Mag-log inKapitel vier
Als ich das Esszimmer der Calloways betrat, fühlte ich mich, als würde man gerade Maß für meinen Sarg nehmen. Dunkles Holz, hohe Decken, ein Kronleuchter, der mehr gekostet hatte als mein gesamtes Studium. Jeder Stuhl wirkte, als gehöre er einer bedeutenden Persönlichkeit und keiner davon schien für mich bestimmt zu sein.
Ezra ließ seine Hand die ganze Zeit an meinem unteren Rücken, als könnte er spüren, dass ich am liebsten umdrehen und davonlaufen wollte.
„Du hättest nicht kommen müssen“, sagte er leise, während wir die Schwelle überschritten.
„Du hast mir die Akte schon dreimal erklärt. Ich habe vor diesem Abendessen mehr Angst als vor Dane.“
„Kluge Frau.“ Er lächelte fast. „Die Akte bleibt unter uns. Niemand sonst muss erfahren, dass du sie gesehen hast.“
„Das sagst du immer wieder als würde es mich beruhigen.“
„Es soll dir ein Gefühl von Sicherheit geben.“
„Das funktioniert nicht.“ Ich blickte zu dem Haus hinauf, das sich vor uns auftürmte Stein, Glas und der Reichtum vergangener Generationen, drei Stockwerke hoch. „Isst deine Familie immer an einem so beängstigenden Ort zu Abend?“
„Jeden Sonntag.“ Er klang nicht, als würde er scherzen. „Man gewöhnt sich daran. Meistens.“
Er drückte kurz meine Hand, bevor er sie losließ. Ein Butler oder vielleicht ein Hausangestellter, ich konnte es nicht genau sagen zog wortlos einen Stuhl für mich zurück. Sein Blick war gesenkt, als wäre er darauf trainiert worden, Gäste niemals direkt anzusehen. Ich setzte mich, strich mein Kleid glatt und wurde mir plötzlich jedes einzelnen Bestecks bewusst, das vor mir lag – wie bei einer Prüfung, auf die ich mich nicht vorbereitet hatte.
Das war der letzte normale Moment, bevor seine Mutter vom Tisch aufsah und in Tränen ausbrach.
Ich erstarrte. „Es tut mir leid … habe ich etwas Falsches getan?“
Helena Calloway presste eine Serviette auf ihren Mund und schüttelte heftig den Kopf, als wolle sie den Ausdruck in ihrem Gesicht mit Gewalt unterdrücken. „Nein. Nein, mein Kind, du hast nichts getan.“
„Mom.“ Ezras Stimme wurde vorsichtig so klang sie immer, wenn er mit seinem Großvater sprach. „Geht es dir gut?“
„Mir geht es gut.“ Das tat es nicht. Ihre Hände zitterten, während sie die Serviette umklammerten. „Es tut mir leid. Bitte, setzt euch. Ihr beide.“
Augustus saß am Kopfende des Tisches wie ein König, der auf den Beginn einer Gerichtsverhandlung wartete. Er stand nicht auf. Er lächelte nicht. Sein Blick glitt langsam über mich genau so, wie er es an diesem Nachmittag im Flur getan hatte.
„Ms. Reyes.“ Er sprach meinen Namen aus, als würde er dessen Gewicht prüfen. „Danke, dass Sie zu uns gekommen sind.“
„Danke für die Einladung.“ Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte.
„Setzen Sie sich“, sagte er und deutete auf den leeren Stuhl gegenüber von Helena. „Essen Sie. Wir beißen nicht.“
„Das hätte ich jetzt nicht gedacht“, murmelte ich so leise, dass nur Ezra es hören konnte. Ein kurzes Zucken huschte über seinen Mund, und für einen Moment entspannten sich seine Schultern, als wäre mein Sarkasmus das Einzige, was ihm in diesem Raum noch vertraut vorkam.
Das Abendessen begann ruhig. Zu ruhig. Das Klirren von Besteck wirkte in diesem riesigen Raum übermäßig laut; jedes Geräusch hallte von den Wänden wider, die eigentlich für hundert Menschen ausgelegt waren nicht für vier.
Eine Bedienung stellte einen Teller vor mich: irgendetwas mit einer Soße, die ich nicht zuordnen konnte, und einer Portion, die so klein war, dass sie eher wie ein Kunstwerk als wie Essen wirkte. Ich warf Ezra einen fragenden Blick zu, um herauszufinden, welche Gabel ich benutzen sollte. Er schob seine Hand unter den Tisch und stieß meine in Richtung der kleineren Gabel – eine stille Rettung, die mich spürbar aufatmen ließ.
