LOGINMATHILDAS PERSPEKTIVE
In dem Auto eingesperrt zu sein, während Fredrics zynischer Blick sich in mich zu bohren schien, machte es mir schwer zu atmen. Die Spannung war erstickend, und meine Gedanken kreisten unaufhörlich um das blasse Gesicht meines Vaters und seinen fragilen Zustand. Warum müssen meine Zwanziger so elend sein? Warum scheint jedes Kapitel meines Lebens schmerzhafter zu sein als das vorherige?
„Geht es dir gut, Mathilda?“
Nur eine Sache brachte mir etwas Ruhe – die Wärme in der Stimme von Mrs. Rosa, dieser mütterliche Ton, der das Chaos in mir immer wieder zu besänftigen vermochte.
„Ich weiß es nicht, Mrs. Rosa“, murmelte ich leise. „Ich denke immer noch an meinen Vater …“
„Heulsuse“, murmelte Fredric vom Vordersitz und rollte mit den Augen.
Oh, wie sehr ich mir wünschte, ich könnte etwas nach ihm werfen – irgendetwas. Schon seine Stimme ließ mich schlechter fühlen. Konnte er nicht ein winziges bisschen Mitgefühl zeigen?
„Fredric, benimm dich“, wies Mrs. Rosa ihn scharf zurecht, bevor sie sich wieder mir zuwandte. „Du wirst heute Nacht im Haupthaus bleiben, mein Kind. Lass deinen Vater bei den diensthabenden Krankenschwestern. Er wird die bestmögliche Pflege bekommen – ich werde dafür sorgen.“
Ihre Worte brachen mich. Tränen liefen mir über die Wangen, bevor ich sie aufhalten konnte. Es waren erst zwei Monate seit der Beerdigung meiner Mutter vergangen, und nun verschlechterte sich der Zustand meines Vaters rapide. Ich konnte es nicht ertragen. Warum musste alles so schnell auseinanderfallen?
„Beruhige dich, Mathilda“, sagte Mrs. Rosa und nahm meine zitternde Hand. „Alles wird gut. Ich sorge dafür, dass dein Vater richtig behandelt wird. Er ist in guten Händen. Unser Hausarzt kümmert sich bereits um ihn. Sei stark, mein Kind.“
Ihre Berührung schnürte mir die Kehle zu. Sie erinnerte mich so sehr an die sanften Hände meiner Mutter, an Nächte, in denen sie mich durch meine Tränen gehalten hatte. Wenn sie nur noch hier wäre – dann wäre all das nicht so unerträglich.
„Hör auf zu weinen“, sagte Fredric spöttisch. „Wir sind gleich da, und dein Gesicht ist schon eine Katastrophe. Du hast Tränen und eine rote Nase – ernsthaft, du siehst aus – Aua!“
Der scharfe Schlag danach ließ mich blinzeln. Mrs. Rosa hatte ihm mitten ins Gesicht geschlagen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder still bleiben sollte, aber tief in mir fühlte ich eine seltsame Zufriedenheit. Sie hatte getan, was ich selbst die ganze Zeit hatte tun wollen.
Das Abendessen an diesem Abend war wie ein königliches Fest angerichtet. Der Tisch war voller silberner Servierplatten, feiner Gerichte und Gläser, die im warmen Licht schimmerten. Alles sah wunderschön aus – und schmeckte mir völlig nach nichts.
Mein Appetit war verschwunden. Ich wollte nur nach Hause und nach meinem Vater sehen.
„Iss etwas, mein Kind“, ermutigte mich Mrs. Rosa mit einem warmen Lächeln. „Mach mir keine Sorgen um zwei Menschen. Vertrau mir, deinem Vater wird es bald besser gehen.“
Ihre Augen waren voller Zuneigung, so sehr, dass es mir fast weh tat. Ich wollte sie nicht enttäuschen. Also nickte ich, nahm meine Gabel und aß einen kleinen Bissen der Pasta vor mir.
„Oma, worüber genau willst du eigentlich sprechen?“, fragte Fredric plötzlich und sah zwischen uns hin und her.
Ja. Genau das hatte ich mich auch gefragt. Warum hatte sie uns zu einem so formellen Abendessen eingeladen?
