Die Bräute des Alfakönigs

Die Bräute des Alfakönigs

last updateDernière mise à jour : 2026-10-25
Par:  UteMis à jour à l'instant
Langue: Deutsch
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Ein Wolfskönig auf der Suche nach einer Braut. Ein gedemütigtes Mädchen ohne Gestalt. Und ein schimmerndes Geheimnis, das das Reich verändern wird. Im Schloss der Wölfe ist die Zeit der Entscheidung gekommen: Der junge Thronfolger Damian soll auf einer prachtvollen Brautschau eine Gefährtin wählen, um das Erbe seiner Ahnen zu sichern. Doch zwischen all den stolzen Adelstöchtern zieht ihn ausgerechnet ein namenloses Mädchen in den Bann, das von der Gesellschaft tief verachtet wird: Lili. Von ihrer Familie verstoßen, weil sie sich als Einzige niemals in einen Wolf verwandeln konnte, fristet sie ein einsames Dasein im Schatten der Festung. Niemand ahnt, dass in Lilis Adern kein Wolfsblut fließt – sondern die ungezähmte Ur-Magie der fernen Drachenreiche, blockiert von einem finsteren Geheimnis.

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Chapitre 1

Kapitel 1 Die Asche des Stolzes

Lili's Sicht

Der grobe Leinenstoff meiner Magdbluse kratzte unbarmherzig auf meiner Haut. Es war ein billiger, rauer und starr gewebter Stoff, der ausschließlich für das niedrigste Gesindel vorgesehen war.

Jede noch so kleine, unbedeutende Bewegung fühlte sich an wie grobes Schmirgelpapier auf meiner ohnehin schon empfindlichen, zutiefst geschundenen Haut.

Besonders dort, wo die frischen medizinischen Einstiche saßen, brannte es wie Feuer. Doch ich wagte nicht, mich auch nur einen einzigen Millimeter zu rühren oder meine Haltung zu verändern.

Jede Faser meines Körpers stand unter einer fast unerträglichen, permanenten Spannung. Ich zwang mich dazu, den Atem flach und kontrolliert zu halten, um das dumpfe Reißen in meiner Brust nicht zu einer Welle des Schmerzes anschwellen zu lassen.

Ich starrte stur, regungslos und mit starr gesenktem Kopf auf den abgewetzten Boden vor mir.

Mit diesem gesenkten Blick stand ich im einst so prunkvollen, nun aber sichtlich und unaufhaltsam heruntergewirtschafteten Salon des ehrwürdigen Silvercrest-Anwesens.

Man konnte die einstige, imperiale Pracht dieses riesigen Raumes nur noch erahnen, wenn man die Augen zusammenkniff.

Wo in vergangenen, glorreichen Zeiten goldene Verzierungen im Kerzenschein gefunkelt und edle, tiefrote Samttapeten von unermesslichem Reichtum gezeugt hatten, hing heute nur noch der modrige, schwere Geruch von Verfall, feuchtem Mauerwerk und langjähriger Vernachlässigung in der Luft.

Die Tapeten lösten sich an den oberen Ecken bereits in großen Bahnen von den Wänden, und die schweren, monumentalen Kronleuchter waren von einer so dicken, grauen Staubschicht bedeckt, dass sie das spärliche Licht der wenigen brennenden Kerzen fast vollständig schluckten.

Die kostbaren Teppiche waren an den Rändern tief abgewetzt, zerfranst und fadenheilig, und die einst so bequemen Polstermöbel zeigten tiefe, hässliche Risse im verblichenen Stoff.

Sie alle waren stumme, traurige Zeugen eines schleichenden Ruins, den man vor der stolzen Außenwelt und den anderen Rudeln so verzweifelt und mit aller Macht zu verbergen suchte.

Meine Arme zitterten unkontrolliert unter dem enormen Gewicht des schweren, silbernen Tabletts, auf dem die letzten verbliebenen Kristallgläser des Hauses standen.

