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June's POV
Ich stieß einen Seufzer aus, als ich die Tür zu meinem Zimmer aufdrückte. Doch der Anblick vor mir ließ mich wie erstarrt stehen bleiben. Erschrocken schnappte ich nach Luft. Zerdrückte Blütenblätter lagen über meinen Tisch verstreut. Und die Karte – diejenige, die er nur für mich von Hand geschrieben hatte – war völlig durchnässt. Seine Worte waren verschwunden.
Das sollte ein süßes Geschenk meines Freundes Seth sein. Er war der Sohn des Alphas und seit vier Jahren mein Freund, doch seine Geschenke waren zerstört. Der Blumenstrauß und die Karte, auf der er mir schon vorab zum Geburtstag gratuliert hatte, waren ruiniert.
Ich stand einen Moment wie betäubt da. Dann schoss die Hitze wie Feuer meine Wirbelsäule hinauf. Mein Blut begann zu kochen, und meine Hand ballte sich wütend zu einer Faust.
Mit geballten Fäusten stürmte ich die Treppe hinunter. Da war sie. Sie lag ausgestreckt auf dem Sofa im Wohnzimmer wie eine billige Barbiepuppe. Korra. Meine Zwillingsschwester – allerdings nur dem Namen nach. Ihr blond gebleichtes Haar war zu einem übertrieben aufwendig gestylten Zopf geflochten, und ihre künstlich blauen Kontaktlinsen leuchteten beinahe auf ihrer orange getönten Haut. Lange Wimpern blinzelten langsam über ihrem schweren Make-up. Sie sah zu mir auf und setzte eine gespielte unschuldige Miene mit einem Schmollmund auf, der mir den Magen umdrehte.
„Ach, liebe Schwester, was ist denn mit dir passiert? Du ziehst schon wieder dieses hässliche Gesicht.“ Ihre Stimme troff vor Sarkasmus.
„Korra“, fauchte ich. „Du hast meine Geschenke angefasst.“
Sie legte den Kopf schief und riss gespielt überrascht die Augen auf. „Oh, die waren von dir? Das wusste ich nicht. Ich dachte, sie wären vielleicht … verschimmelt. Und du weißt doch, ich bin allergisch.“
„Lüg mich nicht an!“, schrie ich. „Du hast sie mit Absicht zerstört! Du wusstest genau, dass sie von Seth waren!“
Korra verdrehte die Augen und schniefte theatralisch. „June, nicht immer dreht sich alles um dich. Ich habe nun mal eine Allergie. Du solltest wirklich etwas rücksichtsvoller sein …“
„Du bist so eine manipulative, neidische kleine—“
„June!“
Die Stimme meiner Mutter durchschnitt die Luft wie eine Peitsche. Ich drehte mich gerade rechtzeitig um, um sie aus dem Flur heranstürmen zu sehen.
Noch bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, traf ihre Hand meine Wange mit einem lauten Klatschen. Benommen taumelte ich zurück und presste mir die Hand an die brennende Stelle. Meine Mutter starrte mich mit eiskalten Augen an.
„Mom …“, flüsterte ich fassungslos.
„Deine Schwester kurz vor eurem Geburtstag zu sabotieren? Schäme dich!“, fauchte sie. „Sie wollte einfach nur ihren Tag genießen, und du kommst hier herunter und schreist herum wie eine Wahnsinnige. Du solltest ihr dankbar sein, dass sie die Blumen rechtzeitig bemerkt und entfernt hat, bevor sie eine allergische Reaktion auslösen konnten.“
Ich bekam kaum noch Luft.
Korra schniefte erneut und legte sich eine Hand an die Brust, als hätten meine Worte sie schwer verletzt. Hinter ihren falschen Tränen erkannte ich jedoch dieses selbstgefällige Grinsen.
Und in mir stieg blanke Wut auf.
Ich drehte mich zu meinem Vater um, der gerade rechtzeitig hereingekommen war, um den ganzen Streit mitanzusehen. Er stand am Fuß der Treppe, eine Hand auf dem Geländer, den Mund leicht geöffnet. Sein Blick wanderte von mir zu Mom, dann zu Korra und schließlich wieder zurück zu mir.
