Die Insel der Stille

Die Insel der Stille

last updateLast Updated : 2026-06-07
By:  AzillaOngoing
Language: Deutsch
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Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt Mara Weber widerwillig auf eine abgelegene Insel an der norddeutschen Küste zurück – einen Ort, den sie seit ihrer Kindheit verdrängt hat. Was als kurze Reise zur Auflösung eines alten Hauses beginnt, entwickelt sich schnell zu einem Albtraum aus Erinnerungen, Geheimnissen und Stimmen aus der Tiefe. Die Insel wirkt verlassen, doch überall begegnen Mara seltsame Zeichen: Menschen verschwinden spurlos, Kinder sprechen von einer Frau im Meer, und nachts scheint das Wasser ihren Namen zu flüstern. Gemeinsam mit ihrer Freundin Lena und dem geheimnisvollen Jonas stößt Mara auf die Überreste eines verborgenen Forschungsprojekts namens Marea, das seit Jahrzehnten Experimente mit einer unbegreiflichen Macht unter dem Meer durchgeführt hat. Je tiefer Mara in die Wahrheit eintaucht, desto mehr verliert sie das Vertrauen in ihre eigenen Erinnerungen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beginnen miteinander zu verschmelzen. Sie entdeckt, dass ihre Verbindung zur Insel älter ist, als sie je ahnte – und dass eine dunkle Version ihrer selbst versucht, die Grenzen zwischen Realität und Erinnerung endgültig zu zerstören. Doch im Zentrum aller Geheimnisse steht nicht nur das Meer, sondern die Frage, wie weit Menschen gehen würden, um Verlust rückgängig zu machen. Die Insel der Stille ist ein atmosphärischer Mystery-Thriller voller emotionaler Wendungen, düsterer Geheimnisse und psychologischer Spannung. Zwischen stürmischer Küste, vergessenen Tunneln und einem Meer, das niemals vergisst, erzählt der Roman von Trauer, Erinnerung, Liebe und der schwierigen Kunst des Loslassens. Für Leserinnen und Leser von düsterem Suspense, emotionaler Mystery und geheimnisvollen Geschichten mit Gänsehautgarantie.

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Chapter 1

Kapitel 1 – Der Wecker

Der Wecker klingelte um 5:12 Uhr.

Das Geräusch durchschnitt die Dunkelheit wie ein Messer.

Mara bewegte sich nicht sofort. Sie lag regungslos unter der dünnen grauen Decke und starrte an die Zimmerdecke, während das schrille Klingeln weiter durch die kleine Wohnung hallte.

Draußen regnete es.

Nicht laut. Nicht stürmisch.

Nur dieser gleichmäßige, endlose Regen, der gegen das Fenster ihres Schlafzimmers tropfte und die Stadt in einen grauen Schleier verwandelte.

Früher hatte Mara Regen geliebt.

Als Kind hatte sie stundenlang am Fenster gesessen und den Tropfen zugesehen, die langsam das Glas hinunterliefen. Damals hatte Regen nach Zuhause geklungen.

Heute klang er nur noch nach einem weiteren Arbeitstag.

Das Klingeln hörte auf.

Für wenige Sekunden wurde es still.

Dann vibrierte ihr Handy auf dem Nachttisch.

Mara schloss die Augen.

Nicht jetzt.

Bitte nicht jetzt.

Doch das Handy vibrierte erneut.

Und erneut.

Langsam drehte sie den Kopf.

Das kalte Licht des Bildschirms schnitt durch die Dunkelheit.

17 neue E-Mails.

Vier verpasste Anrufe.

Drei Nachrichten ihrer Chefin.

Mara starrte einige Sekunden lang einfach nur darauf.

Es fühlte sich absurd an.

Der Tag hatte noch nicht einmal richtig begonnen, und trotzdem war sie bereits zu spät.

Zu spät mit Antworten.

Zu spät mit Präsentationen.

Zu spät mit Erwartungen.

Vielleicht, dachte sie plötzlich, war sie eigentlich schon seit Jahren zu spät.

Der Gedanke kam leise.

Und blieb.

Mühsam setzte sie sich auf.

Ihr Rücken schmerzte vom wenigen Schlaf. Die Luft im Schlafzimmer war kühl. Irgendwo zog es durch das alte Fenster.

Die Wohnung war klein. Zwei Zimmer im achten Stock eines grauen Wohnblocks, eingeklemmt zwischen anderen Wohnungen, anderen Leben, anderen Menschen, die morgens wahrscheinlich genauso erschöpft aufwachten wie sie.

Manchmal fragte Mara sich, wie viele Menschen in dieser Stadt heimlich unglücklich waren.

Wie viele morgens aufstanden, obwohl jeder Teil ihres Körpers liegen bleiben wollte.

Wie viele lächelten, obwohl sie längst keine Kraft mehr dafür hatten.

Sie griff nach ihrem Handy.

Die erste Nachricht war von ihrer Chefin.

„Wo bleiben die Zahlen für die Kampagne?“

Die zweite:

„Der Kunde macht Druck.“

Die dritte:

„Bitte sofort melden.“

Kein Guten Morgen.

Keine Frage, ob sie überhaupt geschlafen hatte.

Mara legte das Handy langsam wieder weg.

In ihrer Brust breitete sich diese vertraute Schwere aus.

