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Author: Dee
last update publish date: 2026-06-23 21:10:38

ARIA – Ich-Perspektive

Der Mann blieb wenige Schritte vor mir stehen.

Aus der Nähe wirkte er noch einschüchternder. Er war groß, ruhig und hatte breite Schultern. Er schien vollkommen Herr über sich selbst zu sein.

Das rote Licht des Raumes fiel über sein Gesicht und warf dunkle Schatten entlang seines Kiefers. Die Ärmel seines Hemdes waren bis zu den Unterarmen hochgekrempelt und enthüllten kräftige Hände, die mit Tattoos übersät waren – Tattoos, die aussahen, als wären sie es gewohnt, Gehorsam zu erzwingen.

Er betrachtete mich schweigend. Er starrte mich nicht einfach an, er studierte mich. Als wäre ich etwas Interessantes, das er gerade entdeckt hatte.

Dann sprach er. „Erstes Mal hier.“ Seine Stimme trug eine natürliche Autorität in sich.

Es war keine Frage.

Mein Rücken straffte sich sofort. War es wirklich so offensichtlich? Ich hob das Kinn und versuchte, nicht nervös zu wirken.

„Ist das so deutlich zu sehen?“, fragte ich.

Der Mundwinkel des Mannes hob sich leicht. „Nur für jemanden, der diesen Ort gut kennt.“ Er antwortete mit solcher Selbstsicherheit.

Etwas an seiner Ruhe und seinem Selbstvertrauen ließ meinen Magen sich zusammenziehen. Er streckte mir die Hand entgegen.

„Adrian.“

Einfach nur Adrian. Kein Nachname.

Ich zögerte eine halbe Sekunde, bevor ich meine Hand in seine legte.

Sein Griff war warm und fest, aber überraschend sanft.

In dem Moment, als unsere Finger sich berührten, hätte ich meine Hand beinahe zurückgezogen.

„Aria“, sagte ich.

Seine Augen wanderten langsam über mich, als würde er mich abwägen.

„Aria“, wiederholte er langsam.

Die Art, wie er meinen Namen aussprach, ließ Hitze meinen Nacken hinaufkriechen. Dann glitt sein Blick durch den Raum, bevor er wieder zu mir zurückkehrte.

„Du beobachtest alles mit großer Aufmerksamkeit.“ Er sagte es völlig unvermittelt.

Ich runzelte die Stirn. „Was soll das heißen?“

Er neigte den Kopf leicht zur Seite.

„Menschen, die hierher gehören oder öfter kommen, sehen nicht so schockiert aus.“

Ich verschränkte die Arme. „Vielleicht bin ich einfach nur aufmerksam.“

Ein kleines Lächeln erschien auf seinen Lippen.

„Vielleicht.“

Dann beugte er sich etwas näher und senkte die Stimme gerade genug, dass nur ich ihn hören konnte.

„Oder vielleicht bist du in etwas hineingestolpert, das du nicht verstehst. Etwas Fremdes.“

Ein leiser Schauer lief mir über den Rücken.

Ich wandte den Blick von ihm ab und sah mich erneut im Raum um.

Ketten hingen von der Decke. Leise Musik erfüllte die Atmosphäre. Menschen bewegten sich um uns herum, als wäre dieser Ort für sie völlig normal.

Für mich fühlte es sich immer noch unwirklich an. Ich hatte nicht gewusst, dass es einen solchen Ort überhaupt gab.

„Was genau ist das hier?“, fragte ich leise.

Adrian folgte meinem Blick ruhig. „Ein privater Club.“

„Das hatte ich mir schon gedacht.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.

„Er basiert auf Regeln, Vertrauen, Kontrolle, Unterwerfung und Dominanz.“

Das letzte Wort ließ etwas in meiner Brust sich zusammenziehen.

Kontrolle.

Mein ganzes Leben hatte ich unter der Kontrolle eines anderen Menschen verbracht. Mein Vater entschied alles für mich – meine Schule, meine Freunde, meinen Zeitplan. Sogar, wie ich mich bei Veranstaltungen wie heute Abend anzog.

Adrian sprach weiter, seine Stimme ruhig und beherrscht.

