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KAPITEL 6

Author: Jaywrites
last update publish date: 2026-08-25 13:22:51

Elenas POV

Ich wollte mir nicht noch mehr öffentliche Demütigung antun und rappelte mich schnell auf, bevor das Sicherheitsteam mich mit Gewalt hätte wegschleifen können. Es war ein unglaublich zermürbender Tag gewesen, und ich brauchte dringend Ruhe, bevor ich überhaupt anfangen konnte, über meinen nächsten Schritt nachzudenken.

Ich hasste die schreckliche Situation, in der ich mich befand, aus tiefstem Herzen. Ich hasste Raven dafür, dass er mich wie ein Stück Müll behandelte, doch ich war ihm gegenüber völlig machtlos. Ich hasste Tracy dafür, dass sie sich eingemischt und meine Ehe zerstört hatte. Sogar ihrem kleinen Sohn gegenüber verspürte ich einen kurzen Anflug von Groll, allein weil er existierte! Nur wegen seiner Geburt hatte Raven mich fallen gelassen. Ich hatte absolut keine Ahnung, wohin ich gehen oder wie ich mein Leben wieder aufbauen sollte.

Ich wischte mir die heißen Tränen aus dem Gesicht, hielt ein vorbeifahrendes Taxi an und gab dem Fahrer die Adresse meiner Eltern. Raven hatte mir gesagt, dass meine Sachen dorthin gebracht werden würden. Ich konnte nicht glauben, dass er so herzlos sein konnte, meine Sachen einfach dort abzuladen, ohne mir auch nur die Möglichkeit zu geben, mich darauf vorzubereiten, meiner Mutter und meinem Vater gegenüberzutreten.

Die Fahrt durch die Stadt zum Anwesen meiner Eltern kam mir unglaublich kurz vor.

Es schien, als wäre das Universum noch nicht damit fertig, sich über mein Elend lustig zu machen, denn in dem Moment, in dem das Taxi vor dem Haus hielt, sah ich all meine Designer-Koffer achtlos auf der vorderen Veranda gestapelt. Verwirrt zog ich die Augenbrauen zusammen. Waren meine Eltern etwa nicht einmal zu Hause gewesen, als Ravens Fahrer meine Sachen abgeliefert hatte?

Ich schob das schwere Gepäck beiseite und klopfte kräftig an die Haustür. Seit ich vor vier Jahren ausgezogen war, hatte ich keinen Schlüssel mehr zum Haus, also konnte ich nicht einfach hineingehen.

Einige quälende Augenblicke vergingen, bevor die schwere Tür geöffnet wurde. Der Anblick, der sich mir bot, verwirrte mich noch mehr. Mein Blick wanderte vom wütenden Gesicht meiner Mutter hinunter zu meinen Koffern und dann wieder zurück zu ihr.

Noch bevor ich den Mund öffnen konnte, um sie zu begrüßen, schnellte ihre Hand nach vorn und schlug mir hart ins Gesicht. Ich sog scharf die Luft ein, als mein Kopf durch die Wucht des Schlages zur Seite geschleudert wurde.

„Du bist wirklich eine einzige Enttäuschung als Tochter!“, schrie sie. „Was zum Teufel hast du mit Raven angestellt, dass er dich wie Müll aus seinem Haus geworfen hat? Warum konntest du nicht einfach so unterwürfig, still und gehorsam sein, wie ich dich erzogen habe?“

„Mom …“ Meine Stimme brach völlig, weil ich nicht glauben konnte, wie schrecklich meine eigene Familie mich behandelte. Ich hatte bereits den schmerzhaftesten Tag meines gesamten Lebens hinter mir, und nun setzte auch noch meine eigene Mutter diese Qual fort.

