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Kapitel 3

Cocojam
Wie eine Feder trieb meine Seele durch die Luft und sah, wie das Anwesen hinter mir in der Dunkelheit versank.

Ich war ein Geist, der nirgendwo hingehörte.

Am Treppenabsatz blinkte mein Handy – ungelesene Nachrichten, eine nach der anderen.

Cassios Name leuchtete auf dem Display.

„Sera, Natalie Portman tanzt heute Abend Schwanensee im Lincoln Center. Ich weiß, sie ist deine Lieblingsballerina. Warum bist du nicht hier?“

„Die Vorstellung beginnt gleich. Ich sitze in der VIP‑Loge. Ich warte hier auf dich. “

„Ist alles in Ordnung bei dir?“

Bitterkeit überspülte mich, als ich die Nachrichten las.

Cassio Romano. Erbe der verfeindeten Romano‑Familie. Gutaussehend, gewandt – und der einzige Mann, der mich je wirklich gesehen hatte. Zwei Jahre lang hatte er versucht, meine Aufmerksamkeit zu erregen.

Er wusste, dass ich das Ballett liebte, und lud mich immer wieder zu Vorstellungen ein.

Aber ich wagte nie, Ja zu sagen.

Zum einen wegen unserer Familien. Zum anderen aus Angst, Chloe könnte davon erfahren und in einen Zusammenbruch verfallen.

„Wenn du dich jemals mit diesen schlechten Männern einlässt, springe ich vom Balkon!“, hatte sie mich einmal angebrüllt.

Immer wieder hatte ich Cassio abgewiesen, jede Vorstellung verpasst.

Diesmal hatte er die teuersten VIP-Karten besorgt, nur damit ich die Ballerina sehen konnte, die ich so bewunderte.

Sie zu sehen – das blieb mir nun für immer verwehrt.

Lautlos glitt meine Seele in Richtung Krankenhaus. Durch Wände und Autoscheiben hindurch fand ich mich schließlich in der Suite der St. Mary's Privatklinik wieder.

Still lag Chloe auf dem weißen Bett, das Gesicht blass, der Atem gleichmäßig.

Das Mädchen, das eben noch wie von Sinnen geschrien hatte, lag nun da – zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe.

„Das Beruhigungsmittel hat gewirkt“, sagte Dr. Morrison und legte das Stethoskop ab. „Der Herzrhythmus ist wieder normal. Die sensorische Überlastung hat sich gelegt.“

Victor stieß einen langen Atemzug aus, die angespannten Schultern fielen herab. „Gott sei Dank.“

Elena hielt die Hand ihrer Tochter, die Augen feucht. „Ich dachte schon, ich verliere sie.“

Dicht unter der Decke kreiste meine Seele und betrachtete die glückliche Familie.

Ich wollte schreien, wollte, dass sie mich anblickten – aber die Lebenden hören die Toten nicht.

„Wurde am Unfallort sonst noch jemand verletzt?“, fragte eine junge Krankenschwester der Routine halber.

Elena winkte ab. „Niemand Wichtiges. Nur Sera. Sie ist gestürzt, ihr geht es gut.“

Gestürzt?

Ich starrte Elena an. Wäre mir das Weinen noch möglich, ich hätte eine Flut vergossen.

Nicht einmal bemerkt hatten sie, dass ich aufgehört hatte zu atmen.

„Mama ...“, drang Chloes schwache Stimme vom Bett herüber.

Sofort beugte Elena sich vor. „Chloe, du bist wach? Wie fühlst du dich?“

„Mein Kopf tut weh“, flüsterte Chloe. „Es war Sera ... Sie wollte mir wehtun.“

„Nein, Chloe, das stimmt nicht“, beschwichtigte Elena und strich ihr übers Haar. „Sera wollte dir nicht wehtun. Sie hat den Blumentopf aus Versehen umgestoßen.“

„Nein!“ Chloes Stimme schnitt plötzlich durch den Raum. Der Herzmonitor begann zu piepen. „Sie hat es mit Absicht getan! Sie ist eifersüchtig auf mich! Sie will meinen Tod!“

Ärzte und Krankenschwestern eilten herbei und überprüften ihre Werte.

„Sie ist eine Schande!“, kreischte Chloe, die Stimme scharf wie Glas. „Papa und Mama lieben nur mich! Sie ist nichts als ein Niemand!“

Schwebend beobachtete ich das verzerrte Gesicht meiner Schwester.

Ihre Worte waren Dolche in meiner Seele. Aber nicht die Worte ließen mich erschaudern – es war der Blick in ihren Augen. Reines, berechnendes Gift.

„Der Herzrhythmus steigt wieder“, meldete ein Arzt. „Wir müssen ein weiteres Beruhigungsmittel verabreichen.“

Victor sah seine Tochter an, das Herz brach ihm. „Das ist alles Seras Schuld! Dieses rücksichtslose Mädchen!“

Ich dachte an all die „Episoden“ der vergangenen Jahre.

Jedes Mal, wenn mir ein wenig Aufmerksamkeit zuteilwurde, jedes Mal, wenn ich ein Stück Freiheit beanspruchte, hatte Chloe im genau richtigen Moment ihren „sensorischen Zusammenbruch“.

„Chloe sagt, du hast ihre Puppen versteckt.“

„Chloe sagt, du übst nachts deine Tanzschritte, nur um sie aufzuwecken.“

„Chloe sagt, du hast etwas Merkwürdiges in ihren Aroma-Diffusor gegeben.“

Selbst jetzt, nach meinem Tod, glaubten sie ihr noch blindlings jedes Wort.

Victors Telefon klingelte.

Er trat in den Flur hinaus. „Hallo? Ach, du bist es, Alfred. Was?!“

Das Blut wich aus seinem Gesicht.

„Nein! Das ist unmöglich!“ Seine Stimme bebte. „Bist du sicher, dass es Sera war?“

Gebrochen drang die Stimme des alten Butlers durch die Leitung: „Herr Castellano ... Es ist Sera. Sie ist auf den Abschlussknauf des Treppengeländers gestürzt. Blut war überall.“

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