MasukVon ihrem Vater verstoßen und von ihrer Stiefmutter schikaniert, sah Sophie Tanner nur einen Ausweg: Sie drang in die Villa des mächtigen Magnaten von Königsberg, Maximilian von Berg, ein und forderte ihn zur Heirat. Am Tag der Hochzeit entdeckte Maximilian, dass Sophie keine Jungfrau mehr war. Er war überzeugt, sie führe ein zügelloses Leben und sei moralisch verdorben. Nach zehn Monaten brachte Sophie ihr Kind zur Welt, willigte in die Scheidung ein, verließ das Haus ohne einen Cent. Sie verschwand spurlos. Jahre später kehrte Sophie nach Königsberg zurück – an ihrer Seite ein Kind. „Herr von Berg, ich habe gehört, Sie suchen einen Privatarzt?“ Maximilian tappte bereitwillig in die Falle: „Sie sind eingestellt.“ Gerüchte machten die Runde: Herr von Berg hatte keine Ehefrau und brauchte keine Geliebte – stattdessen umsorgte er seine Privatärztin wie einen Schatz. Ihr Kind, dessen Vater unbekannt war, behandelte er wie sein eigenes.
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Die Orgel schwoll an, die Türen öffneten sich, und jeder Kopf drehte sich um, als ich den Gang hinunter auf Raymon zuging. Der Duft der Lilien war so dick, dass ich ihn schmecken konnte.
Ich war auf halbem Weg, da hob er die Hand, und die Musik brach mitten im Ton ab.
Ein Raunen rollte durch die Bankreihen, Flüstern, knarrendes Holz, irgendwo quengelte ein Baby, und dann wurde auch das still. Raymon lächelte mich nicht an. Sein Kiefer mahlte einmal, so wie immer, bevor er Neuigkeiten verkündete, die er sich zurechtgelegt hatte. Ich hätte es erkennen müssen.
„Lass uns das abblasen, Xenia." Seine Stimme war leise. „Ich glaube nicht, dass ich das durchziehen kann …"
Ich blinzelte, überzeugt, mich verhört zu haben.
„Es tut mir leid. Ich kann das nicht, Xenia."
Für einen schwindelerregenden Moment kippte die Welt unter meinen Füßen, mein Herz hämmerte in meinen Ohren. Ich wich zurück, um ihn anzusehen, aber er wich meinem Blick aus. Er starrte an mir vorbei.
Ich drehte mich um.
Zenia stand ein paar Schritte entfernt, wie erstarrt, das Gesicht so bleich wie die Lilien, der Brautstrauß hing kraftlos in ihren Fingern.
„Zenia." Raymons Stimme klang weit weg, als er nach der Hand meiner Schwester griff, direkt vor aller Augen. „Ich liebe sie."
Er wandte sich dem Saal zu. „Zenia und ich … wir haben das nicht geplant. Aber sie ist schwanger, und das Kind ist von mir. Ich kann nicht hier stehen und dich heiraten, wenn ich das weiß. Es tut mir leid. Es tut mir so leid."
Die Stille zerbarst. Flüstern brach über die Bankreihen herein, Hat er gerade …? Ihre eigene Schwester …? Am Altar?, und stürzte wie Eiswasser auf mich nieder.
Das hier war der Moment, in dem ich zusammenbrechen sollte, in dem mein Körper nachgeben sollte, damit mich jemand auffing. Es passierte nicht. Nicht einmal meine Hände zitterten, und das machte mir mehr Angst, als wenn sie es getan hätten.
„Wie lange?" Die Stimme, die aus mir kam, klang nicht nach meiner.
„Xenia …", setzte Zenia an, in diesem weichen, verletzten Ton, den sie immer anschlug, wenn sie Mitleid wollte.
„Ich habe dir eine Frage gestellt, Zenia. Wie lange, verdammt noch mal?"
Ihr Gesicht fiel in sich zusammen. „Seit dem Valentinswochenende." Ihre Stimme brach. „Es tut mir so leid. Ich wollte nie, dass es so kommt."
Valentinstag. Das Wochenende, an dem Raymon mich mit dem Ausflug zum Weingut überrascht hatte und dann wegen eines „Notfalls auf der Arbeit" früher nach Hause gefahren war. Das Wochenende, an dem Zenia ihr Date abgesagt hatte, weil sie „krank" war. Die Rechnung ging mir auf einmal auf, kalt und scharf lief sie mir das Rückgrat hinunter: Mein Geburtstag war im letzten Frühjahr gewesen.
