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Kapitel 6

last update Last Updated: 2026-01-21 23:48:35

Kapitel 6

Die Welt brach auseinander.

Die Welt explodierte nicht.

Sie zerknitterte.

Als hätte jemand ein Foto ihres Lebens genommen und es mit beiden Händen langsam zusammengedrückt, bis Kanten brachen und Linien rissen. Farben wurden dünn, zuckend, unruhig. Der Boden unter Milas Füßen vibrierte, als wäre er lebendig.

Der Countdown verschwand.

Stille blieb zurück.

Eine Stille, so dicht, dass Mila das Gefühl hatte, wenn sie atmete, würde die Welt das hören.

Der Mann im Mantel stand direkt vor ihr.

Zu nah.

Viel zu nah.

Sie konnte den Stoff seines Mantels riechen.

Kalt.

Feucht.

Wie etwas, das unter der Erde lag, viel zu lange.

„Sprich“, flüsterte er.

Seine Stimme war jetzt tief in ihrem Kopf.

Nicht über den Ohren, nicht durch die Luft — in ihr.

Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen, als wollte es aus ihr heraus.

Sie rang nach Atem.

„Ich…“, hauchte sie.

Tom stand reglos hinter dem Mann.

Seine Pupillen waren erweitert.

Viel zu schwarz.

Kein Weiß mehr.

Gar nichts Menschliches.

Er stand wie eine Puppe.

„Ich… ich wähle…“

Der Mann hob einen Finger.

„Denk daran“, sagte er ruhig.

„Deine Wahl ist bindend.

Unumkehrbar.

Und sie formt nicht nur dein Schicksal…“

Sein Kopf drehte sich leicht zur Seite.

Die Bewegung war ruckartig, wie bei einem Insekt.

„…sondern sein Leben.“

Mila brach fast zusammen.

Ihre Beine zitterten so heftig, dass sie sich am Mauerstein festkrallen musste.

„Wahrheit…“, flüsterte sie endlich, kaum hörbar.

„Ich wähle Wahrheit.“

Die Luft wurde sofort kälter.

Der Mann richtete sich langsam auf — so langsam, dass es aussah, als würde er sich durch unsichtbare Schichten schieben.

„Gut“, sagte er.

„Dann sag es.“

Mila starrte Tom an.

Sie konnte nicht.

Sie wollte nicht.

„Sag.

Was du für ihn empfindest.“

Die Stimme des Mannes hallte jetzt doppelt.

Ein Echo, das nicht von der Welt kam.

„Sag es“, drang er weiter.

„Oder die Wahrheit sagt sich selbst.“

Mila atmete scharf ein.

Ihre Brust brannte.

Sie presste die Hände vor den Mund.

„Ich… ich—“

Und dann hörte sie es.

Ein Knacken.

Ein Zucken.

Tom bewegte sich.

Sein Kopf drehte sich minimal — aber nicht normal.

Nicht menschlich.

Es war ein ruckartiger Winkel, viel zu abrupt, viel zu hart, als hätte jemand an einer Schnur gezogen.

Seine Augen sahen sie jetzt direkt an.

Tief.

Schwarz.

Leer.

Und dann sprach Tom.

Aber Toms Stimme war es nicht.

„Sag es.

Oder ich sag’s für dich.“

Mila brach.

Es war, als würden ihre Knie gleichzeitig nachgeben und ihre Lunge zusammengezogen werden.

„ICH LIEBE IHN!“

Es hallte.

Es war schrill.

Roh.

Zerrissen.

Ein Schrei, der viel zu lange in ihr vergraben gewesen war.

Die Welt antwortete sofort.

Die Splitter der Laternen fielen in diesem Moment nach unten — alle gleichzeitig — und zerbarsten auf dem Boden.

Der Regen setzte wieder ein.

Autos rauschten.

Ein Hund bellte in der Ferne.

Die Zeit lief weiter.

Tom starrte Mila an.

Sein Gesicht wurde wieder normal.

Seine Augen bekamen Farbe zurück.

„Was… hast du… gesagt?“, fragte er leise.

Doch der Mann im Mantel lachte.

Nicht laut.

Nicht schrill.

Sondern so tief, dass der Asphalt unter ihren Füßen vibrierte.

„Runde drei“, sagte er zufrieden, „ist bestanden.“

Er drehte den Kopf zu Tom, dessen Blick leer wurde, als hätte jemand das Licht in ihm ausgedreht.

„Aber Gefühle haben einen Preis.“

Der Mann hob die Hand.

„Runde vier beginnt jetzt.“

Und in diesem Moment hörte Mila ein Geräusch aus der Dunkelheit hinter ihnen.

Ein zweites Paar Schritte.

Langsam.

Nass.

Schwer.

Und absolut nicht menschlich.

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