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Abhandlung über die Wollust - Kapitel 3

last update Last Updated: 11.01.2026 07:18:14

Kapitel 3

Der Freitag kam mit drückender Hitze, als weigerte sich die Luft, zu zirkulieren. Die Flure der Universität waren leerer als sonst. Letzte Vorlesung am Vormittag, nur wenige Dozenten auf dem Campus. Die Bewegung war fast geräuschlos – ideal für jemanden, der nicht bemerkt werden wollte.

Der Name auf der gravieren Holzplakette glänzte immer noch an der Tür:

*Prof. Dr. D. A. Moretti – Zeitgenössische Literatur*

Im Inneren des Büros war die Atmosphäre dicht. Die hohen Fenster ließen mildes Licht herein, aber die geschlossenen Jalousien brachen den Überschuss. Regale bedeckten fast alle Wände, beladen mit dicken Büchern, manche mit Spuren intensiver Nutzung. In der Mitte ein massiver Holztisch und zwei Ledersessel. Und dahinter er – das Jackett über die Lehne gehängt, die Ärmel aufgerollt, die Finger hielten einen Stift, sein Blick versunken in Papieren.

Das Klopfen an der Tür war dezent.

"Herein", sagte er, ohne aufzublicken.

Das Geräusch des sich drehenden Türgriffs wurde vom Klicken der sich schließenden Tür gefolgt. Als er aufblickte, sah er Luna vor dem Tisch stehen, gekleidet in ein schwarzes Hemd, bis zur Mitte geknöpft, das rote Spitzen-BH in einer kalkulierten Unachtsamkeit sichtbar lassend. Der Rock war eng, gerade genug, um die Oberschenkel beim Gehen zu zeigen. Sie trug ein kleines Notizbuch und einen Ausdruck, der zu gefasst war, um unschuldig zu sein.

"Ich wollte eine Unklarheit klären", sagte sie, schlicht.

"Worüber?"

"Über mehrdeutige Sprache." Ein langsames Lächeln formte sich auf ihren Lippen. "Und doppelte Interpretationen."

Er deutete mit einer Geste auf den Sessel vor sich. Sie setzte sich gelassen, schlug die Beine übereinander, legte das Notizbuch auf den Schoß.

"Sprechen Sie", sagte er und hielt seine Stimme neutral, der Körper nur äußerlich entspannt.

Sie sah sich um, bevor sie antwortete, als wertete sie die Umgebung aus, absorbierte jeden Zentimeter des Ortes, an dem sie nun allein waren. Die Tür war geschlossen. Keine Fenster von außen einsehbar.

"In manchen Texten offenbaren einige Wörter ihre wahre Bedeutung nur für erfahrene Leser." Sie sah ihn direkt an. "Glauben Sie, dass jeder Text eine geheime Ebene hat?"

"Die besten haben sie."

Sie biss sich auf die Unterlippe, als verarbeite sie die Antwort.

"Und wenn der Autor nur für einen bestimmten Leser schreibt?"

Er legte den Stift ab. Er war dieses Spiel aus Euphemismen und Metaphern leid. Oder vielleicht stand er kurz davor, nachzugeben.

"Der Autor geht Risiken ein", sagte er schließlich. "Besonders, wenn der Leser zu viel versteht."

Sie lehnte sich leicht nach vorne. Der Ausschnitt nun sichtbarer. Das Parfüm – süß und eindringlich – erfüllte den Raum zwischen ihnen.

"Manchmal ist Verstehen unvermeidlich", flüsterte sie. "Selbst wenn es nicht erlaubt ist."

Stille. Die Zeit schien sich hier auszudehnen, drückte gegen die beiden Körper.

Er lehnte sich im Sessel zurück, die Augen auf sie gerichtet.

"Verstehen Sie etwas von Grenzen, Luna?"

Sie blinzelte langsam. Die Frage schnitt wie ein Skalpell.

"Das hängt davon ab, wer sie setzt", antwortete sie. "Und davon, wie."

Die Spannung zwischen ihnen verdichtete sich, wie geladene Wolken, die kurz vor dem Explodieren standen. Das Geräusch der Klimaanlage war das einzige im Raum. Der Tisch zwischen ihnen wirkte symbolisch – eine physische Distanz, die die emotionale nicht mehr trug.

"Was machen Sie hier?", fragte er, seine Stimme nun tiefer.

"Ich frage mich, was Sie tun würden... wenn ich einige dieser Grenzen überschreiten würde."

Sie provozierte ihn mit Meisterschaft. Nichts klang verzweifelt oder vulgär. Jedes Wort war gewählt, kalkuliert, mit der Eleganz einer Figur, die wusste, dass der Autor zusah.

Er stand auf.

Umschritt den Tisch langsam. Seine Schritte hallten wie Herzschläge.

Sie folgte ihm mit den Augen, bewegte sich aber nicht.

Er blieb neben ihr stehen. Zu nah. Sein Atem war nun spürbar, warm, mit einem leichten Aroma von Kaffee und zurückgehaltenem Verlangen.

