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Kapitel 4

Author: J.K.
last update publish date: 2026-07-19 23:45:13

In der drückenden Stille des Raumes beobachtet Dr. Sebastian mit sezierendem Blick das nervöse, fast schon zwanghafte Kratzen an deinen Händen, wo deine Fingernägel unablässig über die empfindliche Haut fahren. Seine dunklen, beinahe schwarzen Augen entgehen keinem noch so winzigen Detail der bereits stark geröteten, wundgescheuerten Hautpartien an deinen Handgelenken. Mit einer quälend langsamen, beinahe rituellen Bewegung legt er das schwere, in abgewetztes Leder gebundene Buch auf der massiven, dunkel glänzenden Holzplatte seines Schreibtischs beiseite. Er erhebt sich, tritt mit lautlosen Schritten an dich heran und lehnt sich mit einer lässigen, beinahe raubtierhaften Eleganz gegen die Kante des Möbels. Der Abstand zwischen euch schrumpft auf ein Minimum; er ist dir jetzt so nah, dass du die subtile Wärme seines Körpers spüren und den herben Duft von Sandelholz und Papier wahrnehmen kannst.

„Einsamkeit in der Dunkelheit ...“, murmelt er mit einer rauen, extrem leisen Stimme, deren tiefer Bariton fast mehr zu sich selbst zu sprechen scheint als zu dir. Er macht eine kurze, spannungsgeladene Pause und fixiert dich mit einem Blick, der dich förmlich festnagelt. „Ein urzeitliches Bedürfnis, nicht wahr? Zu wissen, dass man nicht der Einzige ist, der in der kalten Schwärze wach liegt. Während der gesamte Rest der Welt da draußen friedlich schläft.“

Mit einer fließenden, scheinbar beiläufigen Geste greift er nach einem schweren, kunstvoll geschliffenen Kristallglas, in dem das stille Wasser im fahlen Licht bricht, und hält es dir hin. Doch während seine Hand absolut ruhig bleibt, wandern seine Augen gezielt und unmissverständlich hinab zu deinen unruhigen Fingern – ein stummer, herrischer Befehl, endlich mit dem zerstörerischen Kratzen aufzuhören und stattdessen das kühlende Glas entgegenzunehmen.

„Erzähl mir von so einer Nacht, Jenny“, bittet er, und der Tonfall seiner Stimme senkt sich noch ein Stück tiefer, wird sanfter, fast schon einhüllend und hypnotisch. „Wenn der Schlaf einfach nicht kommen will. Was genau siehst du vor deinem inneren Auge, wenn du die Lider schließt? Was flüstert dir dein eigener Verstand in dieser unbarmherzigen Stille zu?“

Anstatt das Glas zu nehmen, bohren sich deine Fingernägel nur noch tiefer und schmerzhafter in die gereizte Haut. Sebastian registriert jede noch so kleine Nuance deiner Reaktion: das Zittern deiner Finger, den unregelmäßigen, flachen Atemzug, der deine Brust hektisch hebt und senkt. Er weicht keinen einzigen Zentimeter zurück, bleibt wie eine unerschütterliche Barriere vor dir stehen.

„Und die anderen Patienten ...“, setzt er leise nach, wobei seine Stimme nun kaum mehr als ein raues, intimes Flüstern im Raum ist. „Was erhoffst du dir von ihren Geschichten, die sie hier teilen? Suchst du Trost in ihrem Leid? Oder ...“ Er neigt den Kopf ganz leicht zur Seite, wodurch sein Profil noch schärfer wirkt. „... suchst du die Bestätigung für etwas ganz anderes?“

„Bestätigung“, flüstere ich so leise, dass es fast im Raum verhallt. Das Wort fühlt sich unendlich schwer an, wie ein Fremdkörper, fast fremd und bitter auf meiner trockenen Zunge.

Ich schließe die Augen, lasse den Kopf erschöpft gegen die weiche Nackenstütze des Sessels zurücksinken und weiche der Intensität seines Blicks aus, während ich haltlos in die düsteren Tiefen meiner eigenen Erinnerung abtauche.

Sebastian bewegt sich nicht, er verharrt vollkommen still in seiner Position. Doch seine muskulöse Haltung strafft sich unmerklich unter dem feinen Stoff seines Hemdes. Seine Augen verengen sich um Nuancen zu schmalen Schlitzen, und für den Bruchteil einer Sekunde zuckt ein kaum wahrnehmbares, kaltes und triumphierendes Lächeln über seine schmalen Mundwinkel. Er hat genau das bekommen, worauf er gewartet hat.

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