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Kapitel 5

last update Zuletzt aktualisiert: 21.01.2026 23:45:46

Kapitel 5

Der Himmel war schwarz wie Tinte, und selbst die Straßenlaternen schienen heute schwächer zu brennen, als hätte jemand ihre Leuchtkraft gedrosselt. Mila spürte die Kälte schon bevor der Wind überhaupt kam. Eine schwere Kälte. Eine, die etwas ahnen ließ.

Sie und Tom liefen nebeneinander die schmale Straße entlang, die vom Schulhof wegführte. Es war Dienstagabend, spät, viel später, als Schüler der 9a normalerweise draußen sein sollten. Aber sie hatten noch für die Bioarbeit gelernt, und Mila hatte die Zeit vergessen. Oder vielleicht wollte sie sie vergessen.

Schon seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. In der Schule hatten die Neonröhren im Flur flackert, jedes Mal, wenn sie an einer vorbeiging. Im Klassenzimmer war ein Stuhl umgekippt, direkt neben ihr, obwohl niemand dort stand. Und in der letzten Stunde hatte sie einen Schatten im Augenwinkel gesehen, obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr war.

Sie hatte es Tom nicht gesagt. Er hätte gelacht. Oder schlimmer—er hätte sich Sorgen gemacht.

Als sie nun die Straße entlanggingen, vibrierte ihr Handy das erste Mal.

Ein kurzes, kaltes Zittern.

Sie nahm es nicht sofort heraus. Etwas in ihr wollte es nicht berühren. Nicht sehen. Nicht wissen.

Tom merkte es.

„Alles gut?“, fragte er, den Rucksack über eine Schulter gehängt.

Mila nickte, aber ihre Hand zitterte, als sie das Handy schließlich aus der Tasche zog.

Der Bildschirm war schwarz.

Dann erschien etwas...

Eine Zahl.

Rot.

Pulsierend.

00:30

„Was ist das?“ Tom lehnte sich neugierig näher, aber sein Blick glitt vorbei, als könne er die Zahl gar nicht sehen.

Mila schluckte. „Ich… ich weiß nicht.“

Die Zahl sprang um.

00:29

00:28

00:27

Ein Geräusch trockener Schritte hallte hinter ihnen.

Mila erstarrte.

Tom drehte sich nicht um. Er bemerkte nichts.

Mila jedoch fühlte es sofort: Die Straße hinter ihnen war leer und trotzdem nicht leer. Etwas war da. Etwas, das den Raum füllte, ohne sichtbar zu sein.

Sie zwang sich, den Kopf zu drehen.

Er war wieder da.

Der Mann im langen, schwarzen Mantel.

Sein Gesicht versteckte sich tief im Schatten der Kapuze, aber Mila spürte seinen Blick. Wie kaltes Metall, das sich in ihr Nest bohrte.

Ihre Haut brannte.

Der Mann ging nicht.

Er schwebte fast.

Oder glitt.

Oder war—einfach da, ohne dass er sich hätte bewegen müssen.

Der Countdown lief weiter.

00:25

„Mila“, sagte der Mann. Es war kein Flüstern—es war ein Kratzen, ein Geräusch, das sich direkt unter ihre Haut grub.

Tom hörte ihn nicht.

Nicht einmal ein Zucken.

„Mila?“ Tom stieß sie leicht an. „Du schaust, als würdest du gleich umkippen.“

Sie wollte ihm antworten.

Doch ihre Stimme versagte.

00:22

Der Mann im Mantel neigte den Kopf, eine unnatürlich langsame, geschmeidige Bewegung.

„Runde drei“, sagte er.

Mila atmete scharf ein.

Tom runzelte die Stirn. „Was murmelt du?“

„Er… er redet mit mir“, presste sie heraus.

„Wer redet mit dir?“ Tom sah sich um, aber seine Augen glitten an der Gestalt vorbei, als sei dort bloß Luft.

00:19

„Wahrheit…“

Ein kaltes Zittern lief durch Milas Wirbelsäule.

„…oder Pflicht?“

Die Worte klangen, als kämen sie gleichzeitig von überall und von nirgendwo.

Mila wich einen halben Schritt zurück. Ihr Rücken stieß an die kalte Steinmauer. Sie wünschte sich, sie könnte einfach hindurchfallen, irgendwohin, wo es sicher war.

Tom legte eine Hand auf ihre Schulter. „Hey… Atme. Ist es… wieder sowas wie dieser Traum von gestern?“

Sie konnte nicht antworten.

Sie starrte den Mann an.

Den Schatten, der sie ansah, ohne ein Gesicht zu besitzen.

Der Countdown sprang weiter.

00:16

Die Welt um sie herum begann zu flackern.

Die Laternen blieben stehen, das Licht eingefroren.

Der Regen, der Sekunden zuvor begonnen hatte, hing plötzlich unbeweglich in der Luft — Tropfen, die glitzerten wie Glas.

Mila keuchte.

Tom stand neben ihr, die Hand auf ihrer Schulter — reglos.

Eingefroren wie die Welt.

Nur der Mann bewegte sich.

„Du hast die ersten beiden Aufgaben bestanden.“

Ein Rascheln in der Stimme, als bestehe sie aus altem Papier.

