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Kapitel 4

last update Last Updated: 2026-01-15 14:18:03

Kapitel 4

Mila hielt den Atem an.

Sie stand mitten im Zimmer.

Das Fenster hinter ihr.

Der Spiegel vor ihr.

Links ihr Schreibtisch.

Rechts die Tür zum Flur.

Sie wollte nicht.

Konnte nicht.

Doch etwas zog an ihr. Eine dunkle Kraft, die sich anfühlte wie eine Hand an ihrem Rücken.

Langsam, ganz langsam drehte sie den Kopf.

Nichts.

Ihr Zimmer.

Nur ihr Zimmer.

Doch dann fiel ihr Blick in den Spiegel.

Ihr Spiegelbild stand da.

Aber es atmete nicht.

Und dann —

dann hob es die Hand.

Nicht im gleichen Moment, sondern eine Sekunde später.

Als würde jemand anderes in ihrem Körper stecken.

Mila stolperte zurück, prallte gegen die Wand, das Herz raste so stark, dass sie dachte, es würde aus ihrer Brust springen.

Das Spiegelbild grinste.

Ein langsames, breites, kaltes Grinsen.

Und dann flüsterte es — ohne den Mund wirklich zu bewegen — ganz leise:

„Es hat schon längst angefangen.“ Mila stand mit dem Rücken zur Wand, unfähig, auch nur einen Muskel zu bewegen. Ihr eigener Atem war so laut, dass er fast wie ein Rauschen in ihren Ohren klang. Das Spiegelbild bewegte sich wieder – nicht synchron, nicht wie ein Echo, sondern unabhängig, als hätte es einen eigenen Willen. Als wäre es die echte Mila und sie nur eine verzerrte Kopie.

Langsam senkte das Spiegelbild die Hand. Der Schatten hinter ihm – nein, hinter ihr – streckte sich, formte sich, wuchs. Erst ein dünner Strich, dann eine Silhouette. Ein Mann. Oder etwas, das sich als Mann tarnte. Zu lang, zu schmal, zu dunkel. Die Schultern grotesk verzogen, der Kopf leicht schief, als wäre der Hals aus Gummi. Die Arme hingen zu tief, bis fast zum Boden, und die Finger… gott, die Finger waren zu lang.

Mila blinzelte heftig.

Doch der Schatten blieb.

Und er sah aus dem Spiegel direkt zu ihr.

Ihre Knie gaben nach, sie rutschte die Wand hinunter, bis sie am Boden saß. Der kalte Parkettboden drückte gegen ihre Beine, aber sie spürte es kaum. Die Kälte in ihr war viel größer, viel tiefer.

Im Spiegel beugte sich die Gestalt langsam vor. Nicht ihr Spiegelbild – die Sache hinter ihm. Der Schatten schob sich näher, direkt hinter „Mila“, und legte den Kopf schief.

Dann flüsterte eine Stimme in ihrem Raum.

Nicht im Spiegel.

Nicht in ihrem Kopf.

In der Realität.

„Du hast mich gesehen.“

Mila schloss sofort die Augen.

„Nein… nein, das ist nicht echt…“

„Sag das noch einmal.“

Sie hielt sich die Ohren zu, doch das Flüstern kroch durch ihre Finger, wie Rauch, der durch jede Ritze findet.

„Sag es noch einmal, Mila…“

Sie atmete flach. Zu flach. Ihr Brustkorb schmerzte. Alles in ihr schrie, wegzulaufen, die Tür aufzureißen, hinauszurennen, aber ihre Beine waren wie festgenagelt.

„Du träumst nicht,“ hauchte die Stimme, „du wachst auf.“

Dann vibrierte ihr Handy – laut, grell, wie ein Schrei. Mila zuckte zusammen und öffnete panisch die Augen. Für einen Moment hoffte sie, dass alles weg wäre.

Doch das Spiegelbild stand immer noch da.

Jetzt wieder normal.

