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Kapitel 1
Mila wurde wach, als die Sonne aufging. Ihr Zimmer war ruhig, nur ein leiser Ton vom Wecker. Sie drehte sich um, zog die Decke über den Kopf und starrte an die Decke. Sie musste an Timo denken. Er war schon drei Wochen weg.
Sie setzte sich langsam hin, ihre Füße berührten den kalten Boden. Draußen tropfte der Regen ans Fenster – der Himmel war grau und immer mehr Wolken zogen auf.
Im Bad machte sie sich fertig. Sie wusch ihr Gesicht, putzte die Zähne und macht die Haare fertig.
Beim Frühstück saß sie still am Tisch. Die Milch war warm, der Toast war knusprig, aber sie schmeckte kaum etwas. Ihre Eltern waren nicht da, und das Haus fühlte sich leerer an. Sie aß und dann ging sie zur Schule.
In der Schule setzte sie sich neben ihre Freundin Lena. Die ersten Stunden waren normal: Mathe, Englisch, Geschichte. Aber Mila konnte sich nicht konzentrieren. Bei jedem Geräusch, jedem Lachen der anderen zuckte sie. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, als würden die Schatten im Klassenzimmer lebendig.
In der Pause ging sie raus und setzte sich auf eine Bank auf dem Schulhof. Sie sah den anderen zu, die lachten und redeten, und hatte ein komisches Gefühl im Magen. Es war nicht nur Angst, sondern ein Gefühl, dass etwas passieren würde – etwas, das sie nicht verstand.
Selbst in der Mittagspause, als sie in der Mensa ihr Sandwich aß, konnte sie die Unruhe nicht abschütteln. Jeder Blick, jede Bewegung erschien ihr bedeutungsvoll, als würde sich hinter jeder Ecke ein Geheimnis verbergen, das nur sie spüren konnte.
Nach der Schule traf sie Lena noch kurz auf dem Heimweg. Sie sprachen über Hausaufgaben, das bevorstehende Wochenende, aber Mila hörte nur die Worte, während ihr Herz schneller schlug. Sie konnte nicht aufhören, an Timo zu denken, an das seltsame Flüstern in ihrem Zimmer, an den Spiegel, der in der Nacht geschehen war.
Zuhause angekommen, machte sie ihre Hausaufgaben, doch jede Aufgabe fiel ihr schwer. Die Zeit zog sich, und die Schatten in ihrem Zimmer schienen dichter zu werden, sobald die Sonne hinter den Wolken verschwand.
Als es langsam dunkel wurde, zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Sie schloss die Tür, setzte sich aufs Bett, den Kopf in die Hände gestützt. Draußen trommelte der Regen gegen die Fenster, und in ihrem Kopf wiederholte sich die gleiche Frage: „Warum? Was ist mit Timo passiert?“
Langsam legte sie sich hin, die Decke bis zum Kinn gezogen, und schloss die Augen. Das leise Summen des Handys verklang, und die Dunkelheit umhüllte sie. Sie spürte, wie die Realität nachließ, als der Traum begann…Mila spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, noch bevor die Dunkelheit sie ganz verschluckt hatte. Der Moment, in dem ihre Augen zufielen, war zugleich der Moment, in dem die Realität zu zerfließen begann. Ihr Zimmer verschwamm, das Bett löste sich unter ihr auf, und ein Gefühl von Schwerelosigkeit griff nach ihr. Der Atem stockte, die Glieder fühlten sich gleichzeitig schwer und unstet an.
Zuerst war es nur die Dunkelheit – endlos, undurchdringlich. Dann tauchte der Keller auf, in dem sie vor Tagen das Flüstern gespürt hatte. Doch etwas war anders: Die Wände schienen zu pulsieren, die Kisten verschoben sich, als würden sie lebendig. Spinnweben glitzerten wie feine Fäden aus Glas. Das Licht ihrer Taschenlampe flackerte unkontrolliert, und Schatten bewegten sich selbst, ohne Quelle.
