LOGINKapitel 6
(Dilan D‘Arcy) Ich erwachte mit Blut im Mund. Nicht wirklich, mein Körper kann nicht bluten, nicht so. Und doch war der metallische Geschmack da, schwer auf meiner Zunge, als hätte mir jemand das Herz aufgerissen und wieder zusammengedrückt. Die Dunkelheit meines Gemachs fühlte sich enger an als sonst. Feindselig. Etwas war geschehen. Ich setzte mich auf. Die Schatten an den Wänden zogen sich zusammen, als reagierten sie auf meine Unruhe. Ravencroft kannte mich. Die Festung hatte meine Schritte über Jahrhunderte gezählt. Wenn ich beunruhigt war, spürte sie es. Ich presste die Hand auf meine Brust. Da war es. Kein Schmerz. Ein Echo. Fremd. Nicht mein eigenes. Ich schloss die Augen und ließ meine Sinne ausgreifen. Durch Stein. Durch Blut. Durch Bande, die älter waren als Worte. Vampirische Gefährtenbindung war kein Strick, sie war ein Kreislauf. Und dieser Kreislauf war gestört. Skylar. Ich war auf den Beinen, bevor der Gedanke endete. Der Gang zu ihren Gemächern erschien mir länger als sonst. Kerzen flackerten, als ich vorbeiging. Diener wichen zurück. Einer sank sogar auf die Knie. Ich nahm es nicht wahr. Mein Fokus lag woanders. Bei ihr. Die Tür stand offen. Nyxara war bereits da. Sie kniete neben dem Bett, eine Hand auf Skylars Stirn gelegt. Runen glommen schwach auf ihrer Haut. Schutzzeichen, alte, verbotene. Als sie mich spürte, sah sie auf. „Sie lebt“, sagte sie sofort. Ich atmete aus. Erst da merkte ich, dass ich den Atem angehalten hatte. Skylar lag reglos da. Zu reglos. Ihre Haut war aschfahl, ihre Lippen bläulich verfärbt. Unter ihrem Schlüsselbein zeichnete sich eine Wunde ab, grob verbunden, doch die Haut darum herum schimmerte unnatürlich violett. Ich trat näher. Und dann traf es mich. Ein Ruck durch meinen Geist. Ein Ziehen, als würde jemand an einer Saite zerren, die nie für seine Hand bestimmt war. Bilder flackerten auf, nicht klar, nicht vollständig. Schlamm. Blut. Ein Baum. Ich knurrte leise. „Das ist nicht… nur sie“, sagte ich. Nyxara nickte langsam. „Nein.“ „Jemand hat sie berührt“, fuhr ich fort. „Nicht körperlich. Tiefer.“ Sie zog die Hand zurück. „Eine zweite Signatur. Vampirisch. Aber verzerrt.“ Mein Blick wurde hart. „Draven.“ Der Name fiel wie ein Todesurteil. Skylar regte sich. Ein leiser Laut entwich ihrer Kehle, halb Schmerz, halb Erinnerung. Ich setzte mich auf die Bettkante und nahm ihre Hand. Sie war kalt. Kälter als sie sein sollte. In dem Moment - ein Riss. Ich sah etwas, das nicht mir gehörte. Ein Blutmond. Ein Wolf, der starb. Dravens Augen, glühend vor Triumph. Ich fuhr zurück, als hätte mich Feuer verbrannt. „Er hat eine Brücke gebaut“, sagte Nyxara leise. „Keine Bindung. Eine Anbindung.“ Meine Finger krallten sich in den Stoff. „Das ist unmöglich.“ „Nicht mit Wolfsritualen“, erwiderte sie. „Und nicht bei einer Magie wie der ihren.“ Skylar stöhnte. Ihre Augen öffneten sich, nicht ganz. Ihr Blick ging an mir vorbei, als würde sie durch mich hindurchsehen. „Er… ist da“, flüsterte sie. Mein Herz. Dieses alte, tote Ding schlug einmal hart. „Wer?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte. Ihre Finger zuckten um meine. „Er hört.“ Die Luft wurde schwer. Ich spürte es jetzt auch. Nicht wie eine Stimme. Wie ein Gewicht. Ein Fremdkörper an etwas, das mir gehörte. An ihr. Meine Macht reagierte instinktiv. Die Schatten im Raum bäumten sich auf. Glas an den Fenstern vibrierte. „Nicht“, hauchte Skylar panisch. „Wenn du ihn berührst… dann sieht er dich.