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Kapitel 4

Author: Alyssa J
„Nia!“

Garrett schrie entsetzt auf und stürzte an mein Bett.

Selbst Lucas riss die Augen auf, und instinktiv streckte er die Hand aus, um die schwankende Gestalt vor sich zu stützen.

Hinter uns brach Lidia plötzlich in theatralisches Schluchzen aus.

„Nia, warum hast du Blutbeutel im Mund versteckt, um uns hereinzulegen? Willst du mir etwa nicht helfen?“

Garrett fuhr herum. Seine Stimme klang finster.

„Was hast du gerade gesagt?“

Lidia blinzelte nervös und stammelte.

„Ich hab gestern zufällig euer Telefongespräch mitgehört. Nia hat gesagt … sie hat gesagt, dass sie heute ein paar Verletzungen vortäuschen muss, damit ihr Mitleid mit ihr habt.“

„Sie hat auch gesagt, dass sie beim vorgetäuschten Suizidversuch Blutbeutel dabei hatte – wenn die platzen, sieht es nur schlimm aus. Ich hab’s erst nicht geglaubt, aber…“

Bevor sie ausreden konnte, fuhr Garrett ihr wütend ins Wort und herrschte mich an:

„Findest du das etwa lustig? Eine Frau mit einem so niederträchtigen Herzen – und du wagst es noch, nach Liebe zu verlangen? Du bist Lidia nicht mal wert, ihr die Schuhe zu binden!“

Lucas’ ausgestreckte Hand erstarrte mitten in der Bewegung.

Der Anflug von Panik in seinen Augen wich rasch noch tieferer Abscheu und Verachtung.

„Hätte ich mir denken können. Für dich gibt es wirklich keine Grenzen. Nia, merk dir eins – kein einziges Wort von dir werde ich je wieder glauben!“

Der aufgewühlte Schmerz und die Verzweiflung in meiner Brust legten sich in diesem Moment seltsamerweise.

Ich sah sie an, sah das kaum merkliche triumphierende Lächeln unter Lidias besorgter Miene, und begriff mit einem Mal, dass jedes weitere Wort sinnlos war.

Ich hob die Hand und wischte mir langsam das Blut von den Lippen. Meine Stimme klang völlig teilnahmslos.

„Einverstanden. Ich spende meine Niere.“

Dann rief ich stumm in meinem Herzen nach der Mondgöttin.

[Göttin, wenn ich bei der Operation sterbe – würde das als Unfalltod gelten?]

Der Seufzer der Göttin hallte in meinem Kopf wider.

[Ja, das würde es.]

Erleichtert ließ ich die Luft entweichen, die ich unbewusst angehalten hatte.

Das war alles, was ich wissen musste.

Denn plötzlich fiel mir mein drittes Ziel wieder ein.

Damine.

Er war der fähigste Heiler der gesamten Werwelt.

Bei allem, was sie für Lidia taten, würde der Chirurg für diese Transplantation zweifellos Damine sein.

Ein düsterer Gedanke durchzuckte mich.

Was, wenn Damine herausfände, dass das Mädchen, mit dem er aufgewachsen war, bei einer von ihm durchgeführten Operation gestorben war? Würde ihn die Reue so zerfressen, dass er nie wieder ein Skalpell in die Hand nehmen könnte?

Andererseits – so wie er gerade zu mir stand, würde er meinen Tod vermutlich eher beklatschen.

Ich verstand es einfach nicht.

Dass Garrett und Lucas mich hassten, konnte ich hinnehmen. Aber warum musste auch Damine mich so verachten?

Sein Zuneigungswert lag sogar noch tiefer als ihrer.

Bevor ich zum Ironwood-Rudel zurückgebracht wurde, war ich ihm mehr wert als sein eigenes Leben gewesen.

Er wurde Heiler, weil ich einmal versehentlich eine Silbervergiftung erlitten hatte und beinahe gestorben wäre.

Damine hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um das Gegenmittel zu finden. Seine Tränen waren heiß auf meiner Haut, als er die Mondgöttin anflehte, sein Leben für meines zu geben.

Nachdem ich wieder gesund war, fasste er den Entschluss, Heiler zu werden – damit er nie wieder so hilflos danebenstehen musste, wenn ich litt.

Nach meiner Rückkehr zum Ironwood-Rudel waren seine Gefühle für mich unverändert geblieben.

