Mag-log in„Suchst du etwas, Vivienne?“
Die Maske glitt ihr aus den Fingern und schlug mit einem leisen, entsetzlichen dumpfen Geräusch auf dem Schreibtisch auf.
Damien stand in seiner schwarzen Robe in der Tür, eine Schulter gegen den Türrahmen gelehnt. Das Licht aus dem Flur fiel von hinten auf ihn, sodass sein Gesicht größtenteils im Schatten lag. Nur seine Augen fingen den Lichtschein ein. Golden. Ruhig.
Ihr Mund öffnete sich. Kein Laut kam heraus.
„Du zitterst“, sagte er und trat ein.
„Ich konnte nicht schlafen.“ Die Worte sprudelten viel zu schnell aus ihr heraus. Mit der Hüfte schob sie die Schublade zu, als könnte sie damit alles ungeschehen machen. „Ich wollte ein Buch. Du bewahrst die alten doch immer hier auf.“
„Die alten stehen im zweiten Regal.“
„Ich weiß. Ich wollte nur …“
Er blieb vor ihr stehen. Ganz nah. Sie roch den Scotch in seinem Atem und darunter Seife. Schlichte, saubere Seife. Sie hatte nichts mit Sandelholz gemeinsam, und sie hasste es, wie angestrengt sie auf diesen Unterschied lauschte.
Er hob die Hand. Sie zuckte zusammen, bevor sie sich zurückhalten konnte.
Etwas huschte über sein Gesicht, so schnell wie ein Vogel, der an einem Fenster vorbeiflog. Dann strich er ihr langsam eine Haarsträhne hinters Ohr, als würde er mit Glas hantieren.
„Du solltest im Bett sein“, sagte er. „Du trägst mein Kind unter deinem Herzen.“
Mein Kind. Er sagte es so selbstverständlich. Ohne zu zögern. Ohne zu fragen.
„Ja“, sagte sie. „Natürlich.“
„Komm. Ich bringe dich nach oben.“
Seine Hand legte sich auf ihren unteren Rücken. Sie war warm und schwer und vermittelte absolute Gewissheit. Auf halber Höhe der Treppe blickte sie ein letztes Mal zurück. Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen, und die Dunkelheit dahinter wirkte wie ein aufgerissener Mund.
Er wusste es, dachte sie. Er wusste ganz genau, was ich mir angesehen hatte.
Er verlor kein Wort darüber.
Bis Montag hatte sich das Haus verändert.
Vivienne kam um neun Uhr die Treppe hinunter und fand eine Fremde in ihrer Küche vor, eine große Frau in einer weißen Schürze, die etwas umrührte, das nach Zitrone und Thymian roch.
„Guten Morgen, Mrs. Blackwood. Ich bin Marguerite. Ihre Köchin.“
„Meine was?“
„Mr. Blackwood hat mich gestern Abend eingestellt.“ Marguerite lächelte höflich. „Alles ist biologisch. Er hat den Speiseplan persönlich überprüft.“
„Er hat ihn überprüft.“
„Ja, Ma’am. Wegen des Babys.“
Vivienne stand mit einer Hand auf der Arbeitsplatte und spürte, wie sich der Boden unter ihr ein wenig neigte. Sie hatte nie eine Köchin erwähnt. Einen Arzt hatte sie ebenfalls nicht erwähnt, und trotzdem erschien um zehn Uhr ein grauhaariger Mann in einem sorgfältig gebügelten Mantel, eine Ledertasche in der Hand, und sagte: „Dr. Hale. Rund um die Uhr für Sie erreichbar. Ihr Mann hat darauf bestanden.“
„Ich habe meinen eigenen Arzt.“
„Nicht mehr, fürchte ich.“ Er lächelte. Sein Lächeln bedeutete nichts. „Bitte krempeln Sie den Ärmel hoch.“
Sie tat es. Die Nadel drang in ihre Haut, und sie beobachtete, wie ihr Blut das kleine Röhrchen füllte.
