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Kapitel 4: Der Eispalast

Author: Déesse
last update publish date: 2026-07-14 02:32:36

Lyanna

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Das Innere des Palastes steht in krassem Gegensatz zur Wärme seiner Hand. Kalt. Düster. Die schwarzen Steinwände schlucken das Licht, die Wandteppiche zeigen Wölfe, die ihre Beute verschlingen, und die Fackeln werfen tanzende Schatten auf die Marmorfliesen. Meine Schritte hallen wider. Jedes Geräusch wird verstärkt. Jeder Atemzug scheint belauscht zu werden.

Eine stumme Dienerin führt mich. Sie spricht nicht. Sie sieht mich nicht an. Sie geht zwei Schritte vor mir, den Kopf gesenkt. Ich frage mich, ob man ihr die Zunge herausgeschnitten hat oder ob es die Angst ist, die sie erstickt. Hier ist beides denkbar.

Meine Gemächer sind prunkvoll. Es ist fast beleidigend. Ein riesiges Zimmer, ein Himmelbett, das mit so tiefviolettem Samt drapiert ist, dass es schwarz erscheint. Ein monumentaler Kamin, in dem ein Feuer tanzt. Dicke Teppiche, in denen meine Stiefel versinken. Ein Duft von Zedernholz und Moschus liegt in der Luft, ein männlicher, betörender Duft. Das Parfüm des Königs. Es durchdringt die Vorhänge, die Kissen, die Laken. Ich bin in seinem Territorium.

Ich gehe im Raum umher. Die Haupttür, schwer, mit Eisen verstärkt. Ein schmales Fenster, das auf die Burggräben hinausgeht. Und eine zweite Tür, kleiner, an der hinteren Wand. Ich nähere mich, die Hand ausgestreckt.

„Tretet niemals ungebeten ein, Hoheit."

Die Stimme der Dienerin peitscht wie ein Schlag. Ich ziehe meine Hand zurück.

„Das ist das Schlafgemach des Königs. Die Verbindungstür. Er wird Euch rufen, wenn er es für richtig hält."

So kann er also zu mir kommen, wann er will. Aber ich kann nicht zu ihm.

Ich setze mich auf das Bett, die Hände flach auf dem Samt. Das Zimmer des Königs ist hinter dieser Wand. Er schläft nur wenige Schritte von mir entfernt. Vielleicht atmet er genau in diesem Moment hinter dieser Tür. Ich stelle mir seinen Oberkörper vor, wie er sich unter den Laken hebt und senkt, sein gelöstes Haar auf dem Kissen, seine Hand auf der Matratze an der Stelle, wo mein Platz sein könnte. Ich schüttle den Kopf, wütend auf mich selbst. Warum denke ich daran?

Die Dienerin verschwindet. Ich stehe auf, um den Palast zu erkunden, immerhin sollte ich mein Gefängnis kennen, und als ich zurückkomme, in einem von Fackeln erleuchteten Korridor, sehe ich sie.

Lady Isadora.

Sie steht mitten im Korridor, kerzengerade wie ein Schwert. Ihr smaragdgrünes Kleid schmiegt sich wie Wasser an ihre Kurven, ihr rotes Haar flammt, ihre grünen Augen durchbohren mich. Ihre vollen Lippen deuten ein Lächeln an, das nichts Freundliches hat.

„So, Ihr seid also die neue Gemahlin."

Ihre Stimme ist ein dünner Strahl aus Gift. Sie mustert mich von Kopf bis Fuß und verweilt auf meinem schlichten Kleid, meinem von der Reise zerzausten Haar, meinen noch von den Tränen des Morgens gezeichneten Wangen.

„Ich bin Lady Isadora. Die Mätresse des Königs. Offiziell. Anerkannt. Kael und ich teilen eine... besondere Beziehung. Seit Jahren."

Sie macht einen Schritt auf mich zu, nah genug, dass ich ihr Parfüm rieche. Jasmin, Moschus, ein betörender Verführerinnenduft. Ihre Augen gleiten meinen Körper hinab, bleiben auf meiner Kehle, auf meinen Hüften, mit kalkulierter Verachtung.

„Ihr seid nichts als eine politische Vereinbarung, Prinzessin. Eine Unterschrift auf einem Pergament. Wenn der König von Euch bekommen hat, was er will, wird er zu mir zurückkehren. Er kommt immer zu mir zurück. Seine Hände kennen meinen Körper. Seine Lippen kennen meine Haut. Was glaubt Ihr? Dass eine kleine Provinzprinzessin ihn Jahre der Leidenschaft vergessen lässt?"

Ihre Worte sind Klingen. Sie dringen unter meine Haut, und ich hasse es, dass sie mich treffen. Nicht aus Eifersucht. Aus Demütigung. Zu wissen, dass ich nur eine Schachfigur bin, dass dieser Mann eine Mätresse hat, zu der er vielleicht zurückkehrt, nachdem er mich genommen hat, nachdem er mich benutzt hat...

„Danke für die Information, Lady Isadora. Und jetzt, wenn Ihr mich entschuldigen würdet."

Ich gehe ohne Eile an ihr vorbei, ohne den Blick zu senken. Sie lacht hinter mir, ein kristallklares und giftiges Lachen.

„Genießt Eure Hochzeitsnacht, Prinzessin. Man erzählt sich, der König sei... intensiv. Sein Appetit ist unersättlich. Ich hoffe, Ihr haltet das aus."

Ich gehe weiter, ohne mich umzudrehen, aber meine Wangen brennen und ein Bild drängt sich mir gegen meinen Willen auf: Kael, nackt, in diesem Himmelbett, die Laken zerwühlt, eine rothaarige Frau unter ihm. Ich verscheuche diese Vision mit einem Ruck der Wut. Ich will nicht daran denken. Ich will ihn mir nicht mit einer anderen vorstellen. Und doch bleibt das Bild, hartnäckig, und ich spüre, wie eine ungesunde Hitze in mir aufsteigt.

Am Abend mache ich mich allein fertig. Ich will keine Dienerinnen, ihre Hände nicht auf mir, ihre mitleidigen Blicke nicht. Ich weiß, was mich erwartet. Die Hochzeitsnacht. Das Bett des Königs. Das Ritual, von dem alle in den Gängen mit gedämpfter Stimme sprechen.

Ich bleibe auf der Bettkante sitzen, im Nachthemd, der durchsichtige Stoff lässt meine Formen erahnen. Das Feuer knistert im Kamin. Ich lausche. Hinter der Verbindungstür, schwere, regelmäßige Schritte, wie ein Raubtier im Käfig. Er ist da. Er läuft in seinem Zimmer auf und ab. Einmal glaube ich zu hören, wie er genau hinter der Tür stehen bleibt. Als ob er seine Hand auf das Holz legte, als ob er meinem Atem lauschte.

Meine Hand legt sich meinerseits auf das Holz. Unsere Handflächen sind nur durch wenige Zentimeter massive Eiche getrennt.

Ich hasse Euch, flüstere ich stumm.

Aber ich ziehe meine Hand nicht zurück. Und auch er, auf der anderen Seite, bewegt sich nicht. Und in der Stille dieser eisigen Nacht spüre ich seinen Atem, als wäre er an meinem Nacken, seine Wärme, als wäre er bereits in meinem Bett, und mein ganzer Körper erschauert vor einer Erwartung, die ich nicht zugeben will.

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