Rainas Perspektive
Ich erhob mich vom Boden und ließ den Regen über der kleinen Lichtung, in der ich mich befand, mit einer einzigen Handbewegung verstummen. Ich konnte nicht länger hier sitzen und im Selbstmitleid versinken. Selbsthass würde mir nicht helfen. Trainieren aber schon. Ich musste mich auf alles konzentrieren – nur nicht auf Alpha Xander.
„Lass uns trainieren, Weather.“
„Bist du sicher, dass du das jetzt machen willst? Du weißt, dass es viel Konzentration braucht.“
„Ich bin sicher.“
Nachdem ich gelauscht und die Luft geprüft hatte, um sicherzugehen, dass niemand in der Nähe war, rief ich Weather nach vorn. Im nächsten Moment standen wir auf allen Vieren und ich blickte auf Weathers saphirblaue Pfoten hinab, die im Mondlicht schimmerten. Unser Fell zeigte unter dem Mond immer silberne Sprenkel – ein Zeichen dafür, dass wir von der Mondgöttin selbst gesegnet worden waren. Die silbernen Punkte wirkten, als würden Regentropfen über unser Fell perlen. Doch die wahre Schönheit zeigte sich, wenn wir liefen und das Silber sich in einen regelrechten Sturzregen verwandelte.
„Was sollen wir trainieren? Ich wollte schon lange versuchen, einen kleinen Tornado zu beschwören.“
„Das wird viel Konzentration und Kraft brauchen, aber ich weiß, dass wir das schaffen.“
Anfangs waren meine Kräfte eng mit meinen Emotionen verknüpft gewesen, und es hatte lange gedauert, bis ich meine Launen und Gefühle im Griff hatte. Mit fünf war ich schließlich so weit gewesen, Regen mit einem Fingerschnippen zu rufen, statt ihn nur dann auszulösen, wenn ich wütend oder traurig war. Von diesem Tag an hatte ich meine Emotionen immer unter Kontrolle gehabt.
Der Mond stand hoch am Himmel, kaum eine Wolke war zu sehen, also wusste ich, dass dies die perfekte Nacht für etwas Fortgeschrittenes war. Wir konnten unsere Stärke direkt aus dem Mond ziehen. Ich grub die Pfoten in die Erde und wollte gerade beginnen, den Wind zu rufen, als Weather innehielt.
„Ich höre jemanden“, sagte sie und hob die Schnauze, um den Eindringling zu wittern. In derselben Sekunde traf mich der betörendste Duft meines Lebens, den ich je wahrgenommen hatte. Er erinnerte an die Luft nach einem Gewitter, gemischt mit purem männlichem Moschus, und ließ mir sofort das Wasser im Mund zusammenlaufen. In diesem Moment wollte ich nur noch in die Richtung des Geruchs rennen und meine Nase darin vergraben.
Ich wurde aus meiner Trance gerissen, als Weather in meinem Kopf in Panik geriet. „Es ist unser Gefährte! Wenn wir ihn riechen können, kann er uns garantiert auch. Ich werde zurückverwandeln, und du musst Regen rufen, um unseren Duft abzuwaschen.“
Keine Sekunde später stand ich wieder auf zwei Beinen und zog hastig meine Kleidung über. Ich hörte Xander näherkommen, also beschwor ich den Regen, während Weather sich in die Tiefen meines Inneren zurückzog, wo niemand außer mir sie wahrnehmen konnte.
„Ich dachte, du wolltest, dass er weiß, dass wir seine Gefährtin sind?“, fragte ich sie. Sie hatte mir so lange eingeredet, dass wir unseren Gefährten brauchten – da wäre Verstecken eigentlich das Letzte gewesen, was sie wollte.
„Die Zeit ist noch nicht reif“, war alles, was sie sagte.
„Warum kann ich ihn jetzt riechen, aber vorhin im Speisesaal nicht?“
„Ich habe seinen Gefährten-Duft vor dir blockiert, damit du nicht ausflippst und davonläufst, bevor du ihn überhaupt gesehen hast.“
Ich verdrehte nur die Augen über sie.
Der Regen prasselte um mich herum herab, durchnässte meine Kleidung und wusch Weathers Duft fort – aber nichts hatte sich je besser angefühlt. Im Regen fühlte ich mich immer am wohlsten, am ruhigsten.
Plötzlich raschelte es im Gebüsch gegenüber, und kurz darauf trat ein großer, grauer Wolf aus dem dunklen Wald.
Er war majestätisch und mit Leichtigkeit einer der größten Wölfe, denen ich je begegnet war. Er war nur ein wenig kleiner als der Wolf meines Vaters, doch während der meines Vaters tiefschwarz wie die Mitternacht gewesen war, zeigte sich Xanders Wolf in einem dunklen Anthrazitgrau, das mich an einen Sturmhimmel erinnerte.