„Wofür ist das?“, fragte sie.
„Routine.“
„Routine wofür?“
„Zu Ihrer Sicherheit, Mrs. Blackwood.“
Wieder dieses Wort. Sicherheit. Es war bereits zur Tapete ihres Lebens geworden.
An diesem Nachmittag ging sie ins Kinderzimmer, den Raum, den sie sich kaum anzusehen gewagt hatte, und fand dort zwei Männer in grauen Uniformen vor, die Löcher in die Decke bohrten.
Die Wände waren in einem sanften Gelb gestrichen worden. Neben dem Fenster stand ein weißes Kinderbett. In der Ecke befand sich ein Schaukelstuhl, über dessen Armlehne eine gefaltete Decke lag. Es war wunderschön. Alles entsprach genau dem, was sie sich ausgesucht hätte, wenn sie jemand gefragt hätte.
„Was machen Sie da?“, fragte sie.
Einer der Männer blickte von der Leiter zu ihr hinunter. „Wir installieren die Kameras, Ma’am.“
„Kameras.“
„Sechs Stück in diesem Zimmer. In den Ecken, an der Decke, über dem Kinderbett.“ Er tippte gegen eine kleine schwarze Kuppel. „Nachtsicht. Bewegungsalarme. Mr. Blackwood wollte eine lückenlose Überwachung.“
„Sechs?“ Ihre Stimme klang dünn. „Für ein Baby, das noch nicht einmal geboren ist?“
„Ja, Ma’am.“
Sie starrte auf das schwarze Glasauge über dem Kinderbett. Es starrte zurück.
Hinter ihr ertönte eine leise Stimme. „Gefällt es dir?“
Damien stand mit zwei Tassen Tee in der Tür. Er durchquerte den Raum und reichte ihr eine davon. Sie nahm sie nur, weil ihre Hände etwas brauchten, womit sie sich beschäftigen konnten.
„Es ist wunderschön“, sagte sie vorsichtig. „Aber auch ganz schön viel.“
„Die besten Dinge sind das meistens.“
„Damien. Kameras?“
„Zu deiner Sicherheit.“ Er nahm einen Schluck Tee. „Und zu seiner. Die Welt ist voller Menschen, die sich ein Blackwood-Kind unter den Nagel reißen würden, Vivienne. Das weißt du.“
„Es ist ein Kinderzimmer. Keine Bank.“
„Es ist der wertvollste Raum in diesem Haus.“ Sein Blick wanderte zur Kamera und dann zu ihr. „Ich bin lieber übervorsichtig, als es später zu bereuen.“
Sie wollte widersprechen. Sie wollte den Tee gegen die gelbe Wand schleudern. Stattdessen senkte sie den Blick auf ihren Ehering, den sie am Morgen nach der Nacht im Hotel wieder angelegt hatte, und drehte ihn langsam mit dem Daumen.
„Ich gehe ins Schlafzimmer“, sagte sie.
„Natürlich.“
Sie war schon halb den Flur hinuntergegangen, als sie stehen blieb. Ein neuer Gedanke drängte sich in ihren Kopf, dünn und kalt.
Sie betrat ihr Schlafzimmer, schloss die Tür und stand vollkommen regungslos da.
Dann blickte sie nach oben.
Die erste Kamera saß in der Ecke über der Kommode, eine kleine schwarze Kuppel, die sich kaum von der Zierleiste abhob. Sie drehte sich um. Die zweite hing über dem Fenster. Die dritte über dem Bett.
Drei.
Ihre gesamte Haut schien sich zusammenzuziehen. Sie setzte sich auf die Bettkante, eine Hand vor den Mund gepresst, und plötzlich fühlte sich der Raum erschreckend klein an.
Er sieht mir beim Schlafen zu, dachte sie. Das hat er schon immer getan.
Die Wochen wurden zu einer Routine aus kleinen Gefangenschaften.
