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Mama sprach noch mit dem Direktor, als ich den Kopf hob. Offensichtlich war sie dringend gerufen worden, doch sie stand ruhig und gefasst da, die Haltung kerzengerade, ihr Gesichtsausdruck undurchschaubar. Wer es nicht besser wüsste, würde denken, es handle sich um einen ganz normalen Schulbesuch. Ich beobachtete, wie sie langsam nickte, während der Direktor sprach, ihr Gesicht verriet nichts, und ich fragte mich, wie alles so schnell gegangen war. Erst heute Morgen war ich mit Kopfschmerzen und schlechter Laune aufgewacht. Jetzt fühlte es sich an, als wäre mein ganzes Leben vor aller Augen zerbrochen. Mein Gesicht war tränenüberströmt, meine Sicht noch verschwommen vom vielen Weinen. Betty lag ein paar Meter entfernt auf einer Trage, umgeben von Lehrern und einer Krankenschwester. Sie war schwer verletzt, und der Anblick ihres blassen Gesichts ließ mir den Magen umdrehen. „Sag bloß nicht, ich sei ein Schatz“, dachte ich bitter. Was auch immer diese Sache war, über die alle tuschelten, sie hatte alles zerstört. Ich konnte das nicht einfach ignorieren und so tun, als wäre nichts passiert. Die Schüler säumten den Flur, ihre neugierigen Blicke bohrten sich in mich. Manche starrten mich offen an, andere tuschelten hinter vorgehaltener Hand. Einige schüttelten den Kopf, als wäre ich ein Monster. Ihre Worte verschmolzen zu einem Lärm, doch die Gedanken in meinem Kopf waren lauter, schärfer, unmöglich zu ignorieren. Ist sie eine Hexe? Ist sie ein Edelstein? Ich wünschte, ich hätte sie... Sie sieht furchterregend aus... Ein Gedanke stürzte sich auf den nächsten und türmte sich auf, bis sich meine Brust zuschnürte. Warum musste alles auf einmal so überwältigend sein? Ich konnte nicht einmal richtig begreifen, was ich getan hatte. Im einen Moment war ich wütend, müde gewesen, und im nächsten hatte die Welt auf mich reagiert, ohne dass ich es verstand. All diese widersprüchlichen Gedanken, die Angst in ihren Augen – fast hätte ich wieder die Kontrolle verloren. Meine Hände zitterten leicht an meinen Seiten. Ich hatte das Gefühl, ich könnte jemanden verletzen, wenn ich nicht bald ginge. Ich wollte keine Erklärungen. Ich wollte keine Blicke. Ich wollte einfach nur nach Hause. „Sie können jetzt gehen, Ma'am“, sagte die Direktorin schließlich mit steifer Stimme und entließ meine Mutter. „Okay, danke“, erwiderte meine Mutter ruhig. Sie drehte sich sofort zu mir um, und ihr Blick wurde weicher, als er auf meinem Gesicht ruhte. Sie sagte nichts, sondern deutete nur leicht. Ich folgte ihr, meine Beine schwer, als wir aus dem Gebäude und zum Auto eilten. Die Fahrt verlief schweigend, und sobald wir zu Hause waren, rannte ich, so schnell ich konnte. „Sofia, warte!“, rief meine Mutter plötzlich. Ich blieb wie angewurzelt stehen, mein Körper reagierte, bevor mein Verstand es begreifen konnte. „Mum“, sagte ich und drehte mich zu ihr um, meine Stimme versagte. Wieder stiegen mir Tränen in die Augen, und bevor ich mich beherrschen konnte, trat ich vor und umarmte sie. Ich brauchte das. Ich brauchte ihre Arme um mich, brauchte etwas Festes, an dem ich mich festhalten konnte. „Tochter“, sagte meine Mutter leise. Sie erwiderte meine Umarmung kurz, bevor sie sich sanft löste und mich auf Armeslänge hielt. Jetzt sah sie mir richtig ins Gesicht, wirklich genau, und etwas Unergründliches huschte über ihre Augen. „Schatz, du musst dich fertig machen. Wir fahren zum Edelsteininstitut“, sagte sie mit fester Stimme, obwohl ihre Worte Gewicht hatten. „Hä?