Share

Kapitel 2

last update Last Updated: 12.01.2026 20:11:07

Kapitel 2

Sie schluckte, zitterte, und spürte, wie der Flüsterer näherkam, die Luft um sie herum dichter, schwerer, als würde er die Realität selbst biegen. Sie wusste, dass dies erst der Anfang war – dass das Spiel noch lange nicht vorbei war. Mila drehte sich langsam zum Spiegel, und ihr Herz hämmerte so laut, dass sie dachte, es würde die Stille zerreißen. Zuerst war nur ihr eigenes Gesicht zu sehen, blass und müde, mit Haarsträhnen, die unordentlich ins Gesicht fielen. Doch dann bemerkte sie die Veränderung. Ein Schatten – dunkel, flackernd, unklar – glitt durch das Spiegelglas, so schnell, dass sie dachte, es sei Einbildung.

„Das ist nicht real“, flüsterte sie, die Stimme kaum hörbar. Doch tief in ihr spürte sie das Zittern. Die Schatten im Zimmer schienen zu pulsieren, zu atmen, als hätten sie ein eigenes Leben.

Sie wollte den Spiegel ignorieren, wollte wegsehen, doch ihre Füße bewegten sich wie von selbst. Jeder Schritt auf dem kalten Parkett hallte durch den Raum, und das Spiegelbild begann sich zu verändern. Die Augen der Gestalt im Glas glühten schwach rot, die Konturen des Gesichts verzogen sich, als würde jemand aus Rauch und Schatten geformt sein.

Mila presste die Hände gegen die Brust, spürte, wie die Angst ihr Herz wie ein Trommelfell auseinanderzog. Ihr Atem ging stoßweise, die Luft im Zimmer fühlte sich schwer an, als würde sie fast nicht existieren. Sie wollte schreien, doch kein Ton kam über ihre Lippen.

Dann vibrierte das Handy erneut. Sie zuckte zusammen. Das Display leuchtete auf, und die Worte flimmerten:

„Pflicht: Geh in den Keller.“

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Jeder Instinkt schrie, dass sie es nicht tun sollte. Doch etwas Dunkles in ihr – Neugier, Zwang, eine leise Stimme, die sagte „Du musst es sehen“ – trieb sie an.

Langsam, mit zitternden Knien, öffnete sie die Tür zum Keller. Die Treppe knarrte unter ihrem Gewicht, und die Luft wurde sofort kälter, feuchter, dichter. Ein leichter Nebel schwebte über den Stufen, und jedes Geräusch, das sie machte, hallte endlos nach. Die Schatten an den Wänden schienen sich zu bewegen, als würden sie sie beobachten.

Oben war noch das Licht ihres Zimmers, unten nur Finsternis. Mila setzte einen Fuß nach dem anderen, jeder Schritt fühlte sich an, als würde sie durch eine andere Welt gehen. Die Kälte kroch unter ihre Haut, ließ die Muskeln zittern, während das Summen ihres Handys immer näher schien – als würde es den Rhythmus ihres Herzschlags aufnehmen.

Im Keller angekommen, tastete sie nach dem Lichtschalter. Ein flackernder Lichtstrahl durchbrach die Dunkelheit, und für einen Augenblick sah sie es: die dunkle Gestalt, halb verborgen zwischen den Kisten. Die Augen glühten, und das Gesicht verzerrte sich zu einem unheimlichen Grinsen.

Mila wollte wegrennen, doch ihre Füße gehorchten nicht. Das Herz raste, die Hände zitterten, und die Luft schien sich wie ein unsichtbares Band um ihren Hals zu legen. Ein Flüstern drang aus allen Richtungen zugleich:

„Du kannst dich nicht verstecken, Mila… du musst wählen.“

Die Worte hallten durch den Raum, durch ihre Gedanken, drangen in jede Faser ihres Körpers. Sie stolperte rückwärts, fiel auf die Knie, spürte die kalte Feuchtigkeit des Kellers gegen ihre Hände. Jeder Atemzug brannte in ihrer Lunge.

Dann verschwamm alles. Die Kisten, die Schatten, die Flüstern – alles wurde zu einem endlosen Strudel aus Dunkelheit. Mila spürte, wie sie gezogen wurde, wie der Raum sich dehnte, als würde die Realität selbst zerfließen. Die Spiegelbilder, die sie aus dem Traum kannte, erschienen überall, verzerrt, lebendig, starrten sie an. Timo tauchte auf, schwebend zwischen den Korridoren aus Glas und Schatten, flehend, doch stumm.