“ Wut loderte auf. Alt. Königswut. „Dann soll er sehen“, knurrte ich. Ich schloss die Augen und ließ meine Präsenz bewusst durch die Gefährtenbindung fließen. Nicht suchend. Beherrschend. Für einen Herzschlag. Kalt. Spöttisch. Bruder. Ich riss die Verbindung ab. Der Raum bebte. Nyxara keuchte auf, als müsste sie sich abstützen. Skylar schrie. Ein kurzer, zerreißender Laut, der mir durch Mark und Knochen ging. Ich fing sie auf, zog sie an mich. Ihre Stirn presste sich gegen meine Brust. „Er hat etwas von mir genommen“, flüsterte sie. „Ich weiß nicht… was.“ Ich schloss die Augen. „Dann nehme ich alles von ihm“, sagte ich leise. Nyxara stand auf. Ihr Blick war entschlossen. Und darunter etwas anderes. Etwas Persönliches. „Der Rat wird es spüren“, sagte sie. „Diese Art von Magie hinterlässt Spuren.“ Ich nickte. „Dann sollen sie kommen.“ Ich blickte auf Skylar hinab, auf die Wunde, die nicht nur ihre Haut betraf. Draven hatte einen Fehler gemacht. Nicht, weil er sie berührt hatte. Sondern weil er geglaubt hatte, ich würde zögern. Und tief im Wald, jenseits von Ravencroft, lächelte mein Bruder. Ohne zu wissen, dass der Nachhall seiner Tat bereits den Anfang seines Endes markierte.Kapitel 33 Es geschah nicht heimlich. Nicht in dunklen Gängen. Nicht in geflüsterten Protokollen. Der Rat wählte die Öffentlichkeit. Noch am selben Abend wurden die Glocken der Stadt geschlagen – dreimal lang, einmal kurz. Das alte Zeichen für eine außerordentliche Verkündung. Menschen strömten auf die Plätze, Händler ließen ihre Stände zurück, Fenster wurden geöffnet, Kinder auf Schultern gehoben. Die große Treppe vor der Halle des Rates war in kaltes Fackellicht getaucht. Skylar und Dilan standen nicht dort. Sie standen unten im Hof, nebeneinander, als die Tore sich öffneten. Der Älteste trat hinaus, begleitet von mehreren Ratsmitgliedern. Draven stand ein Stück dahinter – nicht im Schatten, aber auch nicht im Zentrum. „Bürger dieser Stadt“, begann der Älteste mit fester Stimme, „wir stehen vor einer Gefahr, die aus unseren eigenen Reihen erwachsen ist.“ Ein Murmeln ging durch die Menge. „Das Gefährtenband, das als Symbol des Gleichgewichts galt, ist instabil geworden. Die Träge
Kapitel 32 Skylar hatte aufgehört, gegen die Stille anzukämpfen. Die ersten Stunden der Isolation waren gefüllt gewesen mit Widerstand, mit dem verzweifelten Versuch, das Band bewusst zu stabilisieren, sich auf Atem, Erinnerung, Nähe zu konzentrieren. Doch das Band reagierte nicht mehr auf Disziplin. Es reagierte auf Wahrheit. Und die Wahrheit war unbequem. Sie saß auf dem Boden der Zelle, die Runen an den Wänden schwach pulsierend wie ein fremder Herzschlag. Ihr eigenes Herz schlug langsamer jetzt. Kontrollierter. Nicht aus Ruhe, sondern aus Entschluss. Sie spürte Dilan. Nicht klar. Nicht konstant. Aber anders. Seine Emotionen kamen nicht mehr wie einzelne Impulse. Sie kamen wie Wellen. Dunkler. Tiefer. Als würde er sich nicht mehr dagegen wehren, was in ihm lag. Und genau das war der Punkt. Sie hatten das Band nicht destabilisiert, indem sie es schwächten. Sie hatten es destabilisiert, weil sie beide versuchten, es in eine Form zu pressen, die nicht mehr stimmte. Skylar hob langsa