“, keuchte ich, völlig perplex. Mein Verstand weigerte sich zu begreifen, was sie gerade gesagt hatte. „Mama, ich gehe nirgendwo hin“, sagte ich trotzig und schüttelte den Kopf. „Ich will einfach nur nach Hause.“ „Tochter, du musst“, erwiderte sie ruhig. „Oder willst du in die Hände von Geiern fallen?“ Ihre Worte ließen mich erstarren. „Wer sind die Geier?“, fragte ich leise und wischte mir mit dem Handrücken die Tränen ab. „Das sind böse Menschen, die ihre Macht missbrauchen“, sagte sie schlicht. Meine Hände sanken hilflos an meine Seiten. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich wusste nicht einmal, von welcher Art von Macht sie sprach. „Jetzt mach dich fertig“, verkündete sie mit plötzlich müder Stimme, drehte sich um und stieg schwach die Treppe hinauf. Ich stand lange da und starrte ihr nach. Nie hätte ich gedacht, dass mein Leben so eine Wendung nehmen würde. Meine Familie so plötzlich zu verlassen, fühlte sich falsch an. Alles fühlte sich falsch an. Ich würde wegen irgendeiner dummen Macht, die ich mir nicht gewünscht hatte, nicht mehr zur Schule gehen können. Ich würde mich gefangen fühlen, wie eine Gefangene, die gegen ihren Willen irgendwohin gebracht wird. Und das Schlimmste daran lastete schwer auf meiner Brust. Ich würde meine Familie nie wiedersehen. Bin ich verflucht?, dachte ich, während ich meine Tasche näher heranzog. Meine Kopfschmerzen wurden schlimmer, pochten schmerzhaft, als ich achtlos Kleidung zusammenfaltete und hineinstopfte. Jedes einzelne Kleidungsstück fühlte sich an, als würde ein weiteres Stück meines alten Lebens eingepackt. Ich wischte mir wütend die Tränen ab und schloss den Reißverschluss der Tasche. „Zeit zu gehen“, murmelte ich vor mich hin und zwang meine Beine in Bewegung. Ich ging zur Tür, blieb dann aber stehen. Ich drehte mich um und warf einen letzten Blick in mein Zimmer. Die Poster an der Wand, mein Bett, mein Schreibtisch – alles sah aus wie immer, und doch fühlte es sich so fern an. Ich seufzte tief, bevor ich hinaustrat. MARY Ich beobachtete meine Tochter aus dem Augenwinkel, während ich fuhr. Ihr Schweigen war lauter als jeder Streit. Ich wusste, sie war wütend, verwirrt und verletzt. Ich war selbst einmal in dieser Lage gewesen, am Rande eines Lebens gestanden, das ich noch nicht verstand. „Ich weiß, meine Tochter ist gerade wütend“, sagte ich sanft und durchbrach die Stille. „Und glaub mir, mir ging es damals noch viel schlimmer.“ Ich lachte leise auf und erinnerte mich an Momente, die ich nur selten Revue passieren ließ. Dann schnaubte ich verächtlich und schüttelte den Kopf. Plötzlich drehte sich Sofia mit großen Augen zu mir um. „Moment mal, Mama … bist du ein Edelstein?“, fragte sie, sichtlich geschockt. Ich nickte einmal und behielt die Straße im Blick. Ihr Gesicht hellte sich sofort auf, Überraschung ersetzte für einen kurzen Moment die Angst. „Wow“, hauchte sie. „Ja“, sagte ich ruhig. „Und dein Vater auch. Wir haben uns im Institut kennengelernt.