Aber mit einem falschen Ausdruck.

Es blickte sie nicht an. Es sah sie an. Ein Unterschied wie Tag und Nacht.

Sie griff nach dem Handy, ihre Finger zitterten so sehr, dass sie kaum den Bildschirm traf. Eine neue Nachricht blinkte auf:

„Gut gemacht.“

Keine Nummer.

Kein Name.

Nur diese zwei Worte.

Dann kam die nächste Nachricht:

„Jetzt beginnt deine zweite Frage.“

Mila schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich spiele das Spiel nicht weiter… ich mache da nicht mit…“

Als hätte das Telefon sie gehört, erschien die Nachricht, ohne dass das Handy vibriert hätte:

„Du spielst längst.“

Mila schloss die Augen und atmete tief ein.

„Ich antworte nicht.“

Doch das Handy antwortete für sie.

Die Buchstaben schrieben sich selbst, als würde jemand ihre Finger steuern:

„Wahrheit.“

„Nein! Hör auf!“, schrie sie, warf das Handy aufs Bett.

Es vibrierte wieder.

Ein langer, durchgehender Ton.

Mila kroch vor, als müsste sie einem Tier gegenüber vorsichtig bleiben, und hob es langsam auf. Die neue Nachricht war lang. Sehr lang.

„Wahrheit: Was verheimlichst du deiner Mutter seit letzter Woche? Sag es laut.“

Mila erstarrte.

Ihre Finger wurden schlagartig eiskalt.

Ihre Lippen öffneten sich, doch kein Ton kam.

Wie…

Wie konnte er das wissen?

Sie hatte niemandem davon erzählt. Niemandem.

Nicht einmal Lena.

Das Licht im Zimmer flackerte.

Der Spiegel zog einen langen, dunklen Strich, als würde ein Finger langsam über das Glas gleiten.

„Sag es“, flüsterte die Stimme.

Mila kämpfte gegen sich selbst, gegen die Schwere in ihren Worten, doch dann brach es aus ihr heraus – plötzlich, laut, verzerrt und voller Schuld:

„Ich… hab’ die Nachricht gelöscht! Die Nachricht, die für sie war! Ich hab sie gelöscht, weil ich… weil ich Angst hatte, dass—“

Knacks.

Das Geräusch kam aus dem Spiegel.

Ein feiner Sprung zog sich durch die obere Ecke, als hätte etwas von innen dagegen geschlagen.

Mila sprang zurück.

Das Handy vibrierte wieder:

„Brav.“

Dann:

„Pflicht.“

Mila schüttelte sofort den Kopf, panisch. „Nein. Nein, ich mach nicht—“

„Pflicht: Geh auf den Dachboden.“

Ihr Atem stockte.

Der Dachboden.

Der Ort, den sie seit Jahren mied.

Der Ort, an dem es immer zog.

Der Ort, an dem das Holz knarrte, obwohl niemand dort war.

Die Stille im Zimmer wurde so dicht, dass sie fast drückte.

Der Spiegel hinter ihr knackte erneut, ein winziges Splittern, das klang wie ein unterdrücktes Lachen.

Mila stand langsam auf.

Jeder Zug ihrer Muskeln fühlte sich an wie ein Befehl, den sie nicht selbst gab.

Sie öffnete die Tür zum Flur.

Es war dunkel.

Viel dunkler als es hätte sein sollen.

Die Luft war kälter.

Hinter ihr vibrierte das Handy ein letztes Mal.

Eine neue, kurze Nachricht:

„Beeil dich.“

Mila blieb noch einen Moment reglos liegen, das Echo des Traums pochte wie ein zweiter Herzschlag in ihrem Kopf. Die Dunkelheit ihres Zimmers fühlte sich dichter an als sonst, dichter und… aufmerksamer.

Ein leises Knacken ging durch die Holzbohlen ihres Bodens. Nur das alte Haus, sagte sie sich. Nur das Haus, das atmet. Doch in dieser Nacht fühlte es sich an, als atmete etwas mit ihr.

