MasukLyraDas Meer atmet ganz nah.Unter der Terrasse kommen die Wellen, um am Fels zu sterben, bevor sie zurückgehen, geduldig, ewig.Der Wind streicht über meine Haut, hebt die Vorhänge, gleitet durch mein Haar.Jeder Atemzug scheint zu sagen: du bist endlich da.Das Zimmer ist offen zur Welt.Der Mond gießt sein fahles Gold hinein, dasselbe Gold wie das meiner Träume.Alles ist ruhig.Alles wartet.Ich stehe am Fenster, noch in Licht gehüllt.Mein Herz schlägt wie am ersten Tag, und doch schlägt es sanfter.Heute Nacht brennt nichts.Alles erleuchtet.Die Tür öffnet sich einen Spalt.Seine Schritte, langsam, nähern sich mir.Er sagt nichts.Er braucht es nicht.Seine bloße Gegenwart genügt, um das letzte Zittern meiner Seele zu besänftigen.Ich spüre, wie seine Hand meine Schulter streift, wie ein Versprechen.Die Wärme breitet sich aus, langsam, sanft, gebieterisch.Ich schließe die Augen.Die ganze Vergangenheit verschwindet – oder vielmehr, sie verneigt sich.Denn nichts ist vergesse
LyraDer Himmel dehnt sich weit und golden über den Hügeln.Die Villa, weiß zwischen den Zypressen, hat sich mit Blumen bedeckt. Elfenbeinfarbene Bänder flattern an den Fenstern, der Wind spielt mit den Girlanden, und die Glocke der Nachbarkirche läutet hell, wie ein alter Atem, der zum Leben zurückkehrt.Heute erhält Gabriel seinen Namen.Und wir den unseren – den, den wir gemeinsam gewählt haben, nach so vielen Kämpfen.Daniel ist gekommen, um uns in diesem Moment mit seiner neuen Freundin zu unterstützen. Ich glaube, er hat ein neues Kapitel aufgeschlagen.Ich stehe vor dem Spiegel, das leichte Kleid, die Schultern nackt.Um mich herum atmet alles Frieden: der Duft des Jasmins, die Stimmenausbrüche im Garten, das gedämpfte Lachen der Gäste.Ich schließe für einen Moment die Augen.Ich denke an meine Mutter. Was sie wohl gesagt hätte.Vielleicht hätte sie diesmal gelächelt. Vielleicht hätte sie in mir endlich nicht eine Flucht gesehen, sondern eine Rückkehr.Ein leichter Klopfen an
AlexandreDie Stille eines Gefängnisses hat etwas unmenschlich Langsames.Ein ausgesetzter Schlag, eine Zeit, die nicht mehr vergeht.Die Schritte hallen im Flur wider, gezählt, präzise.Der Wärter führt mich vor sich her, sein Schlüsselbund klappert bei jedem Schritt, wie eine Erinnerung an die Welt da draußen.Ich war seit dem Tag ihrer Verhaftung nicht mehr hierher zurückgekehrt.Zwei Monate sind vergangen, aber die Erinnerung ist geblieben: die Tür, die Blitzlichter, ihre Stimme, dieser Schrei, den sie mir wie eine Klinge entgegenschleuderte.Heute ist alles ruhiger.Aber Ruhe ist nur eine andere Form des Krieges.Der Besuchsraum ist klein, kahl.Ein Metaltisch, zwei Stühle, eine kalte Neonröhre.Sie kommt einige Minuten später herein, in Handschellen, flankiert von zwei Aufseherinnen.Als sie mich sieht, bleibt sie stehen.Ihr Gesicht hat sich verändert.Die Züge gespannt, die Haare grau, die Augen von Schlaflosigkeit tief in den Höhlen.Aber in ihrem Blick ist dieselbe eisige St
LyraZwei Monate.Zwei Monate, um die Stücke einer Welt zusammenzuflicken, von der wir glaubten, sie sei endgültig zerbrochen.Zwei Monate, um zu lernen, dass auch die Stille sich verwandeln kann, wenn man sie atmen lässt.Der Prozess hat noch nicht stattgefunden, aber die Wahrheit hat ihre Wirkung getan: Alexandre hat gesprochen. Sein Vater auch.Der Name der D. ist keine Festung mehr, sondern eine Ruine, offen für den Wind.Und aus diesen Ruinen soll heute etwas Neues geboren werden.Das Zimmer ist weiß, fast zu sehr.Der Geruch von Desinfektionsmittel vermischt sich mit dem Lavendelduft, den Mama diskret auf die Vorhänge gesprüht hat.Draußen bricht der Morgen mit einem klaren Himmel an, gewaschen vom Regen des Vortages.Ich habe Schmerzen. Aber es sind lebendige Schmerzen.Die Art von Schmerz, die etwas Ungeheures ankündigt.— Atme, mein Schatz. Atme sanft.Mamas Stimme zittert kaum. Ihre Hände umschließen meine.Neben mir schweigt Alexandre, aber ich spüre seine Gegenwart, schwer
