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Kapitel 4 – Die Risse

Autor: Azilla
last update Data de publicação: 2026-05-10 22:17:20

Gegen Mittag fühlte sich das Büro an wie ein geschlossener Raum ohne Luft.

Die Lampen an der Decke summten monoton. Bildschirme warfen kaltes Licht auf müde Gesichter. Irgendwo lief ein Drucker ohne Pause, als würde selbst die Maschine keine Ruhe mehr finden.

Mara saß regungslos vor ihrem Computer.

Die Zahlen auf dem Bildschirm verschwammen zunehmend vor ihren Augen.

Sie hatte seit Stunden kaum gesprochen.

Nur genickt.

Geantwortet.

Funktioniert.

Doch tief in ihr breitete sich etwas aus, das sie nicht mehr ignorieren konnte.

Eine Erschöpfung, die tiefer ging als Müdigkeit.

Es fühlte sich an, als hätte ihr Inneres aufgehört, mitzukommen.

Als würde ihr Körper noch hier sitzen, während irgendein anderer Teil von ihr langsam weiter forttrieb.

„Die neuen Entwürfe müssen sofort raus.“

Die Stimme ihrer Chefin durchschnitt ihre Gedanken.

Mara hob den Blick.

„Ich arbeite daran.“

„Der Kunde wartet.“

Natürlich wartet er.

Alle warteten immer auf irgendetwas.

Mehr Arbeit.

Mehr Leistung.

Mehr Zeit.

Und sie gab ständig alles her, bis kaum noch etwas von ihr selbst übrig war.

Ihre Chefin verschwand wieder zwischen den Schreibtischen.

Mara spürte plötzlich das Bedürfnis aufzustehen.

Einfach aufzustehen und zu gehen.

Nicht dramatisch.

Nicht laut.

Einfach hinauslaufen.

Ohne Erklärung.

Ohne Abschied.

Der Gedanke erschreckte sie.

Weil er sich nicht falsch anfühlte.

Sie blickte zu Jonas hinüber.

Er arbeitete mit Kopfhörern, leicht nach vorne gebeugt, vollkommen konzentriert. Trotzdem wirkte selbst er heute erschöpft.

Vielleicht, dachte Mara plötzlich, waren hier alle müde.

Vielleicht versteckten sie es nur unterschiedlich gut.

Der Regen draußen hatte inzwischen aufgehört. Zwischen den Wolken erschien fahles Licht und spiegelte sich blass in den Glasfassaden der umliegenden Hochhäuser.

Mara erinnerte sich daran, wie sie als Kind manchmal stundenlang Wolken beobachtet hatte.

Sie hatte Formen darin gesehen.

Geschichten.

Länder.

Tiere.

Damals hatte die Welt größer gewirkt.

Heute bestand sie hauptsächlich aus Bildschirmen.

Ihr Brustkorb zog sich enger zusammen.

Sie atmete tief ein.

Zu schnell.

Plötzlich nahm sie jedes Geräusch gleichzeitig wahr.

Telefone.

Stimmen.

Tastaturen.

Schritte.

Alles wurde lauter.

Zu laut.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

Mara versuchte weiterzuarbeiten.

Doch ihre Finger zitterten leicht auf der Tastatur.

Ein Fehler.

Noch einer.

Die Buchstaben verschwammen.

„Verdammt.“

Sie löschte die Zeile wieder.

Atmen.

Einfach atmen.

Aber die Luft fühlte sich plötzlich dünn an.

Zu warm.

Zu eng.

Sie lockerte mechanisch den Kragen ihrer Bluse.

Keine Wirkung.

In ihren Ohren rauschte Blut.

Ihre Gedanken überschlugen sich.

Nicht jetzt.

Bitte nicht hier.

Sie wusste plötzlich genau, was passierte.

Vor Monaten hatte sie einmal nachts einen Artikel über Panikattacken gelesen.

Damals hatte sie gedacht:

So etwas passiert anderen Menschen.

Nicht ihr.

Mara stand abrupt auf.

Der Stuhl rollte gegen den Schreibtisch.

Jonas blickte sofort auf.

„Hey.“

„Ich brauche nur kurz frische Luft.“

Ihre eigene Stimme klang fremd.

Zu dünn.

Zu hektisch.

Sie ging schnell den Flur entlang.

Vorbei an Glaswänden.

Besprechungsräumen.

Menschen mit Kaffeebechern.

Alles wirkte plötzlich unwirklich.

Wie eine Szene hinter Glas.

Ihre Schritte wurden schneller.

Die Toilettentür fiel hinter ihr ins Schloss.

Endlich Stille.

Mara griff sofort nach dem Waschbeckenrand.

Ihr Herz raste.

Sie versuchte tief einzuatmen.

Doch die Luft erreichte ihre Lungen nicht richtig.

Das grelle Licht spiegelte sich im großen Wandspiegel.

Langsam hob sie den Kopf.

Und sah sich selbst an.

Blasse Haut.

Angespannte Schultern.

Angst in den Augen.

Sie erkannte diese Frau kaum wieder.

Wann genau war aus ihr jemand geworden, der morgens schon erschöpft aufwachte?

Jemand, der Angst vor E-Mails hatte.

Jemand, der sein eigenes Leben nur noch aushielt, anstatt es zu leben.

Mara schloss die Augen.

In ihrem Kopf tauchten plötzlich Bilder auf.

Meer.

Wind.

Wellen.

Keine Bildschirme.

Keine Stimmen.

Nur Ruhe.

Der Gedanke kam so unerwartet, dass sie beinahe weinen musste.

Sie erinnerte sich an die Ferien am Meer damals.

An den Geruch von Salz in der Luft.

An warme Abende am Strand.

An dieses Gefühl von Freiheit.

Damals hatte sie geglaubt, Erwachsene würden irgendwann glücklich werden.

Jetzt wusste sie:

Viele wurden einfach nur besser darin, ihre Erschöpfung zu verstecken.

Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel.

Dann noch eine.

Mara presste die Lippen zusammen.

Sie wollte nicht weinen.

Nicht hier.

Doch plötzlich war es, als würde etwas jahrelang Zurückgehaltenes in ihr aufbrechen.

Nicht laut.

Eher still.

Wie ein Damm, der langsam Risse bekommt.

Warum bin ich eigentlich noch hier?

Die Frage traf sie mit voller Wucht.

Und schlimmer noch:

Sie wusste keine Antwort mehr darauf.

Nicht Geld.

Nicht Karriere.

Nicht Erfolg.

Nichts davon fühlte sich plötzlich wichtig genug an, um dafür langsam kaputtzugehen.

Draußen hörte sie gedämpfte Stimmen hinter der Tür.

Die Welt lief weiter.

Immer weiter.

Als wäre nichts passiert.

Vielleicht, dachte Mara bitter, bemerkte die Welt erst etwas, wenn Menschen vollkommen zusammenbrachen.

Vorher galten sie einfach als belastbar.

Sie ließ kaltes Wasser über ihre Hände laufen.

Langsam beruhigte sich ihr Atem.

Doch etwas hatte sich verändert.

Sie spürte es.

Klein.

Fast unsichtbar.

Aber unwiderruflich.

Als hätte ein Teil von ihr zum ersten Mal aufgehört zu glauben, dass sie dieses Leben für immer ertragen musste.

Mara trocknete langsam ihr Gesicht.

Dann blieb sie noch einen Moment regungslos vor dem Spiegel stehen.

Und tief in ihrem Inneren entstand zum ersten Mal ein Gedanke, der sich gefährlich anfühlte.

Vielleicht will ich gar nicht mehr zurück in dieses Leben.

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