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Kapitel 6

Auteur: Ashy
last update Date de publication: 2026-10-22 06:20:56

ARIAS SICHT

Adam drückt die Blumen einem der Dienstmädchen in die Hand und sagt ihr, sie solle sie in eine Vase stellen oder was auch immer. Er räuspert sich und versucht, seine Verlegenheit vor seiner Mutter, seiner Schwester und den Angestellten zu überspielen, und scheitert kläglich daran.

„Die Blumen waren nicht für dich“, sagt er mit harter Stimme und sieht mich dabei für einen kurzen Moment an. Ich spüre bei diesen Worten kaum etwas, weil es mir wirklich egal geworden ist. Ich will nur noch raus aus diesem Haus und nie wieder zurückkommen. Selbst um den Rest meiner Sachen, die ich noch nicht gepackt habe, geht es mir nicht mehr. Ich will diesem furchtbaren Leben einfach nur den Rücken kehren. Ich höre, wie Eva kichert.

Adam wirkt, als wollte er mir etwas sagen, entscheidet sich dann aber dagegen und wendet sich stattdessen seiner Mutter zu.

„Mama, gib ihr bitte das Armband zurück.“

Sie schnaubt und schüttelt störrisch den Kopf.  

„Ich lasse sie damit nicht gehen.“

Adam knurrt, ein Zeichen dafür, dass ihm langsam der Geduldsfaden reißt.  

„Ich habe dieses Armband noch nie gesehen, Mutter. Es gehört Aria. Bitte gib es zurück.“

Adams Mutter macht nicht sofort Anstalten, zu tun, was man ihr sagt. Als sie es dann doch tut, dann mit einem genervten Schnauben, und sie wirft mir das Armband zu. Ich fange es mit den Handflächen auf, während sie zurück zum Sofa geht und sich in dieselbe Position setzt wie vorhin, als ich das Wohnzimmer betreten habe.

Ich sinke neben dem Chaos auf die Knie, das die Dienstmädchen aus meinen Kleidern gemacht haben, und beginne, alles wieder einzupacken. Ich hetze durch die Sache, damit ich schnell hier rauskomme und dieser ständige Stich der Demütigung aufhört. Dass Adam daneben steht und mir dabei zusieht, wie ich das Chaos seiner Mutter aufräume, ohne dass sich einer von beiden auch nur entschuldigt, macht die Demütigung nur noch größer.

Als ich fertig bin, stehe ich auf und sehe Adam fest an. Mir fällt auf, dass er immer noch denselben Anzug trägt wie vorhin auf dem Friedhof, und das erinnert mich an all die Gründe, warum das hier die beste Entscheidung meines Lebens ist.

„Wie gesagt: Zwischen uns ist es aus. Die Scheidungspapiere und mein Kündigungsschreiben werden dich bald erreichen“, sage ich und ignoriere, wie sich sein Gesicht verzieht.  

„Leb wohl, Adam.“

Ich drehe mich um, noch bevor ich seine Antwort hören kann. Ich will Adam nicht mehr ansehen, nicht mehr. Ich gehe geradewegs auf die Tür zu und drücke die Klinke herunter, hoffentlich zum allerletzten Mal.

Ich habe kaum einen Schritt vor die Tür gesetzt, als Adams kräftige Hand meinen Oberarm packt und mich zu sich herumreißt. Ich arbeite seit sieben Jahren mit ihm, vier davon war ich nur seine Sekretärin, und das hat gereicht, um zu wissen, was für ein Mann Adam Miller ist. Normalerweise ist er beherrscht, mit einem ausdruckslosen Gesicht, das zeigt, wie sehr er alles unter Kontrolle hat.

Jetzt ist Adam weder beherrscht noch hat er die Kontrolle. Er wirkt, als wäre sie ihm entglitten, und als würde ihm die Bedeutung dieser Worte gar nichts mehr sagen, während er meinen Arm fest umklammert hält. Ich winde mich, um mich aus seinem Griff zu befreien.

„Lass mich los“, fauche ich, aber Adam verengt nur die Augen, und seine Wut lodert hinter seinen blauen Augen.

„Du kannst nicht einfach gehen, Aria“, knurrt er.

„Du hast mir nichts mehr zu sagen, Adam. Zumindest nicht mehr. Lass mich los!“

„Ergibt das für dich überhaupt irgendeinen Sinn?!“, brüllt er mir ins Gesicht, lässt meinen Arm los und fährt sich mit der Hand durchs Haar.  

„Du kannst mir so einen Scheiß nicht einfach so vor die Füße knallen.“

„Von ‚einfach so‘ kann keine Rede sein, wenn wir beide es seit dem Moment kommen sahen, in dem wir uns das Jawort gegeben haben, das du längst gebrochen hast. Wir wissen beide, dass diese Ehe nie hätte passieren dürfen, also hör auf mit dem Gesülze und lass mich gehen“, sage ich, schäumend vor Wut, und wende mich erneut zum Gehen.

