LOGINKapitel 5
Der Himmel war schwarz wie Tinte, und selbst die Straßenlaternen schienen heute schwächer zu brennen, als hätte jemand ihre Leuchtkraft gedrosselt. Mila spürte die Kälte schon bevor der Wind überhaupt kam. Eine schwere Kälte. Eine, die etwas ahnen ließ. Sie und Tom liefen nebeneinander die schmale Straße entlang, die vom Schulhof wegführte. Es war Dienstagabend, spät, viel später, als Schüler der 9a normalerweise draußen sein sollten. Aber sie hatten noch für die Bioarbeit gelernt, und Mila hatte die Zeit vergessen. Oder vielleicht wollte sie sie vergessen. Schon seit dem Morgen hatte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. In der Schule hatten die Neonröhren im Flur flackert, jedes Mal, wenn sie an einer vorbeiging. Im Klassenzimmer war ein Stuhl umgekippt, direkt neben ihr, obwohl niemand dort stand. Und in der letzten Stunde hatte sie einen Schatten im Augenwinkel gesehen, obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr war. Sie hatte es Tom nicht gesagt. Er hätte gelacht. Oder schlimmer—er hätte sich Sorgen gemacht. Als sie nun die Straße entlanggingen, vibrierte ihr Handy das erste Mal. Ein kurzes, kaltes Zittern. Sie nahm es nicht sofort heraus. Etwas in ihr wollte es nicht berühren. Nicht sehen. Nicht wissen. Tom merkte es. „Alles gut?“, fragte er, den Rucksack über eine Schulter gehängt. Mila nickte, aber ihre Hand zitterte, als sie das Handy schließlich aus der Tasche zog. Der Bildschirm war schwarz. Dann erschien etwas... Eine Zahl. Rot. Pulsierend. 00:30 „Was ist das?“ Tom lehnte sich neugierig näher, aber sein Blick glitt vorbei, als könne er die Zahl gar nicht sehen. Mila schluckte. „Ich… ich weiß nicht.“ Die Zahl sprang um. 00:29 00:28 00:27 Ein Geräusch trockener Schritte hallte hinter ihnen. Mila erstarrte. Tom drehte sich nicht um. Er bemerkte nichts. Mila jedoch fühlte es sofort: Die Straße hinter ihnen war leer und trotzdem nicht leer. Etwas war da. Etwas, das den Raum füllte, ohne sichtbar zu sein. Sie zwang sich, den Kopf zu drehen. Er war wieder da. Der Mann im langen, schwarzen Mantel. Sein Gesicht versteckte sich tief im Schatten der Kapuze, aber Mila spürte seinen Blick. Wie kaltes Metall, das sich in ihr Nest bohrte. Ihre Haut brannte. Der Mann ging nicht. Er schwebte fast. Oder glitt. Oder war—einfach da, ohne dass er sich hätte bewegen müssen. Der Countdown lief weiter. 00:25 „Mila“, sagte der Mann. Es war kein Flüstern—es war ein Kratzen, ein Geräusch, das sich direkt unter ihre Haut grub. Tom hörte ihn nicht. Nicht einmal ein Zucken. „Mila?“ Tom stieß sie leicht an. „Du schaust, als würdest du gleich umkippen.“ Sie wollte ihm antworten. Doch ihre Stimme versagte. 00:22 Der Mann im Mantel neigte den Kopf, eine unnatürlich langsame, geschmeidige Bewegung. „Runde drei“, sagte er. Mila atmete scharf ein. Tom runzelte die Stirn. „Was murmelt du?“ „Er… er redet mit mir“, presste sie heraus. „Wer redet mit dir?“ Tom sah sich um, aber seine Augen glitten an der Gestalt vorbei, als sei dort bloß Luft. 00:19 „Wahrheit…“ Ein kaltes Zittern lief durch Milas Wirbelsäule. „…oder Pflicht?“ Die Worte klangen, als kämen sie gleichzeitig von überall und von nirgendwo. Mila wich einen halben Schritt zurück. Ihr Rücken stieß an die kalte Steinmauer. Sie wünschte sich, sie könnte einfach hindurchfallen, irgendwohin, wo es sicher war. Tom legte eine Hand auf ihre Schulter. „Hey… Atme. Ist es… wieder sowas wie dieser Traum von gestern?