„Mila…“
Die Stimme war nah, direkt hinter ihr, obwohl sie niemanden sehen konnte. Sie drehte sich, doch die Leere blieb. Ein kalter Luftzug strich über ihren Nacken, und die Temperatur sank in Sekunden auf gefrorenes Eis.
Sie setzte einen Schritt vorwärts, dann noch einen, und plötzlich standen sie in einem langen Korridor aus Spiegeln. Jeder Spiegel reflektierte nicht nur sie, sondern verzerrte Erinnerungen, die sie tief in ihrem Unterbewusstsein vergraben hatte. Szenen von Timos Verschwinden tauchten auf, Momente, die sie verschwiegen hatte, Fehler, Schuldgefühle, hilflose Blicke.
Ein Spiegel zeigte Timo, wie er lachte, doch sein Gesicht verzerrte sich und seine Augen füllten sich mit Angst. Ein anderer Spiegel zeigte sie selbst, wie sie versagte, stolperte, schrie. Die Schatten an den Rändern der Spiegel bewegten sich wie lebendig, griffen nach ihr, zogen an ihren Armen, zerrten an ihrem Kleid.
Jeder Atemzug brannte in ihrer Lunge. Sie versuchte zu schreien, doch kein Laut kam. Die Spiegel begannen, Stimmen zu formen – tausend Flüstern gleichzeitig, alle Wörter zu einer quälenden Kakophonie verzerrt: „Wahrheit… Pflicht… Angst… Schuld… Wahrheit… Pflicht…“
Mila rannte, oder besser gesagt, sie stolperte durch den Korridor, doch jeder Schritt führte sie nur tiefer in das Spiegel-Labyrinth. Türen öffneten sich, aber hinter jeder war ein weiterer Spiegel. Sie fiel auf die Knie, berührte eine Glasfläche – und die Reflexion war nicht sie, sondern Timo, der sie anflehte, seine Hand ausgestreckt, seine Stimme stumm, doch voller Verzweiflung.
„Warum…?“ flüsterte sie, Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Weil nur du die Wahrheit sehen kannst“, antwortete die Stimme, die nun aus allen Spiegeln gleichzeitig zu kommen schien.
Der Boden begann zu schwanken, wie Wellen unter ihr, und Schatten formten sich zu Händen, die nach ihr griffen. Die Wände pulsierte, dehnten sich, wanden sich. Die Luft war schwer, roch nach Metall und etwas anderem – faulig, alt, bedrohlich. Mila stolperte, fiel, kroch auf allen Vieren, während die Spiegel ihre Schritte verfolgten.
Plötzlich war sie nicht mehr im Korridor, sondern in einem endlosen Raum aus Wasser, das wie Glas war. Jede Bewegung verursachte Wellen, die wiederum neue Spiegel hervorbrachten. Sie sah sich selbst, verschluckt von der Dunkelheit, Timo, der unter der Oberfläche schwebte und um Hilfe schrie, und schließlich eine Gestalt, die rot glühte, das Gesicht verzerrt, die Augen wie flüssiges Feuer.
Die Gestalt bewegte sich direkt auf sie zu. Mila schrie diesmal – ein scharfes, durchdringendes Geräusch –, und die Spiegel zerbarsten in tausend Stücke. Scherben wirbelten um sie herum, durchbohrten Luft und Raum, und aus jedem Splitter flüsterte eine Stimme: „Wahrheit… Wahrheit… Pflicht… Pflicht…“
Sie fiel durch die Dunkelheit, tiefer und tiefer, Herzschlag wie Trommeln, jeder Atemzug brannte in der Lunge, bis sie dachte, sie könnte nicht mehr. Dann spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter – warm, vertraut. Sie drehte sich – und es war Timo, doch sein Gesicht war halb verschwommen, halb glühend, als würde er zwischen den Welten existieren.
„Du musst dich erinnern…“, flüsterte er.
„Ich… ich verstehe nicht…“, hauchte sie.