„Und was ist mit Großvater? Du machst so einen großen Schritt, ohne vorher mit dem alten Mann zu reden, der das Ganze überhaupt erst eingefädelt hat. Der Mann, der immer nur gut zu dir war.“

Ich drehe mich wieder zu Adam um und hasse seinen Versuch, mir ein schlechtes Gewissen einzureden. Meine Gedanken wandern kurz zu seinem Großvater, und ich versuche, mir seine Reaktion vorzustellen, wenn ich die Scheidung einreiche, wo er mich doch so sehr ins Herz geschlossen hat. Aber ich knicke nicht ein. Ich lasse nicht zu, dass diese Gedanken sich zwischen mich und meine Freiheit stellen. Ich weigere mich, den Wunsch eines anderen über mein eigenes Glück zu stellen.

„Ich werde mit Großvater reden. Glaub mir, du hast nichts zu befürchten“, sage ich und will wieder gehen, aber natürlich gibt Adam nicht auf und redet weiter.

„Ich unterschreibe nicht, Aria. Ich unterschreibe diese verdammten Papiere nicht!“

„Was zur Hölle ist los mit dir?“, schreie ich meinen Frust heraus.  

„Warum lässt du mich nicht einfach gehen?“

Er starrt mich nieder, die Augen brennend vor Sturheit.  

„Ich unterschreibe die Papiere nicht, und ich nehme auch deine Kündigung nicht an. Die Firma hat Regeln, an die du dich halten musst, und du kannst nicht einfach ohne Vorankündigung kündigen, schon gar nicht, wenn im Büro so viel Arbeit liegt, für die ich dich bezahle!“

Ich lache ungläubig auf, fassungslos über seine Unverfrorenheit. Fassungslos über seine Selbstsucht und darüber, dass er nicht die Spur von Reue für das zeigt, was er getan hat.

„Du hast doch Sophia, oder?“, schieße ich zurück, und seine Brauen ziehen sich zusammen.

„Was soll das heißen?“

„Alle lieben Sophia. Sie ist klug, schön und kann dir deine Arbeit abnehmen, und ach ja, nicht zu vergessen: Sie ist auch noch schwanger von dir! Wie perfekt ist das denn?“

Adams Mutter springt auf, die Überraschung steht ihr ins Gesicht geschrieben. Offensichtlich erfährt sie gerade zum ersten Mal von ihrem kommenden Enkel.

„Adam, stimmt das, was sie sagt? Du bekommst ein Kind?“, fragt Eva aufgeregt.

Adams Miene verrät nichts, und er schenkt weder seiner Mutter noch seiner Schwester auch nur einen Blick. Er sieht immer noch direkt mich an.

„Aria, was zwischen Sophia und mir passiert ist, war keine Absicht, es war einfach …“

„Wag es ja nicht, Ausreden für sie zu erfinden! Wen interessiert schon, was sie denkt? Sophia ist die Frau, die du schon immer verdient hast. Die Einzige, die es wirklich verdient, meine Schwiegertochter zu sein“, fährt Adams Mutter dazwischen und wirft mir dabei einen giftigen Blick zu, der mich längst nicht mehr überrascht.

Ich zucke mit den Schultern in Adams Richtung, um ihm zu zeigen, dass ich recht hatte. Alle wollen Sophia, er eingeschlossen, und er bringt es nicht einmal fertig, es abzustreiten. Er ignoriert seine Mutter weiterhin.

„Aria, es war ein Versehen“, sagt er noch einmal, und ich nicke, als würde ich ihm zustimmen.

„Vor drei Jahren hast du das nicht so gesehen. Da dachtest du nicht, dass du ‚versehentlich‘ mit mir geschlafen hast, sondern warst überzeugt, ich wäre so weit gegangen, dich zu betäuben, um mit dir ins Bett zu gehen. Was hat sich geändert, Adam? Denn ich sehe gerade nur einen verdammten Heuchler und einen Feigling, der seine Fehler lieber anderen in die Schuhe schiebt.“

Als ich ihm diesmal den Rücken zukehre, bleibe ich nicht stehen. Ich drehe mich nicht um.

„Aria! Aria, komm sofort zurück, solange ich noch nett bin. Aria, ich schwöre bei Gott, wenn du durch diese Tür gehst, nehme ich dich nicht zurück, selbst wenn du auf Knien angekrochen kommst. Du brauchst mich, Aria. Ohne mich kommst du nicht klar!“

Adam brüllt mir hinterher, aber ich bleibe nicht stehen, denn seine arrogante Worte beflügeln nur meinen Wunsch, so schnell wie möglich von ihm wegzukommen. Ich blende den Rest aus, öffne die Tür und heiße meinen Frieden und meine Freiheit willkommen.

Ich kehre nie wieder zu dieser traurigen Realität zurück.

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