LOGINLilis Sicht Am späten Nachmittag des folgenden Tages war die ausgelassene Stimmung wieder verflogen. Ich trainierte allein am Rande des Platzes und versuchte, die zarte Wärme in meinen Fingerspitzen zu bündeln. Ich visualisierte die Flammen der Lavaflüsse, um die schlafende Magie in meinem Drachenblut zu wecken. Es funktionierte nur mäßig, die Funken erstarben, kaum dass sie die Haut verließen. „Du blockierst dich selbst, Wolfsmädchen.“ Ich fuhr herum. Hinter mir stand Talia, die Phönixkriegerin. Sie war eine der verbliebenen acht Bräute der anderen Völker. Ihre Ausstrahlung war atemberaubend und einschüchternd zugleich. Ihre roten Haare schimmerten im Sonnenlicht tatsächlich wie lebendige Glut, und ihre Augen hatten die Farbe von brennendem Bernstein. Sie trug eine leichte, gold, orangefarbene Lederrüstung und hielt ein langes, elegantes Florett in den Händen. „Was meinst du damit?“, fragte ich defensiv und verschränkte die Arme. Ich war auf der Hut. Nach all den Intrigen
Lilis Sicht „Für Ruhm und Ehre und die aller größten Schaumbrötchen!“, ertönte ein lautes, schrilles Tschirren über den hinteren Übungsplatz.Ich saß auf der hölzernen Tribüne, drückte mir die Hand auf die Stirn und versuchte verzweifelt, ein lautes Lachen zu unterdrücken. Darkorius stand neben mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein tiefes, resigniertes Seufzen entfuhr der Brust des mächtigen Generals, während seine Mundwinkel verdächtig zuckten.Unten auf dem Platz hatte der kleine Rudi beschlossen, dass seine Ausbildung zum “großen Krieger“ keinen Tag länger warten konnte. Zu diesem Zweck hatte er sich aus der Waffenkammer ein ausrangiertes Holzschwert besorgt. Das Problem war nur. Das Schwert war für einen ausgewachsenen Rabenkrieger gedacht. Rudi reichte die Klinge bis an die Nasenspitze. Er musste die Waffe mit beiden Händen umklammern und schleppte sie mühsam hinter sich her, was ein lautes "Schrrr-Schrrr" auf dem staubigen Boden verursachte. Sein "Gegner“ war ke
Lilis Sicht Die Stille der Schlossbibliothek war wie ein schützender Kokon, der den Lärm der Welt und das Getuschel der Bräute aussperrte. Es war spät am Abend, und die dicken, Jahrhunderte alten Wände schluckten jedes Geräusch. Ich war hierher geflüchtet, weil die Unvollständigkeit in meiner Brust mich einfach nicht schlafen ließ. Mein Drache war nicht da, doch mein Blut verlangte nach Antworten. Ich suchte fieberhaft nach Büchern über die Drachensprache, die Darkorius erwähnt hatte. Vielleicht, so hoffte ich inständig, gab es einen geschriebenen Weg oder ein altes Ritual, um mein Ei zu spüren. Ich stand auf einer wackeligen Holzleiter vor einem der höchsten Regale, als das Prickeln unter meiner Haut plötzlich einsetzte. Es war nicht das sanfte Erwachen meiner eigenen, zarten Kräfte. Es war eine plötzliche Hitzewelle, die mich von Kopf bis Fuß erfasste. Meine Aura reagierte instinktiv, noch bevor ich überhaupt begriff, warum. Ein leises, schweres Klacken von Stiefeln ertön
Lilis Sicht In den darauf folgenden Tagen kehrte eine trügerische, seltsame Ruhe im Schloss ein. Annabell und ihre Mutter hielten sich ganz offensichtlich schon für die absoluten Siegerinnen des Turniers. Jedes Mal, wenn sie mir in den weiten, zugigen Steingängen des Schlosses begegneten, straften sie mich mit hochmütigen Blicken. Sie schritten umher, als gehöre das Reich bereits ihnen, schwadronierten über neue Dekorationen für den Thronsaal und beachteten mich kaum noch. Sie glaubten fest daran, dass das gestohlene Blut ihr goldenes Ticket zur Macht war. Für sie war ich nur noch eine lästige Fliege, die durch einen glücklichen Zufall den Baum überstanden hatte, aber bei der letzten Prüfung unweigerlich scheitern würde. Ich ließ sie in ihrem Glauben. Sollen sie sich ruhig in Sicherheit wiegen. Je höher sie ihre Nase trugen, desto tiefer würden sie nächste Woche fallen. Ich nutzte die ruhigen Tage auf meine ganz eigene Weise. Am liebsten verbrachte ich die Zeit zusammen mit Rud
Lilis Sicht Sie trug ein wunderschönes, smaragdgrünes Kleid aus schwerer Seide, das ihre Figur perfekt betonte. Doch als sie vor dem versteinerten Stamm zum Stehen kam, machte sie eine theatralische Pause. Sie drehte sich zum Ältestenrat und zu den versammelten Zuschauern um. Mit einer langsamen, kalkulierten Bewegung streifte sie den Stoff an ihrer linken Seite hinunter und entblößte vor aller Augen ihre Schulter. Dort, wo gestern noch ein blasses Brandmal gewesen war, prangte nun ein tiefes, unheimlich leuchtendes, pechschwarzes Mal. Das Krallenmal der Drachen. „Das ist das Mal der Drachenkönigslinie!“, rief sie mit lauter, stolzer Stimme über den Hof, während ein Raunen durch die Reihen des Rates ging. „Ich bin die verlorene Tochter der Prinzessin Kallista. Und ich werde es euch beweisen!“ Mit diesen Worten drehte sich die Fälscherin um und legte ihre Hand flach auf die raue, graue Rinde des Drachenbaums. Ich hielt den Atem an. Mein Herz setzte für einen Schlag aus. Würde
Lilis Sicht Am nächsten Tag stand die Sonne wie eine eisige, gleißende Scheibe hoch am wolkenlosen Winterhimmel, als der innere Schlosshof sich mit einer spürbaren, fast greifbaren Elektrizität füllte. Einhundert fünfzig Bräute hatten sich im weiten Schlosshof versammelt, umringt von den strengen Blicken des Ältestenrates und den Wachen der Rabengarde. Inmitten des Hofes ragte er empor, der Drachenbaum. Seine versteinerten, aschgrauen Äste wirkten in der Kälte wie die knöchernen Finger eines schlafenden Riesen, der tief in der Erde mit der uralten Magie des Reiches verwurzelt war. Ich stand im Schatten einer der mächtigen Steinsäulen, dicht an der Seite von Darkorius, der seine Arme vor der Brust verschränkt hatte. Niemand durfte mich hier sehen. Für den Hofstaat war ich noch immer die unbedeutende, wolflose Magd, die irgendwo im Schloss ihre Runden drehte. Doch mein Blick war starr auf die Erhöhung gerichtet, auf der Damian thronte. Heute trug er seine vollständige, prunkvol