“ Sie starrte mich eine Weile an, sichtlich bemüht, die Information zu verarbeiten. Ich nickte nur und blickte durch die Windschutzscheibe, um ihren Gedanken Zeit zum Nachdenken zu geben. Manche Wahrheiten brauchten ihre Zeit. Die Fahrt verlief danach schweigend weiter. Ein paar Minuten später bremste ich ab. „Da sind wir“, murmelte ich, als ich vor einem massiven Gebäude hielt. Sofia stockte der Atem. Das Gebäude ragte hoch und imposant über uns auf, seine Mauern dunkel und massiv, als wären sie für alles gebaut. Die Tür war riesig, verziert mit unbekannten Symbolen, und die Wachen am Eingang sahen eher wie Soldaten als wie Sicherheitsleute aus. Ich sah, wie sich Unbehagen in ihre Haltung einschlich, als sie aus dem Auto stieg. Überall waren Überwachungskameras angebracht, deren Linsen jede Bewegung verfolgten. Hier entging nichts. Sie sprang herunter und blieb dicht bei mir, ihre anfängliche Trotzreaktion war einem vorsichtigen Schweigen gewichen. Gemeinsam gingen wir an den Wachen vorbei ins Gebäude. Ich führte sie direkt zum Büro des Kassenwarts, wohl wissend, dass dies erst der Anfang eines Weges war, von dem sie nicht mehr abweichen konnte.SOFIA„Welches Kreuzzeichen?“ fragte ich, bevor ich mich zurückhalten konnte.Die Worte rutschten von allein heraus, und ich presste sofort die Lippen zusammen, als mir klar wurde, mit wem ich sprach.Dylan.Er saß bequem hinter seinem Schreibtisch und wirkte so ruhig und undurchschaubar wie immer. Er hob sein Champagnerglas und nahm einen langsamen Schluck, ohne den Blick von mir zu wenden.Mein Herz setzte nervös aus.„Ich … ich weiß nicht, woher ich das habe“, antwortete ich und stotterte leicht.Ein Seufzer entwich seinen Lippen.Das Geräusch war nicht laut, aber es reichte aus, um ein merkwürdiges Gefühl in meinem Magen entstehen zu lassen. Eine Welle von Kälte überkam mich, und aus irgendeinem Grund fühlte ich mich plötzlich unwohl.Hatte ich etwas Falsches gesagt?Gab es wirklich ein Kreuzzeichen an meinem Bein?Und vor allem: Warum war das wichtig?Ich wollte fragen, aber ich wagte es nicht.„Du kannst gehen.“Seine Stimme war flach und emotionslos.Sofort durchströmte mich Er
SOFIAMeine Augen weiteten sich in dem Moment, als ich Dylan auf der Couch sitzen sah.Einen Moment lang stand ich einfach nur da und starrte ihn an. Dann stieg ich langsam vom Bett herunter und erwartete den vertrauten Schmerz in meinen Beinen, sobald meine Füße den Boden berührten.Aber er kam nicht.Ich blinzelte überrascht und machte einen weiteren vorsichtigen Schritt.Nichts.Der Schmerz war verschwunden.Ich runzelte die Stirn und blickte auf meine Beine hinab. Gerade gestern noch hatte sich jede Bewegung wie Folter angefühlt, und jetzt konnte ich stehen, ohne zusammenzuzucken. Es fühlte sich wie ein Wunder an.Ich schaute zu den Fenstern. Der Himmel draußen war dunkler geworden und tauchte den Raum in sanfte Abendschatten. Hatte ich wirklich so lange geschlafen?Ein Gähnen drohte auszubrechen, aber ich bedeckte schnell meinen Mund und schluckte es hinunter. Das Letzte, was ich wollte, war, vor Dylan faul auszusehen.Was sollte ich jetzt tun?Der allmächtige Dylan saß genau dor
DYLANIch seufzte schwer und fuhr mir zum gefühlt hundertsten Mal an diesem Tag mit den Fingern durch die Haare. In den letzten Tagen hatte ich nichts anderes getan, als mich in Bücher zu vergraben. Lesen war zum einfachsten Weg geworden, meinen Geist beschäftigt zu halten, das Einzige, was mich von den Gedanken ablenken konnte.Doch egal, wie viele Seiten ich umblätterte – meine Gedanken fanden immer wieder den Weg zurück zu ihnen. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück und schloss das Buch, das auf meinem Schoß lag. Die Bibliothek war still, aber mein Kopf nicht. Das Bild der Markierung an Lonas Bein tauchte wieder in meinem Kopf auf. Eine kreuzförmige Markierung.Ich erinnerte mich deutlich daran, sie an ihrem linken Bein gesehen zu haben. Das Seltsame war, dass Sofia genau dieselbe Markierung hatte. Der einzige Unterschied war, dass ihre am rechten Bein war. Zuerst hatte ich mich selbst überzeugt, dass es nichts bedeutete. Ein Zufall. Doch je mehr ich darüber nachdac
