LOGINSie dachte, die Familie ihres Mannes sei ihre Hölle. Doch in jener Nacht, im Wald, lernte sie ein anderes Feuer kennen. Nackt erwacht, blutend, ohne Erinnerung. Ein Bauch, der sich rundet. Ein seltsames Mal im Nacken. Von den Ihren verstoßen, sucht sie Zuflucht an ihrer Universität. Dort behandeln die Studenten sie wie den letzten Abschaum: „Die Klo-Wölfin“, „Müll-Mutter“. Bis ein Fremder auftaucht. Gewaltig. Golden. Verheerend. Der König der Werwölfe. Und als er die Finger auf ihren Nacken legt, explodiert die Erinnerung: Sie wurde in jener Nacht nicht vergewaltigt. Sie hat ihn erwählt. Körper an Körper, Reißzähne an Lippen, Hunger an Hunger. Sie trägt seinen Erben. Der Spott verstummt schlagartig. Die Leichen beginnen sich zu häufen. Doch Vorsicht: Dieses Menschenweib mit dem runden Bauch hat ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Und wenn der Mond aufgeht, beißt auch sie.
View MoreHéloïse
Ich bin ein Schatten in meinem eigenen Leben, und einen Schatten sieht niemand wirklich. Manchmal erahnt man ihn aus dem Augenwinkel, aber man dreht sich um, und da ist schon nichts mehr. Ich gehe den Flur entlang, ohne dass das Parkett knarrt. Ich habe es gelernt. Jede knarrende Diele kenne ich auswendig. Besonders die fünfte vor dem Badezimmer, die, die Martha wecken würde, wenn ich die Ferse zu fest aufsetze. Ich halte den Atem an, ohne darüber nachzudenken, es ist ein Reflex geworden, eine zweite Natur. So wenig wie möglich atmen. So wenig Platz wie möglich einnehmen. Im Leise-Modus existieren, wie eine kaum gespielte Note, die man sofort vergisst. Martha. Allein dieser Name lässt mir den Magen zusammenkrampfen. Sie ist nicht meine Mutter, sie wird nie meine Mutter sein, sie will nicht meine Mutter sein. Sie ist die Frau, die mein Vater nach dem Tod meiner Mutter gewählt hat, zwei Jahre später, als das Haus noch voller schwerer Stille war und von Kleidern, die man nicht wegzugeben wagte. Zwei Jahre – das war die Zeit, die er brauchte, um die Fotos von Mama in Kartons auf dem Dachboden zu verstauen, unter dem Vorwand, Platz zu schaffen. Platz für Martha. Martha und ihre neuen Möbel, Martha und ihre Regeln, Martha und ihr Blick, der mich durchdringt, als wäre ich eine schmutzige Fensterscheibe. Ich werde geduldet. Geduldet, nicht geliebt. Da ist ein Unterschied, ein Unterschied, der einen von innen auffrisst, der eine Leere in die Brust gräbt. Dulden bedeutet, eine Gegenwart zu ertragen, in der Hoffnung, dass sie verschwindet. Und ich verschwinde jeden Tag ein bisschen mehr. Mein Vater sieht nichts. Er will nichts sehen. Er geht früh morgens, die Krawatte schon gebunden, den Kaffee im Stehen in der Küche hinuntergestürzt, einen flüchtigen Kuss auf meine Stirn, ohne mich wirklich anzusehen. Abends kommt er spät heim, schließt sich in seinem Arbeitszimmer ein mit Akten, die kein Ende nehmen. Er glaubt, dass Frieden zwischen uns herrscht. Er glaubt, was man ihm zeigt. Ich zeige schon lange nichts mehr. Ich habe gelernt, im richtigen Moment zu lächeln, zu nicken, Ja zu sagen, alles ist gut, die Schule läuft, Martha ist nett. Eine höfliche Lüge, glatt, ohne Ecken und Kanten, die keine Überprüfung verlangt. Ich verbringe meine Tage an der Universität. Neuere Literatur. Ich mag die Worte der anderen, weil sie die Leere der meinen füllen. Meine eigenen sind irgendwo steckengeblieben, am Tag von Mamas Beerdigung, als ich reden wollte und nichts herauskam. Seitdem schweige ich. Ich schlüpfe durch die Hintertür in den Hörsaal, setze mich in die letzte Reihe, gehe ohne zu zögern wieder. Die anderen Studenten bemerken mich nicht einmal. Manchmal stellt einer seine Tasche neben mich, ohne mich zu sehen, und dann zuckt er zusammen, als er meine Anwesenheit entdeckt. Ich bin durchsichtig. Vielleicht bin ich es wirklich geworden. Manchmal frage ich mich, ob sich jemand an mein Gesicht erinnern würde, wenn