Und er sagte nichts.
„Dad?“, fragte ich atemlos. „Willst du wirklich nichts dazu sagen?“
Er wandte den Blick ab. Sein Kiefer war angespannt, doch er schwieg. Ich konnte die Worte förmlich auf seinen Lippen sehen. Fang nicht an. Lass es einfach. Nicht jetzt.
Diesen Blick hatte ich schon viel zu oft gesehen.
Schweigen war einfacher als die Wahrheit.
Ich lachte. Nicht, weil irgendetwas daran lustig gewesen wäre, sondern weil ich sonst geschrien hätte, bis meine Lungen versagt hätten.
„Natürlich. Natürlich sagst du nichts. Warum auch? Warum sollte mich irgendjemand in dieser Familie jemals verteidigen?“
„June, jetzt reicht es.“ Mom verschränkte die Arme vor der Brust. „Du spielst ständig das Opfer. Langsam wird es wirklich anstrengend.“
„Das Opfer? Sie hat meine Blumen zerstört! Meine Karte! Seth hat sich Mühe gegeben – er hat sich wirklich Gedanken gemacht! Und sie hat einfach alles ruiniert!“
„Ich habe es dir doch gesagt.“ Korra unterbrach mich mit sanfter Stimme. „Ich bin gegen diese Blumen allergisch. Ich konnte nichts dafür. Ich musste sie wegwerfen. Entweder das oder ich bekomme einen schlimmen Ausschlag. Und das kann ich mir vor meiner Party morgen wirklich nicht leisten.“
Morgen war unser Geburtstag.
Und sie hatte das einzige Geschenk zerstört, das ich bekommen hatte.
„Ich hasse diese Familie.“
Meine Stimme war ruhig. Ich schrie nicht mehr. Ich sprach einfach nur die Wahrheit aus, die mir seit Jahren im Hals steckte.
„Ich hasse es, in diesem Haus zu leben. Ich hasse die Lügen, die falschen Lächeln und die Art, wie hier jeder um sie herumschleicht, als wäre sie irgendeine zerbrechliche Prinzessin, obwohl sie nichts weiter als ein manipulatives Gör ist. Und ihr lasst sie jedes einzelne Mal damit durchkommen.“
Korra war die perfekte Zwillingsschwester. Sie war diejenige, die jeder liebte.
Und ich?
Ich war die, die alle hassten.
Mom hatte Korra schon immer mir vorgezogen. Sie hatte nie versucht, mir zuzuhören oder auch nur einmal auf meiner Seite zu stehen.
Und Dad?
Dad blieb immer neutral. Er sagte nie ein Wort gegen mich, aber genauso wenig sprach er jemals ein einziges Wort zu meiner Verteidigung.
Ich war müde.
Unendlich müde davon, so leben zu müssen.
Korra sah von meinen Worten sichtlich schockiert aus. Sie erhob sich vom Sofa und kam auf mich zu.
„Schwester, so etwas solltest du nicht sagen. Du solltest dankbar sein, dass du eine liebevolle Familie hast und in diesem großen, wunderschönen Herrenhaus leben darfst – und dass ausgerechnet ich, die schönste Frau im ganzen Rudel, deine Schwester bin.“ Korra lächelte selbstgefällig und verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen.
„Du ekelst mich an, Korra“, presste ich zwischen den Zähnen hervor. „Ich kann es kaum erwarten, von hier wegzugehen und bei Seth einzuziehen.“
Korra blinzelte langsam, trat dann einen Schritt näher und beugte sich zu mir. Ihre Stimme war so leise, dass nur ich sie hören konnte.
„Das werden wir ja sehen“, flüsterte sie lächelnd.
Dad ging schließlich wie immer wortlos hinaus. Mom drehte mir den Rücken zu und murmelte etwas von Respektlosigkeit.