Ich wusste, ich hätte wohl so tun sollen, als hätte ich Angst, aber ich war viel zu sehr von dem Wolf meines Gefährten fasziniert. Angesichts der Tatsache, dass er mir, der rechtmäßigen Königin, zugeordnet war, sollte mich die Größe seines Wolfs kaum überraschen, und trotzdem konnte ich nicht anders, als ihn zu bestaunen.
Ein Stich ging mir durchs Herz, als er sich abwandte und in den dichten Wald zurücklief. Schon wollte ich mich fragen, warum er mich einfach stehen ließ, da begriff ich den Grund: Wenige Sekunden später kehrte er in Menschengestalt zurück – nur mit einer grauen Jogginghose bekleidet.
„Verdammt, unser Gefährte ist heiß“, meldete sich Weather. Ich wollte sie auslachen, aber ich konnte nicht, weil sie verflucht noch mal recht hatte. Jetzt, wo er nicht mehr im Anzug steckte und oben ohne war, konnte ich ihn mir richtig ansehen. Harte, gemeißelte Muskeln an all den richtigen Stellen, die jedes Mädchen zum Sabbern bringen würden, Tattoos, die sich seine Arme hinab und über seine Brust zogen. Sein durchtrainter Bauch glänzte im Regen, die Tropfen liefen über ihn hinab, bis sie am Bund seiner Jogginghose knapp über seinem sündhaft attraktiven V-Schnitt versickerten.
„Heilige Scheiße“, war alles, was ich ihr darauf entgegnen konnte.
Mir war nur zu bewusst, dass ich ihn anstarrte und ungeniert musterte, aber es war nahezu unmöglich aufzuhören. Als sich sein dunkelbraunes Haar, an den Seiten kurz und oben länger, in nassen Strähnen in seine Stirn senkte, konnte ich nicht anders, als der Mondgöttin zu danken, dass sie mir so einen solchen Gott von einem Mann als Gefährten geschenkt hatte.
Die schmutzigen Gedanken und Bilder, die Weather und ich uns ausmalten, verflüchtigten sich, als ich seinen Mund betrachtete und dort ein Grinsen entdeckte. Er hatte bemerkt, dass ich ihn anstarrte, aber, um fair zu sein, musterte er mich ebenfalls.
Das Grinsen wich nicht von seinen vollen Lippen, als er fragte: „Was machst du ganz allein hier draußen? Weißt du nicht, dass der Wald gefährlich sein kann, besonders nachts?“
Seine Stimme war tief und jagte mir einen Schauer den Rücken hinunter. Er sammelte sich tief zwischen meinen Beinen und löste ein neues, ungewohntes Ziehen in meinem Inneren aus. Ich hätte ihm stundenlang zuhören können. Verfluchte Gefährtenbindung.
Ich sah in seine silbrigen Augen und legte mir selbst ein Grinsen auf. „Keine Sorge, ich kann gut auf mich aufpassen.“
„Ach ja?“ Er lachte leise und machte ein paar Schritte auf mich zu. Mondgöttin, selbst sein Lachen klang schön.
Ich stemmte die Hände in die Hüften und schob eine Hüfte vor. „Na ja, zumindest bis der große, böse Wolf beschlossen hat, aufzutauchen.“ Ich wusste, ich sollte nicht mit ihm flirten, aber ich konnte einfach nicht anders. „Die eigentliche Frage ist: Was machen Sie hier draußen?“
Ich beobachtete, wie seine silbrigen Augen aufleuchteten – ein Zeichen dafür, dass sein Wolf anwesend war.
„Ich dachte, ich hätte etwas gerochen. Der Duft hat mich hierher geführt, aber jetzt ist er verschwunden.“
Er hatte meine Wölfin und mich gerochen. Er hatte die Gefährtenbindung wahrgenommen.
Jedes normale Mädchen hätte ihm an dieser Stelle gesagt, dass er ihr Gefährte war, aber mein Leben war alles andere als normal. Es war nur eine Frage der Zeit, bis mein Leben wieder gefährlich wurde, und ein Gefährte war in so einer Lage das Letzte, was ich gebrauchen konnte. Ein Gefährte war eine Ablenkung und nur eine weitere Person, die gegen mich eingesetzt werden konnte.
Das bedeutete aber nicht, dass ich bis dahin nicht ein wenig Spaß mit ihm haben konnte. Er würde wahrscheinlich morgen abreisen, nachdem er seine Angelegenheiten mit Alpha David erledigt hatte. Dann würde ich ihn nicht wiedersehen, bis das Schicksal uns erneut zusammenführt.