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Falsche Reihenfolge

Author: Sinner
last update publish date: 2026-08-29 08:49:40

Nathaniel

Ein weiteres schmerzhaftes Stöhnen entkam meinen Lippen, als ich versuchte, meine geprellten Finger zu verbinden.

Ich war zurück in meiner winzigen, schäbigen Wohnung, die zum Glück Platz für mein kleines Bett, einen kleinen Schreibtisch und einen Tisch bot.

Zähneknirschend verband ich sie schließlich ordentlich und stieß einen erschöpften Seufzer aus.

Ich bewegte meine Finger langsam, um den Schmerz zu testen. Es brannte, aber nichts schien gebrochen zu sein. Nur geschwollen und voller blauer Flecken.

Meine Wohnung war beklemmend klein. Abblätternde Farbe. Eine flackernde Glühbirne über meinem Schreibtisch. Die Matratzenfedern quietschten jedes Mal, wenn ich mein Gewicht verlagerte. So sah ein „Vollstipendium“ aus, wenn es die Lebenshaltungskosten nicht abdeckte.

Ich ließ meinen Kopf zurück gegen die Wand fallen. Für eine Sekunde, nur für eine einzige Sekunde, erlaubte ich mir zu atmen.

Dann klingelte mein Telefon.

Ich musste nicht auf den Bildschirm schauen, um zu wissen, wer es war.

Ich starrte trotzdem darauf.

Mama.

Natürlich.

Ich schloss die Augen, bevor ich abhob. „Hallo.“

„Nathaniel.“ Ihre Stimme klang scharf und ungeduldig. „Warum hast du so lange gebraucht, um ranzugehen?“

„Ich war im Badezimmer“, lügte ich leise.

Sie schnalzte mit der Zunge. „Hör zu, wir haben keine Zeit. Die Behandlung deines Bruders ist für nächste Woche angesetzt. Der Arzt sagte, er braucht noch eine Runde. Es ist dringend.“

Mein Kiefer spannte sich an. Es gab nicht einmal ein „Wie geht es dir?“.

„Das ist… gut“, sagte ich langsam. „Geht es ihm besser?“

„Darum geht es nicht!“, fuhr sie mich an. „Das Krankenhaus verlangt dieses Mal eine Vorauszahlung. Uns fehlt Geld.“

*Uns fehlt Geld.*

Ihnen fehlte immer Geld.

„Und wie viel ist es?“, fragte ich, obwohl mir das Herz bereits in die Hose rutschte.

„3.500 Dollar.“

„So viel habe ich nicht“, flüsterte ich.

„Nun, er ist dein Bruder!“, schoss sie sofort zurück. „Oder hast du das vergessen? Du bist derjenige, der an dieser großen Elite-Schule studiert. Du bist derjenige mit den Möglichkeiten. Wir haben so viel für dich geopfert.“

*Geopfert.*

Das Wort schmeckte bitter.

Ich blickte durch mein Wohnungsfenster. „Ich schicke jeden Monat Geld“, sagte ich und versuchte, meine Stimme ruhig zu halten. „Alles, was ich erübrigen kann.“

„Und es reicht nicht!“, zischte sie. „Glaubst du, eine Krankheit wartet, bis es dir passt? Er hat sich nicht ausgesucht, krank zu sein, Nathaniel.“

Ich habe mir dieses Leben auch nicht ausgesucht.

Aber das sagte ich nicht. Das tat ich nie.

Sie atmete lautstark durch das Telefon aus. „Wenn du nicht einmal deiner eigenen Familie helfen kannst, was ist dann der Sinn all dieses Studierens? All dieses Stolzes?“

Die Schuldgefühle trafen genau da, wo sie es beabsichtigt hatte. Sie waren nie unterstützend gewesen und waren dagegen gewesen, dass ich studierte, weil sie es als Geldverschwendung ansahen, aber ich sah es als eine Gelegenheit, dieser lächerlichen Situation namens Leben zu entkommen.

Meine Finger pochten unter den Bandagen.

„Ich werde es schicken“, hörte ich mich sagen.

In ihrer Antwort lag kein Zögern. „Gut. Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann.“

Nicht „Geht es dir gut?“

Nicht „Wie laufen deine Kurse?“

Nur Erleichterung darüber, dass ihr Problem gelöst war.

