LOGINDrei Jahre vergingen wie ein Wimpernschlag.Ich wurde das jüngste Mitglied der Familienkommission und der einzige weibliche Chief Consigliere in der Geschichte der Fünf Familien.Beim feierlichen jährlichen Gipfeltreffen verneigte Vittorio vor sämtlichen Capos persönlich den Kopf vor mir.Donnernder Applaus brach an beiden Seiten des langen Tisches aus.Alle Mafiabosse erhoben ihre Gläser und erkannten meine Stellung an.Als der Gipfel zu Ende ging, war es bereits Abend.Draußen fiel ein feiner, gleichmäßiger Nieselregen und legte sich über die kopfsteingepflasterten Straßen der Altstadt.Allein fuhr ich zum Friedhof der Familie am Stadtrand.Die goldene Irisnadel an meinem Revers schimmerte schwach im Regenlicht.Vor dem Grab meiner Eltern legte ich einen Strauß weißer Rosen nieder.„Papa, Mamma.“Ich kniete mich hin. Meine Stimme war leise.„Ich habe der Familie ihre Ehre und ihre Regeln zurückgebracht.“„Von jetzt an werde ich für euch über die Regeln dieser Küste wache
Als ich wieder die Augen öffnete, lag ich im Anwesen von San Celano in einem weichen Samtbett.Draußen vor dem Fenster erstreckte sich der vertraute Olivenhain.Das Morgenlicht kroch Zentimeter für Zentimeter über die Wände.Vittorio saß in dem alten Ledersessel neben meinem Bett.Er sah aus, als hätte er die ganze Nacht kein Auge zugemacht.Die Ringe unter seinen Augen waren dunkel und ungesund grau.„Du bist wach?“In seiner Stimme lag ein seltenes Zittern.„Du stures Mädchen ... Du gehst mit deinem Leben genauso leichtfertig um wie dein Vater.“Ich öffnete den Mund, doch meine Kehle brannte wie Feuer.Kein Laut kam heraus.„Sprich nicht.“Er beugte sich vor und zog die Decke sorgfältig um mich.„Die Kugel hat dein Schlüsselbein nur gestreift. Der Arzt sagt, du hattest Glück. Es war ein Wunder.“Er hielt kurz inne.„Der Vertrag ist angekommen. Am nächsten Morgen hat die Kommission einstimmig dafür gestimmt. Die nördlichen Schmuggelrouten sind für die nächsten zehn Jahr
Die Verhandlungen in Blacksand waren weitaus gefährlicher als erwartet.In einem verlassenen Lagerhaus am Hafen stand ich Salazar und seinem Dutzend bewaffneter Männer sechs zermürbende Tage lang gegenüber.Mehrmals waren Waffenläufe direkt auf meine Stirn gerichtet.Schließlich setzte ich mein letztes Druckmittel ein und zwang ihn zur Unterschrift.Genau in diesem Augenblick gingen rivalisierende Banden in der Stadt aufeinander los, und eine erbitterte Schießerei brach aus.Die Leibwächter, die mich begleitet hatten, fielen einer nach dem anderen, während sie meinen Rückzug deckten.Ich versteckte mich hinter einer massiven Betonbarriere.Umherfliegende Splitter rissen meinen Arm auf, und das Blut färbte meinen Trenchcoat rasch dunkelrot.An die eiskalte Wand gelehnt startete ich mein verschlüsseltes Gerät, fotografierte den unterzeichneten Vertrag und schickte das Bild nach San Celano.Während der Fortschrittsbalken sich langsam vorwärtsbewegte, prasselten Kugeln auf das Ble
Weitere drei Monate vergingen.Vittorio bat mich in sein privates Arbeitszimmer.„Es gibt einen Auftrag. Er ist schmutzig und äußerst gefährlich.“Der alte Mann schob mir eine verschlossene schwarze Ledermappe entgegen.Der Schlüssel lag daneben.„Aber für die Familie ist er wichtiger als alles, womit wir uns in den vergangenen Jahrzehnten befasst haben. Du kannst ablehnen, Serafina. Niemand wird es dir vorwerfen.“Ich öffnete die Mappe.Südgrenze. Blacksand.Eine Schmuggelroute, die sich über drei Länder erstreckte, war vor Kurzem von einem Schmuggelboss namens Salazar blockiert worden.Seine Männer hatten bereits zwei Verhandlungsdelegationen aus San Celano abgeschlachtet und ihre Leichen in der Wüste zurückgelassen.Nicht einmal die Köpfe hatten sie zurückgeschickt.Die Familie brauchte jemanden, der persönlich dorthin ging, Druckmittel mitbrachte und einen Waffenstillstand unterzeichnen ließ.„Ich gehe.“„Überleg es dir gründlich.“ Vittorios Blick wurde schwer. „Diese
Julian brauchte sechs Monate, um mich bis nach San Celano aufzuspüren.An jenem Tag saß ich im unterirdischen Verhandlungsraum des Anwesens und prüfte gemeinsam mit drei alten Weinbergbesitzern aus Neapel ein Geldwäschegeschäft.Mein Stellvertreter öffnete die Tür und senkte die Stimme.„Miss Vitale, im VIP-Raum 3 des Clubs wartet ein Herr aus Porthaven auf Sie. Er behauptet, Ihr ... Ehemann zu sein.“Ich legte meinen Füllfederhalter ab.Für einen kurzen Augenblick ruhten meine Finger auf der Ecke des Dokuments.„Sagen Sie ihm, dass ich heute Abend beschäftigt bin.“„Er sagt, er warte bereits seit drei Tagen. Es geht um die Scheidungspapiere.“Ich schwieg einige Sekunden.„Enzo soll den Wagen holen.“Ich schloss die Mappe und hob die Hände, um meinen Mantel zuzuknöpfen.„Zum Club.“Als der Leibwächter die schwere, schallisolierte Tür des VIP-Raums öffnete, stand Julian mit dem Rücken zu uns vor den schwach beleuchteten bodentiefen Fenstern.Draußen lag das nächtliche Panor
Mein Leben in San Celano war ein Neuanfang.Ich begrub meine Vergangenheit und trat in den innersten Kreis der Familie ein.Niemand hier wusste von meinem Leben in Porthaven oder von der Trauer über den Verlust meines Kindes, die mich beinahe getötet hatte.Die Männer dieser alten Stadt sahen in mir nur eine junge Witwe aus dem Norden – eine stille Frau mit Augen so kalt wie Eis.Tagsüber saß ich im Arbeitszimmer und blätterte durch Geschäftsbücher.Ich glich jede einzelne Transaktion der Weinberge, Casinos und Verladedocks der Familie miteinander ab.Nachts las ich in Vittorios unterirdischer Bibliothek und studierte die Blutlinien der Fünf Familien sowie dreißig Jahre ihrer Schulden und Verpflichtungen.An den Wochenenden schloss ich mich im fensterlosen Untergrundarchiv ein und verbrachte dort den ganzen Tag.Vittorio wurde mein strengster Mentor.„Dein Vater erkannte manipulierte Bücher innerhalb von drei Minuten“, pflegte er zu sagen. „Du wirst ihm in nichts nachstehen.“