„Also“, sagte Augustus schließlich, während er in sein Fleisch schnitt, ohne aufzusehen. „Marketing. Dritter Stock.“
„Ja, Sir.“
„Wie lange arbeiten Sie schon für meinen Enkel?“
„Seit ein paar Wochen.“
„Ein paar Wochen.“ Er wiederholte die Worte langsam, als würde er die Zahl zusammen mit seinem Essen gründlich durchkauen. „Und in diesen wenigen Wochen haben Sie es geschafft, so wichtig zu werden, dass man Sie mit zum Familienessen bringt.“ „Das geht eigentlich nicht auf mich zurück, Sir. Ihr Enkel hat mich eingeladen.“
„Mein Enkel lädt so einiges in sein Leben ein, ohne groß darüber nachzudenken.“ Augustus legte schließlich seine Gabel beiseite und faltete die Hände vor sich. „Ich versuche lediglich zu verstehen, was es mit dieser Sache hier auf sich hat – und warum sie anders ist.“
„Großvater“, sagte Ezra, mit einem warnenden Unterton in der Stimme.
„Ich stelle doch nur Fragen, Ezra. Sie kann ja wohl für sich selbst antworten, oder?“
Ich legte meine Gabel beiseite. „Das kann ich.“
„Gut.“ Augustus blickte endlich auf; sein Blick war schärfer, als ich es bisher bei ihm erlebt hatte. „Woher kommen Sie, Ms. Reyes?“
„Von hier. Aus der Stadt. Hier geboren und aufgewachsen.“
„Ihre Familie?“
„Meine Mutter. Wir sind nur zu zweit.“
„Kein Vater?“
Die Frage traf mich wie ein Schlag. Mein Rücken straffte sich, meine Hände ballten sich unter dem Tisch zu Fäusten dort, wo es niemand sehen konnte.
„Er ist gestorben“, sagte ich. „Als ich noch jung war.“
„Das tut mir leid.“ Augustus klang nicht wirklich betroffen. Er klang wie jemand, der Informationen für später abspeichert. „Woran ist er gestorben, wenn ich fragen darf?“
„Augustus.“ Ezras Stimme hatte jetzt einen scharfen Unterton so scharf, dass sie hätte schneiden können. „Es reicht.“
„Ich unterhalte mich doch nur, Ezra. Ist das nicht der Sinn eines Abendessens?“
Helenas Gabel klapperte auf ihrem Teller.
„Augustus.“ Ihre Stimme brach, als sie seinen Namen aussprach. „Es reicht.“
„Es ist doch nur eine einfache Frage.“
„Sie ist nicht einfach.“ Helenas Augen füllten sich wieder mit Tränen, und diesmal versuchte sie gar nicht erst, sie zu verbergen. „Sieh sie dir an. Sieh dir ihr Gesicht an.“
Am ganzen Tisch wurde es still.
„Mom“, sagte Ezra, diesmal langsamer. „Was ist los?“
„Nichts.“ Helena stand so ruckartig auf, dass ihr Stuhl laut über den Boden scharrte. „Ich brauche einen Moment. Entschuldigt mich.“
Sie verließ den Raum; in der einen Hand hielt sie noch immer ihre Serviette umklammert. Niemand rührte sich. Augustus wandte sich wieder seinem Essen zu, als wäre nichts geschehen was sich irgendwie noch schlimmer anfühlte, als wenn er etwas gesagt hätte.
„Ich sollte nach ihr sehen“, sagte Ezra und schob bereits seinen Stuhl zurück.
„Lass mich das machen.“ Die Worte waren herausgerutscht, noch bevor ich mich bewusst dazu entschlossen hatte. Alle sahen mich an. „Sie scheint wegen etwas aufgewühlt zu sein, das mit mir zu tun hat. Ich sollte sie fragen.“
Augustus’ Blick huschte zu mir hinüber er war nicht zu deuten. „Na gut, dann geh.“
Ich fand Helena im Flur vor dem Esszimmer. Sie stand an einem Fenster, eine Hand flach gegen die Scheibe gepresst, als bräuchte sie etwas Festes, an dem sie sich festhalten konnte. Ihre Schultern bebten kleine, leise Erschütterungen; die Art von Weinen, bei der man glaubt, niemand würde zusehen.
„Mrs. Calloway?“
Sie wandte sich hastig um und wischte sich über das Gesicht. „Naomi. Entschuldige. Ich wollte keine Szene machen.“
„Schon gut. Wirklich.“ Ich trat einen Schritt näher, unsicher, ob ich nach ihr greifen oder lieber Abstand halten sollte. „Kann ich dir etwas bringen? Wasser?“
„Nein, nein. Es geht schon.“ Sie lachte ein kurzes, feuchtes Geräusch, eigentlich gar kein richtiges Lachen. „Du hältst diese Familie sicher für völlig verrückt.“
„Ich glaube, in dieser Familie passiert eine ganze Menge, von der mir niemand etwas erzählt.“
Sie sah mich an, ihre Augen waren rot gerändert.