„Ich werde es in ein paar Tagen überweisen“, fügte ich leise hinzu.

„Das solltest du auch“, warnte sie. „Der Arzt wird nicht warten.“

Die Leitung war tot.

Ich starrte noch lange nach dem Ende des Anrufs auf den Bildschirm.

Einen Moment lang wollte ich das Telefon durch den Raum schleudern. Schreien. Weinen. Irgendetwas.

Stattdessen legte ich es vorsichtig auf den Schreibtisch.

Die Behandlung meines Bruders. Bei meinem Bruder Ethan war vor drei Jahren Blutkrebs diagnostiziert worden, was die aktive Ursache für den Zusammenbruch unserer Familie war.

Mein Vater hatte es irgendwann satt, sich um alles zu kümmern, einschließlich meiner depressiven, alkoholkranken Mutter, und er brannte durch. Ich mache ihm keinen Vorwurf. Das habe ich nie getan, und ich wünschte mir heimlich, er hätte mich mitgenommen. Vielleicht wäre mein Leben dann besser verlaufen.

Mamas Depressionen wurden nach dem Weggang meines Vaters noch schlimmer, zusammen mit Ethans Zustand, und seine teure medizinische Behandlung war etwas, das ich unmöglich allein stemmen konnte.

Deshalb sah ich diese Schule als Flucht aus diesem Todesloch, das mir kontinuierlich das Leben aussaugte.

Mama hasste mich seitdem dafür, dass ich den Studienplatz angenommen hatte, nannte mich egoistisch, selbstbezogen und undankbar für all die Dinge, von denen sie behauptete, sie für mich getan zu haben. Sie beschuldigte mich, sie und meinen Bruder genauso im Stich lassen zu wollen wie mein Vater.

Ich gluckste leise. Ja, mein Leben war ziemlich beschissen und im Eimer.

Mein Telefon leuchtete mit einer Benachrichtigung auf. Es war eine Nachricht von Reina, die alle Informationen enthielt, die ich über den heutigen Abend wissen musste.

Ich konnte immer noch nicht glauben, dass ich mich auf so eine gefährliche Scheiße einließ, die mich buchstäblich ins Gefängnis bringen oder noch schlimmer, von der Schule fliegen lassen konnte.

*„Bock es nicht auf. Geh rein und geh wieder raus.“*

Ich starrte die Nachricht lange an.

**Ort:** VELVET ROOM

**Uhrzeit:** 21:00 Uhr

**Zielperson:** Liam Carrington

**Aufgabe 1:** Es in sein Getränk mischen

**Aufgabe 2:** Das Paket dem Mann im grauen Anzug nahe der VIP-Lounge übergeben

**Bezahlung:** 5.000 Dollar

Fünftausend.

Mehr als das, worum meine Mutter gerade gebeten hatte. Mehr, als ich jemals auf einmal auf meinem Konto gehabt hatte.

Mein Magen krampfte sich zusammen.

Ich entschlüsselte die zweite Nachricht. Ein Foto lud langsam.

Ein großer Mann, dunkelhaarig, der mit den vielen Tätowierungen auf seiner Haut definitiv gefährlich aussah.

Meine bandagierten Finger krampften sich um das Telefon.

Das war IRRSINN.

Ein falscher Schritt und ich könnte festgenommen werden. Rausgeworfen werden. Alles ruinieren, wofür ich gearbeitet hatte. Mein Stipendium. Meine Zukunft.

„Es ist ja nicht so, als hätte ich eine Wahl“, atmete ich aus.

Eine Stunde später war ich in weite Jeans und einen schwarzen Hoodie gekleidet. Ich schob meine Brille hoch, die einen Sprung in einem der Gläser hatte.

Ich starrte mein Spiegelbild an und sagte mir immer wieder die Worte auf: „Geh rein. Geh raus. Und lass dich nicht umbringen.“

Ich ging zu meinem Schreibtisch und schob die Spritze in meine Kapuzenpullover-Tasche. Es war eine Notfall-Schutzdroge für alle Fälle.