„Das war, bevor er mir den Antrag gemacht hat."
Zenia sagte nichts.
„Wie konntest du nur?" Ich hielt inne und holte tief Luft, und genau da sah ich es.
Zenia hob die andere Hand, um sich das Haar zurückzustreichen, und da, an ihrem Handgelenk, hing das kleine goldene Schlüsselarmband. Meins. Das, das Dad mir zu meinem neunzehnten Geburtstag geschenkt hatte, das, das ich ihr letzten Monat für einen Firmentermin geliehen und nie zurückbekommen hatte.
„Du trägst mein Armband."
Sie erstarrte.
„Du hast es zu meiner Hochzeit getragen." Meine Stimme wurde leise, fast staunend, als würde ich laut ein Rätsel lösen. „Du hast vor zwanzig Minuten in meiner Umkleide gestanden und zugelassen, dass Mom an deinem Brautstrauß herumzupft … mit meinem Armband am Handgelenk und seinem Baby im Bauch."
„Ich wusste nicht, dass er es so machen würde, ich schwöre …"
„So?" Ich drehte mich zu Raymon um, der bereits diesen ruhigen, vernünftigen Ausdruck aufgesetzt hatte, den er immer trug, wenn er der einzige Erwachsene im Raum sein wollte. Etwas in mir wurde ganz still und ganz kalt.
„Du hast gewartet. Das ist das, worüber ich nicht hinwegkomme. Du hast diesen Anzug angezogen. Du hast dich hier hingestellt. Du hast mich den ganzen Weg zu dir laufen lassen, vor allen, die ich liebe … nur damit du es dort tun kannst, wo ich nicht schreien kann. Was, hattest du nicht das Rückgrat, es mir vor Monaten zu sagen? Brauchtest du ein Publikum, hinter dem du dich verstecken kannst?"
„Xenia, so war es nicht."
„Genau so war es. Fick dich."
Ein Stuhl kratzte hart über den Steinboden, und dann war mein Vater auf den Beinen und in Bewegung, und es war, als würde der gesamte vordere Teil der Kirche ins Wanken geraten.
„Du Mistkerl." Er war schon halb am Altar, bevor irgendjemand reagierte, und Raymons glattes Gesicht bekam endlich Risse und wurde blass, denn mein Vater war kein großer Mann, aber er kam über diesen Boden wie einer. „Du hast sie das monatelang planen lassen. Du hast mir bei einem Kaffee in die Augen gesehen. Ich habe mit dir zusammen einen Zaun repariert …"
„Sir, bitte …" Raymon wich zurück und stieß gegen den Priester.
Zwei der Trauzeugen packten Dad an den Armen, und es brauchte beide, dazu seinen Onkel, der herbeieilte und eine Handvoll von Dads Jackett zu fassen bekam. Dad drängte immer noch nach vorn und brüllte etwas, das ich über das Tosen in den Bankreihen nicht mehr verstehen konnte. Handys waren erhoben. Irgendwo weinte eine Frau, die nicht ich war. Zenia hatte beide Hände vor dem Mund. Mom saß erstarrt in der ersten Reihe, das Programmheft, mit dem sie sich vor zehn Minuten noch Luft zugefächelt hatte, lag zusammengefaltet in ihrem Schoß. Sie war nicht aufgestanden, hatte nach niemandem gegriffen, hatte nicht ein einziges Mal etwas getan, und auch das legte ich in meinem Kopf ab.
Hinter mir geschah das alles jetzt, der ganze Saal kippte ins Chaos, mein Leben brach in voller Lautstärke auseinander, und irgendwie war ich die ruhigste Person im ganzen Gebäude. Ein ferner Teil von mir stellte es mit distanzierter Neugier fest, so wie man zusieht, wie das Haus eines Fremden auf der anderen Straßenseite brennt. Ich hatte mich schon umgedreht. Ich war fertig.
„Xenia …" Zenias Stimme, nass und brüchig, jagte mir hinterher.
Ich blieb stehen und sah zurück auf die beiden: meine Schwester, eine Hand auf dem Bauch, mein Verlobter, an den Priester gepresst, die gleiche Schuld in ihren gleichen Gesichtern.
„Ihr habt einander verdammt noch mal verdient", sagte ich zu ihnen, und ich meinte es wie einen Fluch. „Du solltest meine Vertraute sein, Zenia."