Die Gestalt aus dem Spiegel lachte. Ein kalles, höhnisches Geräusch, das in alle Richtungen zugleich zu kommen schien. Die Wände pulsierte, die Schatten griffen wieder nach ihr. Mila schloss die Augen, fühlte, wie sie durch Raum und Zeit geschleudert wurde, Szenen aus ihrer Vergangenheit, ihre Fehler, ihre Ängste, alles gleichzeitig, wie ein Tsunami aus Erinnerungen.
Dann plötzlich – Licht. Ein heller, blendender Lichtblitz. Sie blinzelte, und alles war still. Ihr Herz raste, Schweiß rann über ihr Gesicht, die Decke war nass von den Tränen, die sie im Traum geweint hatte. Sie lag in ihrem Bett, das Buch auf dem Schoß, das Fenster zeigte die Sterne draußen. Der Regen hatte aufgehört.
Langsam realisierte sie: Es war nur ein Traum gewesen.
Doch ihr Körper zitterte, ihr Herz pochte noch immer wie verrückt, und die Worte der Stimme hallten in ihrem Kopf nach: „Alles, was verborgen ist, wird ans Licht kommen.“
Mila setzte sich auf, presste die Decke gegen ihre Brust, und wusste tief in ihrem Inneren: das Spiel hatte gerade erst begonnen.
Mila blieb noch eine Weile sitzen, die Decke eng um sich geschlungen, und starrte auf den Boden vor ihrem Bett. Das Herz pochte immer noch unregelmäßig, die Hände zitterten leicht. Sie wollte die Augen schließen und die Szenen des Traums aus ihrem Kopf verbannen, doch sie blieben. Jeder Spiegel, jede verzerrte Reflexion, jedes Flehen von Timo hallte nach.
Langsam richtete sie sich auf, setzte die Füße auf den Boden. Kaltes Parkett kratzte an ihren nackten Fußsohlen. Sie atmete tief ein, zählte bis zehn, dann noch einmal, aber das Zittern in ihrem Körper ließ nicht nach. Jeder Schritt zu ihrem Schreibtisch fühlte sich schwer an, als würde eine unsichtbare Kraft gegen sie drücken.
Das Buch, das sie gestern Abend halb geöffnet auf dem Bett zurückgelassen hatte, lag noch genau dort. Sie hob es vorsichtig hoch, streichelte über den Einband. Die Worte flimmerten im schwachen Licht ihres Zimmers. Ein leises Summen ihres Handys brachte sie zurück in die Realität. Sie griff danach – keine Nachricht. Nur der blinkende Cursor, der sie fast verspottend anstarrte.
Mila setzte sich an ihren Schreibtisch, stützte den Kopf in die Hände. „Es war nur ein Traum… nur ein Traum…“ murmelte sie immer wieder, während die Schatten im Zimmer länger und dunkler wurden, obwohl es noch früh am Morgen war.
Schließlich zwang sie sich aufzustehen, ging ins Bad, wusch sich das Gesicht, kämmte die Haare. Die Welt draußen wirkte normal – die Sonne war aufgegangen, Vögel zwitscherten, der Regen hatte aufgehört. Alles schien wie jeder andere Tag. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass nichts jemals wieder normal sein würde.
Beim Frühstück aß sie schweigend, nippte an der Milch, kaute mechanisch den Toast. Ihre Eltern waren noch unterwegs, sie allein im Haus. Jeder Klang – das Ticken der Küchenuhr, das Knarren der Dielen – ließ sie zusammenzucken. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ sie immer wieder zum Fenster blicken. Draußen war alles ruhig, friedlich. Doch Mila konnte die Schatten hinter der Realität spüren, flackernd, lauernd.
Auf dem Weg zur Schule spürte sie ein Ziehen in der Brust, ihre Schritte wurden schneller. Jeder Baum, jeder Regentropfen auf den Blättern schien sich zu bewegen, als wollte die Welt sie beobachten. Ihre Gedanken drifteten ab, sie erinnerte sich an die Spiegel im Traum, Timos verzerrtes Gesicht, die rote Gestalt.
