LOGINKapitel 2
Sie schluckte, zitterte, und spürte, wie der Flüsterer näherkam, die Luft um sie herum dichter, schwerer, als würde er die Realität selbst biegen. Sie wusste, dass dies erst der Anfang war – dass das Spiel noch lange nicht vorbei war. Mila drehte sich langsam zum Spiegel, und ihr Herz hämmerte so laut, dass sie dachte, es würde die Stille zerreißen. Zuerst war nur ihr eigenes Gesicht zu sehen, blass und müde, mit Haarsträhnen, die unordentlich ins Gesicht fielen. Doch dann bemerkte sie die Veränderung. Ein Schatten – dunkel, flackernd, unklar – glitt durch das Spiegelglas, so schnell, dass sie dachte, es sei Einbildung.
„Das ist nicht real“, flüsterte sie, die Stimme kaum hörbar. Doch tief in ihr spürte sie das Zittern. Die Schatten im Zimmer schienen zu pulsieren, zu atmen, als hätten sie ein eigenes Leben.
Sie wollte den Spiegel ignorieren, wollte wegsehen, doch ihre Füße bewegten sich wie von selbst. Jeder Schritt auf dem kalten Parkett hallte durch den Raum, und das Spiegelbild begann sich zu verändern. Die Augen der Gestalt im Glas glühten schwach rot, die Konturen des Gesichts verzogen sich, als würde jemand aus Rauch und Schatten geformt sein.
Mila presste die Hände gegen die Brust, spürte, wie die Angst ihr Herz wie ein Trommelfell auseinanderzog. Ihr Atem ging stoßweise, die Luft im Zimmer fühlte sich schwer an, als würde sie fast nicht existieren. Sie wollte schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen.
Dann vibrierte das Handy erneut. Sie zuckte zusammen. Das Display leuchtete auf, und die Worte flimmerten:
„Pflicht: Geh in den Keller.“
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Jeder Instinkt schrie, dass sie es nicht tun sollte. Doch etwas Dunkles in ihr – Neugier, Zwang, eine leise Stimme, die sagte „Du musst es sehen“ – trieb sie an.
Langsam, mit zitternden Knien, öffnete sie die Tür zum Keller. Die Treppe knarrte unter ihrem Gewicht, und die Luft wurde sofort kälter, feuchter, dichter. Ein leichter Nebel schwebte über den Stufen, und jedes Geräusch, das sie machte, hallte endlos nach. Die Schatten an den Wänden schienen sich zu bewegen, als würden sie sie beobachten.
Oben war noch das Licht ihres Zimmers, unten nur Finsternis. Mila setzte einen Fuß nach dem anderen, jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch eine andere Welt gehen. Die Kälte kroch unter ihre Haut, ließ die Muskeln zittern, während das Summen ihres Handys immer näher schien – als würde es den Rhythmus ihres Herzschlags aufnehmen.
Im Keller angekommen, tastete sie nach dem Lichtschalter. Ein flackernder Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit, und für einen Augenblick sah sie es: die dunkle Gestalt, halb verborgen zwischen den Kisten. Die Augen glühten, und das Gesicht verzerrte sich zu einem unheimlichen Grinsen.
Mila wollte wegrennen, doch ihre Füße gehorchten nicht. Das Herz raste, die Hände zitterten, und die Luft schien sich wie ein unsichtbares Band um ihren Hals zu legen. Ein Flüstern drang aus allen Richtungen zugleich:
„Du kannst dich nicht verstecken, Mila… du musst wählen.“
Die Worte hallten durch den Raum, durch ihre Gedanken, drangen in jede Faser ihres Körpers. Sie stolperte rückwärts, fiel auf die Knie, spürte die kalte Feuchtigkeit des Kellers gegen ihre Hände. Jeder Atemzug brannte in ihrer Lunge.
Dann verschwamm alles. Die Kisten, die Schatten, die Flüstern – alles wurde zu einem endlosen Strudel aus Dunkelheit. Mila spürte, wie sie gezogen wurde, wie der Raum sich dehnte, als würde die Realität selbst zerfließen. Die Spiegelbilder, die sie aus dem Traum kannte, erschienen überall, verzerrt, lebendig, starrten sie an. Timo tauchte auf, schwebend zwischen den Korridoren aus Glas und Schatten, flehend, doch stumm.