“ Sie konnte nicht antworten. Sie starrte den Mann an. Den Schatten, der sie ansah, ohne ein Gesicht zu besitzen. Der Countdown sprang weiter. 00:16 Die Welt um sie herum begann zu flackern. Die Laternen blieben stehen, das Licht eingefroren. Der Regen, der Sekunden zuvor begonnen hatte, hing plötzlich unbeweglich in der Luft — Tropfen, die glitzerten wie Glas. Mila keuchte. Tom stand neben ihr, die Hand auf ihrer Schulter — reglos. Eingefroren wie die Welt. Nur der Mann bewegte sich. „Du hast die ersten beiden Aufgaben bestanden.“ Ein Rascheln in der Stimme, als bestehe sie aus altem Papier. „Aber jetzt… wird entschieden, wer du wirklich bist.“ 00:14 Er hob die Hand langsam. Seine Finger waren viel zu lang. Zu dünn. Zu schwarz. Sie zeigten nicht auf Mila. Sie zeigten auf Tom. „Diesmal entscheidest du nicht für dich“, sagte der Mann. „Diesmal entscheidest du für ihn.“ Mila riss die Augen auf. „Nein… nein, das kannst du nicht—“ „Wahrheit“, unterbrach er. „Oder Pflicht.“ 00:12 Die Zahl wurde dunkler. Tiefer. Als würde sie bluten. 00:11 Mila zitterte am ganzen Körper. „Bitte…“, flüsterte sie. „Verschwinde…“ 00:10 Der Mann neigte den Kopf. Sein Lächeln war nicht menschlich. Zu breit. Zu kalt. Zu grausam. „Runde drei beginnt jetzt.“ 00:09. Die Zahl pochte wie ein Herzschlag im Dunkeln. Ein fremdes Herz. Ein feindliches. Mila drückte sich gegen die Mauer, als könnte sie darin verschwinden, wenn sie nur fest genug dagegen presste. Ihr Atem kam in kurzen, schmerzhaften Stößen. Tom war noch immer eingefroren. Nicht tot. Nicht bewusstlos. Nur… angehalten. Als hätte jemand die Zeit um ihn herum festgebissen. Der Mann im Mantel stand zwischen ihnen wie ein Schnitt im Raum. „Du wirst entscheiden“, sagte er ruhig. Viel zu ruhig. Wie ein Lehrer, der eine Arbeit austeilt, von der er weiß, dass alle daran scheitern werden. 00:08 Die Luft wurde schwerer. „Runde drei“ hallte in Milas Ohr nach, als würde die Stimme sich im Raum festkrallen. „Was… was soll ich tun?“ Milas Stimme war kaum hörbar. Es war keine Frage. Eher ein Flehen. Der Mann bewegte ein einziges Fingersegment. Ein leises Knacken, wie ein kleiner Ast, der bricht. Mehr brauchte es nicht — und die Umgebung verzerrte sich ein weiteres Stück. Die Straße wurde länger. Dunkler. Der Asphalt wirkte, als würde er sich wölben wie schlafende, atmende Haut. 00:07 „Deine Optionen sind klar“, flüsterte der Mann. „Wahrheit… oder Pflicht.“ Die Worte setzten sich wie Eissplitter in Milas Bauch. „Ich… ich möchte nicht!“, weinte sie. Er lächelte wieder. Dieser viel zu breite, kalte Schnitt, der nie hätte ein Lächeln sein dürfen. „Wollen ist keine Währung im Spiel, Mila.“ 00:06 Tom bewegte sich. Nur ein bisschen. Als würde ein unsichtbarer Faden ihn ein Stück nach vorne zerren. Sein Kopf ruckte in Milas Richtung. Seine Augen öffneten sich weiter — viel weiter als normal — und für den Bruchteil einer Sekunde sah Mila, wie etwas Schwarzes darin zuckte. Nicht von ihm. Nicht menschlich. Dann war der Moment vorbei. Er war wieder still. 00:05 Der Mantelmann trat einen halben Schritt näher. „Wenn du dich nicht entscheidest…“ Seine Stimme senkte sich. Wurde tiefer, dunkler, schwerer. „…entscheidet das Spiel selbst.“ 00:04 Mila schrie. Nicht laut. Aber innerlich zerreißend. „WAS soll ich tun!?