FAZER LOGINDrei Tage vergingen in Xylos.Drei Tage, die sich anfühlten wie ein einziges, langes Ausatmen. Sie schliefen in dem Blumenraum, den Sylva ihnen überlassen hatte. Sie aßen Frühstück, zweites Frühstück und manchmal drittes Frühstück in dem Pavillon, der jetzt offiziell ihrer war. Sie badeten in einem versteckten Teich, dessen Wasser von einer höheren Insel herabfloss und der so klar war, dass man den Himmel darin gespiegelt sah. Sie gingen barfuß durch die Gärten und lernten die Namen der Blumen, die es nur in Xylos gab. Sylvas Töchter besuchten sie gelegentlich. Lyra brachte ihnen Geschichten aus der Zukunft, vage und kryptisch, aber immer mit einem Funken Hoffnung. Tyra brachte ihnen Geschichten aus der Vergangenheit, von anderen Schlusssteinen, die vor Elias gelebt hatten, und von den Fehlern, die sie gemacht hatten.„Keiner von ihnen hatte eine Gefährtin wie mich“, sagte Kaelen an einem Abend, als Tyra von einem Schlussstein erzählt hatte, der vor zweitausend Jahren am Wahnsinn zerb
Das Frühstück zog sich hin, bis die Sonne hoch über den schwebenden Gärten stand.Elias hatte vergessen, wie es sich anfühlte, einfach nur zu sitzen. Kein Ziel vor Augen. Keine tickende Uhr im Nacken. Nur ein Tisch voller halb gegessener Früchte, ein Krug mit Kräutertee, der inzwischen kalt geworden war, und Kaelen, die mit geschlossenen Augen in der Morgensonne saß und sich das Gesicht wärmen ließ wie eine zufriedene Katze.„Ich könnte mich daran gewöhnen“, sagte sie, ohne die Augen zu öffnen.„An das Frühstück oder an den Frieden?“„An beides. Aber vor allem an dein Gesicht, wenn du entspannt bist. Du siehst dann fast menschlich aus. Nicht wie ein lebender Stein, der die ganze Welt auf seinen Schultern trägt. Sondern wie ein Mann, der gerade gutes Brot gegessen hat und weiß, dass er heute nirgendwo hin muss. Das steht dir. Solltest du öfter tragen. Entspannung. Steht dir besser als Silber. Und das will was heißen, denn Silber steht dir verdammt gut. Aber Entspannung... Entspannung s
Elias erwachte langsam.Das Erste, was er spürte, war Wärme. Nicht die Hitze eines Feuers oder die stickige Luft einer Höhle, sondern eine lebendige, atmende Wärme, die sich an seinen Körper schmiegte wie eine zweite Haut. Dann roch er sie. Wald. Wind. Etwas Wildes, das nach Zuhause roch.Er öffnete die Augen.Kaelen lag neben ihm, den Kopf auf seine Brust gebettet, einen Arm quer über seinen Bauch gelegt, als wollte sie ihn selbst im Schlaf nicht loslassen. Ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Ihre schwarzen Haare waren zerzaust und bedeckten ihr Gesicht wie ein wilder Vorhang. Im Sonnenlicht, das durch die Kristallfenster fiel, sah sie aus wie ein Gemälde. Nein. Besseres als ein Gemälde. Wie etwas, das kein Künstler je einfangen könnte, weil es zu lebendig war, um auf Leinwand gebannt zu werden.Er blieb vollkommen still und sah sie nur an.Wie lange hatte er das nicht mehr erlebt? Aufwachen ohne Alarm. Ohne den Druck einer nahenden Armee. Ohne den kalten Stich der Angst im Nacken.
Sie kehrten nach Xylos zurück, als die ersten Sonnenstrahlen den Horizont berührten.Die schwebenden Gärten glühten in einem goldenen Licht, das aussah wie flüssiger Honig. Sylva erwartete sie am Rand der tiefsten Insel, und zum ersten Mal sahen sie Tränen auf dem Gesicht der alten Hüterin. Es waren keine Tränen der Trauer, sondern der Erleichterung. Ihre Töchter standen neben ihr, Lyra und Tyra, unversehrt und still wie zwei Statuen aus Schnee und Obsidian.„Ihr habt es geschafft“, sagte Sylva. Ihre Stimme zitterte. „Der Seelenbrecher ist zerstört. Valerius ist abgezogen. Und ihr beide... ihr lebt. Ich hatte sieben Versionen eures Todes gesehen. Aber Lyra sagte, es gäbe eine achte. Eine, die sie nicht sehen konnte. Eine, die nur möglich war, wenn ihr etwas tatet, das keine Prophezeiung vorhersagen konnte. Und ihr habt es getan. Ihr habt die Waffe nicht zerstört. Ihr habt sie verwandelt. In einen Garten. In Leben. Das hat es noch nie gegeben. In keiner der tausend Möglichkeiten, die i
Die Worte kamen nicht aus Elias' Mund.Sie kamen aus seiner Brust, aus seinen Narben, aus dem silbernen Feuer, das in seinen Adern schlief und nun erwachte. Es war keine Sprache, die ein Mensch verstand. Es war der Klang von Stein, der sich zu Kristall formt. Der Rhythmus von Magma, das tief unter der Erde fließt. Die Vibration eines Universums, das sich selbst erschafft.Der Archivar erstarrte.Seine leeren Augenhöhlen weiteten sich. Die schwarzen Runen auf seiner Pergamenthaut hörten auf, sich zu bewegen. Für einen Moment, einen winzigen, unendlichen Moment, war er nicht der jahrtausendealte Diener, der Schlusssteine überlebt hatte. Er war nur ein Geschöpf, das seinen Schöpfer hörte.„Nein“, flüsterte er. „Das ist nicht möglich. Die Worte sind verloren. Ich habe sie selbst gelöscht. Vor dreitausend Jahren. In der großen Bibliothek von—“„Aethelgard“, sagte eine Stimme hinter ihm.Der Archivar wirbelte herum.Tyra stand am Rand der Lichtung, direkt hinter dem Seelenbrecher. Sie war a
Sie verließen die verbotene Bibliothek am vierten Morgen.Das Licht über Xylos war fahl und grau. Die schwebenden Gärten hingen schwer in der Luft, als drücke eine unsichtbare Last auf sie. Selbst die silbernen Blätter raschelten nicht mehr. Die ganze Insel schien den Atem anzuhalten.Sylva erwartete sie am Seherbecken. Neben ihr standen zwei junge Frauen, die Elias noch nie gesehen hatte. Sie waren identisch. Gleiche Gesichter, gleiche mandelförmige Augen, gleiche schlanke Statur. Aber die eine trug weißes Haar, das im Wind floss wie frisch gefallener Schnee, und die andere schwarzes Haar, das dunkel und glänzend war wie Obsidian.„Das sind meine Töchter“, sagte Sylva. „Lyra und Tyra. Sie werden euch begleiten.“Elias runzelte die Stirn. „Begleiten wohin? Wir haben keinen Plan, der Verstärkung vorsieht. Wir lassen uns fangen, das ist alles. Allein.“„Ihr werdet Xylos nicht allein verlassen.“ Sylvas Stimme war sanft, aber endgültig. „Meine Töchter sind keine Kriegerinnen wie Kaelen. A