Das Silber selbst war an den geschwungenen Rändern dunkel und fleckig angelaufen, da im Haus schon lange niemand mehr die Zeit oder die Muße hatte, es richtig zu polieren.

Jedes Mal, wenn mein Herz schwer und panisch gegen meine Rippen schlug, klirrten die feinen, dünnwandigen Gläser leise und verräterisch.

Ein eisiger, lähmender Schauer lief mir über den gepeinigten Rücken bei dem bloßen Gedanken daran, was wohl passieren würde, wenn meine schwindende Kraft nachließ, meine Hände versagten und eines dieser letzten, kostbaren Relikte auf dem harten, unbarmherzigen Steinboden zersplitterte.

Jeder Muskel in meinem geschundenen Körper schmerzte unaufhörlich. Ein dumpfer, chronischer und tief sitzender Schmerz pulsierte in einem stetigen, grausamen Rhythmus durch meine Glieder.

Er erinnerte mich in jeder Sekunde an die unvorstellbare Grausamkeit, die mir von dieser Familie nun schon mein ganzes Leben lang stetig angetan wurde.

Es war erst magere vier Wochen her, dass man mich wieder einmal in eine sterile, eiskalte und furchteinflößende Klinik im Nachbarterritorium geschleppt hatte.

Ich erinnerte mich noch erschreckend genau an das grelle, blendend weiße Licht der Operationslampe an der Decke und das kalte, gefühllose Metall der Instrumente auf meiner nackten Haut.

Damals hatte man mir erneut und ohne mit der Wimper zu zucken Knochenmark entnommen. Es war bereits die vierte große, schwere Operation in meinem ohnehin so kurzen, von Leid geprägten Leben gewesen, ein brutaler, tiefer Eingriff, der mich wochenlang an das Bett fesselte und mir jeden Atemzug erschwerte.

Und all das war leider nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Von den unzähligen, kräftezehrenden Bluttransfusionen, bei denen dicke, stumpfe Kanülen meine Venen immer und immer wieder zerstachen und vernarbt zurückließen, und den täglichen, schmerzhaften Spritzen ganz zu schweigen.

Als wäre das alles nicht schon mehr als genug gewesen, um den Körper eines jungen Mädchens endgültig zu brechen, fehlte mir seit nunmehr zwei Jahren auch noch eine Niere.

Ich spürte die schmerzhafte, dumpfe Leere in meiner Flanke bei jedem schweren Heben, bei jedem Bücken und bei jedem Schritt ein tiefes, ziehendes Gefühl der Unvollständigkeit, das niemals ganz verschwand.

Alles, wirklich alles, opferte ich unfreiwillig auf dem gierigen Altar einer Familie, die mich dennoch wie wertlosen Abfall behandelte. Mein Blut, mein lebendiges Gewebe, meine eigenen Organe, alles wurde mir genommen, ohne mich jemals zu fragen, ohne ein einziges Wort des Trostes oder des Dankes.

Ich war für diese Wölfe kein echtes Familienmitglied, kein fühlendes Wesen mit einer eigenen Seele, sondern lediglich eine biologische Ressource, ein wandelndes Ersatzteillager, das man nach Belieben ausbeuten und ausschlachten konnte, wann immer es nötig war.

„Steh gerade, Lili!“, zischte Lady Silvercrest plötzlich scharf und voller giftiger Verachtung. Ihre Stimme war kalt und schnitt wie eine frisch geschliffene Klinge durch die angespannte, fast greifbare Stille des Salons.

Die ältere, stolze Wölfin strich mit einem überheblichen, fast schon gierigen Lächeln über den sündhaft teuren, smaragdgrünen Seidenstoff des Kleides ihrer leiblichen Tochter Annabelle.

Ihre Augen leuchteten vor kalter, strategischer Berechnung, während sie den glänzenden Stoff mit ihren manikürten Krallen glattzog. Dieses Kleid stand in einem fast schon perversen, scharfen Kontrast zu der bitteren Armut des gesamten Hauses.

Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, kaiserlichen Glanz vorzutäuschen, wo eigentlich keiner mehr war. Bezahlt worden war dieses Luxusgut ausschließlich durch erdrückende neue Schulden und den unbarmherzigen Raubbau an meinem eigenen, geschwächten Körper.

„Wenn der königliche Bote gleich eintrifft, um uns zum Hof abzuholen, darf kein einziger Makel auf diesem Haus liegen“, fuhr die Lady mit hochmütig erhobenem Kinn und stolzer Haltung fort, während sie Annabelle im Spiegel bewunderte.

Ihre Lippen verzogen sich augenblicklich zu einem hasserfüllten, schmalen Strich, als ihr Blick mich in meiner dunklen Ecke streifte.

„Auch nicht durch das Gesindel, das hier im Weg herumsteht. Benimm dich gefälligst unauffällig, atme leise und störe ja nicht den perfekten Eindruck, den meine wunderschöne Tochter beim König hinterlassen wird.“

"Gesindel". Das war ich hier also für sie alle. Ein lebendes Ersatzteillager, das man feige und scheinheilig als adoptierte Tochter getarnt hatte, um vor der Gesellschaft das Gesicht zu wahren.

Ein stummer Schatten, der im Hintergrund der Familie existieren musste, nur damit das Licht der biologischen Tochter umso heller und ungetrübter strahlen konnte.

Niemand in diesem Raum verlor auch nur ein einziges, ehrliches Wort darüber, dass Annabelles rosige, gesunde Wangen, ihre pulsierende Lebenskraft und ihre starke, anmutige Wolfsaura nur deshalb existierten, weil ich mich für sie hatte ausschlachten lassen.

Jedes Mal, wenn ihr verwöhnter Wolfskörper schwächelte, stand mein Fleisch bereit, um sie zu heilen. Für die Silvercrests war ich kein geliebtes Familienmitglied.

Ich war eine reine biologische Notwendigkeit, eine wolflose Missgeburt, die man nur deshalb behielt und durchfütterte, weil ich nützlich war.

Wäre ich nicht ihr medizinischer Anker gewesen, ihr lebensechter Schutzengel gegen den Tod, hätten sie mich schon vor Jahren ohne Mitleid auf die Straße geworfen.

Da das Silvercrest-Rudel nach dem verheerenden, verlustreichen Krieg gegen die Drachenreiter finanziell völlig am Ende und bankrott war, gab es außer mir kaum noch Personal im Haus.

Die teuren, professionellen Dienstboten waren alle schon vor Jahren entlassen worden, als die letzten Goldvorräte der Familie endgültig zur Neige gingen.

In diesen Rudel gab es nur noch die Familie Silvercrest, einige Krieger, Wachen und ein Jäger um die Notwendigkeit der Nahrungsversorgung zu gewährleisten.

Das einst so stolze, mächtige Adelsrudel besaß absolut nichts mehr außer seinen wohlklingenden Titeln. Sie klammerten sich mit aller Macht an die Namen und Privilegien der Vergangenheit, während die harte, grauseme Realität sie längst eingeholt hatte.

Sie hatten nicht einmal mehr genug Geld, um den luxuriösen Lebensstil zu finanzieren, den die Lady und Annabelle so verzweifelt und verbissen aufrechterhalten wollten.

Jede einzelne Münze musste dreimal umgedreht werden, nur um den Schein von Reichtum nach außen hin mühsam zu wahren.

Die Kronleuchter waren völlig verstaubt, die Teppiche an den Rändern tief abgewetzt, und die erdrückende Last der gesamten, schweren Hausarbeit lag fast ausschließlich auf meinen schmalen, schmerzenden Schultern.

Es gab niemanden sonst, der die schweren Wassereimer schleppte, die Böden schrubbte oder die rußigen Kamine mitten im Winter reinigte.

