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Kapitel2

Autor: Jasmine Flower
„Vanessa arbeitet oft spät. Ich bringe sie nach Hause. Was genau ist dein Problem?“, fragte Grant in einem Tonfall vollkommener Selbstverständlichkeit.

Ganz so, als wäre es völlig normal, dass ein verheirateter Mann seine Assistentin regelmäßig nach Mitternacht nach Hause fährt – und dann noch eine Stunde oder zwei in ihrer Wohnung bleibt.

Als ich ihn fragte, warum er mir das nie erzählt hatte, verfinsterte sich sein Gesicht augenblicklich.

„Verhörst du mich jetzt, Evelyn?“

Im selben Atemzug kehrte er den Spieß um. Dass ich den Fahrverlauf kontrolliert hatte, bezeichnete er als Verletzung seiner Privatsphäre. Er warf mir vor, kontrollsüchtig, paranoid und eifersüchtig zu sein. Vanessa sei lediglich eine hart arbeitende junge Frau, die es nicht verdient habe, gedemütigt zu werden, nur weil seine Frau Komplexe habe.

Am nächsten Morgen nahm er sie direkt unter seine Aufsicht.

„Wenn du ihren Fähigkeiten nicht traust, werde ich ab sofort all ihre Arbeiten persönlich überwachen.“

Anstatt nach meinem Einspruch einen Schritt zurückzutreten, nutzte er meine Kritik als Vorwand, um ihr noch näher zu sein. Von da an machte er kein Geheimnis mehr aus seiner Bevorzugung.

Wenn das Unternehmen zu Grundstücksauktionen fuhr, war Vanessa die Einzige, die er mitnahm. Bei Geschäftsessen von Projektentwicklern setzte er sie direkt neben sich und verbannte mich an einen anderen Tisch. Eines Abends lehnte sich schließlich jemand zu ihm hinüber und flüsterte leise: „Grant, deine Frau sitzt übrigens auch hier.“

Grant sah mich nur genervt an. „Evelyn ist nicht so kleinlich.“

Er wusste ganz genau, was er tat. Wenn ich schwieg, konnte er Vanessa weiterhin wie seine eigentliche Partnerin behandeln. Wenn ich mich beschwerte, bewies das nur, wie kleinlich ich war.

Als wir nach Hause kamen, gerieten wir in einen heftigen Streit. Grant behauptete, ich hätte ihn blamiert und allen den Eindruck vermittelt, er hätte eine eifersüchtige, ungezogene Frau geheiratet. Dann tauchte er vier Tage lang unter, um mich zu bestrafen. Er ignorierte jeden Anruf und jede Nachricht, bis ich mich entschuldigte.

Erst dann kam er nach Hause – und brachte gleich mehrere seiner Freunde mit. Sie saßen in unserem Wohnzimmer und erklärten mir abwechselnd, warum ich das Problem war.

„Vanessa ist doch nur eine Angestellte.“

„Grant steht in der Firma schon genug unter Druck. Warum machst du ihm das Leben noch schwerer?“

„Eine Ehe braucht Vertrauen. Kein Mann hält es auf Dauer aus, ständig hinterfragt zu werden.“

Grant saß mitten auf der Couch und sah zu, wie sie mich zerpflückten. Er nahm mich kein einziges Mal in Schutz. Als sie fertig waren, sah er mich an und fragte: „Hast du es dir jetzt gründlich überlegt?“

Eine Zeit lang glaubte ich wirklich, ich sei einfach zu empfindlich. Vielleicht schätzte Grant ja tatsächlich nur Vanessas Arbeit. Vielleicht könnte unsere Ehe wieder so werden wie früher, wenn ich einfach aufhörte zu streiten.

Dann kam der dritte Tag unseres letzten Streits. Ich hatte eine akute Magenschleimhautentzündung und konnte kaum stehen. Unser Arzt schickte mich umgehend ins Krankenhaus. Grant sah die Medikamente auf dem Esstisch liegen. Er sah, wie ich aus dem Schlafzimmer kam, die eine Hand gegen den Magen gepresst, die andere an der Wand abgestützt.

Trotzdem schnappte er sich seinen Koffer und brach mit Vanessa zu einer Geschäftsreise auf.

In dem Moment, als die Tür ins Schloss fiel, wurde es in mir ganz still. Ich rief ihn nicht zurück. Ich fragte nicht, wohin er fuhr. Zum ersten Mal wollte ich keine Erklärung.