ich wirklich verschwände. Mein einziger Zufluchtsort ist der Wald. Direkt hinter dem Haus, hinter der alten eingefallenen Steinmauer, die nie jemand wieder aufgebaut hat. Ein paar Hektar Buchen und Farne, wohin nie jemand kommt, eine grüne und stille Kathedrale, die nichts verlangt, die nicht richtet, die einen so akzeptiert, wie man ist. Ich gehe am späten Nachmittag dorthin, wenn das Licht sinkt, wenn Martha sich mit einem Glas Weißwein vor ihre Fernsehserie setzt. Sie sucht mich nicht. Sie sucht mich nie. Ich könnte nicht nach Hause kommen, und sie würde es erst beim Abendessen bemerken – und auch dann nur, wenn überhaupt. Im Wald werde ich wieder lebendig. Etwas löst sich in meinem Nacken, meine Schultern sinken, mein Atem wird tiefer. Ich berühre die raue Rinde der Stämme, spüre das feuchte Moos unter meinen Fingern, lausche dem Rauschen des Windes im Laub. Die Vögel verstummen, wenn ich komme, dann fangen sie wieder an, weil ich keine Bedrohung bin. Ich gehöre zum Inventar. Ein etwas linkisches Reh, das sich zwischen den Bäumen verbirgt, das niemandem und nichts gehört, aber wenigstens frei ist. An jenem Tag herrschte eine besondere Unruhe im Haus. Martha empfing ihre Freundinnen vom Bridge-Club, diese Frauen mit den zu auffälligen Ketten und den zu schrillen Lachern. Mein Vater hatte verlangt, dass ich höflich bin, präsentabel, dass ich lächle. Lächeln. Er verlangt von mir zu lächeln, wie man von einem Möbelstück verlangt, gut gewachst zu sein. Ich hielt eine halbe Stunde durch, stand neben dem Sofa, ein Glas Apfelsaft in der Hand, während sie über Kreuzfahrten und Renovierungen ihrer Zweitwohnsitze redeten. Niemand sah mich an. Ich war das etwas traurige Bild an der Wand, das man vergisst abzustauben, dessen Gegenwart man nicht einmal mehr bemerkt. Meine Stiefmutter warf einen Blick über ihre Schulter. Ein Blick, der bedeutete: verschwinde. Ich kenne diesen Blick, sie wirft ihn mir oft zu. Er verletzt mich nicht mehr wirklich, oder vielleicht doch, aber die Wunde ist so alt, dass sie jetzt zu mir gehört, wie eine Narbe, die man nicht mehr spürt. Ich stellte mein Glas auf die Anrichte, murmelte eine Entschuldigung, die niemand hörte, und ging durch die Küche nach draußen. Die Schwingtür fiel leise hinter mir ins Schloss. Niemand rief mich zurück. Der Garten lag bereits im Zwielicht. Der Duft von frisch gemähtem Gras stieg noch vom Rasen auf, süß, fast betörend, ein Duft des Spätsommers, der sich festsetzt. Ich lief barfuß durch das kühle Gras, die Schuhe in der Hand. Die eingefallene Steinmauer, das Moos auf den alten Ziegeln, und dann die Lichtung der Bäume, die sich vor mir öffnet wie ein dunkler, einladender Mund. Der Wald verschluckte mich, wie er es immer tut, sanft, geräuschlos, ohne Fragen. Der Mond war voll, gewaltig. Er stieg zwischen den kahlen Ästen der alten Eichen empor, erst orange, fast unheimlich, dann immer heller, je höher er am Himmel stieg. Er erhellte den Pfad wie ein weißer Scheinwerfer, unwirklich. Ich brauchte keine Taschenlampe. Ich kenne jede Wurzel, jeden Stein, jede Pfütze, in der selbst im Sommer Wasser steht. Diesen Wald kenne ich besser als das Haus, besser als mein eigenes Zimmer. Er ist mein einziges wahres Zuhause. Ich fühlte mich seltsam an diesem Abend. Nicht traurig, nicht fröhlich. Elektrisch. Als ob etwas passieren würde, etwas Wichtiges, etwas, das alles verändern würde. Die Luft war weich, fast warm für einen Oktober, die Art von Abend, an dem der Sommer sich weigert zu sterben. Ich trug nur ein leichtes Kleid, ein altes geblümtes Kleid, das Mama mochte, jetzt zu kurz, das ich anziehe, wenn ich allein bin. Ich zog meine Schuhe aus. Die Erde war kühl unter meinen nackten Füßen, lebendig, feucht vom Tau, der zu fallen begann. Mein Herz schlug schneller, grundlos, wie eine unbestimmte Ungeduld, wie das Warten auf ein Rendezvous, dessen Zeit man nicht