Von Sonnenaufgang bis tief in die dunkle Nacht hinein schrubbte ich die kalten Steinböden des riesigen Hauses, wusch die feine Seidenwäsche meiner Schwester, bis meine Hände blutig, rau und rissig waren, und kochte Mahlzeiten, von denen ich selbst oft nur die Reste oder die dünne Brühe bekam.

Während sie am reich gedeckten Tisch saßen und lachten, saß ich in der dunklen, kalten Küche und kaute auf trockenem Brot.

Annabelle betrachtete ihr makelloses Spiegelbild im blinden Wandspiegel, dessen teures Glas von Alter und Feuchtigkeit bereits stark getrübt war.

Sie drehte sich elegant hin und her, um den Fall der grünen Seide zu prüfen, und warf einen arroganten, zutiefst spöttischen Blick über die Schulter zu mir.

Ihre Augen verengten sich zu verächtlichen Schlitzen, als sie mein elendes Erscheinungsbild in der Ecke musterte.

„Mutter, warum muss diese Kreatur überhaupt mitkommen?“, fragte sie mit einem wehleidigen, sichtlich angewiderten Unterton in ihrer melodischen Stimme.

„Ihre grauen Augen sind einfach deprimierend anzusehen. Wenn der Alpha-König Damian mich zum ersten Mal sieht, soll er von purer Schönheit und Glanz umgeben sein, nicht von... menschlicher Schwäche und Elend.

Sie wird mir dort nur das Rampenlicht stehlen oder die Aufmerksamkeit des Königs durch ihr jämmerliches Aussehen verderben.“

„Sie geht lediglich als deine persönliche Magd mit, mein wunderschöner Engel“, erwiderte die Lady glatt und trat einen Schritt näher, während sie mit sanften, fast schon ehrfürchtigen Bewegungen Annabelles blondes Haar zurechtrückte.

Ihre Stimme verlor augenblicklich jede Schärfe und klang plötzlich wie süßer, warmer Honig.

Für Lady Silvercrest und ihren Mann war Annabelle nicht einfach nur eine Tochter. Sie war eine halbe Göttin, gesegnet von der Mondgöttin selbst mit einer außergewöhnlichen Schönheit und einer reinen, starken Wolfsseele.

Ein makelloses Geschenk des Himmels, bildschön, voller Anmut und die einzige, die allerletzte Hoffnung, die dem Silvercrest-Rudel noch geblieben war, um jemals wieder zu Ruhm und unermesslichem Reichtum zu gelangen. Die anstehende, prachtvolle Brautschau des jungen Königs war ihr einziger und letzter Ausweg aus dem Ruin.

„Wer soll sonst deine schwere Schleppe tragen, wenn du den Thronsaal betrittst? Wer soll deine Frisur richten und deine Launen ertragen, wenn die Zofen des Königs nicht schnell genug sind?“, fügte die Lady hinzu und warf mir nun doch einen Blick zu, der kälter als das tiefste Wintereis war.

„Die Zofen des Schlosses werden für die höheren Damen da sein, nicht für unser Gefolge. Außerdem kostet uns die Wolflose im Schloss des Königs keinen einzigen Cent Essensgeld.

Wir sparen, wo wir können, Annabelle. Wenn die Krone ihre Verpflegung übernimmt, ist das ein reiner Gewinn für unsere geplagte Haushaltskasse.“

Ich schluckte den bitteren, galligen Kloß in meinen Hals hinunter, der mir fast die Kehle zuschnürte und mir das Atmen erschwerte. Die Demütigung brannte wie heißes Feuer in meiner Brust, doch ich zwang mich mit aller Macht dazu, stillzuhalten und keine Miene zu verziehen.

Ich starrte starr auf meine abgetragenen Stiefel, deren altes Leder an vielen Stellen bereits rissig, brüchig und notdürftig geflickt war. Meine Hand wanderte unwillkürlich nach oben zu meiner Brust, suchte Trost dort, wo es in diesem Haus eigentlich keinen Trost gab.

