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Kapitel 4

Author: Frida
Bevor ich ging, wollte ich mich nur von einer einzigen Person verabschieden.

Danach würde mich nichts mehr festhalten.

„Helena, wieder bei Frau Lindner?“

Der Friedhofswärter erkannte mich und grüßte mich lächelnd.

Jedes Jahr um diese Zeit kam ich zu Frau Lindner.

Ich legte einen Strauß weißer Chrysanthemen vor ihr Grab.

„Frau Lindner… ich muss gehen.“

Ein Windhauch strich sanft vorbei. Auf dem Foto lächelte sie noch immer so warm.

Ich verließ den Friedhof und lief ziellos durch die Straßen.

Vor einer Konditorei lag süßer Duft in der Luft.

Plötzlich dachte ich an die Kuchen von damals, die Leon und Sven mir gekauft hatten.

Billige Sahne – und doch echte Süße.

Mein Handy vibrierte. „Alles Gute zum Geburtstag.“

Die Nachricht kam von der Familie Günther. Dazu eine große Überweisung.

Auch wenn ich nicht zurückwollte, schickten sie mir zu Feiertagen und besonderen Tagen jedes Jahr ihre Grüße.

Vor zwei Stunden hatte Johanna etwas in ihrem Instagram-Feed gepostet: drei Kinotickets.

Ohne es zu merken, stand ich vor dem Eingang unseres alten Waisenheims.

Es war zu einem Freizeitpark umgebaut worden. Selbst nachts war es voller Lichter und Lärm.

„Helena!“ Johanna entdeckte mich und lief auf mich zu. In ihren Augen lag ein Lächeln.

„Du bist auch hier? Mir geht’s heute nicht so gut. Leon und Sven mussten mich unbedingt rausbringen.“

Dass sie mir so nahe kam, fühlte sich instinktiv falsch an.

Da huschte ein seltsames Lächeln über ihr Gesicht. Sie packte meine Hand – und ließ sich nach hinten fallen.

Ein Scooter schoss heran und rammte uns. Wir wurden weggeschleudert.

Aus Leons und Svens Blickwinkel sah es aus, als hätte ich sie vor den Scooter gestoßen.

Auf dem Weg wurde Leons und Svens Miene mit jeder Minute dunkler. Johannas Stirn und ihr Bein bluteten stark.

Mich beachteten sie nicht. Ich war kreidebleich. Ein Rad hatte über meine rechte Handfläche gerollt. Die ganze Hand fühlte sich an, als gehöre sie nicht mehr zu mir.

Als man uns ins Krankenhaus brachte, sagte die Krankenschwester zu Leon, heute sei nur ein Arzt im Dienst.

„Erst Johanna! Sofort in den OP! Ein Mädchen darf keine Narben behalten!“ Sven brüllte es, kaum waren wir drin.

Ihr Bein und ihre Stirn sahen schlimm aus. Aber mit einem Funken gesunden Menschenverstands erkannte man: Das waren oberflächliche Wunden.

Die Krankenschwester sah auf meine verdrehte Hand. „Herr Schneider, die Verletzungen von Frau Schulz können wir hier versorgen. Die Verletzung dieser jungen Frau ist schwerer. Wenn wir nicht sofort handeln, dann ihre rechte Hand…“

„Johanna zuerst!“ Sven und Leon waren sich plötzlich erschreckend einig. Hart. Unnachgiebig.

Meine Haut war blass. Wenn ich diese Hand verlor, würde ich nie wieder einen Pinsel halten können.

„Leon… Sven… kann ich bitte zuerst…? Meine Hand tut so weh!“

„Helena, warum gehst du immer auf Johanna los?“

„Vergiss nicht, was du bist. Ein Heimkind! Wenn ich dich damals nicht großgezogen hätte, wärst du längst auf der Straße verhungert!“

„Ab heute ist Johanna meine Schwester! Du wirst sie nicht noch einmal verletzen!“

„Ohne dich wäre Johanna gar nicht verletzt!“

„Du hast nicht mal die Haut aufgeschürft! Hör auf zu spielen!“

Mit einer Ohrfeige schleuderte er mich zu Boden. In meinem Gesicht blieb kein Hauch von Farbe.

Erst als meine Hand in einem unnatürlichen Winkel schlaff am Boden hing, merkte er, dass etwas nicht stimmte.

„Helena, geht es dir gut?“
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