LOGINVor fünf Jahren traf Giulia die schwerste Entscheidung ihres Lebens: Sie verließ Lorenzo, den Mann, den sie liebte, um ihn vor einem finanziellen Ruin zu bewahren, von dem er nichts wusste. Sie nahm die Rolle der Ehrgeizigen auf sich und willigte ein, einen reichen Mann zu heiraten, damit Lorenzo freiziehen konnte. Fünf Jahre später ist Lorenzo zurück. Reich, mächtig und voller Hass, demütigt er sie, indem er sie zwingt, unter seinen Befehlen zu arbeiten. Schlimmer noch: Er umwirbt ihre jüngere Schwester Chiara und hält um ihre Hand an. Giulia findet sich in einer doppelten Qual wieder: Sie muss jeden Tag die Verachtung des Mannes ertragen, den sie immer noch liebt, und gleichzeitig mit gebrochenem Herzen das scheinbare Glück ihrer eigenen Schwester mit ihm miterleben. Giulia schweigt und nimmt lieber die Rache Lorenzos auf sich, als das Glück ihrer Schwester zu zerstören. Sie trägt allein die Last ihres Opfers und ihrer ungebrochenen Liebe , bis zu dem Tag, an dem eine öffentliche Demütigung, die zu weit geht, die Wahrheit dennoch ans Licht bringt. Als ihre Schwester den Brief entdeckt, den sie nie abgeschickt hat , jenen Brief, der die ganze Wahrheit erzählt , stürzt das fragile Lügengebäude in sich zusammen. Doch für Giulia ist bereits zu viel Leid geschehen, zu viele Stille haben einen Abgrund aufgerissen. Selbst angesichts der Reue Lorenzos fragt sie sich, ob die Liebe, die noch unter der Asche ihrer Geschichte glimmt, jemals wieder neu entfacht werden kann … oder ob manche Wunden verdammen, für immer im Schatten zu lieben.
View MoreIch öffne die Augen wieder. Der Bahnsteig ist noch da, grau, schmutzig, gleichgültig. Die Gleise glänzen in der Morgensonne, leer, unendlich. In der Ferne zeichnen sich die Gebäude von Mexiko-Stadt gegen den blauen Himmel ab, stille Zeugen meines Falls.Schritte hinter mir. Schwer, eilig. Ich drehe mich nicht um. Es ist mir egal. Alles ist mir egal.— Patron.Die Stimme von Carlos, einem meiner Wächter. Er ist außer Atem, als ob er gerannt wäre.— Patron, wir müssen gehen. Jetzt sofort.Ich antworte nicht. Ich bewege mich nicht. Ich starre weiter auf die leeren Gleise, auf den Horizont, wo sie verschwunden ist.— Patron, hören Sie mich? Wir müssen gehen. Das Anwesen wird angegriffen.Die Worte durchdringen den Nebel, der mein Gehirn umgibt. Angegriffen. Das Anwesen. Chiara.— Was?Meine Stimme ist rau, unkenntlich. Sie kommt aus meinem Inneren wie ein Knurren.— Das Anwesen wird angegriffe
DiegoDer Zug verschwindet in der Ferne. Das Geräusch der Räder auf den Schienen verklingt, ersetzt durch die Stille des Bahnhofs, durch die fernen Ansagen, durch die Schritte der Reisenden, die ihr Leben weiterleben, als ob nichts geschehen wäre.Als ob mein Leben nicht gerade zum Stillstand gekommen wäre.Ich bleibe reglos auf dem Bahnsteig stehen. Meine Füße sind wie auf den Beton geschweißt, meine Arme hängen schlaff an meinem Körper, meine Augen sind auf den Punkt gerichtet, wo der Zug verschwunden ist. Ich kann mich nicht bewegen. Ich kann nicht denken. Ich kann nichts anderes tun, als hier zu bleiben, leer, hohl, innerlich tot.Sie ist gegangen.Sie ist wirklich gegangen.Ich habe sie eingeholt, ich habe sie festgehalten, ich habe sie angefleht. Ich habe ihr den Mond versprochen, einen anderen Mann, ein anderes Leben. Ich bin vor ihr auf die Knie gefallen, vor all diesen Unbekannten, vor der ganzen Welt. Ich habe
Ich kann ihn nicht heilen. Ich habe es versucht. Ich habe es so sehr versucht. Aber man heilt nicht jemanden, der nicht geheilt werden will. Man rettet nicht jemanden, der nicht gerettet werden will.Und Diego will nicht gerettet werden. Er will geliebt werden. Er will angebetet werden. Er will, dass man ihm alles gibt, ohne dass er irgendetwas an dem ändern muss, was er ist.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Ich wiederhole die Worte leise, für mich allein, um sie mir in den Schädel zu hämmern, um nicht zu vergessen, warum ich gegangen bin.— Und ich werde dich nicht überleben.Der Zug nimmt wieder Fahrt auf. Die Landschaft zieht vorbei, immer grüner, immer schöner. Die Sonne steht jetzt hoch, sie flutet den Waggon mit einem warmen, goldenen Licht. Die anderen Reisenden dösen, lesen, schauen auf ihre Telefone.Ich bin allein in ihrer Mitte. Allein mit meinen Gedanken, meinen Reuegefühlen, meinen zerbrochenen Hoffnungen.
ValentinaDer Zug fährt. Die Schienen gleiten unter den Waggons dahin, schnell, regelmäßig, hypnotisch. Das Geräusch ist ein dumpfes Grollen, das in meiner Brust vibriert, in meinen Knochen widerhallt, mich am Denken hindert. Oder vielleicht bin ich es, die sich am Denken hindert, die die Bilder, die Erinnerungen, die Worte, die er gesagt hat, zurückdrängt.Diego auf den Knien auf dem Bahnsteig.Diego, der mich anfleht.Diego, der weint.Ich schließe die Augen. Ich will das nicht sehen. Ich will mich nicht daran erinnern. Aber die Bilder sind da, eingraviert hinter meinen Lidern, unauslöschlich, unerträglich.— Du wirst dich nie ändern, Diego.Die Worte, die ich gesagt habe, hallen in meinem Kopf wider, immer wieder, wie ein Urteil, wie eine Verdammung, wie eine Wahrheit, vor der ich nicht fliehen kann.— Du wirst dich nie ändern.Ich habe sie für mich genauso gesagt wie für ihn. Um mich zu üb
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaIch löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäu
GiuliaDer Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt best