In der Schule lief alles wie gewohnt, doch Mila bemerkte Dinge, die sie vorher nie wahrgenommen hatte. Die Schatten unter den Bänken schienen länger, dunkler. Geräusche hallten nach, Worte, die niemand gesprochen hatte, flüsterten in ihrem Kopf. Sie setzte sich neben Lena, ihre beste Freundin, doch konnte sich kaum auf das Gespräch konzentrieren. Jeder Blick in den Raum fühlte sich an, als würde sie durch etwas beobachten.
Selbst während des Unterrichts konnte sie nicht stillsitzen. Sie zog die Decke des Rucksacks enger an sich, rieb die Hände, fühlte das Summen des Blutes in den Ohren. Jede Stunde zog sich endlos hin, und sie zählte die Minuten, bis der Schultag vorbei war.
Als sie nach Hause zurückkehrte, fiel ihr auf, dass das Haus noch stiller wirkte als sonst. Kein Summen des Kühlschranks, keine Geräusche aus den Nachbarhäusern. Alles schien eingefroren. Mila stellte den Rucksack ab, schloss die Tür, und ein leises Kichern – so vertraut aus dem Traum – ließ sie zusammenzucken. Sie hielt den Atem an, lauschte, doch nichts war da.
Sie wollte die Ereignisse des Traums vergessen, doch die Bilder drängten sich wieder in ihr Bewusstsein: Timo in den Spiegeln, die Schatten, die Hände, die nach ihr griffen. Sie setzte sich ans Fenster, starrte hinaus in die Dämmerung. Alles wirkte normal, aber sie wusste, dass die Grenze zwischen Realität und Albtraum zerbrechlich war – dass jede Entscheidung, jeder Schritt sie tiefer in das Spiel ziehen würde.
Und während der Abend sich über das Haus legte, spürte Mila es: Etwas war noch da. Nicht sichtbar, aber präsent. Atemnah. Flüsternd. Wartend. Die Nacht war still, doch Mila konnte die Dunkelheit kaum ertragen. Jede Ecke ihres Zimmers schien sich zu bewegen, als würde sie atmen. Das Buch lag noch immer auf ihrem Nachttisch, die Seiten leicht zerknittert. Sie wollte es wegräumen, doch ihre Finger zitterten. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken.
Plötzlich vibrierte das Handy. Ein kurzer, flackernder Ton, so leise, dass sie fast dachte, es sei nur der Wind. Doch das Display leuchtete auf:
„Wahrheit oder Pflicht?“
Mila starrte das Handy an, Herzklopfen bis zum Hals. Ihr Verstand riss nach Gründen, es zu ignorieren. Doch etwas in ihr – ein instinktives Ziehen – sagte ihr, dass sie antworten musste.
Sie tippte zitternd: „Wahrheit.“
Die Antwort kam sofort:
„Wer hat Angst vor der Dunkelheit?“
Mila schluckte. Die Worte hallten wie ein Echo in ihrem Kopf. Sie wollte weglaufen, doch ihre Beine fühlten sich schwer an, als würden sie im Boden feststecken.
Sie schrieb: „Ich… ich habe Angst.“
Eine Pause. Dann vibrierte das Handy erneut:
„Gut. Dann sieh genau hin.“
In diesem Moment bewegte sich der Spiegel über ihrem Schreibtisch. Nur ein kaum merkliches Zucken – doch Mila sah es. Die Reflexion zeigte nicht nur sie selbst, sondern eine zweite Gestalt, dunkel, verzerrt, die sie aus den Augenwinkeln zu beobachten schien.
Ein Kratzen ertönte aus der Richtung des Spiegels, leise, aber immer näher. Mila sprang auf, das Herz hämmerte. Sie wollte schreien, doch kein Laut kam. Sie griff nach der Lampe, doch als sie sie einschaltete, war die Gestalt verschwunden. Nur das Spiegelbild von ihr selbst blieb – und das Lächeln war nicht ihres.
Sie sank auf ihr Bett, presste die Decke gegen den Hals. Ihr Atem ging stoßweise, das Herz raste. Sie fühlte die Präsenz des Flüsterers im Raum – unsichtbar, aber absolut real.
