnen sich die Metallklappen. Die Freiheit!
Und was sehe ich als Erstes? Nicht die Sonne. Nicht das Lächeln eines glücklichen Kindes. Ich sehe zwei zittrige Finger mit abgekauten Fingernägeln und einen Typen im Kapuzenpulli, der so heftig schnieft, dass ich sofort weiß: Meine Zeit im Tresor war die Wellness-Kur meines Lebens. Das hier? Das hier wird der wilde Ritt in den Abgrund.
Die Jackentasche von Blumen-Raza war ein Ort des Friedens. Nach der Hektik des Taxis, dem mechanischen Rhythmus der Winke-Katze und dem Lärm der Baustellen war es hier fast andächtig. Zehni lag zwischen einem alten Feuerzeug, ein paar Rosenblütenblättern und dem Notizbuch des Blumenverkäufers. Der Duft von frischen Stielen und feuchtem Papier war eine Wohltat. Hier, in der Geborgenheit von Razas Körperwärme, hatte Zehni Zeit, über das nachzudenken, was hinter ihm lag. Er war durch die Waschmaschine des Lebens gegangen, buchstäblich und im übertragenen Sinne. Er trug das Silber von Berlin, den Staub der Arbeit und die Spuren von tausend Händen auf seinem Papier. Er war kein bloßer Zehn-Euro-Schein mehr; er war ein Archiv.Die Reise durch die Stadt hatte ihn verändert. Er war nicht mehr nur ein Zahlungsmittel; er war ein Zeuge. Er hatte die Verzweiflung der Spielsüchtigen, die harte Disziplin der Handwerker und die melancholische Zärtlichkeit der nächtlichen Taxifahrer gesehen. Er hatte
Die Dunkelheit in der Zehner-Schublade von Kasse 2 war von einer ganz besonderen Qualität. Es war nicht die bleierne, paranoide Finsternis des Automaten-Schlunds und auch nicht die majestätische Isolation des Unterflur-Fachs im Baumarkt. Es war die vertraute, geschäftige Dunkelheit des Späti-Hauptquartiers. Hier roch es nach billigem Klebstoff, den getrockneten Rändern von ausgelaufener Energy-Drink-Flüssigkeit und dem allgegenwärtigen, feinen Aroma von mürbem Tabak.Zehni lag ganz unten im Fach. Über ihm stapelten sich vier nagelneue, steife Zehn-Euro-Scheine der Europa-Serie, die sich anfühlten, als kämen sie frisch aus der Wellness-Behandlung der Bundesbank. Sie weigerten sich strikt, auch nur ein Wort mit ihm zu wechseln. Für diese bürokratischen Musterknaben war Zehni ein wandelnder Albtraum, ein textiles Verbrechen gegen die Währungsordnung.Seine linke Ecke war starr vom getrockneten Graffiti-Lack der Friedrichstraße. Sein Bauch trug die weiße Kruste aus Premium-Fliesenkleber,
Das Tageslicht über der Profi-Kasse des „Mega-Baustoff-Paradieses 24“ wirkte nach der absoluten Finsternis des Unterflur-Fachs fast schmerzhaft intensiv. Zehni baumelte wie ein trotziger blinder Passagier an der Unterkante des gewaltigen Fünfhunderters. Sein Tesafilm-Streifen hielt die Verbindung mit der Zähigkeit eines Berliner Straßengorillas, während Manfred, der Kassierer mit dem verwaschenen Poloshirt, die beiden Scheine mit einer fließenden Bewegung über den Tresen schob.Vor dem Tresen stand jedoch nicht mehr Bratko. Der Fliesenleger war längst mit seinen fünfzehn Säcken Kleber auf dem Weg zur Baustelle. Der Mann, der Manfred nun einen dicken Stapel von Hundert-Euro-Scheinen entgegengeschoben hatte, trug einen maßgeschneiderten, aber dezent staubigen Anzug von Boss, eine goldene Rolex am Handgelenk und hatte die Aura eines Mannes, der Verträge lieber mit einem Handschlag als mit einem Notar besiegelt.Es war „Baulöwe Bodo“. Bodo war fünfzig, besaß die Hälfte der sanierungsbedür
Die Tasche einer Engelbert-Strauss-Arbeitshose ist kein gewöhnlicher Aufbewahrungsort für sensible Wertpapiere. Sie ist ein textiles Hochleistungsdepot aus reißfestem Cordura-Gewebe, konstruiert, um den physikalischen Naturgewalten des Handwerks zu trotzen. Für Zehni fühlte sich die Umgebung wie eine Offenbarung an. Nach der sterilen Isolation im Zirbenholz-Sanatorium der Bio-Oase und der engen Gefangenschaft im Automaten-Schlund war dieses raue, tiefe Fach die pure Freiheit.Zehni lag ausgestreckt auf dem Taschenboden, umgeben von einer feinen Schicht aus getrocknetem Gipsstaub, drei rostigen Spax-Schrauben und den krümeligen Überresten eines polnischen Haferriegels. Seine silberne Graffiti-Ecke glänzte matt im diffusen Licht, das durch den Reißverschluss sickerte. Die getrocknete Silberfarbe verlieh ihm eine angenehme Steifigkeit, und seine Tesafilm-Antenne stand stolz nach oben, als wollte sie die elektromagnetischen Schwingungen des Berliner Handwerkertums einfangen.„Könntest du
Die Zeit zwischen vier und sechs Uhr morgens ist in Berlin keine eigenständige Tageszeit. Sie ist ein Niemandsland, ein zäher Übergangszustand, in dem die Geister der Nacht auf die Zombies des Berufsverkehrs treffen. Dosen-Matze hatte den S-Bahn-Bogen der Friedrichstraße längst hinter sich gelassen
Der Bahnhof Friedrichstraße war ein stählernes Ungeheuer, das im Minutentakt Tausende von Menschen verschlang und wieder ausspuckte. Es roch nach den feuchten Bremsen der S-Bahnen, nach verbranntem Fett aus den unzähligen Bäckereifilialen und nach dem bitteren, kalten Zugwind, der von der Spree her
Jazz-Jupp hielt Wort. Er klappte den roten Samtkoffer zu, und mit einem dumpfen Schnappen des alten Messingverschlusses tauchte die Welt der Scheine in Dunkelheit. „Ugh, die Luftzirkulation hier drinnen entspricht absolut nicht den EU-Richtlinien“, beschwerte sich Justus sofort. Der Hunderter rasch
Der Frankfurter Flughafen empfing sie mit strömendem Regen und grauer, effizienter Kälte. Das Flugzeug dockte an Terminal 1 an, und für Fuffi und Zehni endete die friedliche Ruhe der Bordkasse abrupt. Die Flugbegleiterin, die auf dem Weg zu ihrem Anschlussflug war, rollte ihren Koffer zielsicher au