Der Wolf der mich wählte

Der Wolf der mich wählte

last updateLast Updated : 2026-06-13
By:  LinaUpdated just now
Language: Deutsch
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Als Journalistin ist Lina gewohnt, zwischen Menschen und Geschichten zu stehen, ohne sich von ihnen berühren zu lassen. Doch als ein anonymer Anruf sie in ein abgelegenes Dorf tief im Wald lockt, spürt sie sofort, dass dieser Ort anders ist. Zu still. Zu wachsam. Zu sehr, als würde er etwas verbergen. Schon bei ihrer Ankunft fühlt sie sich beobachtet — und sie liegt nicht falsch. Der Alpha des Rudels hat ihren Duft längst wahrgenommen. Er kennt jede Bewegung in seinem Territorium, jeden Atemzug, jedes fremde Herz. Doch Lina ist anders. Sie gehört nicht hierher, und doch reagiert sein Wolf auf sie, als hätte er auf genau diesen Moment gewartet. Während Lina versucht herauszufinden, warum man sie wirklich in dieses Dorf gerufen hat, gerät sie zwischen die Fronten eines Rudels, das sie nicht willkommen heißt. Vor allem nicht Mara, die Frau, die sich selbst als zukünftige Luna sieht — und die bereit ist, alles zu tun, um ihre Position zu verteidigen. Lina ahnt nicht, dass sie Teil einer Wahrheit ist, die größer ist als ihr Auftrag. Und der Alpha ahnt nicht, dass diese Fremde sein Schicksal verändern wird. Doch Schicksal bedeutet nicht Liebe. Und Liebe bedeutet nicht Sicherheit. Nicht in einem Dorf, in dem jeder Schritt beobachtet wird. Nicht in einem Rudel, das seine Geheimnisse mit Zähnen verteidigt.

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Chapter 1

Kapitel 1 - Die Ankunft

Lina mochte Wälder nicht besonders. Straßen lagen ihr mehr, Straßen, die nie wirklich still wurden, und Gebäude, die sich wie feste Ankerpunkte in den Himmel schoben. In der Stadt wusste man immer, woher Geräusche kamen und wohin Menschen gingen. Selbst das Chaos folgte einer Logik, die sie verstand. Der Wald dagegen war ein Raum ohne klare Linien, voller Schatten, die sich bewegten, ohne dass man sah, was sie bewegte, und voller Stille, die sich nicht wie Ruhe anfühlte, sondern wie etwas, das wartete.

Trotzdem saß sie jetzt im Bus, der tiefer in diese Landschaft hineinfuhr, als es ihr recht war. Das Fenster vibrierte leise neben ihr, jedes Schlagloch schickte ein dumpfes Zittern durch die Sitze, und draußen zog eine Welt vorbei, die mit jedem Kilometer fremder wirkte. Die Straßen wurden schmaler, die Häuser seltener, die Abstände größer. Irgendwann war nur noch Wald geblieben.

Sie hätte den Auftrag ablehnen können. Niemand hätte sie dazu gezwungen. Es gab Kollegen, die solche Geschichten mochten — Dörfer mit Fachwerkhäusern, Menschen mit rauen Händen und Sätzen wie hier kennt noch jeder jeden. Doch sie hatte nicht abgesagt. Vielleicht lag genau darin der eigentliche Grund, warum sie zugesagt hatte.

Ihr Chef hatte von einem Artikel über ländliche Gemeinden gesprochen, die trotz Abwanderung überlebten. Von Orten, die sich gegen das langsame Verschwinden stemmten, obwohl alles dagegensprach. Ein paar Gespräche, ein paar Fotos, ein Text, der irgendwo weit unten auf der Startseite landen würde, gelesen von Menschen, die beim Scrollen kurz innehielten und dann weiterzogen.

Nichts, das ihr Leben verändern sollte.

Doch der Unterton in seiner Stimme war ihr nicht entgangen.

„Nimm das. Es ist wichtig.“

Wichtiger, als ein Dorf im Wald eigentlich sein konnte.