Sie fühlte sich nicht traurig.

Nicht einmal wirklich wütend.

Nur leer.

Als hätte jemand über Jahre hinweg Stück für Stück alles aus ihr herausgetragen, bis nur noch Müdigkeit übrig geblieben war.

Draußen rauschte ein Bus durch die nasse Straße.

Das Geräusch hallte zwischen den Häusern wider.

Die Stadt wachte auf.

Und Mara hatte plötzlich das Gefühl, dass sie selbst nie wirklich geschlafen hatte.

Langsam stand sie auf.

Der Holzboden war kalt unter ihren Füßen.

Im Badezimmer war das Licht grell. Zu grell für diese Uhrzeit.

Mara blinzelte ihrem Spiegelbild entgegen.

Für einen kurzen Moment erkannte sie sich selbst nicht.

Die Frau im Spiegel wirkte älter als neunundzwanzig.

Müde Augen.

Blasse Haut.

Dunkle Schatten unter den Lidern.

Wann genau war sie so geworden?

Sie erinnerte sich verschwommen an eine andere Version von sich selbst.

Eine jüngere Mara, die unbedingt reisen wollte.

Die fotografieren wollte.

Die davon träumte, einmal am Meer zu leben.

Früher hatte sie überall kleine Bilder von Inseln gesammelt. Ausschnitte aus Zeitschriften, Fotos von Stränden, Postkarten mit türkisfarbenem Wasser.

Ihre Mutter hatte immer darüber gelacht.

„Du wärst für so ein Leben viel zu ungeduldig“, hatte sie gesagt.

Vielleicht hatte sie recht gehabt.

Oder vielleicht war Mara einfach nie lange genug stehen geblieben, um herauszufinden, wer sie eigentlich sein wollte.

Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt die Hände unter das kalte Wasser.

Für einen Moment schloss sie die Augen.

Atmen.

Einfach nur atmen.

Doch selbst das fühlte sich inzwischen anstrengend an.

In der Küche roch es nach abgestandenem Kaffee.

Eine halbleere Tasse stand noch auf dem Tisch vom Vorabend. Daneben lagen ungeöffnete Briefe und ein Notizbuch voller hastig geschriebener Termine.

Mara stellte die Kaffeemaschine an.

Das vertraute Geräusch erfüllte die stille Wohnung.

Früher hatte sie diesen Moment morgens geliebt.

Der erste Kaffee.

Die Ruhe vor dem Tag.

Heute war selbst die Ruhe erschöpft.

Während die Maschine arbeitete, trat Mara ans Fenster.

Von hier oben konnte sie einen Teil der Stadt sehen.

Graue Dächer.

Nasse Straßen.

Menschen mit dunklen Regenschirmen.

Alles wirkte farblos.

Als hätte jemand der Welt langsam alle Farben genommen.

Unten an der Kreuzung wartete ein Mann im Regen auf die grüne Ampel. Neben ihm stand ein kleines Mädchen in einer gelben Regenjacke.

Die Farbe leuchtete hell zwischen all dem Grau.

Das Mädchen sprang absichtlich in eine Pfütze.

Wasser spritzte hoch.

Und obwohl Mara das Gesicht des Kindes nicht erkennen konnte, wusste sie sofort, dass es lachte.

Ein seltsamer Schmerz zog durch ihre Brust.

Wann hatte sie aufgehört, sich über solche Dinge zu freuen?

Vielleicht war das Erwachsenwerden genau das:

Zu vergessen, wie man stehen bleibt.

Die Kaffeemaschine piepte.

Mara nahm die Tasse und setzte sich an den kleinen Küchentisch.

Ihr Handy vibrierte erneut.

Diesmal ignorierte sie es.

Der Regen lief langsam am Fenster hinunter.

Eine einzelne Tropfenspur zog sich schief über das Glas.

Mara beobachtete sie gedankenverloren.

Und plötzlich überkam sie eine seltsame Müdigkeit.

Nicht körperlich.

Tiefer.

Eine Müdigkeit, die irgendwo in ihrer Seele saß.

Sie dachte an den heutigen Tag.

An das Büro.

An Bildschirme und Stimmen und künstliches Licht.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit fragte sie sich ehrlich:

Wie lange halte ich das eigentlich noch aus?

Die Frage erschreckte sie.

Weil sie keine Antwort darauf wusste.

Vielleicht hatte sie zu lange versucht, stark zu sein.

Zu lange so getan, als wäre alles in Ordnung.

Menschen bemerkten Erschöpfung selten sofort.

Sie kam leise.

Tag für Tag.

Bis irgendwann selbst kleine Dinge schwer wurden.

Aufstehen.

Antworten.

Lächeln.

Weiterfunktionieren.

Mara trank einen Schluck Kaffee.

Er war bitter.

Draußen begann der Himmel langsam heller zu werden.

Ein neuer Tag.

Noch einer.

Und während die Stadt unter Regen und grauen Wolken erwachte, ahnte Mara noch nicht, dass ihr Leben bereits begonnen hatte, sich zu verändern.

Ganz langsam.

Fast unmerklich.

Wie die ersten Bewegungen einer Welle weit draußen auf offenem Meer.

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J. C. Veyra
J. C. Veyra
So eine bewegende Geschichte
2026-05-26 07:14:26
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