„Hier passiert nichts, ohne dass beide Parteien einverstanden sind.“

Ich blinzelte.

„Das ist… überraschend.“

Er sah mich an.

„Warum?“

Ich zuckte leicht mit den Schultern.

„Es sieht nicht danach aus.“

Sein Blick wurde etwas weicher, als würde er genau verstehen, was ich meinte.

„Kontrolle wird hier gewählt“, sagte er. „Nicht erzwungen.“

Dieser Satz blieb länger in meinem Kopf, als er sollte.

Gewählt.

Aus irgendeinem Grund faszinierte mich dieser Gedanke.

Plötzlich fiel mir etwas ein, und ich drehte mich schnell um.

„Ashley?“

Meine Augen suchten den Raum ab, aber sie stand nicht mehr neben mir. Ich fuhr herum.

„Sie war gerade noch hier.“

Adrian folgte meinem Blick ruhig.

Dann schaute er quer durch den Raum und nickte leicht.

„Sie ist mit jemandem gegangen.“

Mein Herz machte einen Sprung. „Was?“, keuchte ich schockiert.

Er sah mich wieder an. „Entspann dich. Es geht ihr gut.“

„Du klingst sehr sicher“, antwortete ich.

„Ich kenne die Leute hier.“ Seine Antwort und das Selbstvertrauen in seiner Stimme machten es schwer, ihm zu widersprechen.

Trotzdem wurde meine Brust eng. Jetzt wurde mir klar: Ich war allein.

Vollkommen allein. Mit ihm.

Adrian schien die Veränderung in meinem Gesicht zu bemerken.

„Du denkst darüber nach zu gehen. Du hast Angst.“ Er sagte es ganz ruhig.

Ich blinzelte.

„Woher weißt du das?“, fragte ich erschrocken.

„Weil ein Teil von dir aufgeregt und lebendig wirkt“, sagte er gelassen. Er machte eine kurze Pause. „… und der andere Teil hat Todesangst.“

Ich lachte nervös. „Vielleicht rätst du einfach nur“, murmelte ich und versuchte, mutig zu klingen.

Seine dunklen Augen hielten meinen Blick fest. „Ich rate nie.“ Er knurrte leise.

Für einen Moment schwiegen wir beide.

Die Musik pulsierte leise um uns herum. Menschen bewegten sich durch den Raum, lachten, redeten, flüsterten, küssten und fickten.

Aber der Raum zwischen uns fühlte sich seltsam still an.

Dann hob Adrian die Hand und deutete auf den Gang hinter mir.

„Der Ausgang ist dort drüben.“

Meine Augen folgten seiner Geste. Dann zeigte er tiefer in den Club hinein.

„Oder…“ Seine Stimme wurde etwas tiefer. „Du kannst bleiben.“

Mein Herz begann schneller zu schlagen.

„… und herausfinden, warum die Menschen hierherkommen.“

Ich schluckte schwer.

Zum ersten Mal seit Jahren sagte mir niemand, was ich tun sollte. Die Entscheidung lag ganz bei mir.

Ich schaute noch einmal zum Ausgang. Wenn ich jetzt ging, würde alles wieder normal werden.

Die Regeln meines Vaters. Das Leben meines Vaters. Kontrolliert von ihm.

Dann sah ich zurück zu Adrian. Wieder flammte etwas Rebellisches in meiner Brust auf.

„Was passiert, wenn ich bleibe?“, fragte ich leise.

Adrian betrachtete mich lange. Dann streckte er die Hand aus und nahm sanft meine.

Mein Herz setzte einen Schlag aus.

„Dann zeige ich es dir.“ Er flüsterte es, seine Stimme tiefer und dunkler.

Mein Herz hämmerte in meiner Brust, als er sich umdrehte und mich tiefer in den Club führte.

Die Musik wurde lauter, das Licht dunkler.

Und während ich ihm folgte – nur Gott wusste wohin –, hallte ein Gedanke in meinem Kopf wider.

Vielleicht würde diese Nacht alles verändern.

Oder vielleicht…

hatte ich gerade die gefährlichste Entscheidung meines Lebens getroffen.

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