Unter der groben Leinenbluse spürte ich das kühle, beruhigende Metall meines Amuletts. Es lag schwer und vertraut auf meiner Haut und gab mir in den Momenten der tiefsten Verzweiflung und Einsamkeit einen seltsamen, fast magischen Halt.

Es war ein schlichtes, mattes Ding aus dunklem Eisen, eingraviert mit seltsamen, alten und fast vollständig verblassten Runen, die ich im Dunkeln mit den Fingerspitzen nachfahren konnte. Es war das Einzige, was ich bei meiner Geburt besessen hatte.

Das Einzige, was bewies, dass ich überhaupt existierte, als ich vor sechzehn Jahren im eiskalten, tiefen Wald nahe der Rudelgebietsgrenze gefunden wurde. Niemand wusste, woher es stammte oder wer es mir damals um den Hals gelegt hatte.

Damals, so erzählte man es sich im Waisenhaus hinter vorgehaltener Hand, wenn die älteren Betreuerinnen glaubten, die Kinder würden bereits schlafen, waren meine Augen so leuchtend blau gewesen wie bei jedem neugeborenen Wolfskind.

Es war das klare, unmissverständliche Zeichen der Mondgöttin, dass ich eine der ihren war, ein vollwertiges Mitglied der Wolfsgemeinschaft mit dem Potenzial, eine mächtige Aura zu entwickeln. Doch weit und breit war an jenem Tag niemand zu sehen gewesen.

Keine Spuren im tiefen Schnee, keine verlassene Mutter, die mich gesucht hätte, kein sterbender Vater. Nur ein schreiendes Neugeborenes im Eis, bewacht von diesem stummen Eisenamulett.

Doch mit der Zeit verblasste das strahlende Blau meiner Augen zu einem stumpfen, leblosen Grau, und der ersehnte Wolf in mir erwachte nie. Ich blieb wolflos.

Der Mann, der mich damals bei einer der eisigen Grenzkontrollen im tiefen Schnee gefunden hatte, war Logan, der treue Beta des Silvercrest-Rudels. Er hatte mein verzweifeltes Schreien im tobenden Sturm gehört und mich aus den Schneemassen gerettet.

Weil die Familie Silvercrest damals noch ein Minimum an Ansehen und Ehre wahren wollte und Logan strikt darauf bestand, dass man ein hilfloses Kind des eigenen Volkes nicht einfach dem sicheren Tod überlassen durfte, brachten sie mich schließlich ins große Waisenhaus des Reiches.

Es war ein bürokratischer Akt der Gnade, der mein nacktes Überleben zwar sicherte, mich aber gleichzeitig in eine Welt voller Kälte, Einsamkeit und Entbehrungen stürzte. Dort im Waisenhaus landeten all die gebrochenen Seelen, all die Kinder, deren Familien sie nach dem großen Krieg nicht mehr aufziehen konnten oder deren Eltern schlichtweg komplett ausgelöscht worden waren.

Das gesamte Reich war voller zerbrochener Existenzen, und die Waisenhäuser quollen über von den unschuldigen Opfern des Konflikts.

Die Erinnerungen an das Waisenhaus brannten bis heute wie beißende Säure in meinem Geist. Es war ein trostloser, kalter Ort gewesen, an dem Zuneigung ein seltenes Gut war und das Weinen kleiner Kinder zum alltäglichen, grausamen Hintergrundgeräusch gehörte.

Die meisten Kinder dort waren zu Waisen geworden, weil der große Krieg, der verheerendste, blutigste Krieg in der Geschichte unseres Volkes gegen die verhassten Drachenreiter, alles in Schutt and Asche gelegt hatte.

