Se connecterSamiyas Sicht
„Verlass uns“, war das Einzige, was Meidran zu sagen hatte, seit er mich aus meinem Zuhause – oder besser gesagt, aus dem, was einmal mein Zuhause gewesen war – entführt hatte.
Ich genoss zwar die Tatsache, dass keine finsteren Wachen mehr mit uns gingen, aber die Stille, die uns umgab, gefiel mir nicht.
Scarlet, meine Wölfin, war ebenfalls nicht erfreut darüber, dass unsere Gefährtin verstummt war. Ich spürte ihr ständiges Nörgeln im Hinterkopf und konnte es ihr nicht verdenken. Obwohl wir unsere Gefährtin erst vor Kurzem entdeckt hatten, wurde der Drang, eine Bindung zu Meidran und seiner Wölfin aufzubauen, fast erdrückend.
„Die Mondgöttin ist wirklich wundervoll. Ich habe mir immer einen guten Gefährten gewünscht, und wie groß ist die Wahrscheinlichkeit? Ausgerechnet du, Meidran, bist mein Gefährte geworden. Wir haben uns vielleicht mal auseinandergelebt, aber ich bin froh, dass mein Gefährte wenigstens mein bester Freund aus Kindertagen ist“, sagte ich, in der Hoffnung, damit ein Gespräch anzustoßen.
Falls Meidran irgendetwas von dem, was ich sagte, gehört hat, ließ er es sich nicht anmerken.
Seine Gleichgültigkeit half Scarlets Nörgelei kein bisschen.
Er ging den steinigen Pfad weiter entlang, ich trottete hinter ihm her. Manchmal versuchte ich, mit ihm Schritt zu halten, aber der Mann machte es mir schwer.
„Meidran, könntest du bitte langsamer machen?“, flüsterte ich diesmal etwas lauter.
Der Mann blieb schließlich stehen. Langsam drehte er sich zu mir um, und als sich unsere Blicke trafen, fühlte es sich an, als ob mir die Luft aus den Lungen geschlagen worden wäre; ich war atemlos.
Seine sanften, honigbraunen Augen trafen auf meine kleinen, smaragdgrünen, und ich spürte ein prickelndes Gefühl in der Luft. Es musste die Seelenbindung sein. Ich redete mir immer wieder ein, dass dieses Kribbeln nur von der Gefährtenbindung kam, doch die Tatsache, dass meine Kindheitsliebe zu Meidran nie wirklich verschwunden war, erinnerte mich immer wieder.
Es war nicht nur die Gefährtenbindung. Es war die gemeinsame Geschichte, die ich mit diesem Mann hatte.
Nach wenigen Schritten stand er vor mir. Er atmete tief durch und fuhr sich mit der Hand durch sein silberblondes Haar. „Miya… Samiya…“
„Miya“, korrigierte ich und trat einen Schritt vor, um den Abstand zwischen uns weiter zu verringern. „Du hast mich immer Miya genannt, als wir klein waren. Ich weiß, dass wir uns auseinandergelebt haben, und obwohl ich damals wütend war, verstehe ich inzwischen, warum die Dinge so gelaufen sind, Meidran. Ich war… ich bin ein Omega, und du warst der Sohn des alten Beta des Rudels. Du musstest den Schein wahren, und deshalb mussten wir den Kontakt abbrechen, aber das müssen wir jetzt nicht mehr, Meidran.“
Die Mondgöttin hat uns zu Gefährten bestimmt, sodass wir uns nicht länger verstecken oder voneinander fernbleiben müssen… Status spielt keine Rolle mehr, Meidran. Also bitte, nenn mich Miya. Bitte.“
Mit jedem Wort und jedem Satz, den ich sprach, pochte es laut in meiner Brust, ein Echo in meinen Ohren und meinem Kopf. Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass mein Leben so reibungslos verlaufen würde, ohne dass ich einen Finger rühren müsste. Und nun, da das Schicksal sich meinen Wünschen angepasst hatte, war ich fest entschlossen, das Beste daraus zu machen und meine Dankbarkeit so gut wie möglich auszudrücken.
Meidrans Lippen verzogen sich zu einem sanften Lächeln, durch das seine perlweißen Zähne hervorblitzten. „Gut. Ich nenne dich Miya, aber du musst erst mit mir irgendwohin kommen, bevor wir weiterreden können.“
„Wohin fahren wir?“, fragte ich leicht verwirrt und zog eine Augenbraue hoch.
„Vertraust du mir?“ Meidrans Lächeln wurde noch breiter.