Ich dachte an all die Monate voller Serviettenfarben und Stuhlhussen, an einen Sitzplan, der Zenia am Haupttisch neben mich gesetzt hatte. Jedes sorgfältige Detail sah jetzt aus wie ein Beweisstück.
Dann ging ich. Den Gang hinauf, vorbei an Hunderten von Gesichtern, die zu einem Fleck verschwammen, während jemand zu klatschen anfing, dann noch jemand, vor allem Fremde, Leute, die wegen der Torte gekommen waren, bis es, als ich die Türen erreichte, eine Welle in meinem Rücken war. Ich drehte mich nicht um. Mein Rücken blieb gerade und mein Kinn oben.
Die Kirchentüren schlossen sich hinter mir über dem Klang meines Vaters, der noch immer brüllte, und meiner Schwester, die noch immer weinte. Dann war es still, und dann war da nur noch ich.
Die Kapelle lag oben an einer langen Steintreppe, einer von der repräsentativen Sorte, die wir ausgesucht hatten, weil sie auf den Fotos aussehen würde wie aus einem Film. Sie ergoss sich vor mir hinab, Stufe um endlose Stufe, hinunter zu den Gärten und den Autos und dem Rest meines Lebens.
Vier Stufen schaffte ich.
Dann rannte ich.
Der Himmel hatte sich geöffnet, während ich drinnen war, und der Regen kam in Schleiern herunter und durchnässte meinen Schleier, mein Kleid, mein Gesicht. Meine Absätze rutschten auf dem nassen Stein, und der Schleier klebte an meiner Wange wie eine Hand, die versuchte, mich zurückzuhalten. Es war mir egal. Ich raffte den Rock in beide Fäuste und rannte die restlichen Stufen hinunter, durch die Gärten, auf die Straße zu.
Das Auto sah ich nie.
Scheinwerfer, eine Hupe, das Kreischen von Bremsen auf nassem Asphalt, und dann der Aufprall.
Die Welt drehte sich. Regen schlug mir ins Gesicht, und mein Mund füllte sich mit dem Geschmack davon und von verlaufener Wimperntusche, der Schleier lag zerknüllt neben mir wie etwas Ertrunkenes. Irgendwo über mir rief ein Mann meinen Namen, und ich kannte diese Stimme.
Es war nicht Raymons.
Die Dunkelheit verschluckte den Rest.
Georg holte Sophie ab und brachte sie ins von Berg-Hochhaus, direkt ins Chefbüro.„Der Chef ist beschäftigt. Mach es dir bequem, Sophie.“Georg und sie kannten sich von früher, da waren keine großen Worte nötig. Dass Sophie wieder hier war, sprach für sich.Sophie ließ sich aufs Sofa fallen, zu träge, um sich zu rühren.Das Handy summte. Eine Nachricht von Maximilian.– Die Sachen für heute Abend liegen bereit, im Ruheraum. Außerdem Snacks, die du magst. Iss etwas.Sie las es und legte das Handy weg.Langsam stand sie auf und ging zum Ruheraum.Gerade hatte sie die Hand auf der Türklinke, als die Bürotür aufging. Eine Sekretärin führte Diana herein.Diana war überrascht, Sophie zu sehen. „So … Sophie?“Sophie war deutlich gelassener und nickte. „Diana.“„Du …“Diana leckte sich die Lippen, erstaunt und etwas amüsiert. „Was machst du hier? Bist du wegen Herrn von Berg gekommen?“Äh. Sophie wusste nicht, wie sie es erklären sollte, und es war auch nicht nötig.Also nickte s
Die Kleine nahm den Löffel und hielt ihrer Mama einen Bissen hin.„Danke, mein Schatz.“Sophie nahm ihn lächelnd an.Mutter und Tochter genossen ihre gemeinsame Zeit, als das Handy klingelte.Sophie nahm ab, und ihre Miene änderte sich. „Herr von … Maximilian.“Als sie ihn fast wieder mit „Herr von Berg“ ansprach, wurde Maximilian ungehalten. Immerhin fing sie sich und korrigierte sich.„Hm.“ Maximilian sagte: „Georg holt dich gleich ab. Komm in die Firma.“„Gibt es etwas?“ Sophie umklammerte das Handy.„Heute Abend begleitest du mich zu einem Geschäftsessen.“Was? Sophie war überrascht. Musste sie ihn auch zu Geschäftsessen begleiten?„Warum sagst du nichts?“ Maximilian fragte: „Willst du nicht? Oder findest du, dass du das nicht musst?“„Nein.“Sophie beeilte sich zu sagen: „Heute Abend kann ich nicht weg, ich muss bei Eila bleiben.“Sie konnte sie nicht ständig zu Leopold bringen. Das war eine Zumutung für den alten Mann, und schließlich war es ihr eigenes Kind.„Es is