Und dann war da noch dieser Anruf gewesen, der sie seit Tagen beschäftigte. Eine Frauenstimme, leise und angespannt, als würde sie im Flüsterton sprechen, obwohl sie allein war.

„Wenn du wirklich wissen willst, was hier passiert, komm jetzt.“

Mehr hatte die Frau nicht gesagt. Kein Name, keine Erklärung, kein zweiter Satz. Danach war die Leitung tot gewesen.

Lina hatte versucht zurückzurufen, doch die Nummer war nicht mehr erreichbar. Vielleicht ein Scherz. Vielleicht jemand, der Aufmerksamkeit wollte. Vielleicht eine Verwechslung. Trotzdem war da etwas an dieser Stimme gewesen, das sich in ihr festgesetzt hatte. Keine Panik, keine Hysterie. Nur Dringlichkeit.

Der Bus ruckte leicht, als er über eine schmale Brücke fuhr. Lina sah hinaus.

Unter ihr floss ein dunkler Bach zwischen Steinen, kaum sichtbar unter tief hängenden Ästen. Dahinter standen die Bäume so dicht, dass kaum Licht zwischen ihnen hindurchfiel. Der Boden war von Moos bedeckt, weich und unberührt, als hätte seit Jahren niemand einen Fuß darauf gesetzt. Selbst die Luft wirkte anders. Schwerer. Kälter. Als hätte sie mehr Gewicht als anderswo.

Eine feine Spannung breitete sich in ihr aus. Nichts, das Angst war. Eher eine Ahnung, die sich nicht greifen ließ.

In den letzten Wochen hatte sie oft das Gefühl gehabt, dass sie zwar funktionierte, aber nicht wirklich lebte. Termine, Deadlines, Besprechungen, Texte über Dinge, die sie nicht interessierten, Gespräche, bei denen alle so taten, als wäre Eile gleichbedeutend mit Bedeutung. Die Stadt war ihr vertraut, doch sie hatte sie müde gemacht.

Vielleicht war dieser Auftrag eine Pause.

Vielleicht nur ein weiterer Ort, an dem sie nicht bleiben würde.

Der Bus verlangsamte sich. Ein Schild tauchte am Straßenrand auf, weiß auf dunkelgrünem Grund. Der Name des Dorfes stand darauf, schlicht und unscheinbar, als wäre er nur für diejenigen bestimmt, die ihn ohnehin kannten.

Lina atmete tief ein. Die Luft, die durch die schlecht schließenden Fenster drang, roch nach feuchtem Holz und kalter Erde. Nach Regen, obwohl es nicht regnete. Nach etwas Altem.

Der Bus bog um eine letzte Kurve, dann lag das Dorf vor ihr.

Es wirkte kleiner, als sie erwartet hatte, und gleichzeitig schwerer zu überblicken. Die Häuser standen nicht ordentlich in Reihen, sondern so, als wären sie mit den Jahren dorthin gewachsen, wo Platz gewesen war. Dazwischen schmale Wege, niedrige Zäune, dunkle Dächer. Hinter allem begann sofort wieder der Wald.

Als der Bus hielt, wusste sie noch nicht, dass dieser Ort mehr für sie bereithielt als ein paar Interviews und Fotos. Sie wusste nur, dass etwas in der Luft lag, das nicht zur Routine passte.

Und dass sie beobachtet wurde, noch bevor sie ausstieg.

Der Busfahrer öffnete die Türen, und ein Schwall kalter Luft strömte hinein. Lina stand auf, griff nach ihrer Tasche und stieg aus. Der Boden unter ihren Schuhen war feucht, das Pflaster uneben, und der Geruch von Erde und altem Holz legte sich wie ein dünner Film über ihre Haut.

Für einen Moment blieb sie stehen, um sich zu orientieren.

Doch der Ort gab sich nicht sofort preis. Er wirkte, als würde er Fremde erst prüfen, bevor er ihnen erlaubte, sich zu bewegen.