“ Er hob zwei Finger. Die Laternen über ihnen platzten gleichzeitig. Glas regnete in Zeitlupe auf den Boden hinunter, doch im Fallen schwebte jedes Splitterstück wie eingefroren. Der Mann senkte die Hand wieder. Die Splitter blieben in der Luft hängen. Wie kleine Messer. „Wahrheit“, sagte er. „Was du für Tom empfindest.“ Mila erstarrte. Tom. Ihr Tom. Er wusste es nicht. Nicht wirklich. Nicht dass sie nachts oft an ihn dachte. Nicht dass sie ihn mehr brauchte, als sie brauchte zuzugeben. Der Mann legte den Kopf schief. „Oder… Pflicht.“ Die Splitter begannen ganz leicht zu rotieren. 00:03 „Pflicht wäre einfacher“, hauchte er. „Nur eine Handlung. Nur ein kleiner Schnitt ins Gewebe der Welt.“ Die Schatten unter seinen Füßen zogen sich aus wie Tentakel. 00:02 „Also, Mila. Was ist deine Entscheidung?“ Mila zwang die Worte aus ihrem brennenden Hals. „Ich… ich wähle—“ 00:01 Der Mann hob die Hand. „Langsam“, sagte er. „Jedes Wort zählt.“ Mila schloss die Augen, Tränen liefen ihre Wangen hinab. Sie atmete ein. Und entschied. 00:00Die Sonne stieg langsam über die Dächer der Stadt. Ein sanftes Licht fiel auf den Asphalt, auf die nassen Straßen, auf die Reste des Regens. Mila saß auf dem Bordstein, die Knie an die Brust gezogen, das Handy tot in ihrer Hand. Neben ihr saß Tom, noch blass, zitternd, aber lebendig. Kein Schatten, kein Mantelmann, keine deformierten Gestalten. „Es… ist vorbei?“, flüsterte er. Seine Stimme war rau, brüchig. Mila nickte, doch ein Teil von ihr konnte es nicht glauben. „Ich… ich denke schon“, sagte sie leise. „Aber… das Gefühl… es ist, als ob etwas noch da ist. Wie ein Nachhall. Ein Flüstern.“ Die Straße war still. Zu still. Die Vögel flogen zurück, die Autos rollten langsam vorbei, aber etwas lag in der Luft, ein Gewicht, das sie nicht benennen konnte. Sie standen auf. Tom neben ihr, beide noch erschöpft. Mila spürte jeden Muskel, jeden Herzschlag, die Panik der letzten Nächte in ihrem Körper brennend. Und doch… sie spürte auch etwas
Tom lag neben ihr, kaum noch er selbst, atmend, aber nur, weil die Dunkelheit es zuließ. Der Mantelmann trat vor. Langsam. Jeder Schritt ein Knacken, wie brechende Knochen. „Runde acht beginnt“, flüsterte er. Die Worte schnitten durch die Luft wie stumpfe Messer. „Dein Ende, oder das Ende des Spiels. Wähle… weise.“ Das Handy vibrierte. Der Bildschirm wurde schwarz. Dann erschienen Worte — keine Zahlen. SYSTEM: RUNDE_08_INITIERT SPIELERSTATUS: FAST–GEBROCHEN REGELBRUCH: 1 ERKENNE: ANOMALIE Mila runzelte die Stirn. Ein Fehler? Ein Systemfehler? Der Mantelmann wandte langsam seinen Kopf, als hätte er es ebenfalls bemerkt. Sein Mantel wehte, obwohl kein Wind mehr wehte. „Ignoriere es“, sagte er. Doch seine Stimme schwankte zum ersten Mal. Die Schatten verzogen sich. Sie wichen zurück. Nicht aus Befehl — aus Furcht. Mila hob das Handy. Ihre Hände zitterten, aber sie konnte klar sehen, wie der Text sich veränderte: ANOMALIE GEFUNDEN: USER_KONTROLLE_ÜBERSCHRIEBT_SY
