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Er unterschrieb die Scheidung, ohne hinzusehen
Er unterschrieb die Scheidung, ohne hinzusehen
Autor: Jasmine Flower

Kapitel1

Autor: Jasmine Flower
„Evelyn, der Vorstand will morgen früh das finale Angebot für Harbor Point vorliegen haben. Grant hat gesagt, dass die Risikobeurteilung heute Nacht noch fertig werden muss.“

Vanessa ließ einen dicken Stapel Dokumente auf meinen Schreibtisch knallen.

Ganz oben lag ein aktualisierter Umweltbericht. Darunter stapelten sich Mieterstreitigkeiten, Finanzierungskonditionen und das neueste Renovierungsbudget. Ein einziges übersehenes Problem konnte das Unternehmen Millionen kosten.

Vanessa hatte die Unterlagen um drei Uhr nachmittags erhalten. Mittlerweile war es zwanzig vor neun.

„Geht klar.“ Ich zog die Akten zu mir heran.

Sie hatte offensichtlich nicht damit gerechnet, dass ich so einfach zustimmen würde.

„Grant und ich haben heute Abend noch einen Termin bei der Bank, es kann also spät werden. Leg einfach alles in sein Büro, wenn du fertig bist.“

Sie wandte sich ab, drehte sich dann aber noch einmal um.

„Ach ja, und das Architekturmodell auf seinem Schreibtisch ist völlig verstaubt. Wisch das bitte kurz ab, wenn du schon mal da drin bist.“

Dann ging sie. Das Klappern ihrer Absätze hallte laut auf dem Flur.

Im Büro wurde es still. Einige Kollegen, die ebenfalls noch Überstunden machten, sahen zu mir herüber; das Unbehagen stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Jedem hier war klar, dass ich Grants Ehefrau war. Vanessa sollte eigentlich nur seine Assistentin sein. Doch bei Whitmore Development gab sie Befehle, als wäre sie die Frau des CEOs.

Vor sechs Monaten hatte Grant sie von einem Immobilienbüro abgeworben, das kurz vor der Pleite stand. Sie hatte noch nie ein Großprojekt geleitet. Dennoch war sie innerhalb von drei Monaten von der Vorstandsassistentin zur stellvertretenden Entwicklungsleiterin aufgestiegen.

Nun wollte sie die Harbor-Point-Apartments. Mein Projekt.

Ich hatte über ein Jahr damit verbracht, die Übernahme zu verhandeln und die rechtlichen wie finanziellen Fallstricke auszuräumen. Wir standen endlich kurz vor dem Baubeginn, als Grant verkündete, dass Vanessa mich als Projektleiterin ablösen würde.

Bei der Vorstandssitzung vergangene Woche hatten sich alle sieben Führungskräfte gegen diese Entscheidung ausgesprochen. Grant war der Einzige gewesen, der hinter ihr stand. Anstatt seine Entscheidung zu überdenken, warf er mir vor, die Teppichetage gegen eine neue Mitarbeiterin aufzuhetzen.

„Du hast alle gegen sie in Stellung gebracht, weil du keine Konkurrenz duldest!“, hatte er gesagt.

Anschließend entzog er mir das Projekt komplett. Jeder Manager, der sich für mich eingesetzt hatte, wurde aus dem Kernteam abgezogen und die Quartalsboni wurden eingefroren. Danach wagte es niemand mehr, ihm zu widersprechen.

In jener Nacht kam Grant nach Hause und lieferte mir eine seiner sogenannten Erklärungen: „Du bist meine Frau. Natürlich schlagen sich die Leute instinktiv auf deine Seite. Vanessa hat hier keine Verbindungen. Niemand legt für sie ein Wort ein. Ich gebe ihr nur eine faire Chance.“

Und irgendwie hatte ich ihm damals geglaubt.

Eine Woche, nachdem Vanessa Harbor Point übernommen hatte, verwechselte sie die Gesamtfläche des Gebäudes mit der vermietbaren Nutzfläche. Dieser Fehler hätte die Firma beinahe acht Millionen Dollar gekostet. Ich schlug mir die Nacht um die Ohren, um das Finanzmodell neu zu berechnen und das Angebot vor Ablauf der Frist nachzuverhandeln.

Vanessa behielt ihren Posten. Grant nannte es weiterhin „Gerechtigkeit“. Sie bekam das Lob. Ich durfte den Müll aufräumen.

Schritte hallten im Treppenhaus. Ich blickte auf und sah Grant aus der Etage der Geschäftsführung herunterkommen. Er trug einen anthrazitfarbenen Mantel und eine silberne mechanische Uhr. Vanessa hatte ihm die Uhr zum Geburtstag geschenkt.

Ich hatte ihm früher auch Uhren gekauft. Er hatte nie eine einzige davon getragen. Er meinte immer, etwas am Handgelenk würde ihn bei der Arbeit nur ablenken. Doch Vanessas Uhr trug er nun schon die dritte Woche in Folge.

Grants Blick streifte mich. Seine Augen blieben kurz an den Aktenstapeln hängen, die meinen Schreibtisch bedeckten. Er fragte nicht einmal, warum ich um diese Uhrzeit noch arbeitete. Er warf nur einen Blick auf die Uhr und ging zum Aufzug.

Ein paar Minuten später kam Vanessa aus dem Waschraum. Sie hatte ihren Lippenstift nachgezogen und das Sakko abgelegt. Sie trug nur noch ein eng anliegendes schwarzes Kleid. Mit beschwingtem Schritt ging sie an meinem Tisch vorbei.

„Arbeite nicht zu viel, Evelyn!“

Die Fahrstuhltür öffnete sich. Grant wartete drinnen. Er hielt ihr die Tür auf. Zu mir sah er nicht mehr.

Grant wusste ganz genau, was er tat.

Es hatte vor drei Monaten angefangen, als ich Vanessas Adresse unter den „Häufigen Zielen“ in Grants Navigationssystem entdeckte. Er war in einem einzigen Monat siebzehn Mal dorthin gefahren.

Also stellte ich ihn zur Rede.

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