LOGIN„Noch mal", sagte Jonas. „Und diesmal siehst du mich dabei an."
Wir saßen in Seminarraum 4.11, Dienstagabend, zwischen gestapelten Stühlen und dem Geruch von Kreidestaub und kaltem Kaffee. Es war unsere dritte „Session", wie Jonas es nannte, und ich hatte aufgehört, mich zu fragen, wie es dazu gekommen war, weil die Antwort mich ärgerte: Er hatte es einfach beschlossen. Nach der Finali
Der GastFreitagabend hatten wir einen Plan, so detailliert wie ein militärisches Manöver, entworfen in der Nacht zuvor im Atelier, zwischen Regel sieben (Papa) und der Erkenntnis, dass wir noch eine achte brauchten, speziell für diesen Abend: Wenn Jonas kommt, ist Scarlett Scarlett, Liv bleibt fern, und Mia arbeitet an der Bar, am weitesten von der Tür entfernt.Der Plan hatte eine Schwachstelle, die wir alle kannten und keine von uns aussprach: Pläne funktionieren nur so lange, wie die Menschen sich an sie halten, und Zoe war noch nie ein Mensch gewesen, der sich an irgendetwas hielt, außer an ihre eigene Neugier.Ich war eine Stunde vor Öffnung gekommen, um mich vorzubereiten – nicht nur die Perücke, die Camouflage über dem Muttermal, sondern auch mental, so wie Liv es vor der Lesung getan hatte, mit Atemübungen, die sie mir vor zwei Tagen am Telefon beigebracht hatte. „B
Tisch für vierPapa saß, als ich ankam, genau so da, wie Emmis Nachricht es beschrieben hatte: allein an einem Tisch für vier, die Hände um eine Kaffeetasse gefaltet, die er nicht trank, den Blick auf die Tür gerichtet, als hätte er ihn dort seit einer halben Stunde geparkt.Das Café am Rathausplatz war eines dieser Häuser mit zu hohen Decken und zu wenig Heizung, das trotzdem jeder in der Stadt für Treffen wählte, die etwas bedeuten sollten – Hochzeitsanträge, Trennungsgespräche, Jobangebote –, als hätte sich unter den Bewohnern ein stilles Einverständnis gebildet, dass wichtige Dinge unter hohen Decken besser klingen. Ich hatte hier mit vierzehn meine erste schlechte Note besprochen, mit sechzehn meinen ersten Liebeskummer betrauert, und jetzt, mit achtzehn, betrat ich denselben Raum, um zu erfahren, was mein Vater uns nach zwei Jahren wieder wichtig genug fand, um es persönlich zu sagen statt in einer Nachricht.Ich hatte auf dem Weg hierher versucht, eine Prognose zu erstellen. Da
Wenn Tate geht, gehe ich auchDie Tage nach jener Nacht im Moxy vergingen in einer Art wachsamem Schwebezustand. Damian sprach kaum mit mir – nicht aus Groll, das begriff ich erst später, sondern aus Erschütterung, aus der Art von Stille, die entsteht, wenn ein Mensch sein gesamtes inneres Archiv neu sortieren muss und für alles andere vorübergehend keinen Platz hat. Er hatte mit Tate gesprochen, gleich am nächsten Tag, das wusste ich, weil Tate danach mit roten Augen zur Schicht erschien und tagelang ungewöhnlich langsam Gläser polierte, als bräuchte er die Bewegung, um sich selbst zusammenzuhalten. Was genau gesagt worden war, wusste ich nicht. Beide schwiegen sich in unterschiedlichen Stockwerken des Clubs aus, Damian oben in seinem Büro, Tate unten an seiner Bar, und ich lief die ganze Woche über dazwischen hin und her wie eine Botschafterin ohne Botschaft.
Zwei Wahrheiten, ein RaumIch möchte vorausschicken, dass die Party nicht meine Idee war. Die Party war Pias Idee – „wir haben den Erfolg der Industry Night ja kaum richtig gefeiert, das müssen wir nachholen, bevor der nächste Trubel uns wieder einholt” –, und sie fand in Pias winziger Wohnung statt, die für zwölf Menschen gebaut, aber gerade von fünfundzwanzig belagert wurde, und ich – Mia, immer noch, denn die Perücke war inzwischen so etwas wie eine zweite Haut geworden – war eingeladen, weil man als Neue in der Belegschaft eingeladen wird, wenn man nicht komplett unsympathisch ist.Gut eine Woche war seit der Industry Night vergangen, und die Tage hatten sich angefühlt wie ein Leben im Zeitraffer. Ich war Mia geworden, so gründlich, dass ich manchmal, wenn Bruno mich rief, eine Sekunde brauchte, um zu reagieren, weil ein
Unabhängige QuellenEs gibt einen Moment in jeder Recherche, hatte Jonas mir einmal erklärt, in dem aus einer Geschichte eine Besessenheit wird: der Moment, in dem man aufhört, Fakten zu sammeln, und anfängt, sie zu brauchen. Ich hatte damals genickt und dabei gedacht, wie interessant, rein akademisch, eine Beobachtung über journalistische Praxis. Ich hatte nicht gedacht, dass ich diesen Moment live miterleben würde, an einem Dienstagnachmittag, in der Mensa, während Jonas mit vollem Mund erklärte, dass er „unabhängige Quellen” brauche.Die Zeit seit der Lesung war, was man in meiner Familie einen „gefährlichen Frieden” nennt: Jonas und ich waren offiziell zusammen, ein Wort, das ich immer noch mit einer Mischung aus Freude und Panik aussprach, und wir hatten uns regelmäßig getroffen, einmal im Kino, einmal bei ihm, einma
Zwei Söhne, ein ZimmerIch schlief in dieser Nacht nicht. Das war an sich nichts Neues – nach großen Abenden schläft mein Körper grundsätzlich erst gegen Morgengrauen, ein Nebeneffekt von zwei Jahren Nachtleben –, aber diesmal lag es nicht am Adrenalin des Erfolgs. Ich lag im Bett und dachte an Tates Gesicht, an das Wort verschwunden, an einen Siebenjährigen, dem man erzählt hatte, sein Bruder studiere im Ausland, während der Bruder drei Kilometer entfernt Cocktails mixte und darauf wartete, dass niemand genau hinsah.Und ich dachte an Damian. An die letzten Wochen, die sich langsam von einem Kleinkrieg um Budgets in etwas anderes verwandelt hatten, etwas, das ich noch nicht benennen wollte, weil Benennen es real machte und Real-Machen bedeutete, dass ich es verlieren könnte. Ich hatte in zwei Jahren Nachtleben gelernt, Männer zu lesen wie Wetterberichte – wann sie flirteten, weil es ihr B