Jede Reflexion zeigte nicht nur sie, sondern ihre Ängste, ihre Schuld, ihre Unsicherheiten. Die Hände aus den Spiegeln griffen nach ihr, berührten die Haut, zogen sie näher, wollten sie verschlingen. Mila schrie, stolperte, fiel in die Dunkelheit – und spürte gleichzeitig, wie alles still wurde.

Dann, ein Lichtblitz. Sie blinzelte, und lag in ihrem Bett. Herzrasen, Schweiß auf der Stirn, die Decke fest umklammert. Alles war still. Der Regen hatte aufgehört, der Mond schien durch das Fenster. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum.

Und doch wusste sie: das Spiel hatte begonnen, und die Dunkelheit wartete schon auf sie.

Mila blieb noch lange reglos liegen. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam, doch der Druck in ihrer Brust blieb. Das Mondlicht lag wie ein kalter Streifen über dem Fußende ihres Bettes, und jedes Mal, wenn eine Wolke daran vorbeizog, veränderte sich der Schatten im Zimmer, als würde etwas darin lauern und warten, bis sie blinzelte.

Sie setzte sich langsam auf. Der Raum wirkte normal, doch sie vertraute dem Bild nicht. Zu oft hatte sie erlebt, wie Normalität im nächsten Moment zerbrach. Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, spürte den kalten Schweiß auf ihrer Haut und das Zittern in ihren Fingern.

Auf ihrem Nachttisch lag ihr Handy. Sie wagte nicht, es zu berühren. Die Worte im Traum — „Wahrheit oder Pflicht?“ — saßen noch in ihrem Kopf, wie ein Stachel, den man nicht herausziehen konnte. Doch die Neugier brannte. Sie griff danach, das Display leuchtete auf, und für einen Moment hielt ihr Herz an.

Keine Nachricht.

Nur die Uhrzeit: 22:48.

Sie hätte gedacht, es wäre viel später. Oder viel früher. Zeit fühlte sich momentan wie ein Fremdkörper an.

Langsam stand sie auf. Ihre Knie waren weich, als wären sie aus Gummi. Der Boden unter ihren Füßen war kalt, viel kälter, als er um diese Uhrzeit sein sollte. Vielleicht lag es an ihr. Vielleicht hatte der Traum ihr inneres Gleichgewicht gekippt. Vielleicht… nein. Sie schüttelte den Kopf.

Jeder Gedanke, der versuchte, ihr einzureden, es sei mehr als ein Traum gewesen, wurde sofort von einer inneren Stimme niedergeknüppelt: Es war nur ein Traum. Nichts weiter. Du bist aufgewacht. Du bist in deinem Zimmer. Alles ist normal.

Doch war es das?

Warum war das Gefühl der Kälte so real? Warum klebten die Schatten an den Wänden wie dicke, dunkle Flecken, statt sich wie normale Dunkelheit zu verhalten?

Mila ging zum Fenster. Der Regen hatte tatsächlich aufgehört, wie wenn jemand die Welt plötzlich auf Pause gedrückt hätte. Die Straße lag still, nur das blasse orangefarbene Licht der Straßenlaterne spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Kein Auto. Keine Menschen. Kein Wind. Eine perfekte, unheimliche Stille.

Sie starrte hinaus, versuchte, sich in dieser Normalität festzuhalten. Doch aus dem Augenwinkel sah sie eine Bewegung. Etwas Dunkles zwischen den Bäumen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein Schatten, der nicht zum Baum gehörte. Der sich zu strecken schien. Zu wachsen.

Mila blinzelte. Weg.

Nur der Baum.

Nur die Nacht.

Sie presste die Finger gegen die Fensterscheibe. Eiskalt.

Kälter als draußen eigentlich sein sollte.

Sie trat zurück. Die Stille im Zimmer wurde schwerer, dichter. Wie eine Wand, die sich langsam um sie herum aufbaute.

Da vibrierte ihr Handy.

Ein kurzer, scharfer Ton, der die Luft durchschnitt.

Mila wirbelte herum. Das Display flackerte leicht. Sie ging hin, langsam, wie jemand, der auf dünnem Eis läuft. Als sie das Handy nahm, zog sich ihr Magen zusammen.

