LOGINANIYAS PERSPEKTIVE
Der Rest der Preisverleihung verging wie im Nebel. Aniya saß mit einem höflichen Lächeln auf ihrem Platz, applaudierte, wenn alle anderen es taten, und nickte bei Gesprächen, die sie kaum wahrnahm. Ihre Brust fühlte sich eng an, und egal, wie sehr sie es versuchte, sie konnte Corbins Worte nicht aus ihrem Kopf verbannen. „Es gibt Menschen, die in dein Leben treten und es für immer verändern.” „Kenzie, danke, dass du für mich genau dieser Mensch bist.” Der Applaus, der kurz zuvor noch den Ballsaal erfüllt hatte, war längst verklungen, doch der Schmerz, den diese Worte hinterlassen hatten, blieb. Neben ihr schien Corbin völlig ahnungslos gegenüber dem Sturm, der in ihr tobte. Er führte Gespräche mit Kollegen, nahm Glückwünsche entgegen und sprach über kommende Projekte, als wäre nichts geschehen. Doch in Aniya hatte sich etwas verändert. Zum ersten Mal seit Jahren fragte sie sich, ob Liebe allein ausreichte, um eine Ehe zu retten. Als die Zeremonie zu Ende ging, begannen die Gäste langsam, sich im Ballsaal zu verteilen. Überall wurde über die Erfolge des Abends gesprochen und gefeiert. Bevor Aniya etwas sagen konnte, näherten sich mehrere Personen Corbin. „Herzlichen Glückwunsch zu der Auszeichnung.” „Ihre Rede war großartig.” „Das Projekt war ein riesiger Erfolg.” Corbin bedankte sich höflich bei jedem Einzelnen und vertiefte sich schnell in Gespräche über zukünftige Möglichkeiten und bevorstehende Veranstaltungen. Aniya stand schweigend neben ihm und fühlte sich eher wie eine Beobachterin als wie seine Ehefrau. Dann sah sie Kenzie auf sie zukommen. „Du warst großartig da oben”, sagte Corbin, und ein aufrichtiges Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Kenzie lachte leise. „Ich hatte schreckliche Angst.” „Davon hat man überhaupt nichts gemerkt”, erwiderte Corbin. Aniya beobachtete, wie mühelos das Gespräch zwischen ihnen verlief. Die Lächeln. Die Vertrautheit. Die Art, wie Corbin sich in ihrer Gegenwart vollkommen entspannt verhielt. Für einen Moment fragte sie sich, ob sie Corbin jemals so angesehen hatte, wie Kenzie ihn jetzt ansah. Oder vielleicht noch schmerzhafter … Ob Corbin sie früher einmal genauso angesehen hatte. Eine plötzliche Welle der Erschöpfung überkam sie. „Corbin”, unterbrach sie ihn leise. Seine Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf sie. „Geht es dir gut?”, fragte er. Aniya zwang sich zu einem kleinen Lächeln. „Ich bin nur müde.” Für einen kurzen Moment zeigte sich Sorge in Corbins Gesicht. „Wir können gehen, wenn du möchtest.” Aniya warf einen kurzen Blick zu Kenzie und sah dann wieder Corbin an. „Ja”, sagte sie leise. „Das würde ich gerne.” Die Fahrt nach Hause verlief schweigend. Aniya starrte aus dem Fenster des Autos und beobachtete, wie die Lichter der Stadt an ihr vorbeizogen, während die Stille den Raum zwischen ihnen erfüllte. Neben ihr lockerte Corbin seine Krawatte und warf ihr einen Blick zu. „Du bist seit dem Ende der Zeremonie sehr still”, sagte er. Aniya ließ ihren Blick weiterhin auf die vorbeiziehende Stadt gerichtet. „Mir geht es gut.” Corbin runzelte leicht die Stirn. „Geht es um die Rede?” Diese Frage ließ ihr Herz schmerzen. Langsam drehte sie sich zu ihm um. „Was glaubst du?”, fragte sie leise. Verwirrung spiegelte sich auf Corbins Gesicht wider. „Aniya, ich habe Kenzie doch nur gedankt”, sagte er. „Du bist deswegen doch nicht verärgert, oder?” Aniya hielt seinem Blick einige Sekunden stand, bevor sie wieder wegsah. „Ich bin müde, Corbin.” Die Erschöpfung in ihrer Stimme ließ ihn seufzen. „Es war nicht meine Absicht, dich zu verletzen”, sagte er nach einer Weile. Aniya wollte ihn fragen, ob er wirklich verstand, was sie verletzt hatte. Sie wollte wissen, ob ihm bewusst war, wie einsam sie sich seit Monaten fühlte. Stattdessen schwieg sie. Denn tief in ihrem Inneren begann sie zu begreifen, dass das Problem nicht nur die Rede war. Das Problem war, dass sie jahrelang das Gefühl gehabt hatte, nicht mehr die Person zu sein, die Corbin an erste Stelle setzte. Und irgendwie hatte er es nie bemerkt. Die Fahrt nach Hause verlief weiterhin still. Aniya blickte aus dem Fenster, während die verschwommenen