Für eine Frau wie mich war eine unserer wichtigsten Regeln, niemandem zu vertrauen, vor allem keinem Kerl mit einem zusätzlichen Schwanz zwischen den Beinen. Aber das war nicht irgendwer, nicht irgendein Mann. Das war Meidran.
Mein Meidran.
Sicher, er hatte mich in der Vergangenheit verletzt, aber nicht mit Absicht. Meidran würde mir niemals absichtlich wehtun. Der Meidran, den ich kannte, könnte das nicht ertragen.
Außerdem hätte Scarlet mir niemals erlaubt, zu unserem Partner Nein zu sagen.
Ich fasste mir ein Herz und nickte.
Er streckte mir die Hand entgegen, und ich legte meine hinein, wodurch sich das Kribbeln in meinem Bauch ausbreitete. Nur so konnte sich Scarlet schließlich beruhigen.
Wir waren noch nicht lange gelaufen, als wir den Zentralmarkt von Etrana erreichten.
Meidran und ich gingen nun Hand in Hand, was wohl den meisten Passanten Blicke einbrachte. Ich war es gewohnt, überall angestarrt zu werden, da ich als die berüchtigte Dirne des Rudels war. Noch schlimmere Blicke waren mir auch in Begleitung von Männern nicht fremd, aber die seltsamen Blicke, die ich in Meidrans Gegenwart erntete, waren neu für mich.
Das beklemmende Gefühl in meinem Herzen verschlimmerte sich, als ich anfing, einige der Flüsterstimmen zu hören.
Was treibt Beta Meidran da? Weiß er denn nicht, dass er sich nicht mit jemandem wie ihr herumtreiben sollte?
Ist Beta Meidrans Spiel so schwach geworden, dass er sich die Dienste der Dirne von Etrana suchen muss?
Ist das nicht die Dirne von Etrana? Ich habe gehört, dass sie der Grund dafür war, dass Xavier und seine Gefährtin Probleme bekamen.
Was wird sein Vater sagen, wenn er davon hört?
Die Gerüchte über mich hatten mich früher nie gestört. Ich wusste, wer ich war, und schämte mich nicht dafür. Was mich aber sehr beunruhigte, war, wie Meidran das alles aufnahm.
Ich senkte den Kopf und umarmte Meidran noch fester, während wir mühsam vorwärtsstapften. Sein Körper versteifte sich neben mir, aber ich ignorierte es und versuchte mir einzureden, dass es nichts zu bedeuten hatte.
Vielleicht war das Schicksal doch nicht die ganze Zeit auf meiner Seite, und vielleicht habe ich mich einfach zu schnell gefreut, weil das die einzige Erklärung war, die ich mir für das geben konnte, was dann geschah.
Ein Mann rannte vor uns her und stellte sich vor uns. Anhand seiner Tunika, der goldenen Knöpfe und des an seiner Hüfte befestigten Schwertes konnte ich nur vermuten, dass er einer der Wachen des Alphas war.
Der Mann verbeugte sich, stand dann auf und räusperte sich. „Ich möchte Ihr Treffen mit äh…“ Er warf mir einen kurzen Blick zu, bevor er seinen Blick wieder Meidran zuwandte, „mit äh… der Dirne von Etrana nur ungern stören, aber Ihr Vater sucht Sie. Er muss Sie jetzt sehen und… er sieht auch nicht gerade glücklich aus.“
Meidran zog seine Hand aus meiner zurück, und obwohl ich bei dieser einen Geste einen kleinen Schmerzstoß durch mein Herz spürte, blieben die Funken auf meiner Hand noch spürbar.
Mir schoss das Blut in die Wangen, ich trat einen Schritt von ihm zurück und hielt meine Hände hinter dem Rücken.
„Vielen Dank für die Information. Sie können jetzt gehen“, sagte Meidran zu der Wache, die sich daraufhin noch einmal verbeugte und ging, aber nicht ohne mir vorher noch einen neugierigen Blick zuzuwerfen.
„Also fahren wir jetzt zum Palast? Wolltest du mich die ganze Zeit dorthin mitnehmen?“, hakte ich nach, um die unangenehme Stille zu vertreiben, die sich irgendwie zwischen uns eingeschlichen hatte.
Meidran steckte die Hände in die Taschen, und sein warmes Lächeln, das er mir eben noch geschenkt hatte, war einem gezwungenen Ausdruck gewichen. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Nein, so hatte ich mir das überhaupt nicht vorgestellt.“
Das Gefühl der Vorahnung, das ich zuvor verspürt hatte, wuchs und umklammerte mein Herz mit seinen Krallen, bis ich einen leichten Schmerz verspürte.