„Nach dem Essen reden wir“, antwortete Mrs. Rosa ruhig. „Genießt erst einmal euer Essen.“
Fredric seufzte laut. „Warum? Wir sind doch keine Familie, die beim Essen schweigend dasitzt, oder? Oder vielleicht ist deine Familie so, Mathilda?“
Die Art, wie er es sagte – spöttisch, absichtlich verletzend – ließ mir das Herz sinken. Ich schluckte schwer und spürte, wie mir die Röte in den Hals stieg. Der Mann, den ich einmal bewundert hatte, zeigte sein wahres Gesicht. Wie hatte ich jemals glauben können, dass in ihm Güte steckt?
„Ich denke, Mr. Fredric hat recht, Mrs. Rosa“, sagte ich leise und zwang mich zu sprechen. „Sie können es uns jetzt sagen.“
Mrs. Rosa lächelte – ein breites, fast leuchtendes Lächeln. Einen Moment lang dachte ich, sie hätte gute Nachrichten über meinen Vater oder ihre Firma. Ich hatte keine Ahnung, dass ihre nächsten Worte mein ganzes Leben verändern würden.
„Sehr gut“, sagte sie und legte ihre Serviette ab. Sie nahm einen Schluck Wein und sah uns mit zufrieden funkelnden Augen an.
„Los, Oma“, sagte Fredric mit einem Grinsen. „Lass uns nicht mit diesem geheimnisvollen Lächeln warten.“
„Ich möchte, dass ihr zwei heiratet.“
Mein Herz setzte aus.
Für einen Moment wurde alles still. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich noch atmete.
Fredric und ich sprachen gleichzeitig – unsere Stimmen überschlugen sich vor Unglauben.
„WAS?!“
„Senkt eure Stimmen“, zischte sie leise. „Die Leute schauen schon. Deshalb wollte ich erst nach dem Essen sprechen.“
Fredric stand abrupt auf und schüttelte den Kopf, als wolle er ihre Worte aus der Existenz löschen. „Ich weiß nicht, was du dir dabei denkst, Oma, aber ich bin nicht Teil dieses Witzes. Ich warte im Auto auf dich.“
Und damit ging er hinaus und ließ mich wie versteinert zurück.
Mrs. Rosa blieb jedoch vollkommen ruhig und lächelte mich an, als wäre alles völlig normal.
„Mathilda“, sagte sie sanft, „komm her, mein Kind.“
Mein Körper weigerte sich zu bewegen, aber mein Herz hämmerte in meiner Brust. Ich wollte verstehen. Ich musste hören, wie sie diesen Wahnsinn erklärte.
„Zuerst möchte ich mich für Fredrics Verhalten entschuldigen“, sagte sie, als ich meinen Stuhl endlich näher herangeschoben hatte. „Er kann unhöflich und zynisch sein, aber ich werde mit ihm sprechen. Wie du gerade gehört hast, möchte ich, dass du ihn heiratest.“
Ich starrte sie sprachlos an.
Fredric heiraten?
Nein. Das konnte nicht real sein.
Ihr Gesicht strahlte, als würde sie etwas Freudiges verkünden, nicht etwas Absurdes. Ich hatte Fredric einmal bewundert, ja – aber das war Jahre her, bevor ich wusste, wer er wirklich war. Ihn jetzt zu heiraten wäre Folter.
„Während du bei der Arbeit warst“, fuhr sie fort, „habe ich mit deinem Vater gesprochen. Bitte denke nicht, ich würde seine Lage ausnutzen. Das tue ich nicht. Aber ich werde alt, Mathilda. Ich möchte sehen, dass Fredric sich niederlässt – mit jemandem, dem ich vertraue, den ich schätze. Und diese Person bist du.“
Ihre Worte ließen mich verstummen.
Sie griff über den Tisch und umschloss meine Hände fest.
„Fredrics Verhalten kommt von seiner Erziehung“, sagte sie mit einem müden Seufzen. „Sein Vater war schwierig. Ein egoistischer Mann, der nur Frauen hinterherjagte. Ich habe Angst, dass Fredric denselben Fehler wiederholt, wenn ich nicht eingreife. Ich werde nicht zulassen, dass er eine Frau heiratet, die nur sein Geld will. Paula ist nicht richtig für ihn. Aber du, Mathilda – du bist aufrichtig. Du bist gut. Deine Familie war unserer seit Jahrzehnten treu.“
Meine Lippen zitterten. „Mrs. Rosa … zwischen uns gibt es keine Liebe. Mr. Fredric liebt seine Freundin.“
Ihr Lächeln wurde weicher, doch sie schüttelte den Kopf. „Liebe kann wachsen, mein Kind. Fredric wird dich mit der Zeit zu schätzen wissen. Er war nur geschockt, mehr nicht. Ich werde mit ihm sprechen, wenn wir zu Hause sind.“
Mein Herz sank.