„Was ist es dann?“
Helena warf einen Blick zurück in Richtung Esszimmer, um sicherzugehen, dass uns niemand gefolgt war. Als sie mich wieder ansah, wurde ihr Ausdruck weicher – so wie jemand blickt, kurz bevor er etwas loslässt, das er viel zu lange festgehalten hat.
„Darf ich dich etwas Seltsames fragen?“, sagte sie.
„Klar.“
„Bist du hier in der Gegend aufgewachsen? In dieser Nachbarschaft, meine ich. In der Nähe des alten Winters Parks?“
Mein Magen zog sich zusammen. „Woher weißt du das?“
„Wusste ich gar nicht.“ Ihre Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Ich habe es geraten.“
Sie trat näher. Ihre Finger waren kalt und zitterten, als sie meine Hand umschlossen.
„Du siehst genauso aus, wie ich es in Erinnerung habe“, flüsterte sie.
Mein Brustkorb schnürte sich zu. „An wen erinnerst du dich?“
Sie drückte fester zu. Ihr Mund öffnete sich, die Zunge fuhr über ihre Zähne, ihr Hals wirkte wie zugeschnürt.
„Naomi, es gibt etwas, das du wissen musst. Etwas darüber, warum du mir so vertraut vorkommst, warum ich nicht aufhören kann, dich anzustarren …“
Sie hielt inne. Ihre Kiefermuskeln spannten sich hart an.
„Manche Dinge wurden aus gutem Grund begraben.“
Sie ließ meine Hand los, trat zurück in ihr Zimmer und schloss die Tür. Der Riegel rastete ein.
Kapitel Sieben„Okay. Erzähl mir alles, und lass nicht den Teil mit Camille aus.“Die Haustür knallte so heftig gegen die Wand, dass die Scheiben im Flur klirrten. Eine Frau stand mit einem Koffer in der Hand und halb aus der Spange hängenden Haaren im Türrahmen und starrte mich direkt an. Ich saß schon seit vierzig Minuten auf der Bank im Flur und wartete auf Ezras Heimkehr. Mein Handy war so fest in meiner Faust gequetscht, dass die harte Kante eine tiefe rote Linie in meine Handfläche schnitt.„Entschuldigung“, sagte ich. „Wer sind Sie?“„Ivy.“ Sie ließ den Koffer fallen und knallte die Tür hinter sich zu. „Die Schwester. Die, über die niemand spricht, wahrscheinlich. Wer sind Sie, und warum sehen Sie aus, als hätte jemand gerade Ihren Hund überfahren?“„Ich bin Naomi. Ich arbeite für Ezra.“„Naomi.“ Sie sprach langsam, als würde sie ein Schloss prüfen. „Das Mädchen, das Ezra zum Abendessen mitgebracht hat. Mama hat mir eine SMS über dich geschickt. Sie meinte, Opa würde die Sache
„Oh, Sie müssen sich ja so für ihn freuen!“Die Frau in Silber umfasste meine Hände fest und drückte sie wie eine alte Freundin. Ich hatte ihr Gesicht noch nie zuvor gesehen. Zwanzig Minuten lang hatte ich hinter dem Check-in-Tisch gestanden und Namensschilder in die Hände der Investoren gedrückt, während mir die Kiefermuskeln von einem gezwungenen Lächeln brannten.„Entschuldigung, worüber freuen Sie sich denn?“„Über die Verlobung natürlich!“ Ihre harten Ringe drückten sich fest in meine Haut. „Ezra und Camille. Alle reden schon seit dem Abendessen mit dem Vorstand darüber.“Ich lachte. Ein schrilles Lachen, so laut, dass sich ein Mann am Champagnerturm umdrehte. „Ezra ist nicht verlobt.“„Ach, Liebes.“ Ihr Lächeln blieb völlig erstarrt. „Doch, ist er.“„Nein. Ich arbeite für ihn. Ich wüsste es.“ „Vielleicht hält er es wegen der Klage geheim.“ Ihre schwere Hand klopfte mir zweimal auf den Handrücken, wie eine Mutter, die ihr Kind beruhigt. „Camille Whitfield. Ein liebes Mädchen. Ih
