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Das Spiel mit meinem Vertrauen
Das Spiel mit meinem Vertrauen
Unruhige Wellen

Kapitel 1

Unruhige Wellen
In dem Moment, als ich die Wahrheit hörte, hämmerte mein Herz wild gegen meine Rippen.

Seit fast einem Monat hatte mir mein Kindheitsfreund, Shane Page, immer wieder erzählt, wie er in der Schule angegriffen, hereingelegt und bloßgestellt worden sei.

Ich setzte alles daran, ihn zu schützen. Doch ich konnte nicht jeden Schlag abfangen. Als es schließlich unerträglich wurde, schlug ich einen Schulwechsel als Neuanfang vor.

An diesem Tag war er klatschnass, übergossen mit einem Eimer Eiswasser. Seine markanten Wangenknochen wirkten unheimlich bleich. Zitternd hielt er meine Hand fest. „Ich schaffe das nicht allein an einem neuen Ort.“

Seit dem Kindergarten waren wir unzertrennlich, über ein Jahrzehnt lang morgens gemeinsam zur Schule gegangen und zurück. Tief in mir hatte sich schon lange eine stille Zuneigung für ihn entwickelt.

Und so versprach ich ihm in einem Anflug von Loyalität: „Keine Sorge, Shane. Wohin du gehst, gehe ich auch.“

Doch als ich vor der Tür dieses privaten Raums stand, begriff ich, dass alles nur eine grausame Inszenierung gewesen war. Es war ein Vorwand, um mich aus seinem Leben zu drängen.

„Hasst er mich wirklich so sehr?“

Drinnen redete sein Freund weiter: „Alice steht total auf dich. Was, wenn sie sich da draußen in jemand anderen verliebt?“

„Sie?“ Shane lachte spöttisch, als wäre der Gedanke lächerlich: „Sie ist so loyal, dass sie für mich einstecken würde, ohne mit der Wimper zu zucken. Glaubst du wirklich, sie hört jemals auf, mich zu lieben?“

Sein Freund murmelte: „Keine Ahnung. Aber sie wirkt nicht wie jemand, mit dem man sich anlegt.“

„Unmöglich“, sagte Shane träge. „Unsere Schule ist voll von reichen Leute. Hat sie jemals einem von ihnen mehr als einen flüchtigen Blick geschenkt?“

Seine Stimme triefte vor Geringschätzung, „Sie hängt ständig an mir. Das geht mir auf die Nerven.“

Der Raum brach in scharfes, spöttisches Gelächter aus. Ich wollte weglaufen, doch meine Füße waren wie festgewachsen. Mir blieb nichts anderes übrig, als diese Demütigung zu ertragen.

Einer schnalzte mit der Zunge. „Zum ersten Mal sehe ich jemanden, der ein Mädchen wegstößt, das verrückt nach ihm ist. Respekt, Bruder. Aber wenn sie dich so nervt, warum sagst du es ihr nicht einfach? Sie wirkt nicht wie jemand, der dir nachstellen würde.“

Shane runzelte die Stirn. „Sie ist zu intensiv. So offen mit ihr zu sein, ist nicht so einfach.“

Dann kam der eigentliche Schlag. „Außerdem geht es Esther jedes Mal schlecht, wenn sie Alice sieht. Nur wenn ich bei ihr bin und ihre Hand halte, beruhigt sie sich. Ich mache das für Esther. Alice muss das eben eine Weile aushalten.“

Plötzlich fügte sich alles zusammen wie ein Puzzle. Nur eine Woche nachdem Esther Howell an unsere Schule gewechselt war, hatte Shane begonnen, diese Geschichten vom Mobbing zu erfinden.

„Du bist echt ein Schlauer! Kaum taucht das neue Mädchen auf, bist du schon völlig um den Finger gewickelt?“, lachte jemand. „Aber Esther hat dieses zerbrechliche, beschützenswerte Auftreten, darauf stehen Jungs eben. Alice dagegen ist scharfzüngig und trägt immer diesen kühlen Blick, der alle auf Abstand hält. So schön sie auch ist, das macht es schwer.“

Die anderen stimmten ein und rissen mich in Stücke wie Haie im Fressrausch. Shane hielt sie nicht auf, verteidigte mich nicht einmal. Er nickte sogar zustimmend.

Mein Herz sank in einen dunklen, pochenden Abgrund. Für einen flüchtigen Moment wollte ich die Tür aufstoßen und Antworten verlangen.

Warum hatte er mich belogen? Empfand er auch nur einen Funken Schuld, während ich für ihn litt? Hatten all die Jahre unserer Freundschaft wirklich nichts bedeutet?

Doch die Worte meiner Mutter hallten in mir nach: „Verschwende keine Kraft auf sinnlose Kämpfe. Menschen werden nicht über Nacht verdorben.“

Am Ende drehte ich mich um und ging, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.
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