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Kapitel 4

Lina Flamme
„Ich sage nicht, dass ich dir nicht glaube“, erwiderte Joel, „aber ich kenne Renee seit sechzehn Jahren und sieben Monaten. Sie hat noch nie jemanden belogen.“

Er hielt inne und runzelte die Stirn, als wolle er die Sache endgültig beenden.

„Du hast Renee zum Weinen gebracht. Mach es wieder gut.“

In diesem Moment – noch immer mit gespieltem Schluchzen – warf Renee den Ring in den Pool und keuchte dramatisch.

„Joel! Der Ring, den du mir geschenkt hast ... er ist mir aus Versehen in den Pool gefallen!“

Dabei warf sie Lyra ein selbstgefälliges Lächeln zu.

„Schon gut – eine Entschuldigung ist nicht nötig. Lyra, hol ihn einfach heraus, dann verzeihe ich dir alles.“

Das Wasser im Pool war eiskalt. Es war früher Winter, und Lyras Kopfverletzung war noch nicht verheilt. Sie warf Joel einen Blick zu.

Er saß einfach da, klopfte mit den Fingern auf die Armlehne und sah sie nicht einmal an.

Es fühlte sich an, als würde etwas Scharfes direkt durch ihr Herz stoßen und in tausend kleine Schmerzen zersplittern.

Sie erinnerte sich an jene Nacht – sechs Monate nach Joels Diagnose. Dominic war ins Krankenhaus gekommen, hatte erfahren, dass Joel sich vielleicht nie erholen würde, und begonnen, andere Nachfolger ins Auge zu fassen.

In jener Nacht war Joel verschwunden. Lyra fand ihn, wie er sich im Rollstuhl auf das tobende Meer zubewegte, während das eiskalte Wasser bereits seine Brust erreichte.

In Panik rannte sie zu ihm, um ihn aufzuhalten, doch er stieß sie weg.

„Hör auf, so zu tun, als würdest du dich kümmern. Du bist nur meine Freundin, nicht meine Ehefrau. Wenn du mein Leben unbedingt kontrollieren willst – die Wellen sind heute Nacht stark. Schwimm einmal um die Bucht, dann höre ich auf dich.“

Lyra war wie erstarrt. Sie wollte schreien, dass sie nicht so tat – dass sie seine Ehefrau sein wollte. Also stürzte sie sich, ohne nachzudenken, ins Meer, obwohl sie nicht schwimmen konnte.

Die Wellen schlugen über ihr zusammen, rissen sie in die Tiefe. Alles wurde schwarz.

Als sie aufwachte, war Joel direkt bei ihr – bleiches Gesicht, zusammengepresster Kiefer, der Blick fest auf sie gerichtet.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du nicht schwimmen kannst? Bist du verrückt? Einfach ins Meer zu springen, ohne es zu können?“

Sie sah zu ihm auf, ihre Stimme rau.

„Selbst wenn sich deine Beine nie erholen ... will ich dich trotzdem heiraten. Ich ... ich liebe dich mehr, als du denkst.“

Danach hatte er sie nie wieder an den Strand mitgenommen. Selbst der Pool zu Hause blieb leer, das Wasser abgelassen. Erst als sie scherzhaft meinte, wie seltsam es aussehe, erlaubte er den Bediensteten widerwillig, ihn wieder täglich zu füllen.

Jetzt, daran zurückdenkend, ließ Lyra ein bitteres Lächeln aufblitzen.

„Du willst, dass ich den Ring hole? Gut.“

Sie zog nicht einmal ihren Mantel aus – drehte sich einfach um und sprang hinein. Das eiskalte Wasser traf sie wie ein Schock, durchnässte ihre Kleidung, ließ sie so heftig zittern, dass ihre Zähne schmerzten. Langsam sank sie ab, Angst krallte sich an ihre Brust, doch sie biss sich auf die Lippe, um nicht zu schreien.

Dann färbte sich das Wasser rot – dunkel, aufblühend wie eine grausame Blume.

Colins Stimme durchbrach die Luft. „Mein Gott, Frau Lebeau blutet am Kopf!“

Joels Jacke landete auf dem Boden, als er ins Wasser sprang, Lyra packte und sie herauszog.

„Genug! Warum bist du so stur? Du hättest einfach weggehen können!“

Lyra legte den Kopf in den Nacken, ihre Augen auf den Diamantring gerichtet, der noch immer glitzernd auf dem Beckenboden lag.

„Du hast gesagt, ich soll sie glücklich machen. Bist du jetzt zufrieden? Deine kostbare Renee muss überglücklich sein.“

Joel runzelte die Stirn, der Kiefer angespannt. „Ich habe dir tausendmal gesagt – ich sehe sie nur als Schwester.

„Der Status ihrer Familie in Lindale ist auch nicht niedrig. Was, wenn jemand herausfindet, was du getan hast? Du weißt, wie schwierig es heutzutage ist, die öffentliche Meinung zu kontrollieren.

„Ich wollte nur, dass du sie beruhigst – zu deinem eigenen Besten.“

Sein Tonfall war sanft, als täte er ihr einen Gefallen.

Lyra lachte leise – bitter und hohl.

Öffentliche Meinung, hm?

Wie damals, als der allmächtige Fenwick-Erbe sich bei einem Autorennen für Renee fast umgebracht hatte – das hatte man doch wunderbar vertuscht.

Oder als Renee die halbe Schule schikanierte und sich hinter Joels Einfluss versteckte – der Ruf der Familie Slutz war dank ihm makellos geblieben.

Sogar ihre IVF-Versuche waren begraben worden, ein Geheimnis, das er hütete, als hinge sein Leben davon ab.

Aber jetzt? Jetzt war es plötzlich zu schwierig – nur weil es sie betraf?

In seinem Herzen hatte sie nie auch nur annähernd Renees Platz eingenommen.

Ohne ein weiteres Wort riss Lyra sich den durchnässten Mantel vom Leib und ging ins Wohnzimmer. Sie schaffte kaum ein paar Schritte, als ihr schwindelig wurde und sie zu Boden brach.

Joels Gesicht veränderte sich schlagartig. Er machte einen Schritt auf sie zu, um sie aufzuheben –

Doch Renee ließ sich neben Lyra fallen und schluchzte.

„Joel ... mein Bauch tut weh. Kannst du mich nach oben tragen, damit ich mich ausruhe?“

Er erstarrte. Seine Hand zog sich von Lyra zurück, und im nächsten Moment hob er Renee ohne zu zögern hoch.

Lyra lag auf dem kalten Boden, ihr Kopf schlug hart auf, als sie fiel. Joel sah nicht einmal zurück.

Er warf Colin einen Blick zu und befahl: „Bring Lyra ins Krankenhaus.“
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