Mila stand auf, taumelte, die Knie wackelten, ihre Hände immer noch am Handy gekrampft. Tom lag reglos am Boden, seine Augen schwarz, doch ein kleiner Funke in ihnen flackerte noch, kaum sichtbar. Der Mantelmann trat einen Schritt vor. „Runde sechs beginnt“, flüsterte er. „Diesmal wirst du nicht nur leiden. Diesmal wirst du entscheiden, wer lebt. Und wer für immer verschwindet.“ Die Schatten um sie herum verdichteten sich, wanden sich, formten groteske Silhouetten von Menschen, die sie kannte. Ihre Freunde, ihre Familie, ihre Lehrer — alle deformiert, die Glieder verdreht, die Gesichter wie geschmolzenes Wachs, die Augen leer. Und sie starrten sie an. Wartend. Fordernd. Mila wollte wegrennen, doch ihre Beine bewegten sich nicht. Es war, als würden unsichtbare Fäden sie am Boden festhalten. Der Mantelmann ging langsam um sie herum, jeden Schritt begleitet von einem leisen Kratzen, als würde seine Anwesenheit selbst die Luft zerreißen. „Pflich
Sein Blick war flehend, als könnte er spüren, was gleich passieren würde. Die Schatten reckten sich, dehnten sich, als hätten sie unendlich lange Glieder. Einer von ihnen griff nach Tom. Nicht fest, nicht greifbar, doch so präsent, dass Mila es spürte, als würde ihre eigene Seele von ihm erfasst. „Wähl!“, hallte die Stimme des Mantelmanns in ihrem Kopf, „jetzt!“ Mila wollte schreien, wollte weglaufen, doch ihre Beine gaben keinen Schritt nach vorne. Jede Faser ihres Körpers war gelähmt vor Angst. Sie fühlte, wie der Druck auf ihrer Brust wuchs, als wollten die Schatten sie zerquetschen, in winzige Stücke reißen. Der Countdown sprang auf 00:15, und der Mantelmann trat näher. Seine Kapuze bewegte sich kaum, doch sie spürte seinen Blick auf ihr, bohrend, unerbittlich. „Pflicht heißt wählen. Leben oder Tod. Du kannst nicht entkommen.“ Mila schluckte schwer. Die Welt schien sich zu verengen, zu drehen, als würde alles um sie herum zu flüssigem Glas werden
Der Mantelmann nickte nur. „Oh doch. Du kannst. Du musst.“ Plötzlich flackerte die Luft vor ihr, wie eine dünne Schicht Wasser. Und darin erschien ein Bild. Tom. Er lag auf dem Boden, Blut lief über sein Gesicht, seine Augen weit geöffnet. Mila spürte einen Schrei in sich aufsteigen, doch er blieb stecken. „Was… was soll das?“, stammelte sie. „Er ist doch hier! Es ist ein Traum!“ Der Mantelmann lachte leise. „Realität spielt keine Rolle mehr. Nicht, wenn Pflicht und Wahrheit aufeinandertreffen.“ Das Bild auf dem Asphalt änderte sich. Jetzt sah sie ihre Freunde, ihre Familie, jeden Menschen, den sie liebte, gefangen in dunklen Schatten, gequält, starr, wie in Wachsfiguren verwandelt. Ein Schmerz durchfuhr Milas Brust, so stark, dass sie glaubte, ihr Herz würde zerreißen. „Du wirst wählen“, sagte der Mantelmann. „Wahrheit… oder Pflicht. Und die Pflicht ist dieses Mal blutiger als alles, was du bisher erlebt hast.“ Ein Rascheln hinter ih
Alles zerstören. Aber sie konnte nicht. Das Mädchen griff nach ihr. Und diesmal fühlte es sich anders an. Nicht nur kalt und feucht. Sondern lebendig. Schmerz lebendig. Die Hand griff nach ihrer Kehle, doch sie spürte, dass es nicht nur eine Berührung war — es war eine Übertragung. Ein Strom aus Angst, Panik, Tod, alles auf einmal. Mila schrie innerlich, keuchte, rang nach Luft. Und sie tat, was sie tun musste. Sie griff nach Tom. Die Realität schwankte. Der Regen tropfte in verzerrten Mustern. Die Straße wurde länger, dunkler, wabernd. Und das Mädchen presste sie noch fester, als wollte es jeden Teil ihrer Angst extrahieren. „Sag es ihm.“, knurrte der Mantelmann. „Sag ihm alles.“ Mila schloss die Augen. Sie fühlte, wie die Dunkelheit in ihr kroch, die Kälte sich ausbreitete, jede Faser ihres Körpers lähmte. Und dann — ein Gefühl von Widerstand. Ein winziger Funke. in Funke Leben. Sie packte Toms Hand. Ihre Finger k