Lichter der Stadt vorbeizogen. Neben ihr lockerte Corbin erneut seine Krawatte und sah sie an. „Du bist seit dem Ende der Veranstaltung ungewöhnlich still”, sagte er. „Mir geht es gut”, antwortete sie erneut. Corbin runzelte die Stirn. „Geht es wegen der Rede?” Die Frage traf sie erneut mitten ins Herz. Langsam sah sie ihn an. „Was denkst du denn?”, fragte sie leise. Verwirrung zeigte sich erneut in seinem Gesicht. „Aniya, ich habe Kenzie lediglich für ihren Beitrag gedankt”, sagte er. „Du bist deswegen doch nicht wirklich verletzt, oder?” Aniya erwiderte seinen Blick einige Augenblicke lang, bevor sie wieder aus dem Fenster sah. „Ich bin müde, Corbin.” Er seufzte. „Ich wollte dich nicht verletzen”, sagte er schließlich. Aniya wollte ihm sagen, dass es nie nur um die Rede gegangen war. Dass sie sich seit langer Zeit unsichtbar fühlte. Dass sie ihn liebte und dennoch das Gefühl hatte, ihn Stück für Stück zu verlieren. Aber sie sagte nichts. Denn tief in ihrem Herzen wusste sie inzwischen: Das Problem war nicht nur die Rede. Das Problem war, dass sie sich seit Jahren nicht mehr wie Corbins erste Wahl fühlte. Und das Schlimmste daran war, dass er es niemals bemerkt hatte.Aniyas POVDas internationale Treffen war noch drei Wochen entfernt.Zum ersten Mal, seit Harvey Luxe gegründet worden war, saß Aniya vor einem leeren Moodboard und wusste nicht, was sie darauf platzieren sollte.Normalerweise kamen ihr die Ideen ganz von selbst.Ein Stoff.Ein Foto.Ein Gespräch.Manchmal konnte sogar ein zufällig beobachtetes Outfit auf der Straße eine ganze Kollektion inspirieren.Doch dieses Mal war es anders.Diese Kollektion würde nicht nur für den heimischen Markt entworfen werden.Sie könnte Harvey Luxe der ganzen Welt vorstellen.Allein der Gedanke daran war aufregend und beängstigend zugleich.Aniya lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und starrte an die Decke.„Warum fühlt sich plötzlich alles unmöglich an?“„Du starrst seit zehn Minuten an diese Decke.“Sie blickte zur Tür.Maya stand dort mit zwei Tassen Kaffee.„Ich habe nachgedacht.“„Du hast zu viel nachgedacht.“Aniya nahm den Kaffee entgegen.„Dasselbe.“„Nein.“Maya ging zum Moodboard.„Nachdenken brin
Aniyas POVAm Morgen nach der großen Eröffnung kam Aniya vor allen anderen bei Harvey Luxe House an.Zum ersten Mal war das Gebäude still.Keine Journalisten.Keine Kameras.Keine Gäste.Keine Reden.Nur das leise Summen der Klimaanlage und das entfernte Geräusch des Verkehrs draußen.Sie stand mitten im Empfangsbereich und sah sich um.Gestern war dieser Ort voller Hunderter Menschen gewesen.Heute gehörte er einfach wieder ihr.Oder besser gesagt …ihnen.Bei diesem Gedanken musste sie lächeln.Ihr Handy vibrierte.Maya: Sag mir bitte, dass du schon da bist.Aniya lachte.Aniya: Vielleicht.Fast sofort erschienen drei Punkte.Maya: Natürlich bist du das.Eine weitere Nachricht folgte.Maya: Ich bin in zehn Minuten da. Fang nicht ohne mich an zu arbeiten.Aniya steckte ihr Handy in die Handtasche.Zu spät.Sie hatte bereits angefangen.Sie ging durch die Produktionshalle und überprüfte den Tagesplan.Das Team musste die erste große Lieferung für die neue Boutique vorbereiten.Die Des
Aniyas POVSechs Monate später …Das Band spannte sich über den Eingang des neuen Harvey-Luxe-Hauptsitzes und bewegte sich sanft im Morgenwind.Aniya stand einige Schritte entfernt und ließ den Anblick auf sich wirken.Das Gebäude sah genauso aus, wie sie es sich an jenem ersten Tag vorgestellt hatte, als sie das leere Lagerhaus zum ersten Mal betreten hatte.Die Glasfassade spiegelte das Licht der aufgehenden Sonne.Über dem Eingang glänzte stolz das goldene Harvey-Luxe-Logo.Im Inneren herrschte auf drei Etagen geschäftige Vorfreude.Die Produktionshalle war mit modernster Ausstattung eingerichtet.Die Designstudios boten einen beeindruckenden Blick über die Skyline der Stadt.Die Harvey Luxe Academy war bereit, ihre ersten Studenten willkommen zu heißen.Es fühlte sich immer noch unwirklich an.„Du starrst dieses Gebäude jetzt schon seit zehn Minuten an.“Aniya lächelte, ohne den Blick abzuwenden.„Ich weiß.“Maya trat neben sie.„Du hast das hier aufgebaut.“„Wir haben das aufgeba
