MasukDer SUV fuhr auf das streng bewachte private Weingut ein.Hier gab es keinen Lärm der New Yorker Mafia, keine kaltblütigen Berechnungen – nur die Ruhe des frühen Morgens.Großmutter trat an den Kamin und entzündete das trockene Holz mit einem Streichholz.Das warme, goldene Licht flackerte und vertrieb langsam die Kälte der Leichenhalle.Großmutter kehrte zum Tisch zurück.Sie stellte die schwere Urne genau in die Mitte des langen Tisches im Wohnzimmer.Dann zündete sie drei weiße Gebetskerzen an.Die Flammen tanzten.Großmutter schloss die Augen und schlug langsam das Kreuzzeichen über ihrer Brust.Es war das älteste und heiligste Abschiedsritual der Familie.Ich schwebte in der Luft und beobachtete alles.Plötzlich öffnete Großmutter die Augen.Ihr getrübter, doch scharfer Blick richtete sich genau auf die Stelle, an der ich schwebte.„Sienna.“Ihre Stimme war heiser, schwer von zurückgehaltenen Tränen. „Nonna kann dich sehen.“Ein Schock durchfuhr mich.In diesem Moment brach alles
Die Leibwächter zerrten meinen schreienden, verzweifelten Vater fort.Der Tradition nach wurde jedes Kernmitglied der Familie Valenti im prunkvollen Familienmausoleum beigesetzt.Doch Großmutter verweigerte dies.„Ihre Asche darf nicht von diesem Haus aus Lügen und Ehrgeiz befleckt werden.“Mit eiserner Entschlossenheit brach sie eine jahrhundertealte Familientradition.Sie bestand auf einer privaten Einäscherung.Es gab keine pompöse, prunkvolle Beerdigung.Keine heuchlerischen Trauerbekundungen von verbündeten Bossen.Großmutter hatte nur eines vorbereitet: ein reinweißes, maßgeschneidertes Seidenkleid. Es war das Geschenk zum achtzehnten Geburtstag, das sie für mich hatte anfertigen lassen.In der kalten Leichenhalle füllte sie eine Schüssel mit Wasser und wusch mir behutsam den Schmutz aus dem Gesicht.Mit ihren eigenen Händen kleidete sie mich in jenes makellose weiße Kleid.Die Tür wurde aufgerissen.Mamma Valeria stolperte herein. Ihre Hände waren blutverschmiert, ihr Blick fieb
Das Heulen in der großen Halle war ohrenbetäubend.Die Schreie drangen durch die schweren Türen nach draußen und lockten die Ehefrauen einiger kleinerer Bosse an – Männer, die von der Familie Valenti abhängig waren.Sie waren zur Feier gekommen.Nun standen sie am Eingang, ihre Blicke glitten über das Chaos – bis hin zu dem Körper in den Armen meiner Großmutter.„Mein Gott…“Eine Frau in einem roten Kleid, ein Glas Champagner in der Hand, hielt sich die Hand vor den Mund.Doch ihre Stimme war scharf und triefte vor einer grausamen Art von Humor.„Na, schaut euch das an. Ein kleines Missverständnis in der Valenti-Nachfolge. Das sterbende Mädchen lebt – und das lebende Mädchen stirbt.“Sie stieß ein leises Lachen aus und hob ihr Champagnerglas. „Scheint, als würde selbst Gott die Zwillinge verwechseln.“Die Luft erstarrte.Mamma Valeria drehte langsam den Kopf.Die Tränenspuren waren noch auf ihrem Gesicht, doch die Verzweiflung in ihren Augen hatte sich in den Wahnsinn der Frau eines Ma
Die Mittagssonne strömte durch die Buntglasfenster und warf farbige Muster auf den Boden.Das Anwesen lag in unnatürlicher Stille.Die Heizung war bis zum Anschlag aufgedreht. Wellen heißer Luft strömten aus den Lüftungsschlitzen.Doch ich wusste: Keine Hitze der Welt könnte diesen Körper noch wärmen.Die Tür zu Vivians Zimmer flog auf.Barfuß stürzte sie hinaus, löste sich aus dem Griff meiner Mutter, deren Augen rot und geschwollen waren, und rannte ins Wohnzimmer.„Geh mir aus dem Weg! Ich muss Sienna sehen!“Sie stolperte die Wendeltreppe hinunter, ihre Schritte hallten in der leeren Halle wider.Dann blieb sie stehen.Mitten im Raum saß Don Marcello Valenti – der Mann, der einst die New Yorker Unterwelt hatte erzittern lassen – auf dem kalten Boden.Er hielt mich im Arm.Seine Anzugjacke war geöffnet und sorgfältig um meinen Körper gelegt.Ich lag schlaff an seiner Brust, der Kopf zur Seite geneigt, mein langes Haar breitete sich um mich herum aus.Seine Hände, von Jahren mit der
„Was ist los?“Mammas Stimme klang noch immer hell vor morgendlicher Fröhlichkeit. Sie stieß Papa an, der wie erstarrt im Türrahmen stand.„Marcello, geh aus dem Weg. Ich werde Sienna wecken…“„Geh nicht hinein.“Papas Stimme zitterte stark.„Papa?“Vivian spähte hinter Mamma hervor, ihre großen Augen voller sorgfältig bemessener Sorge.„Was ist mit Sienna los?“Sie rief leise: „Sienna, deine große Schwester ist da, um dich zu sehen. Hör auf mit deinem Wutanfall, okay?“Ich schwebte nahe der Decke und beobachtete sie mit kalten Augen.Ihre Schauspielerei war schon immer makellos.Natürlich konnte der kalte Körper in der Ecke ihr nicht antworten.Der Keller war unheimlich still.Endlich spürte auch Mamma, dass etwas nicht stimmte. Sie schob Papas Arm beiseite und drängte sich über die feuchte, dunkle Schwelle.Sofort sah sie die kleine, zusammengekauerte Gestalt in der Ecke.„Sienna, hör auf, dich tot zu simulieren. Steh auf“, sagte Mamma und eilte auf sie zu.Mit ihrer gewohnten Ungedu
Im nächsten Moment veränderte sich das Gesicht meiner Mutter.„Sie ist … im Reitclub“, sagte sie und wich Großmutters Blick aus, während sie auf ihr Kleid hinabblickte.Großmutter sagte kein Wort. Sie starrte sie nur an – eisig.„Im Reitclub?“„Ich hole sie.“„Valeria!“Mamma sprang hastig auf, ihre Stimme zitterte. „Sienna hat … gerade einen Wutanfall. Ich habe sie in den Keller geschickt, damit sie über ihr Verhalten nachdenken kann.“Großmutter erstarrte.„Was hast du gesagt?“ fragte sie, jedes Wort langsam und deutlich. „Du hast Sienna im Keller eingesperrt?“„Aber du weißt doch, dass heute Vivians…“ Mamma Valerias Stimme wurde leiser und ging in ein schuldbewusstes Flüstern über.Großmutters Gesicht verdunkelte sich.Sie stand auf und schwankte leicht, unsicher auf den Beinen.Mamma wollte sie stützen, doch Großmutter stieß sie weg.„Valeria!“ Großmutters Stimme zitterte. „Sienna ist auch deine Tochter!“Mamma öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Großmutter fiel ihr ins Wort.