Es war ein gnadenloser, erbarmungsloser Kampf gewesen, der tiefe, blutende Wunden in der Gesellschaft hinterlassen hatte, die bis heute nicht verheilt waren. Und genau in jener schicksalhaften Nacht, in der die Waffen nach all den Jahren endlich schwiegen und das offizielle Kriegsende verkündet wurde, erblickte ich das Licht der Welt.

Ich wurde mitten in den Rauch der Asche und den allerersten Tag des bitteren Friedens hineingeboren, ein Kind des Kriegsendes, ausgesetzt im ewigen Eis.

Ich war gerade einmal vier Jahre alt, als mein vermeintliches Wunder geschah. Die Silvercrests waren damals höchstpersönlich in das überfüllte, kalte Waisenhaus geschneit, um ein Kind zu adoptieren.

Für die Heimleitung war es ein Akt der Nächstenliebe, für mich die Hoffnung auf eine Familie. Doch es war keine normale Adoption. Es gab keine Kennenlerngespräche, keine Fürsorge, keine Wärme.

Bevor die Verträge unterschrieben wurden, drückten mir fremde Heiler dicke, kalte Nadeln in den kleinen Arm. Jedem einzelnen Kind in meinem Trakt wurde an jenem Tag Blut abgenommen ein kaltes, strategisches Auswahlverfahren.

Sie suchten keine Tochter, die sie lieben konnten. Sie prüften im Labor, welches der Waisenkinder die perfekte, seltene Blutgruppe besaß, die als universeller Organspender und Blutlieferant für ihre kranke, leibliche Tochter Annabelle funktionierte.

Mein Blut passte. Und damit war mein Todesurteil in Form einer Rettung besiegelt.

Ein plötzliches, unbarmherziges Hämmern gegen die schwere, hölzerne Eingangstür des Anwesens riss mich mit einem heftigen Schreck aus meinen düsteren Gedanken. Die feinen Kristallgläser auf meinem Tablett klirrten panisch auf.

Nur wenige Augenblicke später eilte eine der verbliebenen Grenzwachen in den Salon, gefolgt von der imposanten Gestalt des königlichen Boten. Er trug den tiefschwarzen, mit dem goldenen Siegel des Königs verzierten Reisemantel, und seine Stimme dröhnte wie Donner durch den verstaubten Raum, als er die unumstößliche Proklamation des Hofes verlas.

„Im Namen Seiner Majestät, Alpha-König Damian!“, rief der Bote, während er eine schwere Pergamentrolle entfaltete. „Das Reich hat eine Frist von exakt drei Tagen, um am königlichen Hof zu erscheinen."

„Der König lädt zur großen Auswahl. Jede ledige Frau im Alter von sechzehn bis fünfundzwanzig Jahren ist verpflichtet, am Hofe zu erscheinen,unabhängig von ihrem Stand, ihrem Blut und ganz egal, welchem Volk sie angehört!“

Lady Silvercrest stieß einen spitzen, triumphierenden Schrei aus und presste die Hände an die Wangen, während Annabelle im Spiegel stolz ihr Kinn hob. Drei Tage. Das war alles, was uns an Zeit blieb.

„Bist du taub, Mädchen?“, riss mich die scharfe Stimme der Lady augenblicklich wieder aus der Erstarrung.

„Du hast den Boten gehört! Drei Tage! Nimm das Tablett und bring es in die Küche. Und dann fang augenblicklich an zu packen. Die Truhen müssen bis zum Morgengrauen fertig sein. Der Wagen wartet nicht auf eine Wolflose!“

Ich senkte den Kopf noch ein Stück tiefer, presste die Lippen zusammen und tat, was mir befohlen wurde. Der Weg zum königlichen Hof würde die Hölle werden, das wusste ich.

Aber vielleicht, dachte ich, während meine Finger heimlich das kalte Eisen meines Amuletts berührten, war dieses kühne Dekret des Königs, das jede Frau, egal welchen Standes, einschloss auch meine einzige, unerwartete Chance, diesem Gefängnis für immer zu entkommen.

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