Unbekannt: „Hat der Traum dir gefallen?“

Mila ließ das Handy fast fallen. Ihr Herz raste, die Hände wurden schweißnass.

Sie tastete nach Worten, tippte eine Antwort, löschte sie wieder, tippte erneut. Schließlich schrieb sie schließlich:

„Wer bist du?“

Die Antwort kam sofort.

Sofort.

Als hätte jemand nur darauf gewartet, dass sie reagierte.

„Du weißt es. Sag es.“

Mila schüttelte heftig den Kopf.

„Nein. Nein, das ist nicht echt. Das ist ein dummer Scherz. Irgendwer verarscht mich“, flüsterte sie und ging im Zimmer auf und ab.

Doch tief in ihrem Inneren… wusste sie es besser.

Sie schrieb:

„Das war nur ein Traum.“

Wieder keine Verzögerung.

„Glaub das ruhig.“

Dann, nach zwei Sekunden:

„Wahrheit oder Pflicht?“

Mila spürte, wie die Luft im Zimmer dünner wurde, als würde der Raum selbst den Atem anhalten. Sie wollte nicht antworten. Sie wollte das Handy eigentlich aus dem Fenster werfen. Doch ihre Finger bewegten sich wie selbstständig.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Der Flüsterer   Kapitel 9

    „Du musst deine Pflicht erfüllen“, flüsterte der Mantelmann. „Nicht für dich. Für ihn. Für sie. Für das Spiel.“ Mila schluckte schwer. Sie sah Tom, der regungslos neben ihr stand, die Augen weit aufgerissen, panisch, aber unfähig zu helfen. Ein Geräusch hinter ihnen ließ sie zusammenzucken: Scharren, schleifende Schritte. Etwas Großes, Dunkles, Unmenschliches bewegte sich in der Schwärze. Die Schatten der Straße flossen und zogen sich, als hätten sie ein Eigenleben. „Wenn du jetzt nicht handelst…“, flüsterte der Mantelmann, „entscheidet das Spiel selbst.“ Mila schloss die Augen. Ihre Brust brannte, ihr Kopf dröhnte. Die Angst verschlang alles. Und dann traf sie die Wahl. „Pflicht!“, schrie sie, und die Worte hallten durch die Dunkelheit wie ein Sprengsatz. Das tote Mädchen riss den Kopf zurück, als hätte es nicht erwartet, dass sie gehorchen würde. Ein gurgelnder Laut entwich ihm, feucht, klatschend, wie etwas, das unter Wasser ertrinkt. Und

  • Der Flüsterer   Kapitel 8

    Ihr Herz schlug so laut, dass sie es in den Ohren hörte. Jeder Atemzug tat weh, als würde die Luft einen Widerstand bilden. „Warum… ich?“, flüsterte sie heiser. Das tote Mädchen reagierte wieder nicht. Es stand da wie eine Schaufensterpuppe. Einfach nur… wartend. Ein Windstoß, plötzlich, mitten in dieser geschlossenen Schwärze, fuhr Mila durch die Haare. Er roch nach altem Holz, kaltem Eisen… und etwas Süßem. Zu süß. Verwesung. Sie presste den Arm vor die Nase und hustete. Das Handy vibrierte erneut, diesmal heftiger, fast aggressiv. Die Worte auf dem Display zitterten, verzerrten sich, formten sich neu wie lebendiges Fleisch: DU KENNST DIE REGELN. ANTWORTE. Mila schüttelte panisch den Kopf. „Nein… ich will das nicht! Lass mich raus! Lass mich—“ Das tote Mädchen machte einen Schritt. Einen langsamen, nach vorne ziehenden Schritt, bei dem die Gelenke knackten wie alte Zweige. Mila erstarrte. 4… 3… „Okay!“, keuchte sie, die Stimme brach.