Die Köchin wog ihre Portionen ab. Der Arzt wog sie. Eines Abends nahm Damien ihr Handy an sich, angeblich, „um es zu aktualisieren“, und brachte es ihr beim Frühstück zurück. Es war ein wenig anders, ein wenig langsamer, als wäre jemand darin gewesen.
Als sie fragte, ob sie ihre Freundin Camille in der Stadt besuchen dürfe, sagte Damien: „Natürlich. Ich schicke den Fahrer.“ Der Fahrer wartete die gesamten zwei Stunden vor dem Café, und als sie herauskam, öffnete er ihr wortlos die Autotür.
Sie begann zu zählen. Kameras. Schlösser. Türen, die auf ihrer Seite stets offen und auf der anderen stets verschlossen waren.
Am Ende des vierten Monats hörte sie auf, sich etwas vorzumachen.
Im Dunkeln packte sie eine kleine Tasche. Reisepass, Bargeld aus dem Safe, von dessen Existenz sie eigentlich nichts wissen durfte, Wechselkleidung und die schwarze Karte mit dem goldenen D, die sie einfach nicht über sich brachte wegzuwerfen. Sie versteckte die Tasche unter der Kommode und setzte sich mit dem Rücken ans Bett auf den Boden. Ihr Herz hämmerte wie eine Trommel.
Morgen, sagte sie sich. Wenn Damien zur Vorstandssitzung fährt. Marguerite geht um zwölf einkaufen. Ich steige ins Auto. Ich halte nicht an.
Sie legte beide Hände auf ihren Bauch. „Es tut mir leid, mein Kleines“, flüsterte sie. „Ich versuche es.“
In dieser Nacht konnte sie nicht schlafen. Um Mitternacht gab sie auf, schlüpfte in einen Morgenmantel und ging den Flur hinunter zum Kinderzimmer. Sie wollte es noch einmal sehen. Wollte das Gefühl haben, dass wenigstens irgendetwas in diesem Haus ihr gehörte.
Die Tür stand offen.
Im Dunkeln wirkten die gelben Wände blassgrau. Die sechs kleinen Kameras blinkten nacheinander rot auf, wie Augen.
Sie trat ein.
Das Kinderbett war leer. Keine Matratze. Keine Decke. Die Bettwäsche war verschwunden, ebenso der Schaukelstuhl.
Nur ein weißer Umschlag lag mitten auf dem nackten Bettrahmen.
Auf der Vorderseite stand ihr Name in schwarzer Tinte, geschrieben in Damiens ordentlicher, scharfkantiger Handschrift.
Vivienne wurden beinahe die Knie weich. Sie fing sich am Bettrahmen ab. Ihre Finger schlossen sich um den Umschlag, und ihre Hände waren so kalt, dass sie ihn beinahe fallen ließ.
Sie öffnete ihn.
Eine einzige Zeile.
Hast du wirklich geglaubt, ich würde dich mitnehmen lassen, was mir gehört?
Das Papier raschelte in ihrer Hand. Sie las die Zeile dreimal, und jedes Mal schnitten sich die Buchstaben tiefer in sie hinein.
„Damien“, sagte sie in die Dunkelheit hinein, und ihre Stimme brach. „Wo bist du?“
„Genau hier.“
Sie wirbelte herum. Er saß im Schatten am Fenster. Sie hatte ihn nicht gesehen. Er musste die ganze Zeit dort gewesen sein, vollkommen regungslos, ein Bein über das andere geschlagen, ein Glas Whisky in der Hand.
„Du hast das Kinderbett weggebracht“, sagte sie.