Aniyas POVDie Entscheidung fiel einstimmig.Harvey Luxe zog um.Nach wochenlangen Gesprächen mit Architekten, Anwälten und Finanzberatern waren endlich alle Verträge unterschrieben.Das Lagergebäude gehörte offiziell ihnen.Aniya stand vor dem Gebäude und hielt einen Schlüsselbund in der Hand.Lange betrachtete sie die Schlüssel, bevor sie lächelte.„Es sind doch nur Schlüssel“, neckte Maya sie.„Sie fühlen sich schwerer an.“„Das liegt daran, dass sie ein viel größeres Gebäude öffnen.“Aniya lachte.„Da bin ich direkt hineingelaufen.“„Allerdings.“Grace trat zu ihnen und betrachtete das dreistöckige Gebäude voller Bewunderung.„Ich kann immer noch nicht glauben, dass das uns gehört.“Mr. Adeyemi schloss die Eingangstür auf.„Es gehört Harvey Luxe.“Er lächelte.„Und Harvey Luxe gehört uns allen.“Gemeinsam traten sie ein.Das Gebäude war noch leer, doch dieses Mal fühlte es sich nicht fremd an.Es wirkte vielmehr wie eine leere Leinwand, die nur darauf wartete, mit der ersten Skizz
Aniyas POVDie Ankündigung des Praktikumsprogramms verbreitete sich schneller, als irgendjemand erwartet hatte.Innerhalb einer Woche erhielt Harvey Luxe mehr als zweihundert Bewerbungen.Lebensläufe bedeckten Aniyas Schreibtisch.Portfolios füllten jedes freie Regal in ihrem Büro.Sogar der Empfang war inzwischen mit Paketen überfüllt, die Stoffproben und Designmappen enthielten.Maya stand in der Tür und balancierte einen weiteren Stapel Umschläge auf den Armen.„Wenn heute noch ein Paket ankommt, ziehe ich ins Empfangsbüro um.“Aniya lachte.„Ich hätte nie gedacht, dass sich so viele bewerben würden.“„Sie bewerben sich inzwischen nicht mehr bei irgendeinem Modehaus.“Maya legte die Umschläge vorsichtig auf den Schreibtisch.„Sie bewerben sich bei Harvey Luxe.“Diese Worte ließen Aniya einen Moment innehalten.Noch immer war sie es nicht gewohnt, die Firma auf diese Weise beschrieben zu hören.Für sie war Harvey Luxe noch immer die kleine Werkstatt, in der sie einst bis spät in die
Aniyas POVDas Angebot der Kane Luxury Group war bis Ende der Woche das beherrschende Thema der Modebranche.Niemand kannte die genaue Summe, die Victor Kane geboten hatte.Doch eines wusste jeder.Aniya Harvey hatte Nein gesagt.Modeblogs feierten ihre Entscheidung.Wirtschaftsanalysten stellten sie infrage.In den sozialen Medien gingen die Meinungen auseinander.„Sie hat Millionen ausgeschlagen?“„Entweder ist das unglaublich mutig oder unglaublich dumm.“„Die meisten Gründer träumen von einem Angebot wie diesem.“Aniya las nur einen einzigen Artikel, bevor sie ihren Laptop wieder schloss.Sie hatte gelernt, dass ihr eigener Geist umso ruhiger werden musste, je lauter die Welt wurde.Ihre Aufmerksamkeit gehörte der Werkstatt.Nicht dem Internet.⸻Ein paar Tage später hielt Harvey Luxe seine monatliche Teambesprechung ab.Der Konferenztisch war voller als je zuvor.Es gab neue Auszubildende, zusätzliche Designer und Mitarbeiter aus der Verwaltung. Der Anblick aller besetzten Plätze
ANIYAS PERSPEKTIVEAniya versuchte, das unangenehme Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren, während die Nominierten für die Auszeichnung „Beste Hauptdarstellerin” auf der großen Leinwand angezeigt wurden.Um sie herum erfüllte Applaus den Ballsaal.„Und der Preis geht an …”, machte der Moderator eine
ANIYAS PERSPEKTIVEDas sanfte Klingeln von Aniyas Wecker riss sie am nächsten Morgen aus dem Schlaf.Für einige Augenblicke blieb sie im Bett liegen und starrte an die Decke, während ihre Gedanken um die Preisverleihung kreisten. Trotz allem, was in den vergangenen Monaten geschehen war, konnte ein
ANIYAS PERSPEKTIVEAm nächsten Morgen wachte Aniya emotional erschöpft auf.Nachdem sie den Großteil der Nacht damit verbracht hatte, die Ereignisse der Preisverleihung immer wieder in Gedanken durchzuspielen, lastete die Müdigkeit schwer auf ihr.Für einige Augenblicke blieb sie im Bett liegen und
ANIYAS PERSPEKTIVEDer Duft von frisch zubereitetem Essen erfüllte das Penthouse, während Aniya Harvey die letzte Schüssel auf den Esstisch stellte. Sie wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und warf einen Blick auf die Uhr an der Wand.21:17 Uhr.Corbin kam wieder einmal zu spät.Ein leise