  • Der Flüsterer   Kapitel 7

    Kapitel 7 Der erste Schritt klang wie nasses Fleisch auf kaltem Stein. Mila wirbelte herum, obwohl ihr Körper sich dagegen wehrte, obwohl jeder Instinkt in ihr schrie, nicht hinsehen, niemals hinsehen. Doch sie drehte sich. Langsam. Steif. Als würde eine unsichtbare Hand ihren Kopf führen. Hinter ihr lag die Straße im Dunkeln. Die Laternen waren zerstört, nur der Mond gab ein mattes, kränkliches Licht. Der Regen fiel wieder — schwer, kalt, klebrig. Das Geräusch kam noch einmal. Schlapp. Schlapp. Etwas trat aus der Seitenstraße. Etwas, das im Licht zuerst nur eine Form war. Dann eine Silhouette. Dann… ein Körper. Es war ein Mädchen. Aber kein lebendiges. Kein richtiges. Ihre Haut war grau und rissig, getränkt in einer Farbe, die in der Dunkelheit fast schwarz wirkte. Ihr Kopf hing zur Seite, als wäre der Hals zu weich, zu lose. Die Haare waren nass, klebten ihr wie lange, verfaulte Fäden am Gesicht. Ihre Arme baumelten

  • Der Flüsterer   Kapitel 6

    Kapitel 6 Die Welt brach auseinander. Die Welt explodierte nicht. Sie zerknitterte. Als hätte jemand ein Foto ihres Lebens genommen und es mit beiden Händen langsam zusammengedrückt, bis Kanten brachen und Linien rissen. Farben wurden dünn, zuckend, unruhig. Der Boden unter Milas Füßen vibrierte, als wäre er lebendig. Der Countdown verschwand. Stille blieb zurück. Eine Stille, so dicht, dass Mila das Gefühl hatte, wenn sie atmete, würde die Welt das hören. Der Mann im Mantel stand direkt vor ihr. Zu nah. Viel zu nah. Sie konnte den Stoff seines Mantels riechen. Kalt. Feucht. Wie etwas, das unter der Erde lag, viel zu lange. „Sprich“, flüsterte er. Seine Stimme war jetzt tief in ihrem Kopf. Nicht über den Ohren, nicht durch die Luft — in ihr. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, als wollte es aus ihr heraus. Sie rang nach Atem. „Ich…“, hauchte sie. Tom stand reglos hinter dem Mann. Seine Pupillen waren erweitert. Viel

  • Der Flüsterer   Kapitel 5

    Kapitel 5 Der Himmel war schwarz wie Tinte, und selbst die Straßenlaternen schienen heute schwächer zu brennen, als hätte jemand ihre Leuchtkraft gedrosselt. Mila spürte die Kälte schon bevor der Wind überhaupt kam. Eine schwere Kälte. Eine, die etwas ahnen ließ. Sie und Tom liefen nebeneinander die schmale Straße entlang, die vom Schulhof wegführte. Es war Dienstagabend, spät, viel später, als Schüler der 9a normalerweise draußen sein sollten. Aber sie hatten noch für die Bioarbeit gelernt, und Mila hatte die Zeit vergessen. Oder vielleicht wollte sie sie vergessen. Schon seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. In der Schule hatten die Neonröhren im Flur flackert, jedes Mal, wenn sie an einer vorbeiging. Im Klassenzimmer war ein Stuhl umgekippt, direkt neben ihr, obwohl niemand dort stand. Und in der letzten Stunde hatte sie einen Schatten im Augenwinkel gesehen, obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr war. Sie hatte es Tom nicht gesagt. Er hätte

  • Der Flüsterer   Kapitel 4

    Kapitel 4Mila hielt den Atem an. Sie stand mitten im Zimmer. Das Fenster hinter ihr. Der Spiegel vor ihr. Links ihr Schreibtisch. Rechts die Tür zum Flur. Sie wollte nicht. Konnte nicht. Doch etwas zog an ihr. Eine dunkle Kraft, die sich anfühlte wie eine Hand an ihrem Rücken. Langsam, ganz langsam drehte sie den Kopf. Nichts. Ihr Zimmer. Nur ihr Zimmer. Doch dann fiel ihr Blick in den Spiegel. Ihr Spiegelbild stand da. Aber es atmete nicht. Und dann — dann hob es die Hand. Nicht im gleichen Moment, sondern eine Sekunde später. Als würde jemand anderes in ihrem Körper stecken. Mila stolperte zurück, prallte gegen die Wand, das Herz raste so stark, dass sie dachte, es würde aus ihrer Brust springen. Das Spiegelbild grinste. Ein langsames, breites, kaltes Grinsen. Und dann flüsterte es — ohne den Mund wirklich zu bewegen — ganz leise: „Es hat schon längst angefangen.“ Mila stand mit dem Rücken zur Wand, unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Ihr eigener Atem

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status