kennt.Als ich ankomme, liegt Mama auf dem Strohsack. Sie sieht dünner aus als heute Morgen, blasser, ferner. Ihre Augen sind offen, aber sie sieht nichts. Ihr Mund bewegt sich, aber sie sagt nichts. Papa ist neben ihr, er hält ihre Hand, er lässt sie nicht los. — Ich habe Brot, sage ich. Ich habe Brot. Ich habe zwei Sous. Ich gebe ihnen das Brot. Mama nimmt es mit zitternden Fingern, führt es an ihre Lippen, beißt einen kleinen Bissen ab. Sie kaut lange, endlos, als hätte sie vergessen, wie es geht. Papa tut dasselbe. Sie essen langsam, mit Mühe, als wäre jeder Bissen eine Anstrengung, ein Gebet, ein Wunder. — Und du? fragt Papa. Hast du gegessen? — Ich habe dort gegessen. Die Chefin gibt mittags Brot. Ich habe meinen Anteil gegessen. Ich lüge. Ich lüge, damit sie nicht teilen. Ich lüge, damit sie ihren Anteil essen, ihren ganzen Anteil. Ich lüge, damit sie leben. Die Lüge ist warm in meinem Mund, wärmer
Sie sieht mich lange an. Ihre Augen sind grau, verbraucht, illusionslos. Sie hat das auch gesehen. Sie hat auch Menschen verloren.— Ich auch, sagt sie. Ich habe einen Sohn verloren. Letzten Winter. Der Hunger. Die Kälte. Kein Arzt. Kein Geld. Er starb in meinen Armen, und ich konnte nichts tun.— Es tut mir leid.— Mir auch. Jetzt iss. Wenn du nicht isst, hältst du nicht durch. Und wenn du nicht durchhältst, kannst du nichts für sie tun. So ist es. Es ist grausam, aber so ist es.Sie hat recht. Ich weiß, dass sie recht hat. Aber ich denke an Mama, an ihren Husten, an ihr Blut. Ich breche das Brot in zwei Hälften. Eine Hälfte für mich, eine für später. Ich esse meine in kleinen Bissen, lasse sie dauern, koste sie, als wäre es die letzte. Ich schließe die Augen, um den Geschmack besser zu spüren, um ihn besser zu vergessen.Der Nachmittag ist härter. Meine Hände sind nur noch Wunden. Meine Finger sind geschwollen, rot, bedeckt von Bla
ÉabhaDie Wäscherei liegt am Ende eines Hofes, in einem niedrigen Gebäude mit vernagelten Fenstern. Die Luft ringsum riecht nach Moder, Lauge, Schweiß, Elend. Frauen gehen ein und aus, den Rücken gebeugt, die Hände rot, das Gesicht verschlossen wie Türen, die man nicht mehr öffnet.Ich bin seit der Morgendämmerung hier. Ich habe an die Tür geklopft, ich habe gewartet, ich habe gefleht. Die Chefin, eine massige Frau mit grauen, zurückgekämmten Haaren und Händen, dick wie Schaufeln, hat mich lange angesehen. Sie hat meine durchlöcherten Kleider gesehen, meine ruinierten Hände, mein vom Hunger ausgehöhltes Gesicht.— Du bist die, die man hinausgeworfen hat, nicht? Die Verstoßene. Die, die Liam MacCarthy wie eine Hündin zurückgeschickt hat.— Ja.— Du bist dünn. Du siehst schwach aus. Du hältst keinen Tag durch. Du hast Hände von einem Mädchen, das nie gearbeitet hat. Hände, die zu nichts gedient haben.— Ich werde durchhalten. Ich werde arbeiten. Ich werde alles tun, was nötig ist.— Wir
Nachts weckt mich der Hunger. Mein Magen ist eine geballte Faust, ein Schmerz, der durch meinen ganzen Körper strahlt, der meine Eingeweide verdreht, der mich von jedem Gedanken leert. Ich beiße die Zähne zusammen, ich schließe die Augen, ich mache mich leer. Aber der Hunger ist da, lauernd, wartend. Der Hunger ist ein geduldiges Tier, das weiß, dass die Zeit für es arbeitet.Ich denke an die Wohnung. Beheizt, mit Fenstern, die schließen, Wänden, die den Wind nicht durchlassen. Warmes Wasser, das aus den Hähnen fließt, echtes Wasser, nicht das, das man aus dem Brunnen zieht, indem man das Eis bricht. Nahrung. Warmes Brot, fette Suppe, Fleisch, Käse, Früchte. Alles, wovon ich nachts träume, alles, was mich tagsüber verfolgt.Ich denke an Liams Hand an meinem Nacken. An seinen Mund auf meinem. An seinen Körper auf meinem. Ich denke an die Schande, die mich verzehren würde, an die Erniedrigung, die mich zerstören würde, an das, was ich werden würde. Eine Sache. Ein Objekt. Ein Spielzeug.