SOFIAIch saß schon eine gefühlte Ewigkeit dort.Dylan hatte mich also tatsächlich hier zurückgelassen.Diese Erkenntnis traf mich härter als der Schmerz in meinem Körper. Mein Brustkorb schnürte sich zu, und Tränen brannten in meinen Augen. Ich blinzelte hastig und weigerte mich zu weinen, doch es fiel mir immer schwerer, die Fassung zu bewahren. Jeder Teil meines Körpers schmerzte.Ich drückte meine Handflächen gegen den Boden und versuchte aufzustehen, doch in dem Moment, als ich mein verletztes Bein belastete, durchfuhr mich ein stechender Schmerz.„Ah!“, keuchte ich und ließ mich sofort wieder zurücksinken.Mein Atem ging unregelmäßig. Voller Angst blickte ich auf mein Bein.Hatte ich es mir gebrochen?Allein dieser Gedanke ließ mir den Magen umdrehen.Ich umschlang meinen Körper mit den Armen und lehnte mich an die Wand. Die Turnhalle wirkte plötzlich zu still. Zu leer.Ich wünschte, Jane wäre hier.Ich wünschte, Mike würde irgendwie auftauchen und mir helfen.Irgendjemand.Ich
SOFIADylan starrte Mike so intensiv an, dass es sich anfühlte, als wäre die Temperatur um uns herum plötzlich gesunken. Schon sein Blick allein reichte aus, um sich unwohl zu fühlen. Mike jedoch lächelte nur verlegen und kratzte sich am Nacken.Ich löste meinen Arm sofort von Mike, ohne dabei groß Aufsehen zu erregen.„Komm mit.“Dylans Stimme klang kalt und bestimmt. Er wartete keine Antwort ab, sondern drehte sich um und ging davon.Mein Herz setzte einen Schlag aus.Ohne mich auch nur von Mike zu verabschieden, eilte ich ihm hinterher.Die Stille zwischen uns fühlte sich seltsam an. Dylan schritt mit seinem gewohnt selbstsicheren Gang voran, während ich dicht hinter ihm herging und versuchte, Schritt zu halten. Ich konnte nicht sagen, ob er wütend oder einfach nur genervt war – doch was auch immer es war, es machte mich nervös.Nach einigen Minuten erreichten wir einen großen Fitnessraum.Der Raum war riesig und überraschend still. Die Geräte waren ordentlich aufgestellt, und der
SOFIADie Tasche war so schwer, dass ich das Gefühl hatte, meine Arme würden gleich abfallen.Ich korrigierte meinen Griff zum gefühlt hundertsten Mal und zwang mich, weiter hinter Dylan herzulaufen. Jeder Schritt fühlte sich mühsamer an als der vorherige. Das Gewicht zerrte an meinen Schultern, und meine Handflächen begannen zu brennen, weil ich die Griffe so fest umklammerte.Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als die Tasche einfach fallen zu lassen und mich auf den Boden zu setzen.Leider war das keine Option.Plötzlich drehte sich Dylan um.Mir rutschte das Herz in die Hose.Sofort straffte ich den Rücken und tat so, als wäre alles in bester Ordnung. Ich setzte einen ausdruckslosen Blick auf und versuchte, unbeeindruckt zu wirken – so, als wäre es ein Kinderspiel, eine Tasche zu tragen, die fast so viel wog wie ich selbst.Ein paar Sekunden lang ruhte sein Blick auf mir.Ich hielt den Atem an.Dann wandte er sich ab und ging weiter.In dem Moment, als er wieder nach vorne blickte