„Ich wollte sehen, was du tun würdest.“
„Du wusstest es.“
„Natürlich.“ Er erhob sich ohne jede Eile. „Die Tasche unter der Kommode. Das Bargeld aus dem Safe. Die Art, wie du die Türen gezählt hast.“ Sein Blick glitt über ihr Gesicht. „Ich kenne dich, Vivienne. Ich kenne die Form deiner Lügen, noch bevor du sie aussprichst.“
„Du hast mich ausspioniert.“
„Ich habe dich bei mir behalten.“
„Nein.“ Sie wich zurück, wobei ihre Ferse am Teppich hängen blieb. „Du kannst das nicht so sagen, als wäre es Liebe.“
„Warum nicht?“
„Weil Liebe keine Kameras braucht!“
Ihre Stimme hallte durch den leeren Raum. Damien zuckte nicht einmal zusammen. Er legte lediglich den Kopf schief und betrachtete sie. Dann lächelte er, völlig unbegreiflich. Ein kleines, liebevolles Lächeln. So, wie ein Mann ein Kätzchen anlächelt, das ihm gerade die Hand zerkratzt hat.
„Du bist wunderschön, wenn du wütend bist“, sagte er. „Weißt du das?“
Ihre Hand hob sich wie von selbst. Er fing ihr Handgelenk sanft und ohne jede Eile ab und hielt es gegen seine Brust. Unter ihren Fingern spürte sie seinen Herzschlag, langsam und gleichmäßig.
„Geh zurück ins Bett“, sagte er. „Morgen wird Dr. Hale das Baby untersuchen. Marguerite kocht deine Lieblingssuppe. Danach wird es dir besser gehen.“
„Du bist nicht einmal wütend.“
„Nein.“
„Warum?“ Ihre Stimme brach. „Ich wollte dich verlassen.“
Sein Daumen strich über die Innenseite ihres Handgelenks, genau über die Narbe.
„Weil du es nicht tun wirst“, sagte er leise.
Neun Monate später war das Kinderzimmer vollständig eingerichtet.
Der Schaukelstuhl war zurückgekehrt. Das Kinderbett war mit weicher, weißer Bettwäsche bezogen. Vivienne lag drei Stockwerke tiefer in einem Krankenhausbett, schweißgebadet, das Haar an ihrer Stirn klebend, die Arme zitternd unter dem Gewicht des winzigen Körpers, den man ihr gerade auf die Brust gelegt hatte.
„Begrüßen Sie ihn“, flüsterte die Krankenschwester. „Begrüßen Sie Ihren Sohn.“
Er war klein, rot und wütend. Er schrie einmal auf und öffnete dann die Augen.
Goldbraun.
Vivienne hörte auf zu atmen.
Dunkles Haar kringelte sich auf seiner Kopfhaut. Eine zarte Nase. Ein Mund wie ihr eigener. Und diese Augen, warm wie Honig, den man gegen eine Kerzenflamme hielt, blickten zu ihr hinauf, mit einer Ruhe, die einem Neugeborenen nicht zustand.
Sie kannte diese Augen.
„Leo“, flüsterte sie. Es war der Name, den sie Wochen zuvor ausgesucht hatte, und er kam über ihre Lippen wie ein Gebet. „Hallo, Leo.“
Die Tür öffnete sich.
Damien trat leise ein. Seine Krawatte war gelockert, sein Jackett verschwunden. Einen Moment lang blieb er einfach am Fußende des Bettes stehen und betrachtete das Baby. Sein Gesicht zeigte etwas, das sie noch nie an ihm gesehen hatte. Es brach auf. Pure, unverhüllte, zitternde Freude.
Er trat zu ihr und nahm ihr das Baby mit bebenden Händen aus den Armen. Leo schmiegte sich an seine Brust, als hätte er schon immer dorthin gehört.
„Hallo, mein Junge“, sagte Damien. Seine Stimme war rau. Seine Lippen berührten die dunklen Locken. „Ich habe so lange auf dich gewartet.“
Vivienne lächelte schwach. „Zwei Stunden Wehen. So lange war das nun wirklich nicht.“
„Nicht das.“ Er blickte nicht auf. „Ich habe zwei Jahre auf dich gewartet.“
Im Zimmer wurde es still.
„Zwei Jahre?“, fragte sie.
Damien hob den Blick. Seine Augen waren feucht, aber nicht sanft. Sie brannten, hell und entschlossen und besitzergreifend. Als sein Blick auf sie fiel, hatte sie das Gefühl, die Temperatur im Raum sinke.