Der Dorfplatz lag still vor ihr, eingerahmt von Häusern, die aus einer anderen Zeit zu stammen schienen. Die Fenster waren dunkel, die Fassaden schlicht, das Holz an manchen Stellen vom Wetter grau geworden. Selbst der Brunnen in der Mitte wirkte, als hätte er seit Jahren kein Wasser mehr gesehen.

Es war kein Ort, der sich bemühte, einladend zu wirken.

Eher einer, der darauf vertraute, dass diejenigen, die hierher kamen, einen Grund dafür hatten.

Sie zog ihren Koffer über das unebene Pflaster. Das leise Rattern der Rollen war das einzige Geräusch weit und breit. Keine Stimmen. Kein Hund. Kein Kinderlachen. Nur irgendwo ein loses Schild, das im Wind gegen eine Wand schlug.

Sie spürte die Blicke nicht direkt, aber sie wusste, dass sie da waren. Hinter Gardinen. In Türrahmen. Hinter Fenstern, die nur einen Spalt offen standen. Nicht offen feindselig. Nicht neugierig.

Eher abwartend.

Der Wind strich durch die Bäume am Rand des Platzes, und Lina zog den Reißverschluss ihrer Jacke höher.

Dann hob sie den Blick und sah ihn.

Er stand halb im Schatten eines Hauses, als wäre er Teil der Wand. Groß, ruhig, unbewegt. Seine Haltung wirkte gelassen, aber nicht entspannt, als wäre Ruhe für ihn keine Bequemlichkeit, sondern Kontrolle. Dunkles Haar, breite Schultern, Kleidung ohne etwas Auffälliges daran. Und doch zog er den Blick auf sich, ohne etwas dafür zu tun.

Sein Blick lag auf ihr, ohne dass er versuchte, es zu verbergen.

Es war kein neugieriger Blick. Kein feindseliger.

Eher einer, der etwas suchte.

Lina wusste nicht, was sie davon halten sollte. Also tat sie das, was sie immer tat, wenn sie sich beobachtet fühlte.

Sie ignorierte es.

Zumindest nach außen.

Sie wandte sich ab und ging weiter den kleinen Weg entlang, der zum Gästehaus führte. Der Koffer holperte über die Steine, und mit jedem Schritt schien der Wald näher zu rücken. Nicht sichtbar, eher im Gefühl. Als würden die Baumgrenzen dort enden, wo sie sie erwartete, und im nächsten Moment doch ein Stück weiter reichen.

Das Gästehaus lag etwas abseits. Ein schlichtes Gebäude mit dunklen Fensterrahmen und einer Tür, die bessere Tage gesehen hatte. Nicht einladend, aber funktional. Genau die Art Unterkunft, die man buchte, wenn man nur zum Arbeiten kam.

Sie zog den Schlüssel aus dem Umschlag, den man ihr im Bus gegeben hatte, und steckte ihn ins Schloss.

Erst als das Metall einrastete, hörte sie Schritte hinter sich.

Langsam. Bewusst gesetzt.

Nicht nah genug, um bedrohlich zu wirken. Aber nah genug, um klarzumachen, dass sie nicht allein war.

Sie drehte sich nicht sofort um. Stattdessen öffnete sie ruhig die Tür und stellte den Koffer über die Schwelle. Erst dann sah sie über ihre Schulter.

Der Mann vom Dorfplatz stand noch immer dort.

Ein Stück entfernt. Halb im Schatten, halb im Licht.

Er sagte nichts. Bewegte sich nicht. Doch sein Blick lag auf ihr, als würde er prüfen, ob sie hierher gehörte oder nicht.

Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke, und etwas in der Luft veränderte sich. Kein Geräusch, kein sichtbares Zeichen. Nur dieses seltsame Gefühl, dass die Welt um sie herum kurz innehielt.

Als hätte der Wald selbst den Atem angehalten.

Lina wandte sich ab, trat ins Gästehaus und schloss die Tür hinter sich.

Der Wald blieb draußen.

Der Mann auch.

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