LOGINDas siebte Buch brauchte etwas, das die sechs Bucher davor nicht gebraucht hatten: den Perspektivwechsel. Die sechs Bucher hatten das Muster und seine Auflosung aus der Perspektive der Menschen beschrieben, die das Muster analysierten und die Werkzeuge entwickelten, die es aufbrachen. Das war eine Perspektive, die Clara und Lena und Marcus und Isabella und Alexander einnahmen: die Perspektive der Menschen, die das Muster von aussen sahen und die Werkzeuge hatten, um es zu verandern. Das siebte Buch musste auch die Perspektive derer einschliessen, die das Muster von innen erlebten, die keine Werkzeuge hatten, die nicht warten konnten, die selbst handelten, weil niemand fur sie handelte. Rosa Elena Ortiz in Ciudad Bolivar war diese Perspektive. Harun Yilmaz in Favoriten war diese Perspektive, in einem anderen Kontext. Die Frauen des dritten Bennett-Seminars, die Gewerkschaftssekretarin aus Leipzig, die die Dokumentation intern eingerichtet hatte, weil die Gegenseite die offizielle Dok
Emma Lena war im Sommer des dreizehnten Jahres vier Jahre und drei Monate alt, und sie hatte in den Monaten seit dem vierten Geburtstag eine neue Gewohnheit entwickelt, die Mia Clara in einem Telefongesprach im Juni beschrieb, mit der ruhigen Prazision, die Mias Art war, uber die Dinge zu sprechen, die ihr wichtig waren: nicht dramatisch, nicht ausgeschmuckt, sondern genau und vollstandig. Emma Lena hatte begonnen, ihren Zeichnungen Titel zu geben. Das war kein Titel in dem Sinne, dass das Kind ein Wort uber die Zeichnung schrieb, obwohl es das auch manchmal tat. Es war ein Titel in dem Sinne, dass Emma Lena die Zeichnung jemandem zeigte und sagte, was die Zeichnung hiess. Nicht: Das ist Mama. Nicht: Das bin ich. Sondern: Das heisst Das Haus mit dem Garten. Das heisst Emma und Oma. Das heisst Das Licht vom Fenster. Das Licht vom Fenster. Clara wiederholte den Titel, den Mia ihr genannt hatte. Ja, sagte Mia. Emma Lena hat ein Bild gemalt, das das Licht zeigt, das morgens durch ihr
Die Reise nach Bogota fand im Mai des dreizehnten Jahres statt, und es war Claras erste Reise nach Sudamerika, was bedeutete, dass alles, was sie sehen wurde, das erste Mal war, das erste Mal-Sehen, das alle Sinne offnete und das Vorurteil loeste, das Vorwissen, das man uber einen Ort hatte, bevor man dort war. Clara hatte uber Bogota gelesen, seit dem Gesprach mit Andres, und das Gelesene hatte Bilder erzeugt, die in dem Moment, in dem das Flugzeug landete und die Stadt von oben sichtbar wurde, als das, was sie war, real und gross und anders als alle Bilder, aufgebrochen waren, weil die Wirklichkeit immer die Bilder aufbrach, die man von ihr hatte, weil die Wirklichkeit grosser war und dichter und nicht so ordentlich wie die Bilder. Andres empfing Clara am Flughafen und fuhr mit ihr in das Zentrum, durch die Strassen, die Clara nicht kannte und die sie sofort zu kennen begann, auf die Art, wie Strassen bekannt wurden, die man nicht kannte: durch das Sehen, das erste Sehen, das in d
Das vierte Dokument von Olivia Bennett war im April des dreizehnten Jahres neunundneunzig Seiten lang und hatte einen Titel bekommen, den Olivia in einem Telefongesprach mit Clara erwaehnte, beilaaufig, wie Olivia wichtige Dinge manchmal beilaufig erwaehnte, als ware das Wichtige so selbstverstandlich, dass es keinen besonderen Ton verdiente: Das vierte Dokument heisst Briefe, die ich nicht schicke. Briefe, die ich nicht schicke. Clara wiederholte den Titel, weil das Wiederholen ihr half, das Geharte aufzunehmen. Ja, sagte Olivia. Das vierte Dokument ist die Sammlung der Antworten, die ich auf die Briefe geschrieben habe, die mir die Leserinnen nach der Trilogie geschrieben haben. Ich habe diese Antworten nicht geschickt, weil die Antworten nicht an die Leserinnen gerichtet sind, auch wenn ich sie in der Form des Briefes schreibe. Sie sind an mich gerichtet. Es sind die Briefe, in denen ich mir selbst schreibe, was die Briefe der anderen in mir ausgelost haben. Das ist das Schreibe