Sie schwang die Beine aus dem Bett. Der Boden war kalt. Zu kalt.

Ihr Wecker zeigte 03:12 Uhr. Die Zeiger bewegten sich normal, gleichmäßig – ein beruhigendes Ticken, das sich tief in die Stille grub.

Mila stand auf und ging zum Fenster. Der Mond hing schwer und gelb über den Häusern, und unter ihm die Straße, völlig leer. Keine Autos. Keine Windböe. Nicht einmal das Rascheln der Bäume. Die Welt schien eingefroren.

Sie berührte die Fensterscheibe. Ein feiner Hauch von Nebel bildete sich dort, obwohl sie nicht einmal geatmet hatte.

Dann erschien darin, wie aus dem Nichts, ein Wort, das sich langsam aus dem beschlagenen Glas herausformte – als würde ein unsichtbarer Finger schreiben:

SPIELZEIT

Mila stolperte rückwärts, prallte gegen ihr Bett. Ein lauter dong vibrierte durch das Zimmer. Herz raste. Hände zitterten.

„Nein… nein, das ist nur mein Kopf… nur der Traum…"

Der Gong riss Mila aus ihren Gedanken. Es war, als hätte jemand ein Metallstück direkt an ihrem Ohr zerschlagen. Der Ton vibrierte in ihrem Schädel nach, lange nachdem alle anderen schon damit aufgehört hatten, sich überhaupt zu bewegen.

Die Klasse löste sich hektisch auf.

Stühle wurden zurückgeschoben, Rucksäcke zugezogen, jemand lachte schrill über einen Witz, den Mila nicht mitbekommen hatte. Für sie war alles seltsam verlangsamt, wie ein Film, der ruckelt.

Sie blieb sitzen.

Fast hoffte sie, niemand würde es bemerken.

Doch Linas Hand legte sich auf ihre Schulter.

„Hey, alles gut?“, fragte sie und kniff die Augen zusammen, als würde sie versuchen, Milas Gedanken zu lesen.

Mila wollte antworten. Wirklich.

Aber ihre Stimme klemmte irgendwo zwischen Brust und Hals fest.

„Mir ist nur… schwindelig“, brachte sie schließlich hervor.

Lina musterte sie länger als nötig. „Okay. Komm, frische Luft tut gut.“

Widerwillig stand Mila auf. Ihre Beine fühlten sich an wie Glas – stabil genug, um sie zu tragen, aber dünn, gefährlich, kurz davor zu splittern.

Als sie in den überfüllten Flur trat, schluckte sie eine Welle aus Geräuschen.

Schritte, Stimmen, Türen, Gelächter, das knallende Schließen eines Schließfachs.

Normaler Schulalltag.

Doch für Mila klang es wie das Dröhnen einer Maschine, die jeden Moment über sie hinwegrollen konnte.

Sie griff nach ihrem Handy, fast mechanisch.

Kaum berührte sie es –

Vrrrrt.

Eine Nachricht.

„Bereit?“

Das Wort war so kurz. Sechs Buchstaben.

Aber es fühlte sich an wie ein schwarzer Fleck, der sich auf ihrer Lunge ausbreitete.

Mila blieb stehen.

Lina bemerkte es sofort. „Mila? Was machst du?“

„Ich… komme gleich nach.“

Sie versuchte, normal zu klingen, aber ihre Stimme zitterte.

Lina wollte protestieren. Ich sehe es dir an. Du lügst.

Aber sie tat es nicht. Sie sagte nur „Okay…“ und verschwand im Menschenstrom.

Mila atmete aus.

Doch anstatt Erleichterung spürte sie nur ein tiefes, dunkles Ziehen, als würde jemand an den Fäden ihrer Seele zerren.

Das Handy vibrierte erneut.

„Deine Aufgabe wartet auf dem Schulhof.“

Ihre Finger wurden kalt.