Dann vibrierte das Handy erneut:
„Pflicht: Geh in den Keller.“
Jeder Instinkt in ihr schrie: „Nein!“. Doch etwas anderes – eine dunkle Neugier, ein Zwang, der stärker war als Angst – trieb sie an. Sie stand auf, die Beine schwer wie Blei, und ging zur Kellertür.
Die Stufen waren kalt, knarrend unter ihrem Gewicht. Die Schatten tanzten an den Wänden, formten schemenhafte Figuren, die sie anstarrten. Als sie unten ankam, flackerte das Licht kurz auf – und sie sah es wieder: die dunkle Gestalt, nur einen Moment, zwischen den Regalen, bevor sie verschwand.
Das Herz hämmerte. Sie wollte wegrennen, doch etwas hielt sie fest – die Stimme:
„Du kannst nicht entkommen, Mila.“
„Du musst deine Pflicht erfüllen“, flüsterte der Mantelmann. „Nicht für dich. Für ihn. Für sie. Für das Spiel.“ Mila schluckte schwer. Sie sah Tom, der regungslos neben ihr stand, die Augen weit aufgerissen, panisch, aber unfähig zu helfen. Ein Geräusch hinter ihnen ließ sie zusammenzucken: Scharren, schleifende Schritte. Etwas Großes, Dunkles, Unmenschliches bewegte sich in der Schwärze. Die Schatten der Straße flossen und zogen sich, als hätten sie ein Eigenleben. „Wenn du jetzt nicht handelst…“, flüsterte der Mantelmann, „entscheidet das Spiel selbst.“ Mila schloss die Augen. Ihre Brust brannte, ihr Kopf dröhnte. Die Angst verschlang alles. Und dann traf sie die Wahl. „Pflicht!“, schrie sie, und die Worte hallten durch die Dunkelheit wie ein Sprengsatz. Das tote Mädchen riss den Kopf zurück, als hätte es nicht erwartet, dass sie gehorchen würde. Ein gurgelnder Laut entwich ihm, feucht, klatschend, wie etwas, das unter Wasser ertrinkt. Und
Ihr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hörte. Jeder Atemzug tat weh, als würde die Luft einen Widerstand bilden. „Warum… ich?“, flüsterte sie heiser. Das tote Mädchen reagierte wieder nicht. Es stand da wie eine Schaufensterpuppe. Einfach nur… wartend. Ein Windstoß, plötzlich, mitten in dieser geschlossenen Schwärze, fuhr Mila durch die Haare. Er roch nach altem Holz, kaltem Eisen… und etwas Süßem. Zu süß. Verwesung. Sie presste den Arm vor die Nase und hustete. Das Handy vibrierte erneut, diesmal heftiger, fast aggressiv. Die Worte auf dem Display zitterten, verzerrten sich, formten sich neu wie lebendiges Fleisch: DU KENNST DIE REGELN. ANTWORTE. Mila schüttelte panisch den Kopf. „Nein… ich will das nicht! Lass mich raus! Lass mich—“ Das tote Mädchen machte einen Schritt. Einen langsamen, nach vorne ziehenden Schritt, bei dem die Gelenke knackten wie alte Zweige. Mila erstarrte. 4… 3… „Okay!“, keuchte sie, die Stimme brach.