Als ich mich umsah, bemerkte ich, dass die Blicke noch intensiver geworden waren. Es fühlte sich an, als wäre irgendwie eine Bühne geschaffen worden und Meidran und ich wären hineingedrängt worden, mit einem gespannten Publikum, das unserem Schauspiel lauschte.
Ich schluckte.
Ich unterdrückte ein Lachen und versuchte zu vergessen, dass uns nun alle anstarrten. „Also, wohin… wohin wolltest du mich denn dann mitnehmen?“
Er schnaubte verächtlich. „Es spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich dachte, ich könnte dieses Chaos still und leise beseitigen. Ich dachte, ich könnte das dumme Durcheinander, das die Mondgöttin angerichtet hat, wieder gutmachen, aber ich kann es nicht. Ich kann es einfach nicht! Ich kann nicht so tun, als wäre ich an einer Frau wie dir interessiert, geschweige denn mich mit dir in der Öffentlichkeit sehen lassen wollen, um Himmels willen!“
Ich hatte schon einmal Schmerz gespürt. Ich hatte ihn gespürt, als mein Vater meine Mutter und mich verließ. Ich hatte ihn gespürt, als ich zum ersten Mal mit einem Mann schlafen musste, nur damit meine Mutter und ich am nächsten Tag etwas zu essen hatten. Verdammt, ich hatte ihn gespürt, als ich vierzehn war und Meidran mich zum ersten Mal ignorierte und später aufhörte, mit mir zu reden, aber das hier, das fühlte sich anders an.
Mir stiegen die Tränen in die Augen und ich blickte mich erneut um und sah, dass die Menschenmenge um uns herum noch größer geworden war.
Scheiß auf mein Glück.
„Samiya, das darf nicht wahr sein. Unser... unser Partner kann das unmöglich so gemeint haben.“Ich hörte Scarlet wimmern, aber sie irrte sich. Anders als ich war sie naiv. Sie sah die Welt nicht, wie sie wirklich war: grausam und unerbittlich.
„Überlass mir das einfach, Scarlet.“Ich habe telepathisch Kontakt zu ihr aufgenommen, um zu verhindern, dass sich mein Ärger in meinem Tonfall widerspiegelt, aber ich hatte das Gefühl, dass mir das kläglich misslungen sein musste.
Ich hörte nur noch ein leises Geräusch der Ablehnung, bevor sie völlig verstummte.
Ich hielt den Kopf hoch und klammerte mich an den letzten Rest meines Stolzes, als ich mit erstickter Stimme hervorbrachte: „Liegt es daran, dass ich ein Omega bin, Meidran? Ich dachte, das spiele keine Rolle mehr. Ist es so schwer, über meine Herkunft hinwegzusehen? Ist es meine Schuld, dass ich so geboren wurde?“
Meidran nahm die Hände aus den Taschen und verschränkte die Arme vor der Brust. Seine Mundwinkel zuckten, und er verdrehte die Augen. „Es geht nicht nur darum, Samiya. Es geht darum, dass du überhaupt jemals gedacht hast, es wäre eine gute Idee, dich zu prostituieren. Insofern hattest du die Wahl. Du hattest immer die Wahl.“
Ich werde keine Frau wie dich als Gefährtin akzeptieren, die im ganzen Rudel als die Dirne von Etrana bekannt ist! Ich weigere mich, meinen Ruf auf diese Weise zu beschmutzen und eine Partnerin zu haben, die sich selbst nicht genug wertschätzte, um ihre Reinheit für den Richtigen zu bewahren.“
Jedes Wort traf mich wie ein frisch geschärfter Dolch. Mir wurde etwas schwindelig, ich hielt mir die Brust und wich zurück. Der Schmerz verwandelte sich langsam in Wut. Ich hatte es satt, als minderwertig angesehen und für die Entscheidungen verantwortlich gemacht zu werden, die ich nur zum Überleben treffen musste. Ich hatte es satt, mit Füßen getreten und wie Dreck behandelt zu werden.
Tränen rannen mir über die Wangen und mein Atem ging immer schwerer. „Und als du mich damals, als wir noch Kinder waren, verlassen hast? Was war dein Grund dafür?!“, schrie ich.