Nervosität breitete sich tief in meinem Magen aus und rief ein Gefühl von Übelkeit hervor. Ich kam zehn Minuten zu früh im Club an, wo ich nun an der Bar saß und mein Bestes tat, um nicht aufzufallen.

Ich wusste, dass Reina gesagt hatte, ich solle rein- und wieder rausgehen, aber ich musste zuerst meine Umgebung analysieren, und es dauerte nicht lange, bis ich mein Ziel entdeckte.

Liam Carrington.

Ich rückte meine Brille zurecht und versuchte angestrengt, es nicht offensichtlich wirken zu lassen, dass ich ein Auge auf einen bestimmten tätowierten Mann geworfen hatte.

Ich blinzelte durch meine Brille, überprüfte mein Telefon und blickte dann wieder zu dem Mann.

Bilde ich mir das nur ein, oder sah der Mann zehn Jahre jünger aus? Oder war das Foto einfach nur schlecht geknipst worden?

Ich ließ weitere zwanzig Minuten verstreichen und wartete auf eine Gelegenheit, mich ihm zu nähern, da er von drei Mädchen umgeben war.

Ich hielt den Kopf gesenkt, die Finger um ein Glas Limonade gekrümmt, das ich nicht zu trinken gedachte.

Fokus.

Der Mann, den ich beobachtet hatte, wandte sich schließlich von den Mädchen ab, murmelte etwas und ging dann in Richtung des Korridors, der zum VIP-Bereich führte.

Das war die Gelegenheit.

Ich glitt vom Barhocker, mein Puls hämmerte, und folgte ihm in sicherem Abstand.

Aus der Nähe verstärkte sich meine Verwirrung.

Er sah jünger aus als auf dem Foto. Weniger abgebrüht. Die Tätowierungen waren da, ja, aber seinem Gesicht fehlte diese kältere Schärfe.

Vielleicht verzerrte das Licht im Club meine Wahrnehmung.

Oder vielleicht dachte ich einfach zu viel nach.

Nicht denken. Einfach handeln.

Er blieb an einem Stehtisch stehen und nahm ein frisches Getränk von einer Bedienung entgegen. Die Mädchen gesellten sich Augenblicke später wieder zu ihm und lachten über etwas, das er sagte.

Ich schluckte.

Reinas Worte hallten in meinem Kopf wider.

*Geh rein. Geh raus.*

Ich kam näher, tat so, als würde ich mein Telefon überprüfen, und tat so, als würde ich in der Menge gegen jemanden stoßen. Meine Schulter streifte seinen Arm.

„Entschuldigung“, murmelte ich schnell.

Er würdigte mich kaum eines Blickes.

Aus der Nähe waren seine Augen heller als auf dem Foto.

Dieser Funke des Zweifels kehrte zurück.

Aber die Panik drückte ihn hinunter.

Ich griff in meine Tasche, meine Finger berührten das kleine Fläschchen.

Schnell.

Kein Zögern.

Als eines der Mädchen an seinem Arm zog und er sich leicht umdrehte, trat ich an den Tisch. Meine Hand schwebte für eine halbe Sekunde über seinem Glas.

Dann kippte ich es hinein.

Es löste sich sofort auf.

Ich stieß absichtlich gegen eine andere Person, um das perfekte Ablenkungsmanöver zu schaffen, und schlüpfte in die Waschräume.

Mein Herz hämmerte mir bis zum Hals. Mein Körper zitterte heftig, als ich den Wasserhahn aufdrehte und das kalte Wasser meine Körpertemperatur herunterkühlen ließ.

*Atme, Nathaniel… Scheiße! Das war knapp.*

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals herunter. Ich betrat eine der Kabinen, erledigte mein Geschäft, wusch mir die Hände und trat dann heraus—

Mein Körper wurde augenblicklich gegen die Wand geschmettert, und in diesem verschwommenen Bruchteil einer Sekunde wurde meine Brille heruntergeschlagen.

Eine raue Hand legte sich um meine Kehle, begleitet von dunklen, funkelscharfen Augen.

„Überrascht? Schlampe.“ Seine Fingernägel gruben sich fester in meinen Hals.

Und als sich mein unsicherer Blick hob…

Gefrierendes Entsetzen lief mir den Rücken hinunter.

Er war es.

Liam Carrington?

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