Er beugte sich leicht vor. Die Hand schwebte in der Luft, ohne zu berühren.

"Sie spielen gut. Aber es gibt Spiele, die zu gefährlich sind."

"Und zu aufregend, um aufzugeben", flüsterte sie und drehte ihr Gesicht zu seiner Stimme.

Ihre Gesichter waren nahe. Zentimeter. Er konnte jede Wimper sehen, den feuchten Glanz auf ihren Lippen.

Seine Hand hob sich langsam, bis sie ihr Kinn erreichte. Mit einer leichten, aber festen Geste hob er ihr Gesicht.

Die Berührung war fast unmerklich, doch ihre Intensität erschütterte beide.

"Gehen Sie", sagte er in einem Ton zwischen Befehl und Flehen. "Bevor ich etwas tue, das ich nicht ungeschehen machen kann."

Sie antwortete nicht.

Sie starrte ihn nur für eine Sekunde zu lange an. Ein Schweigen voller Zustimmung.

Und dann gehorchte sie.

Sie stand leichtfüßig auf, richtete den Riemen ihrer Tasche auf der Schulter und ging zur Tür.

Bevor sie ging, drehte sie sich ein letztes Mal um, an den Türpfosten gelehnt:

"Nur der Vollständigkeit halber, Professor... ich bin nicht gut darin, auf halbem Weg aufzuhören."

Er antwortete nicht. Er sah sie nur an. Wie jemand, der eine Grenze betrachtet, die bereits überschritten ist.

Sie schloss die Tür hinter sich. Und mit ihr nahm sie die gesamte Luft aus dem Büro mit.

An diesem späten Nachmittag schien das Büro in der Zeit angehalten.

Die Luft stand still, das gelbliche Licht warf Schatten an die mit Büchern tapezierten Wände. Er stand immer noch, die Hände in den Taschen der Anzughose, die Schultern angespannt, der Kiefer verhärtet. Seine Augen waren auf den Sessel geheftet, wo Luna Minuten zuvor gesessen, die Beine übereinandergeschlagen, den Körper geneigt, Worte wie Köder ausgestreut hatte, für etwas, das er sich kaum zu benennen erlaubte.

Aber jetzt gab es keinen Raum mehr für Verstellung.

Der leichte Duft ihres Parfüms hing immer noch im Raum, vermischt mit der Wärme seines eigenen Körpers, von dem er kaum bemerkt hatte, dass er schwitzte. Die Haut seines Zeigefingers – derselbe, der leicht ihr Kinn berührt hatte – fühlte sich immer noch wie glühend an. So wenig Kontakt, und doch war die Erinnerung physisch, lebendig, unauslöschlich.

Der Satz, den sie hinterlassen hatte, schwebte in seinem Geist wie ein geflüsterter Zauber:

*"Das hängt davon ab, wer sie setzt."*

Er wiederholte ihn mental, und jedes Mal klang er gefährlicher. Verführerischer. War es eine Kapitulation? Eine Herausforderung? Oder beides? Vielleicht wusste sie genau, was sie sagen musste. Vielleicht testete sie, wie weit er gehen würde.

Vielleicht war er schon zu weit gegangen.

Er ging zu dem Sessel, in dem sie gesessen hatte, als müsse er bestätigen, dass sie tatsächlich dort gewesen war. Seine Fingerspitzen berührten die Lehne. Dann setzte er sich auf denselben Platz, die Ellbogen auf den Knien, die Hände unter dem Kinn verschränkt.

Und so blieb er lange Minuten. Denkend. Fühlend.

Versuchend, vergeblich, den Atem zu kontrollieren.

Die Stille wurde nur durch das leise Geräusch einer Benachrichtigung unterbrochen.

Auf der anderen Seite des Campus lehnte Luna an ihrem eigenen Wagen. Das Licht der untergehenden Sonnen malte rötliche Reflexe auf die Karosserie, und sie blickte auf den Bildschirm ihres Handys, als schrieb sie nicht eine Nachricht, sondern ein zweites Kapitel.

Ihre Finger tippten präzise, ohne Zögern.

*"Danke für die Konsultation.

Ich fühle mich... angeregt, das Studium fortzusetzen.

Bis zur nächsten Vorlesung."*

Kein Emoticon. Kein Name.

Sie wusste, er würde es erkennen.

Sie wusste, sie musste ihr eigenes Verlangen nicht unterschreiben.

Sie drückte auf "Senden" und lächelte. Ein kleines, kontrolliertes Lächeln. Aber es war Feuer dahinter.

Währenddessen, zurück im Büro, vibrierte sein Handy auf dem Tisch. Er streckte die Hand aus, entsperrte den Bildschirm. Er las die Nachricht langsam, einmal. Dann noch einmal. Sein Herz raste – nicht vor Überraschung, sondern vor Bestätigung.

Sie hatte das Spiel verstanden. Und sie war mittendrin.

Er löschte den Bildschirm, lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen.

Es gab keinen Zweifel mehr. Die Spannung zwischen ihnen war jetzt nur noch das Vorspiel.

Denn von hier an würde keiner von ihnen heil herauskommen.

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