Im Marz des dreizehnten Jahres gab Isabella Haynes den ersten Lehrauftrag ihrer Karriere an, einen Lehrauftrag an der Freien Universitat Berlin, im Fachbereich Rechtswissenschaft, in einer Lehrveranstaltung mit dem Titel Entstehung eines Rechtsfeldes: Das Recht auf Zuschreibung intellektueller Arbeit. Das war kein regularer Lehrauftrag, keine Professur, kein fester Vertrag, sondern ein Gastlehrauftrag fur ein Semester, der genau das war, was Isabella in dem Interview beschrieben hatte: der Moment, in dem die Praxis in die Ausbildung einging, der Moment, in dem das, was in den Gerichtssalen gelernt worden war, den Menschen weitergegeben wurde, die die nachste Generation der Anwaltinnen und Anwalte waren. Isabella hatte den Lehrauftrag angenommen, weil sie ihn richtig fand, und sie hatte ihn richtig gefunden, weil das Lehren fur sie das Weitergeben war, das Weitergeben dessen, was sie in funfzehn Jahren aufgebaut hatte, das Weitergeben nicht als Abschied, sondern als Erweiterung: das
Andres Morales flog im Februar des dreizehnten Jahres nach Berlin, fur eine Woche, und er flog nicht wegen einer Konferenz oder eines Vortrags, sondern wegen des Gesprachss mit Clara, das sie im Dezember begonnen hatten, das Gesprach uber das siebte Buch und die Frage, wer Zugang zu den Werkzeugen hatte. Er kam mit einem kleinen Koffer und einem schweren Notizbuch, das er seit Jahren fuhrte, dem Notizbuch seiner Feldarbeit in den Gemeinschaften von Bogota, das voller handgeschriebener Notizen war und Fotos und Zeichnungen und Karten und Notizen, und das er Clara als Erstes zeigte, als sie sich in dem Kreuzberger Buro setzten, das Buro, das Emma, Felix und Marcus hielt und das in Claras Abwesenheit ruhiger geworden war, aber nicht leiser, weil die Arbeit, die dort passierte, dieselbe war. Andres offnete das Notizbuch auf einer Seite in der Mitte, einer Seite, die mehrere Zeichnungen enthielt, Karten von einem Viertel in Bogota, mit handgeschriebenen Anmerkungen in Spanisch, und er l
Sie blieb neun Tage in München.Sie hatte sieben geplant, aber am siebten Tag wachte sie auf und stellte fest, dass sie noch nicht zurückwollte, dass der besondere Frieden des Hauses ihrer Mutter etwas Strukturelles in ihr tat, das noch nicht vollständig war, und sie rief Isabella an, um es zu erkl
München empfing sie, wie es das immer getan hatte, mit der besonderen ungehasteten Wärme einer Stadt, die kein Interesse daran hat, jemanden zu beeindrucken.Die Luft war hier anders. Kühler, selbst am Mittag, mit der frischen mineralischen Qualität, die von den Bergen kam und jeden Atemzug wie ein
Das Foto kam an einem Montag um elf Uhr zweiundvierzig.Clara saß an ihrem Küchentisch mit einer Teetasse, die sie noch nicht gekostet hatte, und einem Notizblock, der mit Notizen bedeckt war, die ihre Hand gemacht hatte ohne volle Kooperation ihres Geistes. Sie hatte die letzten zwei Tage in einem
Die Stadt wusste es noch nicht. Das war das Seltsame, an das sich Clara danach erinnern würde: die Unschuld von allem um sie herum an jenem Morgen, die Art, wie Berlin mit seinem besonderen Lärm und seiner Energie weitermachte, vollkommen unwissend, dass irgendwo in einer gepflegten Küche in Charlo