Jede Reflexion zeigte nicht nur sie, sondern ihre Ängste, ihre Schuld, ihre Unsicherheiten. Die Hände aus den Spiegeln griffen nach ihr, berührten die Haut, zogen sie näher, wollten sie verschlingen. Mila schrie, stolperte, fiel in die Dunkelheit – und spürte gleichzeitig, wie alles still wurde.
Dann, ein Lichtblitz. Sie blinzelte, und lag in ihrem Bett. Herzrasen, Schweiß auf der Stirn, die Decke fest umklammert. Alles war still. Der Regen hatte aufgehört, der Mond schien durch das Fenster. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum.
Und doch wusste sie: das Spiel hatte begonnen, und die Dunkelheit wartete schon auf sie.
Mila blieb noch lange reglos liegen. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam, doch der Druck in ihrer Brust blieb. Das Mondlicht lag wie ein kalter Streifen über dem Fußende ihres Bettes, und jedes Mal, wenn eine Wolke daran vorbeizog, veränderte sich der Schatten im Zimmer, als würde etwas darin lauern und warten, bis sie blinzelte.
Sie setzte sich langsam auf. Der Raum wirkte normal, doch sie vertraute dem Bild nicht. Zu oft hatte sie erlebt, wie Normalität im nächsten Moment zerbrach. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, spürte den kalten Schweiß auf ihrer Haut und das Zittern in ihren Fingern.
Auf ihrem Nachttisch lag ihr Handy. Sie wagte nicht, es zu berühren. Die Worte im Traum — „Wahrheit oder Pflicht?“ — saßen noch in ihrem Kopf, wie ein Stachel, den man nicht herausziehen konnte. Doch die Neugier brannte. Sie griff danach, das Display leuchtete auf, und für einen Moment hielt ihr Herz an.
Keine Nachricht.
Nur die Uhrzeit: 22:48.
Sie hätte gedacht, es wäre viel später. Oder viel früher. Zeit fühlte sich momentan wie ein Fremdkörper an.
Langsam stand sie auf. Ihre Knie waren weich, als wären sie aus Gummi. Der Boden unter ihren Füßen war kalt, viel kälter, als er um diese Uhrzeit sein sollte. Vielleicht lag es an ihr. Vielleicht hatte der Traum ihr inneres Gleichgewicht gekippt. Vielleicht… nein. Sie schüttelte den Kopf.
Jeder Gedanke, der versuchte, ihr einzureden, es sei mehr als ein Traum gewesen, wurde sofort von einer inneren Stimme niedergeknüppelt: Es war nur ein Traum. Nichts weiter. Du bist aufgewacht. Du bist in deinem Zimmer. Alles ist normal.
Doch war es das?
Warum war das Gefühl der Kälte so real? Warum klebten die Schatten an den Wänden wie dicke, dunkle Flecken, statt sich wie normale Dunkelheit zu verhalten?
Mila ging zum Fenster. Der Regen hatte tatsächlich aufgehört, wie wenn jemand die Welt plötzlich auf Pause gedrückt hätte. Die Straße lag still, nur das blasse orangefarbene Licht der Straßenlaterne spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Kein Auto. Keine Menschen. Kein Wind. Eine perfekte, unheimliche Stille.
Sie starrte hinaus, versuchte, sich in dieser Normalität festzuhalten. Doch aus dem Augenwinkel sah sie eine Bewegung. Etwas Dunkles zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein Schatten, der nicht zum Baum gehörte. Der sich zu strecken schien. Zu wachsen.
Mila blinzelte. Weg.
Nur der Baum.
Nur die Nacht.
Sie presste die Finger gegen die Fensterscheibe. Eiskalt.
Kälter als draußen eigentlich sein sollte.
Sie trat zurück. Die Stille im Zimmer wurde schwerer, dichter. Wie eine Wand, die sich langsam um sie herum aufbaute.
Da vibrierte ihr Handy.
Ein kurzer, scharfer Ton, der die Luft durchschnitt.
Mila wirbelte herum. Das Display flackerte leicht. Sie ging hin, langsam, wie jemand, der auf dünnem Eis läuft. Als sie das Handy nahm, zog sich ihr Magen zusammen.