Ihr Herz schlug hart gegen ihren Brustkorb, wie jemand, der aus einem geschlossenen Raum heraus gegen eine Tür hämmert.

„Warum ich?“, flüsterte sie, obwohl sie wusste, dass niemand antworten würde.

Doch dann vibrierte das Handy ein drittes Mal.

„Weil du mir gefällst.“

Mila riss erschrocken die Augen auf.

Gefällst?!

Ein eiskalter Schauer lief ihr über den Rücken.

Sie schaute instinktiv den Flur entlang.

Und da war er.

Der Mann im Mantel.

Er stand am Ende des Korridors – reglos, wie aus Stein gehauen.

Niemand beachtete ihn. Schüler strömten an ihm vorbei, liefen sogar fast durch ihn hindurch, als wäre er nicht wirklich da.

Und vielleicht war er das auch nicht.

Er hob langsam seine Hand.

Seine Finger – lang, dünn, fast zu vielgelenkig – deuteten nach unten.

Zum Ausgang.

Sie sollte gehen.

Mila schluckte.

Ihre Hände zitterten, als sie die Treppen hinunterstieg. Jeder Schritt klang zu laut, zu endgültig.

Jeder Atemzug schmerzte.

Draußen blendete sie das Licht.

Der Schulhof lag vor ihr wie eine Bühne: Gruppen von Schülern, die lachten, stritten, langweilten.

Normale Szenen.

Aber Mila hatte das Gefühl, als würde sich ein dunkler Vorhang über alles ziehen.

Dann sah sie ihn.

Tom.

Er stand in der Nähe der Fahrräder.

Allein.

Abseits.

Sein Rucksack lag ungeöffnet neben ihm.

Er starrte auf den Boden, als würde er an diesem Punkt festgewachsen sein.

Seine Körperhaltung war falsch.

Nicht nur traurig oder zurückgezogen – sondern so steif, dass es wirkte, als hätte man ihn dort hingesetzt und vergessen, ihn wieder zum Leben zu erwecken.

Mila kannte ihn kaum.

Nur vom Sehen.

Still, unauffällig, der Typ, der immer hinter allen herlief, als wollte er vermeiden, jemandem jemals im Weg zu stehen.

Ihr Handy vibrierte wieder.

„Wahrheit oder Pflicht?“

Sie kniff die Augen zusammen.

„Bitte nicht“, flüsterte sie. „Nicht wieder…“

Eine zweite Nachricht kam sofort.

„DU entscheidest. Heute spielen wir nach deinen Regeln.“

Ihre Kehle zog sich zu.

Sie spürte einen Blick.

Drei Schritte entfernt vom Fahrradständer stand der Mann im Mantel.

Keiner sah ihn.

Nur sie.

Sein Gesicht war nicht erkennbar.

Nur die dunklen Schemen eines Lächelns, das nie wirklich zu einem Mund gehörte.

Er hob eine Hand und zeigte auf Tom.

Dann auf Mila.

Dann machte er eine Bewegung – wie ein Kartengeber im Casino.

Die Runde gehörte ihr.

Wahrheit.

Oder Pflicht.

Und Mila wusste:

Wenn sie nicht wählte…

Würde er wählen.

Und was immer ER wählte, war schlimmer.

Ihr Atem wurde flacher.

Der Wind wehte über den Hof, aber es fühlte sich an, als würde er durch sie hindurchwehen, als wäre sie nicht mehr ganz körperlich.

Dann kam die letzte Nachricht.

„Wenn du dich nicht entscheidest, stirbt jemand. Du hast 30 Sekunden.“

Das Display begann zu zählen.

30… 29… 28…

Mila sah Tom an.

Er sah sie nicht.

Er ahnte nichts.

Ihre Finger krampften sich um das Handy.

„Wahrheit… oder Pflicht…?“

Der Mann im Mantel neigte leicht den Kopf.

Er wartete.

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