„Wag es nicht, mich Mom zu nennen!“, schrie sie und funkelte mich voller Hass an. „Es interessiert mich kein bisschen, was zwischen euch beiden passiert ist. Aber wenn dir deine Zukunft auch nur ein bisschen wichtig ist, wirst du sofort zu diesem Anwesen zurückgehen, dich vor ihm auf die Knie werfen und ihn anflehen. Bitte ihn, dir zu vergeben und dich zurückzunehmen! Sag ihm, dass du dich in alles verwandeln wirst, was er von dir verlangt.“

Zum hundertsten Mal an diesem Tag füllten sich meine Augen mit heißen Tränen. „Ich bin deine Tochter“, erinnerte ich sie, während meine Stimme bei jedem einzelnen Wort zitterte.

„Und gerade wünsche ich mir von ganzem Herzen, dass du es nicht wärst“, sagte sie kalt, als wäre es völlig normal, so etwas zum eigenen Kind zu sagen. „Du blamierst mich zutiefst, Elena! Wie schwer kann es bitte sein, einen Ehemann zufriedenzustellen? Dein Vater und ich sind seit über dreißig Jahren glücklich verheiratet. Du bist gerade einmal vier Jahre verheiratet und hast bereits die Scheidungspapiere unterschrieben? Welches Recht hast du, solch weitreichende Entscheidungen über dein Leben zu treffen, ohne vorher mit uns darüber zu sprechen?“

„Aber …“

„Keine Widerrede!“ Sie wollte nicht einmal ein einziges Detail darüber hören, was tatsächlich passiert war. Ich hatte immer gewusst, dass meine Ehe nur arrangiert worden war, um unser angeschlagenes Familienunternehmen zu retten. Aber sie hatten mich buchstäblich an den Meistbietenden verkauft und sich damals schon nicht für mein Glück interessiert. Und jetzt interessierte es sie erst recht nicht. „Geh zurück und fleh ihn um Gnade an. Tu absolut alles, was nötig ist, damit er dich wieder in dieses Haus aufnimmt. Solange du das nicht in Ordnung gebracht hast, bist du keine Tochter mehr von mir!“

Ihre grausamen Worte trafen mich weitaus härter als die Ohrfeige, die sie mir gerade verpasst hatte, doch ich biss fest auf meine Unterlippe und weigerte mich, zurückzustreiten. Ich hatte einfach nicht mehr die körperliche oder mentale Kraft, mich mit ihr auseinanderzusetzen. Ich wusste nicht einmal mehr, wie ich mich verteidigen sollte.

„Wo ist Dad?“

„Er ist auf einer internationalen Geschäftsreise, und ich habe ihn bereits angerufen, um ihm von deinem beschämenden Verhalten zu erzählen.“

„Kann ich bitte einfach drinnen schlafen? Nur für heute Nacht?“, flehte ich sie an, völlig erschöpft. Es spielte keine Rolle, wie sehr sie mich wegen eines Mannes beleidigte, der mir das Herz gebrochen hatte. Ich brauchte einfach nur dringend ein sicheres Bett, in dem ich die Augen schließen konnte.

„Nur über meine Leiche“, schwor sie wütend. „Wag es nicht, dieses Haus zu betreten, bevor du die Sache mit deinem Ehemann geklärt hast.“

„Mom …“ Sie schlug mir die schwere Haustür direkt vor der Nase zu, ohne auch nur darauf zu warten, dass ich meinen Satz beendete.

Ein bitteres Lachen entwich meinen Lippen, völlig ohne jede Spur von Freude. Ich wusste nicht, wie das möglich war, aber es schien, als wäre meine eigene Mutter völlig vom immensen Reichtum der Familie Calloway geblendet worden. Es war ja nicht so, als wären wir arm. Die Calloways waren einfach zehnmal reicher, und genau deshalb hatten sie mich überhaupt erst gezwungen, ihn zu heiraten.