Er stellte sich sogar meinetwegen gegen Garrett und Lucas.

Doch nachdem ich Lucas meine Niere gespendet hatte, änderte sich alles.

Als ich aus der Narkose erwachte, war die Wärme aus seinen Augen verschwunden.

Ich hatte meine letzten dreißigtausend Dollar an Ersparnissen ausgegeben, um ihm zu helfen, doch er war blind dafür und glaubte, das Geld stamme von Lidia.

Erst als Lidia vor meinen Augen damit prahlte, erfuhr ich die Wahrheit: Damine hatte dringend Geld gebraucht, um einem Patienten das Leben zu retten.

Da ich die leibliche Tochter des Alphas war, dachte er, ich könnte das Geld leicht entbehren.

Sein Forschungsprojekt würde ihm erst in einem Monat etwas einbringen, also hoffte er auf meine Hilfe – er würde es mir später zurückzahlen.

Aber ich lag im Koma.

In seiner Verzweiflung hatte Damine sich an Lidia gewandt.

Sie sagte bereitwillig zu, lachte ihn aber hinter seinem Rücken aus und nannte ihn einen Narren.

Wenn sie mich schon nicht ausstehen konnte, warum sollte sie dann ausgerechnet ihm helfen?

Doch am nächsten Tag wachte ich auf.

Als ich Damines Bitte erfuhr, überwies ich ihm das Geld ohne zu zögern.

Er glaubte irrtümlich, es sei von Lidia gewesen, und verlor jegliches Vertrauen in mich.

Und Lidia – als Damine sich bei ihr bedankte, behauptete sie einfach, sie sei von Anfang an diejenige gewesen, die ihm geholfen hatte.

Garrett und Lucas schienen jetzt von meiner plötzlichen Zustimmung überrascht.

„Das ist hoffentlich dein Ernst. Wenn du bei dieser OP irgendwelche Spielchen treibst, weißt du, was dir blüht!“

Ich senkte den Blick und verbarg jede Regung in meinen Augen.

„Werde ich nicht. Keine Sorge. Aber wenn die OP vorbei ist – könntet ihr in meinem Zimmer auf mich warten? Ich habe etwas für euch.“

Garrett warf mir einen seltsamen Blick zu, brummte aber nur zur Bestätigung.

Vermutlich dachte er, es sei wieder irgendein Geschenk, mit dem ich mich bei ihm einschmeicheln wollte.

Bevor sie gingen, blieb Lidia zurück und wartete, bis wir allein waren.

Sie flüsterte so leise, dass nur ich es hören konnte:

„Siehst du? Garrett, Lucas, sogar deine Niere … alles wird mir gehören. Was bildest du dir eigentlich ein, mir wegnehmen zu wollen, was mir zusteht? Krepier endlich, du Miststück!“

Um keine Zeit zu verlieren, legten sie die OP auf den nächsten Tag, obwohl mein Körper sich noch nicht erholt hatte.

Die grellen OP-Lampen flammten auf – kalt und gnadenlos.

Damine betrat den Raum in seinem Kittel.

Die Narkose wirkte schnell.

In meinem Dämmerzustand dachte ich daran, dass er es gewesen war, der damals meine Niere in Lucas verpflanzt hatte.

Nun würde er mir auch die andere nehmen.

Eine solche OP verlangte ihm nicht seine volle Aufmerksamkeit ab.

Während er das Organ entnahm, überlegte er bereits, wie er sich danach bei Lidia erkenntlich zeigen könnte – eine OP dieses Ausmaßes war schließlich kräftezehrend.

Was mich betraf…

Er sann nach.

Da ich Lidia freiwillig eine Niere spendete, könnte er es vielleicht über sich bringen, mir zu vergeben.

Wenn ich versprach, Lidia für den Rest meines Lebens nie wieder etwas anzutun, würde er gut zu mir sein.

Schließlich waren wir zusammen aufgewachsen. Selbst wenn ich mich in den letzten Jahren verändert hatte – mit der Zeit konnte er mir helfen, wieder ein guter Mensch zu werden.

Genau in diesem Moment wurde der Assistent, der die ganze Zeit über die Monitore im Blick gehabt hatte, kreidebleich.

Mit zitternder Stimme schrie er:

„Damine, halt! Wir dürfen die Niere nicht entnehmen – sie hat nur noch eine!“
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