„Verstehst du denn nicht, wie das Rangsystem funktioniert?! Hast du wirklich geglaubt, der Sohn eines Betas könnte seine Tage damit verbringen, mit einem dummen Omega herumzualbern, der nicht einmal die einfachsten Kurse von damals bewältigen konnte!“
Ich wischte mir die Tränen von den Wangen und schnaubte verächtlich. „Aha, das war also der wahre Grund, warum du mich als Kinder verlassen hast. Du hattest Angst, mit so einem dummen, minderwertigen Omega in Verbindung gebracht zu werden, nicht wahr? Ich war von Anfang an nicht gut genug für dich, oder?“
Beta Meidran.
Ich betonte seinen Namen und Titel, als ob mich die beiden Wörter zusammen widerlich fänden.
Der Narr ballte die Fäuste. „Ja. Ja, genau das ist es. Dass du als Omega geboren wurdest, hat dir das Leben zur Hölle gemacht, und jetzt, wo du die kluge Entscheidung getroffen hast, die berühmte Prostituierte der Stadt zu werden, bist du mir noch widerlicher. Jetzt kannst du endlich deine verdrehte und verblendete Vorstellung von uns vergessen.“
Ich spürte, wie mein Wolf immer schwächer wurde, während Meidran weiterredete. Mein Herz zerbrach in tausend Stücke, die in meine tiefsten Abgründe sanken und jegliches Kribbeln in meinem Bauch erstickten.
Mein Kopf begann zu schmerzen und ich war mir sicher, dass meine Augen rot unterlaufen waren, aber das war mir egal. Ich hielt den Kopf hoch und kniff die Augen zusammen, als ich Meidran anstarrte. „Ich hasse dich, Meidran Hall!“
Meidran versuchte, an mir vorbeizugehen, aber ich war noch nicht fertig.
„Du versuchst schon wieder, dich von mir abzuwenden, nicht wahr? Das kannst du am besten, nicht wahr? Du läufst vor allem davon, wofür du einfach nicht die Eier hast! Dich zu stellen!“
Das Gemurmel im Hintergrund wurde noch lauter, aber ich war schon längst weg. Ich war in einem Abgrund aus Schmerz und Selbstmitleid versunken.
Meidran drehte sich wieder zu mir um. Diesmal glühten seine Augen vor einer Emotion, die seine braunen Pupillen beinahe schwarz erscheinen ließ, und fast augenblicklich spürte ich, was als Nächstes kommen würde.
„Tu es!“, zischte ich.
„Ich, Beta Meidran Hall vom Etrana-Rudel, weise dich, Samiya Cordova, als meine Gefährtin zurück und löse hiermit jegliche Bindung, die uns möglicherweise verbindet.“
Scarlet schwieg nicht länger. Ein lautes Heulen hallte in meinem Kopf wider und ich spürte, wie sie drohte, die Kontrolle zu übernehmen, aber ich war stark genug, sie in Schach zu halten.
Wozu ich nicht stark genug war, war, meine Gefühle unter Kontrolle zu halten.
Mein Widerstand schwand, und ich wich zurück und umklammerte meine Brust, als könnte ich so den Schmerz lindern, der bereits zu eitern begann. Die Schwäche überwältigte mich, und ich sank auf die Knie. Ich spürte ein Brennen in meinen Adern, das die einstigen Funken ersetzte, und in meinem Kopf hallte nur ein Wort wider: Rache.
„Ich, Samiya Cordova, die Dirne von Etrana, die niedere Omega, die du so schrecklich verachtest, akzeptiere deine Zurückweisung, Beta Meidran.“
Samiyas Sicht„Ich hätte niemals wiedergeboren werden dürfen – nicht einmal damals als Helene. All dieses Elend hat allein meinetwegen begonnen! Dieser ganze Wahnsinn wäre niemals geschehen, wenn ich tot geblieben wäre… und jetzt bin ich bereit, alles wiedergutzumachen.“ Ich legte schützend eine Hand auf meinen Bauch. „Bitte verschone mein ungeborenes Kind. Es ist noch nicht einmal voll entwickelt… Lass alle anderen am Leben! Ich bin bereit, mein eigenes Dasein als Opfer darzubringen. Mir hätte ohnehin nie gestattet werden dürfen weiterzuleben.“Esmeralda kicherte leise. Es war ein heiserer, unheimlicher Laut, der binnen Sekunden zu einem schallenden, grausamen Gelächter anschwoll. „Glaubst du im Ernst, meine Mütter und Schwestern hätten diesen billigen Trick nicht bedacht? Dein törichter Gefährte würde deine Seele doch nur wieder aus dem Jenseits zerren! Und selbst wenn nicht…“, sie neigte spöttisch den Kopf, während ihre Augen vor Bösartigkeit funkelten, „…nichts auf dieser Welt bir
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