Kapitel 7 Der erste Schritt klang wie nasses Fleisch auf kaltem Stein. Mila wirbelte herum, obwohl ihr Körper sich dagegen wehrte, obwohl jeder Instinkt in ihr schrie, nicht hinsehen, niemals hinsehen. Doch sie drehte sich. Langsam. Steif. Als würde eine unsichtbare Hand ihren Kopf führen. Hinter ihr lag die Straße im Dunkeln. Die Laternen waren zerstört, nur der Mond gab ein mattes, kränkliches Licht. Der Regen fiel wieder — schwer, kalt, klebrig. Das Geräusch kam noch einmal. Schlapp. Schlapp. Etwas trat aus der Seitenstraße. Etwas, das im Licht zuerst nur eine Form war. Dann eine Silhouette. Dann… ein Körper. Es war ein Mädchen. Aber kein lebendiges. Kein richtiges. Ihre Haut war grau und rissig, getränkt in einer Farbe, die in der Dunkelheit fast schwarz wirkte. Ihr Kopf hing zur Seite, als wäre der Hals zu weich, zu lose. Die Haare waren nass, klebten ihr wie lange, verfaulte Fäden am Gesicht. Ihre Arme baumelten
Kapitel 6 Die Welt brach auseinander. Die Welt explodierte nicht. Sie zerknitterte. Als hätte jemand ein Foto ihres Lebens genommen und es mit beiden Händen langsam zusammengedrückt, bis Kanten brachen und Linien rissen. Farben wurden dünn, zuckend, unruhig. Der Boden unter Milas Füßen vibrierte, als wäre er lebendig. Der Countdown verschwand. Stille blieb zurück. Eine Stille, so dicht, dass Mila das Gefühl hatte, wenn sie atmete, würde die Welt das hören. Der Mann im Mantel stand direkt vor ihr. Zu nah. Viel zu nah. Sie konnte den Stoff seines Mantels riechen. Kalt. Feucht. Wie etwas, das unter der Erde lag, viel zu lange. „Sprich“, flüsterte er. Seine Stimme war jetzt tief in ihrem Kopf. Nicht über den Ohren, nicht durch die Luft — in ihr. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, als wollte es aus ihr heraus. Sie rang nach Atem. „Ich…“, hauchte sie. Tom stand reglos hinter dem Mann. Seine Pupillen waren erweitert. Viel
Kapitel 5 Der Himmel war schwarz wie Tinte, und selbst die Straßenlaternen schienen heute schwächer zu brennen, als hätte jemand ihre Leuchtkraft gedrosselt. Mila spürte die Kälte schon bevor der Wind überhaupt kam. Eine schwere Kälte. Eine, die etwas ahnen ließ. Sie und Tom liefen nebeneinander die schmale Straße entlang, die vom Schulhof wegführte. Es war Dienstagabend, spät, viel später, als Schüler der 9a normalerweise draußen sein sollten. Aber sie hatten noch für die Bioarbeit gelernt, und Mila hatte die Zeit vergessen. Oder vielleicht wollte sie sie vergessen. Schon seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. In der Schule hatten die Neonröhren im Flur flackert, jedes Mal, wenn sie an einer vorbeiging. Im Klassenzimmer war ein Stuhl umgekippt, direkt neben ihr, obwohl niemand dort stand. Und in der letzten Stunde hatte sie einen Schatten im Augenwinkel gesehen, obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr war. Sie hatte es Tom nicht gesagt. Er hätte
Kapitel 4Mila hielt den Atem an. Sie stand mitten im Zimmer. Das Fenster hinter ihr. Der Spiegel vor ihr. Links ihr Schreibtisch. Rechts die Tür zum Flur. Sie wollte nicht. Konnte nicht. Doch etwas zog an ihr. Eine dunkle Kraft, die sich anfühlte wie eine Hand an ihrem Rücken. Langsam, ganz langsam drehte sie den Kopf. Nichts. Ihr Zimmer. Nur ihr Zimmer. Doch dann fiel ihr Blick in den Spiegel. Ihr Spiegelbild stand da. Aber es atmete nicht. Und dann — dann hob es die Hand. Nicht im gleichen Moment, sondern eine Sekunde später. Als würde jemand anderes in ihrem Körper stecken. Mila stolperte zurück, prallte gegen die Wand, das Herz raste so stark, dass sie dachte, es würde aus ihrer Brust springen. Das Spiegelbild grinste. Ein langsames, breites, kaltes Grinsen. Und dann flüsterte es — ohne den Mund wirklich zu bewegen — ganz leise: „Es hat schon längst angefangen.“ Mila stand mit dem Rücken zur Wand, unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Ihr eigener Atem