Endlich verstand ich, dass es nie darum gegangen war, ob ich geduldig oder großzügig genug war. Grant brauchte meine „Eifersucht“, weil sie ihm den perfekten Vorwand lieferte, mich zu bestrafen und sich erneut für Vanessa zu entscheiden. Selbst wenn ich diese Navigationsdaten nie gefunden hätte, hätte er einen anderen Grund aufgetischt, um mit ihr essen zu gehen, sie nach Hause zu fahren und mit ihr zu verreisen. Und jedes Mal, wenn ich Protest einlegte, wäre ich die Kleinliche gewesen.

An jenem Nachmittag schickte mir Grant Vanessas Immobilienantrag zur Prüfung. Das Grundstück barg ein erhebliches Kontaminationsrisiko und die Finanzierungskonditionen waren völlig überzogen. Ich schrieb eine eindeutige Empfehlung in den Bericht: NICHT INVESTIEREN.

Grant löschte den Hinweis und segnete den Deal ab. Er rechnete fest damit, dass ich in sein Büro stürmen würde, sobald ich es herausfand.

Ich tat gar nichts.

Eine Woche später kehrten er und Vanessa zurück. Die Hotelauktion hatte zwei Tage gedauert. Die restlichen fünf verbrachten sie an der Küste – sie gingen gemeinsam essen, machten Segeltouren auf einer Yacht und besuchten eine private Weinverkostung. Auch nach ihrer Rückkehr gingen sie zusammen zum Mittagessen, spielten Golf und besichtigten neue Baugelände.

Nach außen hin hatte sich nichts verändert. Aber sie standen sich jetzt noch näher. Ich konnte es spüren.

Es spielte keine Rolle mehr. Drei Jahre Ehe waren genug.

In jener Nacht hatte ich gerade einen weiteren Risikobericht für Harbor Point fertiggestellt, als mein Handy aufleuchtete. Vanessa hatte ein neues Foto gepostet. Sie stand auf der Terrasse eines exklusiven Rooftop-Restaurants, für das man monatelang im Voraus reservieren musste. Auf dem Tisch hinter ihr standen zwei Gläser Champagner.

Sie trug Grants schwarzen Mantel. Grant stand dicht bei ihr und legte ihr einen Schal um den Hals.

Ihre Bildunterschrift lautete: Es gibt immer jemanden, der daran denkt, dass mir kalt wird.

Die Kommentare ließen nicht lange auf sich warten: Dein Chef kümmert sich aber gut um dich. Du und dein Chef – ihr passt einfach perfekt zusammen.

Grant likte den zweiten Kommentar. Vanessa antwortete mit einem verlegenen, lachenden Emoji.

Früher hätte ich ihn sofort angerufen. Dann hätte er mir wieder vorgeworfen, Vanessas Social-Media-Kanäle zu spionieren und wegen nichts einen Streit vom Zaun zu brechen.

Diesmal schloss ich die App einfach. Ich schickte Grant den fertigen Bericht per E-Mail, fuhr meinen Computer herunter und fuhr alleine nach Hause.

Sein Anruf kam genau in dem Moment, als ich das Wohnzimmer betrat. Doch als ich abhob, meldete sich zuerst Vanessa.

„Evelyn, danke, dass du den Risikobericht für mich fertiggemacht hast. Grant meinte, er sei hervorragend geworden. Ich lade dich demnächst mal zum Essen ein.“

Ehe ich antworten konnte, schaltete sich Grant im Hintergrund ein: „Bedank dich nicht bei ihr. Dafür wird sie schließlich bezahlt.“

Vanessa lachte. „Du bist aber ganz schön streng mit deiner eigenen Frau.“

Sie lachten gemeinsam. Grant brauchte noch einige Sekunden, bis ihm wieder einfiel, dass ich immer noch am Telefon war.

„Es wird spät bei mir. Geh schlafen. Wart nicht auf mich.“

Dann legte er auf.

Wann immer Grant früher gesagt hatte, dass es spät werden würde, hatte ich im Wohnzimmer gesessen und auf ihn gewartet.

Heute Nacht nicht.

Ich ging nach oben und packte meinen Koffer.

Es blieben noch genau drei Tage, bis unsere Scheidung rechtskräftig wurde.

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