AlexandreDer Himmel hat sich über die Stadt wie ein bleierner Deckel geschlossen.Der Regen hört seit der Morgendämmerung nicht auf, fein, ununterbrochen, fast respektvoll gegenüber dem Drama.Die Polizeiwache ist immer noch von Journalisten umzingelt, ihre Mikrofone wie Waffen ausgestreckt.Aber diesmal erwarten sie nicht meine Mutter: Sie erwarten ihn.Meinen Vater.Ich bleibe auf Abstand, unter einem Torbogen, die Hände in den nassen Taschen, und sehe zu, wie der Mann, den ich immer für stark hielt, auf das Tor der Wache zugeht.Sein dunkler Mantel, sein Rücken trotz allem gerade, dieser langsame Schritt, der nichts Stolzes mehr an sich hat.Er weiß, dass er einen Ort betritt, an dem sich jedes Wort gegen ihn wenden kann.Aber er weicht nicht zurück.Mein Vater weicht nie zurück.Als er zwei Stunden später wieder herauskommt, bin ich immer noch da.Er bleibt stehen, als er mich sieht, überrascht, fast besorgt.— Alexandre …Seine Stimme ist heiserer als sonst.Ich trete vor, ohne
AlexandreDie Polizeiwache gleicht einem Mausoleum.Der Flur hallt wider von meinen Schritten, jedes Echo eine Erinnerung daran, dass ich nicht mehr wirklich zu dieser Welt gehöre.Ein Beamter führt mich wortlos zu einer Metalltür.Dahinter ist sie.Diane D.Meine Mutter.Mein Ursprung, mein Desaster.Der Vernehmungsraum ist eng, weiß getüncht. Ein Tisch. Zwei Stühle. Eine grelle Lampe, die die Schatten schneidet.Sie sitzt da, die Hände auf dem Tisch gefaltet, diesmal ohne Handschellen.Ihr Blick hebt sich zu mir mit derselben Langsamkeit wie einst, als sie mich vor einem Dinner oder einem Empfang einschätzte.Ein Blick, der richtet, bevor er liebt.— Du bist gekommen, sagt sie.— Ja.— Sie haben dich hereingelassen?— Vorläufig.Stille.Ich setze mich ihr gegenüber. Die Luft riecht nach Metall und Erschöpfung.— Warum?Ein einziges Wort, aber es brennt mir in der Kehle.— Warum hast du das alles getan?— Das alles? wiederholt sie, fast amüsiert. Du wirst schon genauer sein müssen. E
LYRAIch bin an Lucas' Schulter eingeschlafen.Nicht lange – gerade genug, damit der Schmerz aufhört, in meinen Schläfen zu pochen. Damit meine Schultern, verkrampft vor Anspannung, endlich sinken. Damit mein Herz einwilligt, anders zu schlagen als nur, um zu überleben.Als ich die Augen wieder öff
LYRAIch bin ohne Geräusch nach Hause gekommen.Ich habe keine Tür zugeschlagen.Ich habe mich in mein Zimmer geschlichen wie eine Diebin meines eigenen Lebens.Draußen war es stockdunkel, aber ich glaube, in mir war es noch leerer.Ich habe meine Schuhe gegen die Wand geworfen – eine nutzlose, kin
Cassandre:Er ist da, in diesem Sessel wie eine Statue gepflanzt, halb aufgelöst, der Geist weit weg.Er spricht nicht, er bewegt sich kaum.Er atmet, wie man atmet, wenn man versucht, nicht zu denken.Ich kenne ihn. Ich kenne ihn auswendig. Seine Stille ist viel gesprächiger als seine Worte. Und d
Alexandre:Sie schaut mich an, als wäre ich ihre Welt.Und ich habe das Gefühl, zu fallen. Den Sauerstoff zu verraten, den sie mir schenkt, nur indem sie neben mir atmet.Ihre Finger krallen sich in mein Hemd. Ihre Augen leuchten wie Glut. Ihr Atem trifft auf meinen. Ihr Herz schlägt, panisch, gege