Es war sinnlos zu widersprechen.
Fredric würde mich niemals lieben. Für ihn war ich nicht einmal schön – ich war eine Last, eine Verpflichtung, ein Symbol für alles, was er verachtete.
Mrs. Rosa tätschelte erneut meine Hand. „Lass uns weiteressen“, sagte sie freundlich. „Wir sprechen später darüber. Ich hoffe, du akzeptierst Fredric als deinen Ehemann, Mathilda. Auch wenn es Zeit braucht – ich werde auf deine Antwort warten. Du bist die Einzige, die ihn verändern kann – die ihn davon abhalten kann, sinnlosen Frauen hinterherzulaufen und endlich ein Mann zu werden.“
Ich starrte sie an, die Gabel noch in der Hand, mein Essen unberührt.
Sie begann wieder zu essen, als hätte sie nicht gerade meine gesamte Zukunft mit einem einzigen Satz neu geschrieben.
Ich hingegen saß in fassungsloser Stille, während meine Gedanken außer Kontrolle gerieten.
Fredric heiraten?
Denselben Fredric, der mich verspottete, der meine Nähe hasste, der mich kaum wie einen Menschen behandelte?
Ich konnte es nicht.
Aber … wie konnte ich die Frau ablehnen, die so viel für unsere Familie getan hatte?
Ich sah auf meine zitternden Hände und flüsterte leise: Mama, was soll ich jetzt tun?
Denn alles, was ich als Nächstes wählen würde, würde mein Leben für immer verändern.
Matildas POVMein Telefon vibriert auf dem Schminktisch. Der Bildschirm leuchtet auf und zeigt Enzos Namen.11:47 Uhr nachts. Enzo ruft um diese Zeit nie an, es sei denn, es liegt ein Notfall vor.Ich nehme den Anruf entgegen. „Ja?“„Wir haben ein Problem.“ Seine Stimme war ruhig, aber hinter diesem Ton verbarg sich eine Spannung. „Frederick hat einen Privatdetektiv engagiert. Sein Name ist Gerald Vance.“Mein Herz hörte für eine Sekunde auf zu schlagen. „Vance? Der Detektiv, der vor fünf Jahren den Fall der italienischen Mafia übernommen hat?“„Exakt. Und er steht kurz davor, unsere Verbindung zum Athel-Institut aufzudecken.“Ich stand auf und begann, im Schlafzimmer dieses viel zu großen Anwesens auf und ab zu gehen. „Wie nah ist er drangekommen?“„Sehr nah. Er hat die Routing-Nummer der Zahlungsabwicklung für die Operation zurückverfolgt. Und er weiß, dass sie von den Konten von PSD Health stammt. Ihm fehlen nur noch wenige Tage, um das Aufnahmedatum der Patientin mit der Nacht von
FREDRICS POVAus Fredericks PerspektiveDer Regen in New York wäscht niemals etwas rein. Er macht die Straßen nur rutschig und lässt die Sünden dieser Stadt noch schwerer abwaschen.Ich saß hinter meinem Schreibtisch aus Mahagoniholz und starrte den Mann mir gegenüber lange an. Gerald Vance. Der Privatdetektiv, dem ich eine Summe gezahlt hatte, die einem gewöhnlichen Menschen den vorzeitigen Ruhestand ermöglichen würde. Er sah mitgenommen aus — sein Hemd war zerknittert, seine Augen rot von Schlafmangel, und seine Zigarettenkippen lagen verstreut auf meinem sonst so sterilen Schreibtisch.Aber die Umgangsformen waren mir in dieser Nacht völlig egal.„Sie sagten, Sie hätten etwas, Vance“, sagte ich. Meine Stimme war ruhig. Kein Zittern mehr. Keine betelnde Verzweiflung mehr. „Sprechen Sie. Vergeuden Sie nicht meine Zeit.“Vance antwortete nicht sofort. Er nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette und ließ dann eine dicke, schwarze Akte auf meinen Schreibtisch fallen. Das Geräusch des