„Aber jetzt… wird entschieden, wer du wirklich bist.“

00:14

Er hob die Hand langsam.

Seine Finger waren viel zu lang.

Zu dünn.

Zu schwarz.

Sie zeigten nicht auf Mila.

Sie zeigten auf Tom.

„Diesmal entscheidest du nicht für dich“, sagte der Mann.

„Diesmal entscheidest du für ihn.“

Mila riss die Augen auf.

„Nein… nein, das kannst du nicht—“

„Wahrheit“, unterbrach er.

„Oder Pflicht.“

00:12

Die Zahl wurde dunkler.

Tiefer.

Als würde sie bluten.

00:11

Mila zitterte am ganzen Körper.

„Bitte…“, flüsterte sie. „Verschwinde…“

00:10

Der Mann neigte den Kopf.

Sein Lächeln war nicht menschlich.

Zu breit.

Zu kalt.

Zu grausam.

„Runde drei beginnt jetzt.“

00:09.

Die Zahl pochte wie ein Herzschlag im Dunkeln. Ein fremdes Herz. Ein feindliches.

Mila drückte sich gegen die Mauer, als könnte sie darin verschwinden, wenn sie nur fest genug dagegen presste. Ihr Atem kam in kurzen, schmerzhaften Stößen.

Tom war noch immer eingefroren.

Nicht tot.

Nicht bewusstlos.

Nur… angehalten.

Als hätte jemand die Zeit um ihn herum festgebissen.

Der Mann im Mantel stand zwischen ihnen wie ein Schnitt im Raum.

„Du wirst entscheiden“, sagte er ruhig.

Viel zu ruhig.

Wie ein Lehrer, der eine Arbeit austeilt, von der er weiß, dass alle daran scheitern werden.

00:08

Die Luft wurde schwerer.

„Runde drei“ hallte in Milas Ohr nach, als würde die Stimme sich im Raum festkrallen.

„Was… was soll ich tun?“ Milas Stimme war kaum hörbar.

Es war keine Frage.

Eher ein Flehen.

Der Mann bewegte ein einziges Fingersegment.

Ein leises Knacken, wie ein kleiner Ast, der bricht.

Mehr brauchte es nicht — und die Umgebung verzerrte sich ein weiteres Stück.

Die Straße wurde länger.

Dunkler.

Der Asphalt wirkte, als würde er sich wölben wie schlafende, atmende Haut.

00:07

„Deine Optionen sind klar“, flüsterte der Mann.

„Wahrheit… oder Pflicht.“

Die Worte setzten sich wie Eissplitter in Milas Bauch.

„Ich… ich möchte nicht!“, weinte sie.

Er lächelte wieder.

Dieser viel zu breite, kalte Schnitt, der nie hätte ein Lächeln sein dürfen.

„Wollen ist keine Währung im Spiel, Mila.“

00:06

Tom bewegte sich.

Nur ein bisschen.

Als würde ein unsichtbarer Faden ihn ein Stück nach vorne zerren.

Sein Kopf ruckte in Milas Richtung.

Seine Augen öffneten sich weiter — viel weiter als normal — und für den Bruchteil einer Sekunde sah Mila, wie etwas Schwarzes darin zuckte.

Nicht von ihm.

Nicht menschlich.

Dann war der Moment vorbei.

Er war wieder still.

00:05

Der Mantelmann trat einen halben Schritt näher.

„Wenn du dich nicht entscheidest…“

Seine Stimme senkte sich.

Wurde tiefer, dunkler, schwerer.

„…entscheidet das Spiel selbst.“

00:04

Mila schrie.

Nicht laut.

Aber innerlich zerreißend.

„WAS soll ich tun!?“

Er hob zwei Finger.

Die Laternen über ihnen platzten gleichzeitig.

Glas regnete in Zeitlupe auf den Boden hinunter, doch im Fallen schwebte jedes Splitterstück wie eingefroren.

Der Mann senkte die Hand wieder.

Die Splitter blieben in der Luft hängen.

Wie kleine Messer.

„Wahrheit“, sagte er.

„Was du für Tom empfindest.“

Mila erstarrte.

Tom.

Ihr Tom.

Er wusste es nicht.

Nicht wirklich.

Nicht dass sie nachts oft an ihn dachte.

Nicht dass sie ihn mehr brauchte, als sie brauchte zuzugeben.

Der Mann legte den Kopf schief.

„Oder… Pflicht.“

Die Splitter begannen ganz leicht zu rotieren.

00:03

„Pflicht wäre einfacher“, hauchte er.

„Nur eine Handlung.

Nur ein kleiner Schnitt ins Gewebe der Welt.“

Die Schatten unter seinen Füßen zogen sich aus wie Tentakel.

00:02

„Also, Mila.

Was ist deine Entscheidung?“

Mila zwang die Worte aus ihrem brennenden Hals.

„Ich… ich wähle—“

00:01

Der Mann hob die Hand.

„Langsam“, sagte er.

„Jedes Wort zählt.“

Mila schloss die Augen, Tränen liefen ihre Wangen hinab.

Sie atmete ein.

Und entschied.

00:00

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