„Lina!“Sophie kam ihr entgegengerannt.Sie hatte vom Auto aus zugesehen. Gehört hatte sie nichts, aber sie konnte sich ungefähr zusammenreimen, was passiert war.„Sophie!“Als sie Sophie sah, brach Lina zusammen. Sie rannte in ihre Arme, und ihre Augen wurden sofort rot.„Nicht weinen.“Es brach Sophie das Herz, Lina so zu sehen.Sie hob den Kopf und funkelte den heraneilenden Julian an. „Stehen bleiben! Komm nicht näher!“„Sophie?“Julian blieb stehen, hin- und hergerissen.„Lina … bitte hört mir beide zu. Lasst mich das erklären.“„Sophie, nein.“ Lina schluchzte und schüttelte den Kopf.„Ich weiß.“Sowohl aus Vernunft als auch aus Freundschaft stand Sophie fest auf ihrer Seite.Entschieden hielt sie Julian fern. „Es gibt nichts zu erklären. Zweigleisig fahren – ist das etwa etwas, worauf man stolz sein kann?“Sie war zugleich angewidert und fassungslos.„Julian, wir kennen uns seit über zehn Jahren. Heute hast du mir die Augen geöffnet. Ich hätte nie gedacht, dass wi
„Wie aufs Stichwort.“ Lina freute sich, hob die Hand und wollte rufen: „Jul–“Der Rest blieb ihr im Hals stecken.Denn hinter Julian kam eine Frau. Zierlich, schlank, ein damenhaftes Kleid, langes, wallendes Haar.Vielleicht war Julian zu schnell gegangen, sie kam nicht mit.Lächelnd beschwerte sie sich: „Nicht so schnell.“Julian blieb entschuldigend stehen. „Tut mir leid, ich war zu schnell.“„Schon gut …“ Die Frau hakte sich lächelnd bei ihm unter und schmollte: „Aber geh nicht mehr so schnell, denk an mich.“„Okay.“Julian lächelte und nahm ihr die Tasche ab.Gemeinsam gingen sie weiter.Lina stand wie vom Blitz getroffen da und starrte die beiden an. Sie kamen direkt auf sie zu.Eine unvermeidliche Begegnung.„…“Julian blickte auf und sah Lina.Augenblicklich blieb er stehen, runzelte die Stirn und erwiderte ihren Blick.„Lina …“Schuldbewusst wurde ihm etwas klar. Sofort schob er die Frau von sich und gab ihr die Tasche zurück.Die Frau wusste zwar nicht, was lo
Ohne Nebenjob musste Sophie den Gürtel enger schnallen und dringend eine neue Arbeit finden.Doch wie sie befürchtet hatte – wegen ihrer ohnehin schon arbeitsreichen Praktikumsstelle hatte sie keine zeitliche Flexibilität. Einen Nebenjob zu finden war nicht einfach.Eine Woche lang suchte Sophie i
„Adrian, geh zur Seite.“Maximilian schob Adrian beiseite. Die Wut von eben war verschwunden, und er hatte wieder seine gewohnte, unnahbar vornehme Haltung angenommen.Kühl fragte er: „Was gibt es?“„Hast du dafür gesorgt, dass sie mich entlassen?“„Ja.“Maximilian warf ihr einen Blick zu. „Ich
Sophie verbrachte den ganzen Tag in Linas Wohnung.Am Abend sah Sophie auf die Uhr, nahm ihre Tasche und ging hinaus. Heute Nacht hatte sie einen Nebenjob.Nach ihrem achtzehnten Geburtstag gab Vivian ihr kein Geld mehr.Sie lebte von Stipendien und Nebenjobs.Was die Karte anging, die Maximilia
Von einem starken Bauchgefühl getrieben, drehte Sophie sich um und ging zurück.Vor dem Haus der Tanners kam Melissa heraus, hatte sich umgezogen und ihr Make-up erneuert.Die Autotür öffnete sich, Maximilian stieg aus und reichte ihr einen Blumenstrauß.Leuchtend rote Rosen, Symbol brennender Li












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