Unbekannt: „Hat der Traum dir gefallen?“
Mila ließ das Handy fast fallen. Ihr Herz raste, die Hände wurden schweißnass.
Sie tastete nach Worten, tippte eine Antwort, löschte sie wieder, tippte erneut. Schließlich schrieb sie schließlich:
„Wer bist du?“
Die Antwort kam sofort.
Sofort.
Als hätte jemand nur darauf gewartet, dass sie reagierte.
„Du weißt es. Sag es.“
Mila schüttelte heftig den Kopf.
„Nein. Nein, das ist nicht echt. Das ist ein dummer Scherz. Irgendwer verarscht mich“, flüsterte sie und ging im Zimmer auf und ab.
Doch tief in ihrem Inneren… wusste sie es besser.
Sie schrieb:
„Das war nur ein Traum.“
Wieder keine Verzögerung.
„Glaub das ruhig.“
Dann, nach zwei Sekunden:
„Wahrheit oder Pflicht?“
Mila spürte, wie die Luft im Zimmer dünner wurde, als würde der Raum selbst den Atem anhalten. Sie wollte nicht antworten. Sie wollte das Handy eigentlich aus dem Fenster werfen. Doch ihre Finger bewegten sich wie selbstständig.
Die Sonne stieg langsam über die Dächer der Stadt. Ein sanftes Licht fiel auf den Asphalt, auf die nassen Straßen, auf die Reste des Regens. Mila saß auf dem Bordstein, die Knie an die Brust gezogen, das Handy tot in ihrer Hand. Neben ihr saß Tom, noch blass, zitternd, aber lebendig. Kein Schatten, kein Mantelmann, keine deformierten Gestalten. „Es… ist vorbei?“, flüsterte er. Seine Stimme war rau, brüchig. Mila nickte, doch ein Teil von ihr konnte es nicht glauben. „Ich… ich denke schon“, sagte sie leise. „Aber… das Gefühl… es ist, als ob etwas noch da ist. Wie ein Nachhall. Ein Flüstern.“ Die Straße war still. Zu still. Die Vögel flogen zurück, die Autos rollten langsam vorbei, aber etwas lag in der Luft, ein Gewicht, das sie nicht benennen konnte. Sie standen auf. Tom neben ihr, beide noch erschöpft. Mila spürte jeden Muskel, jeden Herzschlag, die Panik der letzten Nächte in ihrem Körper brennend. Und doch… sie spürte auch etwas
Tom lag neben ihr, kaum noch er selbst, atmend, aber nur, weil die Dunkelheit es zuließ. Der Mantelmann trat vor. Langsam. Jeder Schritt ein Knacken, wie brechende Knochen. „Runde acht beginnt“, flüsterte er. Die Worte schnitten durch die Luft wie stumpfe Messer. „Dein Ende, oder das Ende des Spiels. Wähle… weise.“ Das Handy vibrierte. Der Bildschirm wurde schwarz. Dann erschienen Worte — keine Zahlen. SYSTEM: RUNDE_08_INITIERT SPIELERSTATUS: FAST–GEBROCHEN REGELBRUCH: 1 ERKENNE: ANOMALIE Mila runzelte die Stirn. Ein Fehler? Ein Systemfehler? Der Mantelmann wandte langsam seinen Kopf, als hätte er es ebenfalls bemerkt. Sein Mantel wehte, obwohl kein Wind mehr wehte. „Ignoriere es“, sagte er. Doch seine Stimme schwankte zum ersten Mal. Die Schatten verzogen sich. Sie wichen zurück. Nicht aus Befehl — aus Furcht. Mila hob das Handy. Ihre Hände zitterten, aber sie konnte klar sehen, wie der Text sich veränderte: ANOMALIE GEFUNDEN: USER_KONTROLLE_ÜBERSCHRIEBT_SY
