LOGINDie Notfallsitzung dauerte zwei Stunden und endete mit dem vielleicht schlechtesten Plan unserer gemeinsamen Geschichte, und ich sage das als Frau, die dabei war, als wir mit vierzehn versuchten, eine Dauerwelle mit Zuckerwasser zu machen.
Der Plan ging so: Eine von uns sollte herausfinden, was genau Tate wusste, seit wann und – am wichtigsten – was er damit vorhatte. Scarlett schied aus; sie war zu nah dran, zu wütend, und außer
Was als Nächstes kommtDrei Wochen nach dem Abendessen bei Papa hatte sich unser Leben in eine neue, ungewohnte Form eingependelt, die ich nur als „ehrliches Chaos" beschreiben konnte – immer noch chaotisch, aber auf eine Weise, die sich leichter anfühlte, weil niemand mehr Buch darüber führen musste, wer wann wo wer sein musste.Der Buchclub existierte noch, aber seine Funktion hatte sich verschoben: Wo früher Alarmrufe und Notfallpläne standen, fanden sich jetzt öfter Fotos von Papas neuer, endlich fertig eingerichteter Wohnung, Screenshots von Zoes neuesten Dating-App-Katastrophen, oder einfach nur „Guten Morgen"-Nachrichten, die keinen anderen Zweck hatten, als zu sagen: Ich denke an euch, auch wenn heute keine Krise ansteht.Ich war zurück an der Uni, in Vollzeit, unter meinem eigenen Namen, und hatte, zu meiner eigenen Überraschung, begonnen, meine Comics nicht mehr unter der M
Sieben Personen, ein TischZwei Wochen nach dem Nachmittag im Atelier saßen wir zu siebt an einem Tisch, der eigentlich nur für sechs gedeckt war, weil Papa in letzter Minute beschlossen hatte, Rocco einzuladen, „weil der Mann seit Wochen so besorgt um dich guckt, Scarlett, das Mindeste ist ein anständiges Essen" – eine Logik, die keinen Sinn ergab und trotzdem, auf die typische Papa-Art, völlig konsequent war.Ich hatte in den zwei Wochen seit dem Atelier-Nachmittag gelernt, dass Wahrheit, einmal ausgesprochen, eine Art Eigenleben entwickelt – sie breitet sich aus, verzweigt sich, findet ihren Weg in Gespräche, die man nie geplant hätte, bis sie plötzlich, ohne dass man es beabsichtigt hatte, zu einem festen Bestandteil des Alltags geworden ist. Papa rief inzwischen jeden zweiten Tag an, nicht aus Kontrollzwang, sondern aus echtem Interesse, und jedes Gespräch fühlte sich ein bisschen weniger
Das AtelierPapa stand vor der Tür des Hinterhauses um Punkt drei Uhr nachmittags, mit einer Pünktlichkeit, die er sich offenbar irgendwann in den letzten zwei Jahren angewöhnt hatte, als hätte er beschlossen, dass Zuverlässigkeit die eine Sache war, die er ab sofort kontrollieren konnte, selbst wenn er so vieles andere nicht mehr kontrollieren konnte.Wir drei hatten uns eine Stunde vorher getroffen, um uns gegenseitig Mut zuzusprechen, eine Übung, die mehr aus nervösem Herumstehen als aus tatsächlichen Worten bestand. Scarlett hatte ihren roten Lippenstift aufgetragen, „für die Kriegsbemalung", auch wenn dieser Krieg keiner war, den man mit Kosmetik gewinnen konnte. Emmi hatte den Brief noch einmal gelesen, dreimal, bis sie ihn fast auswendig kannte. Ich hatte die Regeln noch einmal durchgesehen, alle neun, als könnte die bloße Existenz einer Ordnung das Chaos abwenden, das gleich über un
Was Mama gewusst hätteDie Woche bis Samstag verging in einer seltsamen, gedehnten Zeitlosigkeit, in der jede gewöhnliche Handlung – Kaffee kochen, zur Uni fahren, Zoe von ihrem Date erzählen hören – sich anfühlte, als geschähe sie hinter einer dünnen Glasscheibe, während der eigentliche Teil von mir bereits im Samstag lebte, in einem Gespräch, das noch nicht stattgefunden hatte und das ich mir trotzdem in tausend Variationen ausmalte, jede schlimmer als die letzte.Ich zeichnete in dieser Woche mehr als sonst, mit einer Hektik, die ich selbst kaum kontrollieren konnte – Seiten voller Frauen mit drei Gesichtern, die sich in einem einzigen Körper stritten, die versuchten, gleichzeitig zu lachen und zu weinen, ohne dass eine der beiden Bewegungen die andere störte. Es war die erste Sammlung, die ich niemandem zeigte, nicht einmal Zoe, weil sie zu roh war, zu direkt, ein Tagebuch in Bild
Die Karte in der Schublade„Papa" stand da wie ein einzelnes, unüberwindbares Wort im Buchclub, und keine von uns tippte in den nächsten zehn Minuten etwas Weiteres, als hätte allein das Aussprechen seines Namens genug Gewicht gehabt, um jede sofortige Antwort zu ersticken.Ich starrte auf mein Handy, in meiner eigenen Wohnung, allein, und dachte an all die anderen Namen, die wir in den letzten Tagen ausgesprochen hatten – Damian, Jonas, Zoe –, jeder davon ein Mensch, den wir uns selbst ausgesucht hatten, jemand, der in unser Leben getreten war, weil wir es zugelassen hatten. Papa war anders. Papa war schon immer da gewesen, in Abwesenheit und jetzt in überraschender Präsenz, und das Gewicht seines Namens fühlte sich an wie das Gewicht einer ganzen Kindheit, nicht nur einer einzelnen Beziehung.Wir trafen uns am nächsten Abend im Atelier, alle drei, mit der Art von feierlicher Ernsthaftigkeit,
Podcast-würdigZwei von zweien, hatte Liv geschrieben, und ich hatte die Nachricht mindestens zehnmal gelesen, mit einer Mischung aus Freude für meine Schwestern und einer wachsenden, unbequemen Gewissheit, dass ich jetzt die Letzte war, die noch zögerte.Es war ein seltsames Gefühl, die Letzte zu sein. Normalerweise bin ich diejenige, die zuerst weint, zuerst nachgibt, zuerst „ja" sagt, wenn Mut gefragt ist – nicht aus Tapferkeit, sondern weil ich schlecht darin bin, unangenehme Gefühle länger als nötig auszuhalten. Aber bei Zoe zögerte ich, tagelang, und ich verstand meine eigene Zögerlichkeit erst, als ich mir eingestand, wovor ich mich wirklich fürchtete: nicht ihre Ablehnung, sondern ihre Begeisterung. Dass sie die Wahrheit nehmen und daraus etwas machen würde, das größer war, als ich es ertragen konnte.Zoe war die naheliegende Wahl, und gleichzeitig die, vor der