Als sie die Ehe vor Jahren arrangiert hatten, hatte ich mich nicht dagegen gewehrt. Ich war damit aufgewachsen zu wissen, dass ich eines Tages verheiratet werden würde, um dem Familienunternehmen zu nutzen, und ich hatte mein Schicksal schon lange akzeptiert. Es war ganz sicher nicht meine Schuld, dass die Ex-Verlobte meines Mannes plötzlich mit einem geheimen Kind zurückgekehrt war. Darauf hatte ich keinerlei Einfluss, und trotzdem weigerte sich meine eigene Mutter, auch nur meine Seite der Geschichte anzuhören.

Meine Mutter war schrecklich, aber mein Vater war zehnmal schlimmer. Wäre er jetzt zu Hause gewesen, hätte er mich am Arm gepackt, mich direkt zurück zu Ravens Anwesen gezerrt und mich gezwungen, ihn um Vergebung zu bitten. Ich verabscheute sie dafür, dass sie mich zu einem Tauschobjekt gemacht hatten. Noch nie in meinem Leben hatte ich mein eigenes Leben so sehr gehasst wie in diesem Augenblick.

Ich blickte auf die drei riesigen Koffer hinunter, die auf der überdachten Veranda standen. Da ich wusste, dass es absolut keine Möglichkeit gab, heute Nacht an meiner Mutter vorbeizukommen, begann ich, einen Koffer nach dem anderen die Betonstufen hinunter in Richtung Hauptstraße zu ziehen. Die vorbeigehenden Menschen starrten mich schockiert an, aber niemand wagte es, auf mich zuzukommen. Dafür war ich zutiefst dankbar, denn ich wusste, dass ich wie ein völliges Wrack aussah. Ich konnte nur beten, dass niemand Fotos von mir machte.

Ich wollte auf keinen Fall mit meinem derzeitigen Aussehen auf allen Seiten der Promi-Zeitungen landen. Jedes andere Mal, wenn mein Foto in den Zeitungen erschienen war, hatte ich als stolze Ehefrau von Raven Calloway atemberaubende, elegante Kleider getragen. Doch jetzt, als Elena Voss, war ich ein völlig anderer Mensch, beraubt all der Macht und des Luxus, den Ravens Milliardärsname mit sich gebracht hatte.

Ich schleppte mein schweres Gepäck die Straße entlang, obwohl ich genau wusste, dass ich nirgendwohin konnte. Meine Ehe war vorbei. Mein Zuhause war weg. Vier Jahre meines Lebens waren innerhalb eines einzigen Tages auseinandergebrochen.

Irgendwann schmerzten meine Arme so sehr, dass ich nicht mehr weitergehen konnte. Ich blieb stehen und stand mit meinen beiden Koffern allein auf dem Gehweg.

Dann begann es zu regnen.

Zuerst war es nur ein leichter Nieselregen, doch schon bald verwandelte er sich in einen heftigen Wolkenbruch. Ich war völlig durchnässt und fror, doch ich konnte mich nicht bewegen. Ich sank auf dem nassen Asphalt auf die Knie und weinte, bis keine Tränen mehr übrig waren. Die Menschen gingen an mir vorbei, aber niemand hielt an, um mir zu helfen. Ich wurde so kalt, dass mein ganzer Körper zitterte und meine Sicht langsam verschwamm.

Kurz bevor ich ohnmächtig wurde, tauchte ein Paar schwarzer Schuhe vor mir auf.

Ich blickte nach oben. Ein großer Mann stand über mir und hielt einen großen Regenschirm in der Hand. Er kniete sich näher zu mir hinunter.

„Junge Dame“, sagte er leise.

Seine Stimme kam mir bekannt vor, aber ich war zu schwach, um darüber nachzudenken. Meine Augen schlossen sich, und ich begann zu fallen.

Bevor ich den Boden erreichen konnte, fingen mich zwei kräftige Arme auf. Das Letzte, was ich hörte, bevor ich das Bewusstsein verlor, war die Stimme des Mannes.

„Bringt sie zum Wagen.“

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