MATHILDAS POVIch hätte heute nicht herkommen sollen.Das war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, als Enzos Auto vor dem Tor des Smith-Jones-Anwesens hielt. Der Himmel über New York war trist und grau, als würde er um Sünden trauern, die noch gar nicht begangen worden waren.„Bist du sicher, dass du allein hineingehen willst?“, fragte Enzo vom Beifahrersitz aus. Seine Stimme klang neutral, doch er verbarg dahinter eine tiefe, brodelnde Sorge.„Ich muss. Rosa hat mich persönlich eingeladen. Wenn ich ablehne, wird ihr das nur noch mehr Verdacht erregen.“Enzo stieß einen Seufzer aus. „Sei vorsichtig. Rosa ist keine gewöhnliche Frau. Sie hat Tausende vor sich lügen sehen. Ein einziger kleiner Fehler, und sie wird es herausfinden.“„Ich weiß.“Aber ich wusste gar nichts. Eigentlich wusste ich überhaupt nichts von alledem.Am Haupteingang wurde ich von Ammy mit einem Lächeln empfangen, das fast schon zu perfekt wirkte. „Willkommen, Miss Helena. Lady Rosa erwartet Sie bereits
FREDRICS POVDie Manilamappe in meinen Händen fühlte sich an wie eine Zeitbombe, deren Countdown bereits lief.Ich stand vor den doppelten Holzflügeltüren von Rosas Arbeitszimmer im privaten Trakt des Anwesens. Mein Herz schlug in einem unregelmäßigen Takt, als wolle es sich von innen heraus durch meine Rippen brechen. Meine Handflächen waren kaltnass, was die Oberfläche der Mappe glitschig werden ließ.Ich hatte dieses Szenario in meinem Kopf Hunderte Male durchgespielt, seit ich Gerald Vances Büro am Morgen des Vormittags zuvor verlassen hatte. Ich stellte mir vor, wie Rosa schreien würde. Sie würde mich für verrückt erklären. Sie würde mich wieder ohrfeigen, genau wie vor einer Woche, und mir befehlen, aufzuhören, dem Schatten meiner toten Frau hinterherzulaufen. Sie würde mir sagen, dass dies nur eine Begleiterscheinung des Entzugs, des Schocks und der Schuldgefühle sei, die mit meinem Verstand spielten.Ich wünschte, sie würde wütend werden. Denn Wut war mir vertraut. Wut konnte
POV MATILDAEnzos Wagen hielt um punkt drei Uhr nachmittags vor dem eisernen Tor des Anwesens der Familie Smith-Jones. Ich starrte durch das Glas der Autofenster lange auf das majestätische Bauwerk und hatte das Gefühl, als würde meine Brust von einer riesigen, unsichtbaren Hand zusammengedrückt.Schwanke nicht. Du bist Helena. Du bist nicht Matilda. Matilda ist auf dem Grund jenes Abgrunds gestorben.„Bist du bereit?“, fragte Enzo und sah mich vom Nebensitz aus an. Seine Stimme war ruhig, aber hinter seinem ebenmäßigen Ton verbarg sich eine verdeckte Spannung.„Ich bin immer bereit.“Ich log.Ich war nicht bereit. Kein Mensch ist jemals bereit, an den Ort zurückzukehren, an dem er einst gequält, gedemütigt und wie Müll weggeworfen wurde. Aber ich war kein Mensch mehr. Ich war Helena. Die Waffe, die Enzo in den letzten drei Monaten geschliffen hatte.Das Tor öffnete sich mit einem schweren Summen. Enzos Fahrer steuerte den Wagen langsam über die gepflasterte Auffahrt, die mit Blumen g
POV FREDRICKIch hätte nicht hier sein sollen.Das war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam, als ich im 28. Stock des Smith-Jones Towers vor der Tür von Antonios Büro stand. Meine Hände steckten tief in den Hosentaschen, und ich spürte meinen unregelmäßigen Herzschlag — nicht wegen irgendwelcher Entzugserscheinungen, sondern wegen etwas viel Beschämenderem.Eifersucht.Dieses Wort drehte sich in meinem Kopf wie eine kaputte Kassette. Ich hasste es. Ich hasste die Tatsache, dass dieses Wort überhaupt in meinem Kopf aufgetaucht war. Aber ich konnte es nicht mehr leugnen.Ich klopfte an die Tür.„Herein“, kam Antonios Stimme von drinnen. Ebenmäßig. Kalt. Wie immer.Ich öffnete die Tür und trat ein. Sein Büro war klein und vollgestopft, mit Stapeln von Skizzen und Stoffrollen in jeder Ecke. Antonio stand vor seinem Schreibtisch, hielt einen Bleistift in der Hand und musterte eine Schneiderpuppe mit kritischem Blick.Er drehte sich um, als er das Geräusch der sich öffnenden Tür hörte







