LOGINLilis Sicht Rudi verlor keine Sekunde. Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, verwandelte er sich mit einem lauten Puff wieder in den kleinen, flinken Raben. Er wartete nicht einmal darauf, dass ich mich umzog, sondern schoss wie ein geölter Blitz durch das offene Fenster direkt in die eisige Nacht hinaus, um Damian zu alarmieren. Es dauerte keine zehn Minuten, bis der Korridor draußen von schweren, hastigen Schritten widerhallte. Die Tür flog auf, und Damian stürmte herein, flankiert von seinem Beta, zwei schwer bewaffneten Wachen, einem königlichen Heiler und dem obersten Hofmagier. Damians Augen glühten in einem gefährlichen, raubtierhaften Gold. Seine Aura als Alphakönig war so hasserfüllt und mächtig, dass die Flammen der Kerzen im Raum wild flackerten. „Lili!“, stieß er hervor und trat sofort an meine Seite, während der Magier und der Heiler sich augenblicklich über die zerbrochene Glasspritze und die dunkle Pfütze auf dem Boden beugten. „Es ist Drachenschlund Asche“, stel
Lilis Sicht Die letzte Nacht vor der Ankunft von Alpha Silvercrest hatte sich wie ein schwerer, erstickender Samtmantel über das Schloss gelegt. Draußen hatte der Schneesturm endlich nachgelassen, doch die Stille, die ihm folgte, war keineswegs beruhigend. Sie war trügerisch und schwanger mit einer lauernden Gefahr. Ich lag in meinem Bett, doch an echten Schlaf war absolut nicht zu denken. Immer wieder driftete ich in einen unruhigen Dämmerschlaf ab, aus dem ich beim kleinsten Knacken der alten Holzmöbel hochschreckte. Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Nach Talias Worten auf dem Übungsplatz und dem heftigen Prickeln der königlichen Magie in meinem Blut fühlte ich mich, als stünde ich unter Dauerstrom. Ich war jedoch nicht allein. Am Fußende meines Bettes hatte sich ein kleiner, treuer Wächter postiert. Rudi hatte sich strikt geweigert, in den Gemächern seines Vaters zu schlafen. Er hatte sich mitten in der Nacht mit einem Kissen unter dem Arm in mein Zimmer gesc
Lilis Sicht Am späten Nachmittag des folgenden Tages war die ausgelassene Stimmung wieder verflogen. Ich trainierte allein am Rande des Platzes und versuchte, die zarte Wärme in meinen Fingerspitzen zu bündeln. Ich visualisierte die Flammen der Lavaflüsse, um die schlafende Magie in meinem Drachenblut zu wecken. Es funktionierte nur mäßig, die Funken erstarben, kaum dass sie die Haut verließen. „Du blockierst dich selbst, Wolfsmädchen.“ Ich fuhr herum. Hinter mir stand Talia, die Phönixkriegerin. Sie war eine der verbliebenen acht Bräute der anderen Völker. Ihre Ausstrahlung war atemberaubend und einschüchternd zugleich. Ihre roten Haare schimmerten im Sonnenlicht tatsächlich wie lebendige Glut, und ihre Augen hatten die Farbe von brennendem Bernstein. Sie trug eine leichte, gold, orangefarbene Lederrüstung und hielt ein langes, elegantes Florett in den Händen. „Was meinst du damit?“, fragte ich defensiv und verschränkte die Arme. Ich war auf der Hut. Nach all den Intrigen
Lilis Sicht „Für Ruhm und Ehre und die aller größten Schaumbrötchen!“, ertönte ein lautes, schrilles Tschirren über den hinteren Übungsplatz.Ich saß auf der hölzernen Tribüne, drückte mir die Hand auf die Stirn und versuchte verzweifelt, ein lautes Lachen zu unterdrücken. Darkorius stand neben mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein tiefes, resigniertes Seufzen entfuhr der Brust des mächtigen Generals, während seine Mundwinkel verdächtig zuckten.Unten auf dem Platz hatte der kleine Rudi beschlossen, dass seine Ausbildung zum “großen Krieger“ keinen Tag länger warten konnte. Zu diesem Zweck hatte er sich aus der Waffenkammer ein ausrangiertes Holzschwert besorgt. Das Problem war nur. Das Schwert war für einen ausgewachsenen Rabenkrieger gedacht. Rudi reichte die Klinge bis an die Nasenspitze. Er musste die Waffe mit beiden Händen umklammern und schleppte sie mühsam hinter sich her, was ein lautes "Schrrr-Schrrr" auf dem staubigen Boden verursachte. Sein "Gegner“ war ke
Lilis Sicht Die Stille der Schlossbibliothek war wie ein schützender Kokon, der den Lärm der Welt und das Getuschel der Bräute aussperrte. Es war spät am Abend, und die dicken, Jahrhunderte alten Wände schluckten jedes Geräusch. Ich war hierher geflüchtet, weil die Unvollständigkeit in meiner Brust mich einfach nicht schlafen ließ. Mein Drache war nicht da, doch mein Blut verlangte nach Antworten. Ich suchte fieberhaft nach Büchern über die Drachensprache, die Darkorius erwähnt hatte. Vielleicht, so hoffte ich inständig, gab es einen geschriebenen Weg oder ein altes Ritual, um mein Ei zu spüren. Ich stand auf einer wackeligen Holzleiter vor einem der höchsten Regale, als das Prickeln unter meiner Haut plötzlich einsetzte. Es war nicht das sanfte Erwachen meiner eigenen, zarten Kräfte. Es war eine plötzliche Hitzewelle, die mich von Kopf bis Fuß erfasste. Meine Aura reagierte instinktiv, noch bevor ich überhaupt begriff, warum. Ein leises, schweres Klacken von Stiefeln ertön
Lilis Sicht In den darauf folgenden Tagen kehrte eine trügerische, seltsame Ruhe im Schloss ein. Annabell und ihre Mutter hielten sich ganz offensichtlich schon für die absoluten Siegerinnen des Turniers. Jedes Mal, wenn sie mir in den weiten, zugigen Steingängen des Schlosses begegneten, straften sie mich mit hochmütigen Blicken. Sie schritten umher, als gehöre das Reich bereits ihnen, schwadronierten über neue Dekorationen für den Thronsaal und beachteten mich kaum noch. Sie glaubten fest daran, dass das gestohlene Blut ihr goldenes Ticket zur Macht war. Für sie war ich nur noch eine lästige Fliege, die durch einen glücklichen Zufall den Baum überstanden hatte, aber bei der letzten Prüfung unweigerlich scheitern würde. Ich ließ sie in ihrem Glauben. Sollen sie sich ruhig in Sicherheit wiegen. Je höher sie ihre Nase trugen, desto tiefer würden sie nächste Woche fallen. Ich nutzte die ruhigen Tage auf meine ganz eigene Weise. Am liebsten verbrachte ich die Zeit zusammen mit Rud