„Du gehörst jetzt mir“, flüsterte er dem Baby zu. Dann sagte er langsam zu ihr: „Ihr beide.“
Viviennes Blut gefror zu Eis.
Zwei Jahre.
Das Hotelzimmer. Die Kerze. Eine Stimme in der Dunkelheit, die gesagt hatte: Du hast keine Ahnung, wie lange ich schon auf dich warte.
Die Augen des Babys. Die Maske in der Schublade.
Ihr Mund wurde trocken.
Er hatte nie von dem Baby gesprochen.
Sie erinnerte sich nicht daran, wie sie über den Rasen gegangen war.Einen Moment zuvor hatte sie noch auf den Stufen der Veranda gestanden und einen gefalteten Brief in der Hand gehalten. Im nächsten stand sie am Rand des Gartens im hohen Gras, nah genug, um das Grau in seinem Haar, die Fältchen um seine Augen und die winzige halbmondförmige Narbe an seinem Kinn zu erkennen, die ihr zuvor nie aufgefallen war.„Du bist echt“, sagte sie.„Ich glaube schon.“ Er lächelte. „Ich habe mich vergewissert.“„Du bist älter geworden.“„Du auch.“ Sein Blick glitt langsam und liebevoll über ihr Gesicht. „Es steht dir.“Ein Lachen entfuhr ihr. Es brach in der Mitte ab. „Wie kannst du hier stehen?“„Ich bin nie weggegangen.“ Er hob eine Schulter zu einem entschuldigenden Achselzucken. „Nach der letzten Schleife verließ ich dieses Hotel und trat in einen anderen Morgen hinaus. Ich fand eine Farm in Ohio. Eine kleine. Maisfelder. Ich dachte mir: Ich halte mich aus ihrem Leben heraus. Sie hat sich für
Die Jahre kamen nicht alle auf einmal.Sie kamen wie Wasser, das sich seinen Weg durch Stein bahnte: langsam, lautlos und schließlich überall. Zuerst waren da die Morgen. Toast, aufgeschürfte Knie und ein kleiner Junge, der sich partout keine Schuhe anziehen wollte. Dann kamen die Abende, lange Abende, die sie mit einem Glas Wein im Garten verbrachten, während Adrians Hand auf ihrem Knie ruhte und die Glühwürmchen zu leuchten begannen.Es gab schlechte Tage. Tage, an denen sie ein Spiegelbild auf eine Weise traf, die sie aus der Fassung brachte, oder das Lachen eines Fremden wie eine Stimme aus einem anderen Leben klang und sie um drei Uhr morgens mit geballten Fäusten und einem Herzen, das ihr bis zum Hals schlug, aufwachte. Adrian fragte nie nach. Er streckte einfach seine Hand durch die Dunkelheit, fand ihre und sagte: „Ich bin hier.“ Und jedes Mal glaubte sie ihm ein wenig mehr.Sie stritten. Sie entschuldigten sich. Sie lernten auf unbeholfene Weise, anderer Meinung zu sein, ohne
„Ist das alles?“, fragte Vivienne.„Das ist alles.“„Es klingt einfach.“„Es ist das Schwerste, was du jemals tun wirst.“ Leo lächelte traurig. „Ich weiß das, weil ich dir dabei zugesehen habe, wie du es versucht und immer wieder versagt hast.“Sie wandte den Kopf zum Fenster. Draußen ging das Leben in der Stadt weiter. Ein Taxi hupte. Eine Frau lachte in ihr Telefon. Ein Kind auf dem Gehweg zupfte am Ärmel seiner Mutter und zeigte auf eine Taube. All das war hell, klein und wundervoll, und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie es zuletzt wirklich wahrgenommen hatte.„Erzähl mir von der Zukunft“, sagte sie leise. „Von der, aus der du gekommen bist.“Er zögerte. „Sie wird dir nicht gefallen.“„Ich frage dich.“„Also gut.“ Er stellte seine Tasse beiseite. „Sie ist grau. Nicht wie ein Gewitter. Eher wie ein alter Film. Alles ist in dasselbe kalte Licht getaucht. Die Blackwood-Türme ragen wie Grabsteine über der Stadt auf, und auf jedem Bildschirm in jedem Geschäft erscheint dasselbe G