Mila stand auf, taumelte, die Knie wackelten, ihre Hände immer noch am Handy gekrampft. Tom lag reglos am Boden, seine Augen schwarz, doch ein kleiner Funke in ihnen flackerte noch, kaum sichtbar. Der Mantelmann trat einen Schritt vor. „Runde sechs beginnt“, flüsterte er. „Diesmal wirst du nicht nur leiden. Diesmal wirst du entscheiden, wer lebt. Und wer für immer verschwindet.“ Die Schatten um sie herum verdichteten sich, wanden sich, formten groteske Silhouetten von Menschen, die sie kannte. Ihre Freunde, ihre Familie, ihre Lehrer — alle deformiert, die Glieder verdreht, die Gesichter wie geschmolzenes Wachs, die Augen leer. Und sie starrten sie an. Wartend. Fordernd. Mila wollte wegrennen, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Es war, als würden unsichtbare Fäden sie am Boden festhalten. Der Mantelmann ging langsam um sie herum, jeden Schritt begleitet von einem leisen Kratzen, als würde seine Anwesenheit selbst die Luft zerreißen. „Pflich
Sein Blick war flehend, als könnte er spüren, was gleich passieren würde. Die Schatten reckten sich, dehnten sich, als hätten sie unendlich lange Glieder. Einer von ihnen griff nach Tom. Nicht fest, nicht greifbar, doch so präsent, dass Mila es spürte, als würde ihre eigene Seele von ihm erfasst. „Wähl!“, hallte die Stimme des Mantelmanns in ihrem Kopf, „jetzt!“ Mila wollte schreien, wollte weglaufen, doch ihre Beine gaben keinen Schritt nach vorne. Jede Faser ihres Körpers war gelähmt vor Angst. Sie fühlte, wie der Druck auf ihrer Brust wuchs, als wollten die Schatten sie zerquetschen, in winzige Stücke reißen. Der Countdown sprang auf 00:15, und der Mantelmann trat näher. Seine Kapuze bewegte sich kaum, doch sie spürte seinen Blick auf ihr, bohrend, unerbittlich. „Pflicht heißt wählen. Leben oder Tod. Du kannst nicht entkommen.“ Mila schluckte schwer. Die Welt schien sich zu verengen, zu drehen, als würde alles um sie herum zu flüssigem Glas werden
Der Mantelmann nickte nur. „Oh doch. Du kannst. Du musst.“ Plötzlich flackerte die Luft vor ihr, wie eine dünne Schicht Wasser. Und darin erschien ein Bild. Tom. Er lag auf dem Boden, Blut lief über sein Gesicht, seine Augen weit geöffnet. Mila spürte einen Schrei in sich aufsteigen, doch er blieb stecken. „Was… was soll das?“, stammelte sie. „Er ist doch hier! Es ist ein Traum!“ Der Mantelmann lachte leise. „Realität spielt keine Rolle mehr. Nicht, wenn Pflicht und Wahrheit aufeinandertreffen.“ Das Bild auf dem Asphalt änderte sich. Jetzt sah sie ihre Freunde, ihre Familie, jeden Menschen, den sie liebte, gefangen in dunklen Schatten, gequält, starr, wie in Wachsfiguren verwandelt. Ein Schmerz durchfuhr Milas Brust, so stark, dass sie glaubte, ihr Herz würde zerreißen. „Du wirst wählen“, sagte der Mantelmann. „Wahrheit… oder Pflicht. Und die Pflicht ist dieses Mal blutiger als alles, was du bisher erlebt hast.“ Ein Rascheln hinter ih
Alles zerstören. Aber sie konnte nicht. Das Mädchen griff nach ihr. Und diesmal fühlte es sich anders an. Nicht nur kalt und feucht. Sondern lebendig. Schmerz lebendig. Die Hand griff nach ihrer Kehle, doch sie spürte, dass es nicht nur eine Berührung war — es war eine Übertragung. Ein Strom aus Angst, Panik, Tod, alles auf einmal. Mila schrie innerlich, keuchte, rang nach Luft. Und sie tat, was sie tun musste. Sie griff nach Tom. Die Realität schwankte. Der Regen tropfte in verzerrten Mustern. Die Straße wurde länger, dunkler, wabernd. Und das Mädchen presste sie noch fester, als wollte es jeden Teil ihrer Angst extrahieren. „Sag es ihm.“, knurrte der Mantelmann. „Sag ihm alles.“ Mila schloss die Augen. Sie fühlte, wie die Dunkelheit in ihr kroch, die Kälte sich ausbreitete, jede Faser ihres Körpers lähmte. Und dann — ein Gefühl von Widerstand. Ein winziger Funke. in Funke Leben. Sie packte Toms Hand. Ihre Finger k