Kapitel fünfNachdem die Tür ins Schloss gefallen war, hörte ich nichts mehr von Helena weder in jener Nacht noch am nächsten Morgen. Ihr unvollendeter Satz hallte auf der Heimfahrt im Taxi nach, so eindringlich, dass ich beinahe zweimal die Abzweigung verpasst hätte.Als ich am nächsten Tag das Büro betrat, lag bereits eine aggressive Spannung in der Luft.An jedem Schreibtisch im dritten Stock klingelten ununterbrochen die Telefone. Beim Drucker hatte sich eine kleine, panische Menschenmenge versammelt; jemand las laut Schlagzeilen vor. Noch bevor ich meinen Arbeitsplatz erreichte, fiel zweimal das Wort „Klage“.„Was ist los?“ Ich griff schnell zu und hielt Priya am Arm fest, als sie an mir vorbeieilte drei Aktenordner fest an ihre Brust gedrückt.„Dane.“ Sie stieß den Namen regelrecht aus. „Er hat heute Morgen Klage gegen die Firma eingereicht. Betrugsvorwürfe und zwar direkt an die Presse, noch bevor die Rechtsabteilung überhaupt etwas davon mitbekam.“„Betrug? Das ist doch Wah
Kapitel vierAls ich das Esszimmer der Calloways betrat, fühlte ich mich, als würde man gerade Maß für meinen Sarg nehmen. Dunkles Holz, hohe Decken, ein Kronleuchter, der mehr gekostet hatte als mein gesamtes Studium. Jeder Stuhl wirkte, als gehöre er einer bedeutenden Persönlichkeit und keiner davon schien für mich bestimmt zu sein.Ezra ließ seine Hand die ganze Zeit an meinem unteren Rücken, als könnte er spüren, dass ich am liebsten umdrehen und davonlaufen wollte.„Du hättest nicht kommen müssen“, sagte er leise, während wir die Schwelle überschritten.„Du hast mir die Akte schon dreimal erklärt. Ich habe vor diesem Abendessen mehr Angst als vor Dane.“„Kluge Frau.“ Er lächelte fast. „Die Akte bleibt unter uns. Niemand sonst muss erfahren, dass du sie gesehen hast.“„Das sagst du immer wieder als würde es mich beruhigen.“„Es soll dir ein Gefühl von Sicherheit geben.“„Das funktioniert nicht.“ Ich blickte zu dem Haus hinauf, das sich vor uns auftürmte Stein, Glas und der Reich
Kapitel drei„Dane wird nicht einfach nur dasitzen und zusehen, Ezra. Das weißt du doch.“Ich erstarrte mitten im Flur, meine Hand umklammerte den Riemen meiner Tasche. Die Stimme kam von hinter Ezras halb geöffneter Bürotür es war nicht seine. Sie klang älter. Rauer.Ich hätte nicht stehen bleiben sollen. Aber ich tat es trotzdem.„Ich kümmere mich darum“, sagte Ezra mit leiser, angespannter Stimme; ganz anders als der Tonfall, den er gestern Abend mir gegenüber benutzt hatte.„Wie kümmerst du dich darum? Indem du seit drei Tagen meine Anrufe ignorierst?“„Indem ich sicherstelle, dass keine Spuren zu uns zurückführen.“Ein Stuhl scharrte über den Boden. Ich drückte mich in den Schatten der Wand, außerhalb des Sichtfelds der Tür; mein Herz hämmerte gegen meine Rippen.„Dieser Name ist seit Jahren nicht mehr gefallen“, sagte die zweite Stimme. „Warum jetzt? Warum sie?“Ich rührte mich nicht. Ich konnte nicht sagen, ob sich die Frage auf mich oder jemand anderen bezog und diese Ungewi
Kapitel zweiSeine Stirn blieb an meine gedrückt; wir beide atmeten schwer, als wären wir gerade gerannt. Seine Hände waren noch immer in meinem Haar verfangen und fühlten sich jetzt warm auf meinem Nacken an.Dann summte mein Handy auf der Ablage hinter uns.Ich blieb regungslos. Er bewegte sich ebenfalls nicht.Die Ablage vibrierte erneut. Drei kurze, scharfe Impulse hintereinander.„Du solltest rangehen“, sagte er, während seine Lippen fast meine berührten.„Will ich aber nicht.“„Naomi.“Ich wich zurück und schnappte mir das Handy von der Marmorplatte. Priya. Unter ihrem Namen erschien ein Bild auf dem Display. Mir wich das Blut aus dem Gesicht.Er war es. Ezra. Sein Arm lag um eine Frau in einem roten Kleid, deren Hand flach auf seiner Brust ruhte beide lachten in einer Bar auf einer Dachterrasse. Der Zeitstempel verriet: vor einer Stunde.„Was ist los?“ Er runzelte die Stirn und beobachtete meinen Gesichtsausdruck.„Was ist es?“ Ich drehte das Display zu ihm.Sein ganzer Körper