Die letzte Schleife begann wie alle anderen.Goldenes Licht. Kerzenrauch. Das leise Klicken eines Schlosses. Vivienne stand in einem schwarzen Kleid in der Tür von Zimmer 47, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, und sie spürte, wie die alte Angst ihr wieder die Kehle zuschnürte.Nicht. Diesmal nicht.Sie holte tief Luft. Als sie ausatmete, zitterte ihr Atem.Neben dem Fenster regte sich eine Gestalt. Groß. Maskiert. Goldene Augen, die im Dämmerlicht leuchteten. Er drehte sich um und sprach nicht sofort, als würde auch er spüren, dass sich etwas verändert hatte.„Vivienne“, sagte er.„Damien.“Er erstarrte.„Nimm sie ab“, sagte sie leise. „Ich bin nicht wütend. Ich möchte dich nur sehen.“Er rührte sich nicht. Langsam und mit festen Schritten durchquerte sie das Zimmer und blieb vor ihm stehen. Nah genug, um Sandelholz und Regen zu riechen. Nah genug, um den Puls an seinem Hals schlagen zu sehen.„Ich kenne dich“, flüsterte sie. „Ich habe dich schon immer gekannt. Selbst in der Dunkelh
Sie sprach stundenlang.Sie erzählte ihm vom ersten Hotelzimmer, von der ersten Lüge. Vom Käfig und den Kameras. Von der Maske in der Schublade und den zwei rosa Strichen. Sie sagte ihm, dass sie ihn gehasst hatte. Dass sie Angst gehabt hatte. Dass sie irgendwann, irgendwo auf dem Weg, zwischen den Schlössern und den Schlafliedern, trotzdem begonnen hatte, ihn zu wollen, und dass ihr das mehr Angst gemacht hatte als jede Waffe.Die Sonne wanderte am Fenster vorbei und versank hinter den Bergen. Eine Krankenschwester kam mit einem Tablett herein und ging wieder. Schnee begann zu fallen, weich wie Asche, gegen die Fensterscheibe.„Ich weiß, was du getan hast“, sagte sie. „Ich weiß von der Kamera, dem Peilsender und den drei Millionen Dollar. Ich weiß, dass du eine Kopie eines Mannes warst, der jung gestorben ist. Ich weiß, dass dich nie jemand gefragt hat, wer du sein wolltest.“Adrians Brust hob und senkte sich. Zwischen seinen Brauen erschien eine feine Falte.„Ich vergebe dir“, flüst
Drei Wochen später roch das Haus nach warmer Milch und Lavendel.Es war ein kleines Haus. Mit gelben Fensterläden, einer schiefen Veranda und einem Garten voller Tomaten. Vivienne stand mit Leo auf der Hüfte in der Küche, summte leise vor sich hin und beobachtete Damien, der im Garten Wäsche aufhängte. Er pfiff schrecklich. Ein Bettlaken wurde vom Wind erfasst, schnappte hoch und wickelte sich um seinen Kopf. Er ruderte wild mit den Armen, während er lachend versuchte, sich daraus zu befreien. Vivienne lachte ebenfalls, so heftig, dass Leo erschrak und quietschte.Das ist es, dachte sie. Alles, was ich mir jemals gewünscht habe.Sie küsste Leo auf die Schläfe. Er roch nach Babypuder und Sonnenschein.Warum also fühlte sich ihre Brust so hohl an?Nachts, wenn Damien eingeschlafen war, lag sie auf dem Rücken und zählte die Risse in der Zimmerdecke. Sein Arm lag schwer auf ihrer Taille. Sein Atem bewegte ihr Haar. Den Flur hinunter schlief Leo in einem hellblau gestrichenen Kinderbett.S