Kapitel 31Skylar fühlte den Schmerz, bevor sie verstand, was geschah. Es war kein einzelner Stich. Kein klarer Schnitt. Es war ein Ziehen tief in der Brust, als würde etwas Unsichtbares auseinandergezogen werden. Als würde eine Verbindung reißen. Dilan wurde aus der Arena getragen. Seine Augen suchten sie. Doch als sie seine Hand greifen wollte, zog er sie reflexartig zurück. Nicht aus Ablehnung. Aus Instinkt. Aus Schutz. Und dieser kleine Abstand tat mehr weh als jede Wunde. Später, in den dunklen Korridoren der Heiler, saß sie allein. Ihre Hände zitterten. Ihre Haut fühlte sich fremd und kalt an. Als wäre die Verbindung zwischen ihnen nicht mehr stabil. Dilan kam Stunden später zu ihr. Verbunden. Erschöpft. Seine Bewegungen langsamer als sonst.„Du hättest nicht allein warten sollen,“ sagte er leise.„Du hast mich nicht mehr gespürt,“ antwortete sie.Stille. Er setzte sich neben sie. Nah – aber nicht nah genug. Ein Raum zwischen ihren Körpern, der vorher nie existiert hatte. Sie gr
Kapitel 30Der Moment, in dem Dilan Draven gegen die Wand hob, zerriss die Stille wie ein Blitz. Stein splitterte unter der Wucht seines Aufpralls. Staub regnete über die Menge, und mehrere Zuschauer wichen zurück. Doch keiner verließ den Platz. Niemand wollte den Augenblick verpassen, in dem einer der Brüder fallen würde. Dravens Hände krallten sich um Dilans Unterarm. Kein panisches Strampeln, nur kalkulierte Kraft. Er ließ sich hängen, täuschte Schwäche vor und stieß dann plötzlich sein Knie mit brutaler Präzision in Dilans Rippen. Ein dumpfes Knacken. Dilan keuchte kaum hörbar. Sein Griff lockerte sich einen Herzschlag zu lang. Draven nutzte ihn sofort. Er drehte sich aus der Umklammerung, riss Dilans Arm mit und schleuderte ihn über die Schulter. Der König schlug hart auf dem Stein auf, rutschte mehrere Meter, bevor er zum Stehen kam. Die Menge schrie auf. Skylar spürte, wie sich das Band zusammenzog — Schmerz, Wut, etwas Dunkleres. Nicht nur Verletzung. Veränderung. Dilan stand
Kapitel 29Der Trainingshof war still. Keine Zuschauer. Keine Schreie. Nur das leise Kratzen von Stahl auf Stein. Dilan trainierte allein. Seine Bewegungen waren langsamer als früher — aber präziser. Kalkulierter. Jeder Schlag wirkte wie eine Entscheidung, nicht wie Wut. Draven beobachtete ihn aus der Ferne. Nicht heimlich. Offen. Sie sahen sich. Sagte nichts. Stunden später standen sie sich gegenüber.„Du trainierst anders,“ bemerkte Draven.„Ich kämpfe anders,“ antwortete Dilan ruhig.Sie begannen ohne Worte. Kein echtes Duell — nur Bewegungen. Testen. Messen. Klinge gegen Klinge. Schritt gegen Schritt. Draven griff präzise an — analytisch, sauber. Dilan reagierte kaum sichtbar, als würde er bereits wissen, was kam. Nach wenigen Minuten trennten sie sich wieder.„Du bist ruhiger geworden,“ sagte Draven.„Du gefährlicher,“ erwiderte Dilan.Sie setzten sich gegenüber auf den kalten Boden. Zwei Brüder. Zwei Männer, die wussten, dass einer verlieren würde — egal wie das Duell endete. „
Kapitel 28 Der Ratssaal war größer, als Skylar ihn in Erinnerung hatte. Oder vielleicht lag es daran, dass sie diesmal allein hineinging. Keine Schatten neben ihr. Kein Dilan, dessen Präsenz wie eine scharfe Klinge im Rücken der Ratsmitglieder lag. Keine Nyxara, die zwischen den Worten lesen konnte. Und kein Draven. Nur sie. Und das Band, das leise, schmerzhaft pulsierte — eine Erinnerung daran, dass sie log. Dass sie schon begonnen hatte zu lügen. Die schweren Türen schlossen sich hinter ihr mit einem dumpfen Schlag. Der Klang hallte über den schwarzen Steinboden, wie ein Urteil, das bereits gesprochen war. „Du erscheinst allein,“ sagte Ratsherr Vaelor. Seine Stimme war trocken, fast gelangweilt. „Das ist… überraschend.“ Skylar blieb stehen. Sie zwang sich, nicht an die Art zu denken, wie Dilan sie am Morgen angesehen hatte — prüfend, wachsam, als würde er spüren, dass etwas zwischen ihnen verrutscht war. „Ich bin nicht hier als Gefährtin,“ sagte sie ruhig. „Ich bin hie