Ich stürmte die Treppe hinauf und knallte die Tür meines Zimmers hinter mir zu. Mein Herz raste noch immer. Ich griff nach meinem Handy und rief Seth an. Er nahm fast sofort ab.
„Hey, Babe. Ist alles in Ordnung?“ Seine Stimme klang ruhig.
„Sie haben alles ruiniert“, sagte ich. „Die Blumen und die Karte. Korra hat sie zerstört.“
„Was? Warte… warum? Was ist passiert?“
„Sie behauptet, sie wäre allergisch. Sie meinte, sie hätte sie wegwerfen müssen. Aber das ist kompletter Blödsinn. Sie hat einfach…“ Meine Stimme brach. Ich schluckte schwer. „Sie hat es absichtlich getan. Sie wusste, dass sie von dir waren. Sie macht das immer. Sie macht einfach alles kaputt.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann sagte er leise:
„Es tut mir leid, June. Ich wusste nicht, dass sie gegen diese Blumen allergisch ist. Hätte ich das gewusst, hätte ich sie niemals gekauft…“
„Hör auf“, unterbrach ich ihn und schloss fest die Augen. Ich hasste es, dass Korra es wieder geschafft hatte, alles um sich selbst drehen zu lassen.
„Ich besorge dir einen neuen Blumenstrauß“, bot er an. „Einen noch schöneren als den ersten. Okay? Ich mache es wieder gut.“
Ich wollte keinen neuen Blumenstrauß.
Was ich mir wünschte, war eine neue Familie.
„Ich muss auflegen“, sagte ich und beendete das Gespräch, bevor er noch etwas sagen konnte.
Ich stand in der Stille meines Zimmers. Meine Finger zitterten.
Aber ich weigerte mich zu weinen.
Korra würde nicht gewinnen.
Sie würde mich nicht gebrochen sehen.
Dann hörte ich ein leises Klopfen.
Die Tür öffnete sich knarrend.
Ich drehte mich um, und als ich sie sah, entspannte sich mein ganzer Körper.
Beth…
Sie trat mit einem frischen Strauß tiefroter Rosen herein. Sie waren nicht in edles Geschenkpapier eingewickelt, aber trotzdem wunderschön. Ihr kurzes braunes Haar war etwas zerzaust, wahrscheinlich vom Rennen. Ihre schwarzen Augen musterten mich voller Sorge, und ihre Sommersprossen fielen durch ihr warmes, wunderschönes Lächeln mehr denn je auf.
„Hey“, sagte sie fast schüchtern. „Ich habe gehört… was passiert ist.“
Überrascht blinzelte ich sie an.
„Woher?“
„Ich habe gesehen, wie Korra an deinen Blumen herumgemacht hat, und den Rest konnte ich mir irgendwie denken.“
Ich schluckte schwer.
„Sie hat sie zerstört, Beth. Die Karte war von Seth. Sie war wirklich süß. Und sie hat sie einfach… zerrissen.“
Beth trat näher und hielt mir den neuen Blumenstrauß entgegen.
„Sie sind zwar nicht besonders schick, aber ganz frisch. Ich habe sie aus dem Gewächshaus gepflückt. Ich dachte… vielleicht möchtest du etwas haben, das die anderen ersetzt.“
Behutsam nahm ich den Strauß entgegen. Dabei streiften meine Finger ihre.
„Danke“, flüsterte ich. „Das hättest du wirklich nicht tun müssen…“
Sie schenkte mir ein sanftes Lächeln.
„Du hast etwas Schönes verdient, June.“
Ich zog Beth in eine feste Umarmung.
Beth war meine beste Freundin und für mich wie eine Schwester. Ihr Vater, der Gärtner unserer Familie, hatte mich praktisch großgezogen. Während meine Eltern Korra mit Liebe überschütteten und mich ignorierten, nahm der Gärtner mich auf, als wäre ich seine eigene Tochter, und zog mich gemeinsam mit Beth auf.
Dafür würde ich ihm für immer dankbar sein.
„Danke“, flüsterte ich erneut und vergrub mein Gesicht an ihrer Schulter. „Danke, dass du für mich da bist.“
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