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Geburtstagsgeschenk

Author: Artemis
last update publish date: 2026-07-06 01:49:27

June's POV 

Ich wurde von einem schrillen Schrei geweckt. Stirnrunzelnd blieb ich liegen, denn ich wusste genau, wem dieses hohe, dramatische Kreischen gehörte. Es war jedes Jahr dasselbe.

Stöhnend zog ich mir das Kissen über den Kopf.

Könnte ich nicht wenigstens einen Geburtstag erleben, ohne dass sie wieder eine ihrer Vorstellungen abzieht?

Mein Geburtstag.

Bei diesem Gedanken hielt ich inne. Ich blinzelte und schob das Kissen beiseite.

Heute wurde ich einundzwanzig.

Offiziell.

Von heute an würde sich mein Leben verändern.

Ich streckte mich und setzte mich auf, doch irgendetwas fühlte sich... anders an. Der Raum roch intensiver. Meine Sinne waren geschärft, und ich konnte deutlich besser sehen und hören.

Und dann hörte ich sie.

Eine Präsenz in meinem Geist – ruhig, aber kraftvoll.

„Endlich. Du bist wach.“

Erschrocken schnappte ich nach Luft und umklammerte meine Bettdecke.

Wer... ?

„Ich bin Nya“, sagte die Stimme. „Ich bin dein Wolf. Du hast deinen inneren Wolf erweckt, June. Du bist bereit. Ich bin sicher, du weißt, was das bedeutet.“

Ich wusste, was das bedeutete.

Mein Vater war der Beta des Rudels und hatte Korra und mich jahrelang auf diesen Tag vorbereitet.

Den Tag, an dem wir offiziell als vollwertige Lykaner in das Rudel aufgenommen wurden.

Mit einundzwanzig Jahren erwachte unser volles Potenzial. Und das bedeutete auch, dass wir unseren Gefährten erkennen konnten.

Ich lächelte.

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit fühlte ich mich wirklich lebendig.

„Alles Gute zum Geburtstag“, flüsterte Nya.

Ich duschte, zog mich an und warf einen letzten Blick in den Spiegel, bevor ich nach unten ging.

Ich war ein wenig nervös.

Ich konnte es kaum erwarten, Seth zu sehen.

Seth war fünfundzwanzig und wusste bereits, dass ich nicht seine vorherbestimmte Gefährtin war. Aber wir hatten uns nie davon unterkriegen lassen. Er hatte mir versprochen, mich an meinem einundzwanzigsten Geburtstag mit seinem Mal zu kennzeichnen.

Und dieser Tag war endlich gekommen.

Unten herrschte, wie erwartet, das reinste Chaos.

Korra drehte sich kreischend auf der Auffahrt im Kreis. Ihre künstlichen Wimpern flatterten wild, während sie sich eine Hand dramatisch vor den Mund hielt.

„OH MEIN GOTT, DADDY! Du hast mir den Electra Nova gekauft?! Das neueste Modell? Und dann auch noch in Pink?!“

Das Auto glänzte in der Morgensonne. Es hatte eine grelle Kaugummirosa-Farbe und auf der Motorhaube prangte eine riesige rosa Schleife. Dad stand daneben und lächelte stolz, als hätte er gerade die Welt gerettet.

Langsam trat ich nach draußen.

Meine Anwesenheit wurde kaum bemerkt, bis Korra sich theatralisch zu mir umdrehte.

„Ist er nicht einfach das Süßeste, was du je gesehen hast, June? Daddy meinte, ich hätte ihn nach diesem Jahr wirklich verdient. Findest du nicht auch, dass er einfach perfekt zu mir passt?“

Ich antwortete nicht.

Ich machte mir nicht einmal die Mühe, ein falsches, aufgesetztes Lächeln aufzusetzen.

Ich war noch immer wegen meines zerstörten Geschenks von gestern verletzt.

Dann wandte Dad sich mir zu, fast so, als wäre ihm gerade erst eingefallen, dass ich ebenfalls Geburtstag hatte.

„Hier, June“, sagte er und zog etwas Kleines aus seiner Tasche. „Das gehörte deiner Großmutter.“

Es war eine goldene Haarspange.

Sie war etwas angelaufen und wahrscheinlich älter als ich selbst.

„Es ist ein Familienerbstück“, fügte er hinzu. „Sie hätte gewollt, dass du sie bekommst.“

Ich nahm sie entgegen. Meine Finger fühlten sich eiskalt an.

„Danke“, murmelte ich und zwang mich zu einem Lächeln.

