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Kapitel 4

Auteur: Selina
Schließlich hatte mich dieser Ausflug schon so viel Kraft gekostet. Vielleicht würde ich nach diesem Mal nie wieder aus dem Haus kommen.

Zum Glück rief Lio mittags um eins an. „Wir sind unten“, sagte er.

Meine Mutter war verstimmt. Erst nach langem Zureden gelang es mir, sie dazu zu bringen, sich nichts anmerken zu lassen.

Kaum saß ich im Auto, sah Vanessa mich kichernd an.

„Tut mir leid, Clara. Lio und ich haben es gestern Abend etwas übertrieben. Deshalb bin ich heute Morgen kaum aus dem Bett gekommen.“

Meine Hand verkrampfte sich leicht.

Lio hatte gerade meinen Rollstuhl verstaut und setzte sich ans Steuer. Durch den Rückspiegel warf er mir einen Blick zu, dann sagte er kühl zu Vanessa: „Warum erklärst du ihr das überhaupt?“

Etwas in meiner Brust zog sich zusammen. Doch ich winkte meiner Mutter nur ruhig durch das Fenster zu.

Lio fuhr sehr schnell. Der Wagen ruckelte so stark, dass mir übel wurde.

Aber ich biss die Zähne zusammen und sagte nichts.

Das erinnerte mich an früher.

Damals, kurz nachdem Lio seinen Führerschein gemacht hatte, nahm er mich immer im Auto seines Vaters mit. Weil er wusste, dass mir leicht schlecht wurde, fuhr er jedes Mal besonders ruhig und gleichmäßig.

In Taxis und Bussen wurde mir früher immer übel.

Aber in Lios Auto nie.

Nicht ein einziges Mal.

Als Lio wieder scharf bremste, konnte ich mich nicht halten. Ich wurde hart gegen die Rückenlehne geschleudert. Mein Magen krampfte sich zusammen, als müsste ich mich jeden Moment übergeben.

Am Ende konnte ich ein leises Schluchzen nicht unterdrücken.

Lio hörte es und lachte nur spöttisch auf.

„Clara, du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich noch so Rücksicht auf dich nehme wie vor acht Jahren. Schön gleichmäßig fahren, bloß nicht zu plötzlich bremsen.“

Ich wischte mir still die Tränen aus den Augenwinkeln und sagte ruhig:

„Nein. Jetzt solltest du auf Vanessa Rücksicht nehmen. Sie ist deine Freundin.“

Lio lachte wieder höhnisch auf.

„Da hast du recht.“

Dann trat er noch einmal kräftig aufs Gas.

Wieder wurde mein Körper hart gegen die Rückenlehne geschleudert. Mein Rücken tat weh.

Doch meine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Hass ist gut.

Solange ich noch lebe, habe ich wenigstens noch diesen winzigen Platz in Lios Herzen.

Lange musste ich es nicht mehr ertragen. Wir kamen am Ziel an.

Beim Aussteigen trug Lio mich.

Wieder in seinen Armen zu liegen – für einen Moment konnte ich die Tränen kaum zurückhalten.

Zum Glück setzte Lio mich schnell wieder ab und hob mich in den Rollstuhl.

Er ekelte sich offenbar so sehr vor mir, dass er, kaum hatte er mich abgesetzt, hastig zwei Feuchttücher von Vanessa verlangte und sich wie besessen die Hände abwischte.

Vanessa erklärte es mir verlegen.

„Entschuldige, Clara. Lio hat einen ziemlichen Sauberkeitsfimmel. Außer mir wird ihm bei jeder Frau schlecht, die ihn berührt.“

Ich senkte den Kopf, presste die Lippen zusammen und tat, als hätte ich Lios Geste nicht gesehen. Als hätte ich Vanessas Worte nicht gehört.

Dann ließ ich mich von den beiden, Arm in Arm, in ein chinesisches Restaurant schieben.

Kaum saßen wir am Tisch, griff Lio von selbst zur Speisekarte und bestellte mehrere scharfe Gerichte.

Bei jedem Gericht, das er nannte, zog sich mir das Herz zusammen.

Früher hatte ich nie scharf gegessen.

Lio auch nicht.

Für wen er jetzt bestellte, lag auf der Hand.

Ich wollte mir das Leben nicht schwerer machen, als es ohnehin schon war. Inzwischen fiel mir selbst das Essen schwer, ganz zu schweigen von solchen kräftigen Gerichten.

Ich bat die Bedienung um eine milde Gemüsesuppe.

Doch aus irgendeinem Grund verlor Lio plötzlich die Beherrschung.

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