Doch tief in meinem Inneren lastete die Enttäuschung schwer auf mir.

Eine Haarspange.

Zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag.

Während meine Schwester ein sündhaft teures Auto bekam.

Trotzdem nickte ich.

Denn wenn ich es nicht tat, würde ich mir nur wieder anhören müssen, wie undankbar ich doch sei.

Nicht einmal ein Alles Gute zum Geburtstag bekam ich von Mom oder Dad.

Sie waren viel zu beschäftigt damit, Korra mit Geschenken und Aufmerksamkeit zu überschütten.

Ich umschloss die Haarspange fest mit meiner Hand und ging hinaus, ohne dass überhaupt jemand bemerkte, dass ich verschwunden war.

Zehn Minuten später erklang ein leises Klopfen an der Hintertür.

Ich öffnete.

„Alles Gute zum Geburtstag, June.“

Beth lächelte schief und hielt mir ein in braunes Papier eingewickeltes Paket entgegen.

Ich trat zur Seite und ließ sie herein.

Sie reichte es mir, und ich öffnete es vorsichtig.

Darin befand sich ein Fotoalbum.

Handgemacht.

Echte Fotos waren sorgfältig auf die Seiten geklebt, und unter jedem Bild standen kleine Notizen in Beths Handschrift.

Wir mit sieben Jahren, wie wir unsere schlammverschmierten Hände stolz in die Kamera hielten.

Mit zwölf, als wir gemeinsam Kekse backen wollten und jeden einzelnen verbrannten.

Mit fünfzehn, in passenden Hoodies.

Jede Seite erzählte eine gemeinsame Erinnerung.

Meine Augen brannten vor Tränen.

Doch ich blinzelte schnell und weigerte mich, sie fallen zu lassen.

„Beth... das ist wunderschön.“

Sie rieb sich verlegen den Nacken.

„Ich weiß, dass es mit deiner Familie gerade schwierig ist“, sagte sie leise. „Aber ich wollte, dass du nie vergisst, dass du nicht allein bist.“

Ich zog sie fest in meine Arme.

„Du weißt immer genau, was ich brauche.“

„Natürlich weiß ich das.“ Sie grinste. „Und jetzt komm. Ich habe uns einen Termin in diesem neuen Spa auf der anderen Seite der Stadt gebucht. Deine Haut braucht vor heute Abend noch ein bisschen Verwöhnung. Schließlich wartet heute eine Party darauf, von uns erobert zu werden.“

Ich lachte über ihre Worte.

„Du bist die Beste.“

Sie hob grinsend eine Augenbraue.

„Ich weiß.“

Ich warf bestimmt schon zum hundertsten Mal einen Blick auf mein Handy.

Es war ungewöhnlich.

Ich hatte noch keine einzige Nachricht von Seth bekommen.

Es war mein Geburtstag, und seit ich aufgewacht war, waren bereits einige Stunden vergangen. Trotzdem hatte ich Seth noch immer nicht erreichen können. Während ich mit Beth auf dem Weg ins Spa war, konnte ich meine Sorge kaum verbergen.

Dann vibrierte mein Handy.

Seth: Alles Gute zum Geburtstag, Babe. Ich kann es kaum erwarten, dich heute Abend zu sehen. Zieh das blaue Kleid an, das ich dir geschenkt habe, damit wir zusammenpassen.

Ein kleines Lächeln huschte über meine Lippen.

Es war nur schwach, aber es reichte aus.

Ich dachte an das blaue Kleid, das Seth mir vor einem Monat zu unserem vierjährigen Jahrestag geschenkt hatte. Immer wieder hatte er betont, wie sehr er sich wünschte, dass ich es an meinem Geburtstagsabend tragen würde.

Heute Abend fand eine Feier für Korra und mich statt.

Es war die perfekte Gelegenheit, sein Geschenk zu tragen.

Allein dieser Gedanke ließ mich lächeln, und ich versuchte, den Rest des Tages gemeinsam mit Beth zu genießen.

Nach dem entspannenden Spa-Besuch gingen wir noch shoppen, weil wir uns passende Schmuckstücke kaufen wollten.

Endlich war es Abend, und Beth half mir dabei, mich für die Feier fertig zu machen, die in unserem Herrenhaus stattfand.

Das blaue Kleid saß wie angegossen.

Ich zweifelte keine Sekunde daran, dass ich heute Abend alle Blicke auf mich ziehen würde.

Als ich schließlich die Treppe hinunterging, hatte sich das Haus vollkommen verwandelt.

Leise Musik dröhnte aus den Lautsprechern.

Glitzernde Luftballons schwebten unter der Decke, Lichterketten schmückten das Treppengeländer, und ein riesiges silbernes Banner verkündete:

„Alles Gute zum 21. Geburtstag, Korra!“

Mein Name stand ganz unten in der Ecke.

In kleineren Buchstaben.

In verblasstem Gold.

Als wäre er erst in letzter Sekunde hinzugefügt worden.

Ich runzelte die Stirn.

Überall standen rosa und weiße Tischdekorationen.

Glitzernde Platzsets.

Sogar die Cupcakes waren in Korras Lieblingsfarben verziert.

„Miss June!“, rief jemand.

„Sie sehen... umwerfend aus.“

Ich nickte höflich.

Doch als ich mich durch die Menge bewegte, hörte ich nur:

„Ist das nicht Korras Schwester?“

„Ich dachte, Korra hat heute Geburtstag?“

„Ich hatte ganz vergessen, dass die beiden Zwillinge sind!“

„Wow, Korra hat das alles geplant?“

Niemand fragte mich, wie es mir ging.

Niemand fragte, wie es sich anfühlte, endlich einundzwanzig zu sein und nun eine vollwertige Lykanerin.

Ich versuchte, mich davon nicht herunterziehen zu lassen.

Dann sah ich ihn.

Seth.

Er stand in der Nähe der Terrassentüren.

Genau wie immer sah er umwerfend aus – groß, mit markanten Gesichtszügen und Augen, die mein Herz früher jedes Mal schneller schlagen ließen.

Doch...

Er trug kein Blau.

Er war in Silber gekleidet.

Ein makellos gebügeltes Hemd, dunkle Hose und perfekt polierte Schuhe.

Er stach sofort aus der Menge hervor.

Mehrere Frauen standen um ihn herum, klimperten mit den Wimpern, kicherten und versuchten, die Aufmerksamkeit des zukünftigen Alphas des Rudels auf sich zu ziehen.

Langsam ging ich auf ihn zu.

Ich versuchte, das Gefühl zu verdrängen.

Doch die Enttäuschung traf mich härter, als ich erwartet hatte.

„Hey.“ Ich strich leicht mit meiner Hand über seinen Arm. „Alles Gute zum Geburtstag für mich, oder?“

Er lächelte und gab mir einen Kuss auf die Wange.

„Du siehst unglaublich aus. Wirklich... atemberaubend, June.“

Ich lächelte.

Doch es erreichte meine Augen nicht.

„Du trägst kein Blau.“

Für den Bruchteil einer Sekunde veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Kaum wahrnehmbar.

„Oh... ja... tut mir leid. Mein Hemd wurde heute früher ruiniert. Irgendetwas wurde verschüttet – lange Geschichte. Ich musste spontan etwas anderes anziehen.“

Ich blinzelte und versuchte, mich nicht noch schlechter zu fühlen.

„Aber du hast doch gesagt, wir würden zusammenpassen.“

Er lachte verlegen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.

„Ich weiß. Das wollte ich wirklich. Es ist nur... nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte.“

Eine unangenehme Stille legte sich zwischen uns.

Schließlich brach ich sie.

„Du riechst nicht anders“, murmelte ich.

Er nickte wortlos.

Wir wussten beide, was das bedeutete.

Wir waren keine Gefährten.

Das hatte ich bereits vor vier Jahren erfahren, als Seth zwanzig geworden war.

Damals hatten wir beschlossen, diese Tatsache einfach zu ignorieren.

Wir waren verliebt...

Wir sind verliebt.

Trotzdem fragte ich leise:

„Wünschst du dir manchmal, dass wir Gefährten wären?“

Er zögerte.

„June...“

Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter.

„Sei einfach ehrlich.“

Er seufzte.

„Ja. Das wünsche ich mir. Aber nur weil wir keine Gefährten sind, heißt das nicht, dass wir nicht trotzdem glücklich zusammen sein können. Wir haben etwas Echtes. Etwas Beständiges. Das muss doch auch etwas wert sein, oder?“

Langsam nickte ich.

Meine Kehle war wie zugeschnürt.

„Ja... ich denke schon.“

Dann beugte ich mich zu ihm und flüsterte:

„Aber du wirst mich trotzdem als deine Gefährtin markieren... so wie du es mir versprochen hast, oder?“

Für einen kurzen Moment glaubte ich, Zögern in seinen Augen zu sehen.

Er brach den Blickkontakt ab, sah hinüber zur Menge und murmelte schließlich:

„Es ist dein Geburtstag, June. Lass uns einfach den Abend genießen.“

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